
Das Netzwerk marx21 verlangte in einer eigenen FAQ die Abschaffung und „Zerstörung“ des zionistischen israelischen Staates. Es verortet sich selbst innerhalb der Linkspartei. Die Seite „FAQ“ ist inzwischen nicht mehr erreichbar. Im Webarchiv ist sie noch aufrufbar.
Auf Facebook und Instagram lässt sich nachlesen, wie die Genossen ihre politische Linie verbreiten.
Israel soll weg
Wer wissen will, was marx21 unter der Befreiung Palästinas versteht, muss keine vertraulichen Sitzungsprotokolle beschaffen. Das Netzwerk hat es selbst aufgeschrieben. In seiner auf den 7. April 2023 datierten FAQ fordert es die Abschaffung des israelischen Staates und dessen Ersetzung durch einen gemeinsamen demokratischen Staat. Der von marx21 als zionistisch bezeichnete Staat müsse „im Zuge eines antiimperialistischen, revolutionären Aufstands in der gesamten Region zerstört werden“. So steht es in der archivierten Originalseite.

Eine bemerkenswerte Friedensvorstellung: Erst wird ein Staat, ein „siedlungskoloniales Konstrukt“ laut marx21, revolutionär beseitigt, anschließend soll es demokratisch werden. Die jüdische Bevölkerung soll nach der Darstellung von marx21 in dem gemeinsamen Staat leben können. Die Passage fordert also die Beseitigung Israels als Staat, nicht die Ermordung oder Vertreibung seiner jüdischen Bevölkerung. Man muss den Genossen nichts unterschieben. Was sie selbst aufgeschrieben haben, reicht.
Beim direkten Abruf am 23. September 2026 war die FAQ unter ihrer bisherigen Adresse nicht mehr erreichbar. Verwendet wird hier die Archivfassung vom 13. Mai 2026. Warum die Seite fehlt, ist offen. Eine 404-Fehlerseite ist jedenfalls keine Distanzierung. Politische Aufarbeitung beginnt nicht damit, dass der Server nichts mehr findet.
Die Partei als Arbeitsplatz der Revolution
Wer sind die Verfasser? In einer weiteren eigenen FAQ beschreibt sich marx21 als revolutionär-sozialistisches Netzwerk innerhalb der Linkspartei, ihrer Jugendorganisation und des Studierendenverbandes SDS (
SDS Bochum: Der Hauptfeind ist das eigene Denkvermögen). Die Genossen wollen den politischen Kurs der Partei beeinflussen und lehnen die Vorstellung ab, ihre angestrebte Gesellschaft lasse sich allein durch Parlamentsbeschlüsse erreichen. Den Vorwurf der Unterwanderung weisen sie selbstverständlich zurück. Ihre Arbeit in der Partei stellen sie als offenen politischen Richtungsstreit dar. Ein offizieller Teil der Partei ist das Netzwerk nach der Einordnung von report München allerdings nicht.

Der Verfassungsschutz behandelt marx21 im Bundesbericht für 2024, Seite 177 im Kapitel Linksextremismus als trotzkistische Struktur, die im Bereich der Linkspartei um Einfluss ringt. Die Bundesregierung erläuterte am 14. August 2025, dass sich die Berichterstattung auf extremistische Strukturen in der Partei beziehe, und nannte ausdrücklich marx21. Das ist eine behördliche Einordnung des Netzwerks, keine entsprechende Einstufung der gesamten Linkspartei.
Die Warnungen sind älter als die Ausreden
Die behördliche Beschäftigung mit marx21 begann nicht erst nach dem 7. Oktober. Schon der bayerische Verfassungsschutzbericht 2008, Seite 159 zählte das Netzwerk zu den offen extremistischen Zusammenschlüssen, die von der Linkspartei akzeptiert und unterstützt würden. Er verwies auf deren Angehörige in Parteifunktionen und Mandaten. Das ist eine historische Bewertung der bayerischen Behörde, keine aktuelle Einstufung der gesamten Partei. Für die Behauptung, das Verhältnis sei erst neuerdings erklärungsbedürftig geworden, taugt sie allerdings schlecht.
Der Bundesbericht 2011 bezeichnete marx21 als deutsche Sektion der International Socialist Tendency und als aktivste Organisation im trotzkistischen Spektrum. Im Bericht 2016, Seite 150 benannte das Bundesamt als Ziel die „Errichtung einer kommunistischen Gesellschaftsordnung“. Zugleich schrieb es dem Netzwerk die Strategie des Entrismus zu: Einfluss auf die Linkspartei durch die Arbeit in ihren Strukturen zu gewinnen. Einen vom Parteivorstand anerkannten Zusammenschluss sah das Bundesamt darin ausdrücklich nicht. marx21 bestreitet in seiner eigenen FAQ sowohl die Einordnung als deutsche IST-Sektion als auch den Vorwurf einer verdeckten Unterwanderung.
Auch der Antisemitismusvorwurf ist nicht neu. Der Politikwissenschaftler Rudolf van Hüllen bezeichnete marx21 am 28. Oktober 2014 in einem Beitrag auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung als „herausragenden Vertreter eines als ‚Antizionismus‘ verbrämten Antisemitismus“ unter deutschen Linksextremisten. Er kritisierte insbesondere die Unterstützung islamistischer Kräfte wie der Hamas. Das ist van Hüllens Bewertung in einem namentlich gezeichneten Fachbeitrag und kein Gerichtsurteil.
Nach dem Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023 kritisierte auch Sebastian Leber im Tagesspiegel vom 13. Oktober 2023 das Netzwerk. Er ordnete es dem antiimperialistischen Spektrum zu und warf ihm vor, die Morde der Hamas in einem Statement zum „Gegenschlag“ umzudeuten und mit einem „Recht auf Widerstand“ zu rechtfertigen. Die Kritik an dieser politischen Linie lag also lange vor der jüngsten Debatte öffentlich vor. Man musste sie nicht teilen. Finden konnte man sie. Für spätere Überraschung war die Quellenlage denkbar ungünstig.
Die Hamas und ihre deutschen Erklärbären
Am 10. Oktober 2023, drei Tage nach dem Massaker, bewarb marx21 auf Instagram den eigenen Artikel „Eine kurze Geschichte der Hamas“. Die Botschaft: „Doch mit Antisemitismus ist ihr Aufstieg nicht zu erklären – durch die israelische Politik schon.“

