
Geschichtsbewusstsein gehört zum Anspruch eines kommunalen Kinos. Ob es auch für den Spielplan zuständig ist, wäre beim Duisburger Filmforum noch zu klären. Am 9. November zeigt das städtische Haus den umstrittenen Dokumentarfilm NAZA über Israels Kriegsführung gegen die islamistischen Terrorgruppen in Gaza.
Der Zuschuss für das Kino steht im Haushalt, die Begeisterung im Programmtext. Eine erkennbare Auseinandersetzung mit der besonderen Zumutung dieses Datums müsste noch hinzukommen.
Gedenken mit Filmriss
Das Töten wird zum Bürojob. Eine Soldatin der israelischen Armee beschreibt so ihren Dienst. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und Drohnen nimmt ihre Einheit Hamas-Kämpfer ins Visier. Dass dabei auch Zivilpersonen ums Leben kommen, nehmen die Militärs bewusst in Kauf. Das passende Kürzel dazu lautet NAZA. Die NAZA-Zahl sagt aus, wie viele nicht beteiligte Menschen bei einem Angriff voraussichtlich getötet werden. Bis zu einer Naza-Zahl von 20 braucht es keine weitere Genehmigung. Einmal habe es eine Zusage für 500 Todesopfer bei dem Angriff auf eine Zielperson gegeben.
(Quelle: Filmforum.de)
Im Programm des Filmforums ist die Vorstellung für Montag, den 9. November 2026, um 20.30 Uhr angekündigt. Weitere Termine sind der 8. November um 20.15 Uhr und der 10. November um 20.30 Uhr. Gezeigt wird die Originalfassung mit deutschen Untertiteln.
Der 9. November erinnert an die Novemberpogrome von 1938: an brennende Synagogen, an misshandelte und ermordete Juden, an Verwüstung, Verhaftungen und die Beteiligung einer Gesellschaft an der Verfolgung ihrer Nachbarn. Wer an diesem Abend einen Film über Israel zeigt, dessen Kritiker ihm eine Gleichsetzung israelischer Kriegsführung mit der Schoa