Der verlinkte Text verschweigt den Antisemitismus der Hamas nicht vollständig. Er erwähnt die antisemitischen Verschwörungsmythen ihrer Gründungscharta und kritisiert auch ihre Repression in Gaza. Zugleich erklärt er ihren Judenhass als Folge davon, dass Unterdrückte die Selbstdarstellung Israels als jüdischer Staat übernähmen. Das ist der entscheidende Dreh: Die Ideologie der Täter wird zum vermeintlichen Fehler im Umgang mit der Politik ihres Gegners. Für den Judenhass der Islamisten landet die Erklärung wieder bei Israel. Das relativiert den Antisemitismus der Hamas: Aus einer Ideologie wird ein bedauerlicher Denkfehler der Unterdrückten. Für die deutschen Erklärbären bleibt Israel damit selbst beim Judenhass seiner Feinde die erste Adresse.
Daniel Bleich setzt in seinem Ruhrbarone-Beitrag einen anderen Schwerpunkt: Er untersucht den Vernichtungsantisemitismus der Hamas anhand ihrer Charta von 1988 und zieht ideologische Parallelen zum Nationalsozialismus. Das ist seine ausdrücklich zugespitzte Bewertung – und eine Gegenposition zur entlastenden Darstellung von marx21.
Eine Einstufung dazu gibt es hier im Blog von Daniel Bleich:
Nazi-Islamismus und Judenhass: Die Agenda der Hamas
Hamas verurteilen? Wie regierungstreu
Auch auf Facebook wird die politische Richtung deutlich. Am 20. November 2023 beklagt marx21, viele Linke seien ihren Regierungen bei der Verurteilung der Hamas und der Bestätigung von Israels Selbstverteidigungsrecht gefolgt. Dem stellt das Netzwerk die Unterscheidung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten entgegen.
Mit Maya Mosler-Cohen wolle man den „palästinensischen Widerstand würdigen“.
Die Jüdische Allgemeine berichtete am 21. Juli 2014 über die israelische Psychologin aus Frankfurt unter dem Namen Maya Cohen-Mosler und beschrieb sie als antizionistisch. Bei einer Kölner Gaza-Kundgebung habe sie Israel als „Apartheidstaat“ bezeichnet. Das habe sie nicht davor geschützt, vom Pro-Hamas-Lager mit „Allahu Akbar“-Rufen übertönt zu werden. Einige Teilnehmer hätten eine „Lynchstimmung“ wahrgenommen; die Veranstalter hätten mit Abbruch gedroht. Erst gemeinsame Parolen gegen die „zionistischen Machthaber“ hätten einen friedlichen Abschluss ermöglicht.
Es geht schließlich ausdrücklich gegen den Zionismus. Mit Antisemitismus hat das selbstverständlich nichts zu tun. Eine beruhigende Unterscheidung – nur half sie der antizionistischen Jüdin am Mikrofon offenbar herzlich wenig.

Die Hamas zu verurteilen, erscheint hier vor allem als Beleg mangelnder Unabhängigkeit von der eigenen Regierung. Dass man auch ohne Regierungsvorlage etwas gegen eine islamistische Terrororganisation haben kann, fällt in dieser Gegenüberstellung unter den Tisch. So viel eigenständiges Denken muss der Antiimperialismus offenbar nicht aushalten. Für die richtige Haltung genügt offenbar die richtige Schublade: Unterdrückte hier, Unterdrücker dort. Der Rest stört beim Würdigen.
In einer gemeinsamen Instagram-Ankündigung mit JID Leipzig vom 12. Oktober 2024 wird der 7. Oktober als Jahrestag des Beginns eines angeblichen Genozids an den Palästinensern beschrieben. Der Hamas-Angriff kommt im Begleittext der Veranstaltungseinladung nicht vor. Ein Jahrestag, bei dem ausgerechnet das Massaker der Hamas in der Darstellung fehlt. Auch eine Form politischer Gedächtnispflege.

Die Linke soll bleiben
Die Verbindung zur Linkspartei bleibt keineswegs abstrakt. Am 3. Februar 2025 warben marx21 und der Kongressaccount Marx Is’ Muss gemeinsam für den Wahlkampf Ferat Koçaks: „Wir bringen Ferat in den Bundestag und retten die Linke!“ Das belegt die öffentliche Unterstützung seiner Kandidatur. Eine Zustimmung Koçaks zur Zerstörungsforderung ergibt sich daraus nicht.

Abgrenzung? Der Beamer steht schon bereit
Die Nähe reicht weiter als bis zu einem Wahlkampfaufruf. Nach der Recherche von report München ist der für die marx21-Website verantwortliche Daniel Kipka-Anton Mitarbeiter im Bundestagsbüro Ferat Koçaks. Das ist eine konkrete personelle Verbindung, kein Beleg dafür, dass Koçak die FAQ verfasst oder gebilligt hat.
Auch der Zugang zur Parteispitze ist dokumentiert. Beim von marx21 organisierten Kongress „Marx is Muss“ 2025 diskutierte Ines Schwerdtner mit Kerstin Wolter und Marlen Borchardt über die Entwicklung der Linkspartei. Das beschreibt der Journalist Peter Nowak in seinem Bericht vom 2. Juni 2025 aus eigener Anschauung. Auch Özlem Demirel trat dort auf. Und auf der offiziellen Seite zum Parteivorstand 2022–2024 bezeichnet sich Christine Buchholz (
Bomben und Buchholz) ausdrücklich als Unterstützerin des Netzwerks. Eine historische Angabe, aber eine ziemlich eindeutige.
Schwerdtner wurde sogar direkt gefragt, warum sich die Partei nicht von marx21, der Kommunistischen Plattform und der Antikapitalistischen Linken distanziere. In ihrer Antwort vom 30. Juni 2025 betonte sie: „Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Meinungspluralität innerhalb der Partei bestehen bleibt.“ Sie teile nicht jede Position, verlange Verfassungstreue und demokratische Ziele. Eine konkrete Distanzierung von marx21 enthält die Antwort nicht. Die Israel-FAQ war allerdings nicht Gegenstand der Frage. Gefragt war nach Abgrenzung. Geliefert wurde ein Plädoyer für innerparteiliche Vielfalt. Als Distanzierung ist das sparsam. Als Einladung zum Bleiben durchaus brauchbar.

An der Basis wird diese Nähe praktisch. Für den 28. August 2026 kündigte die Frankfurter Linke die gemeinsame Teilnahme an einem marx21-Zoomtreffen gegen Sozialkürzungen an – im eigenen Parteibüro am Holzgraben 5. „Wir übertragen das Treffen per Beamer im Parteibüro und nehmen gemeinsam daran teil.“ Anschließend sollte über die Unterstützung der Sozialproteste diskutiert werden. Belegt ist die offizielle Einladung, nicht der tatsächliche Ablauf des Abends. Für die Zusammenarbeit war jedenfalls schon der Raum vorgesehen. Einschließlich Beamer.

Die Linke Neukölln wiederum veröffentlichte zur Mitgliedervollversammlung am 11. Oktober 2025 ein Strategiepapier des marx21-Netzwerks neben den Beiträgen ihrer Basisorganisationen. Das belegt die Einbindung in die Strategiedebatte, nicht die Annahme des Papiers. marx21 muss seine Nähe zur Partei also nicht bloß selbst behaupten. Parteigliederungen liefern die Belege auf ihren eigenen Webseiten.
Gemeinsame Veranstaltungen und personelle Verbindungen sind keine Zustimmung zu jeder Forderung des Netzwerks. Sie zeigen aber, dass marx21 in Teilen der Linkspartei als politischer Partner behandelt wird – mit Zugang zu Räumen, Debatten und Spitzenpersonal. Distanzierung geht anders.
Der Beschluss ist da. Und die Grenze?
Die Partei selbst hat sich ausdrücklich anders festgelegt. Ihr Vorstand erklärte am 8. Mai 2025: „Das Existenzrecht des Staates Israel ist für uns nicht verhandelbar.“ Mitglieder wurden aufgefordert, entsprechende Auslöschungsdarstellungen zurückzuziehen.
Und nach einer Recherche von report München vom August 2026 bewertete Bundesgeschäftsführer Janis Ehling die ihm vorgehaltene Zerstörungsforderung schließlich selbst als antisemitisch. Zuvor habe er sie nicht gekannt.
Die Linke verfügt also über einen Beschluss und sogar über die passende Bewertung aus der eigenen Geschäftsführung. Fehlt nur noch eine Antwort darauf, welche politische Grenze daraus folgt.
Für Israel hatten die selbsternannten Parteiretter die Abschaffung vorgesehen.
Für die Linke wünschen sie sich einen Platz im Bundestag.
Am parlamentarischen Betrieb kann es also nicht grundsätzlich liegen.
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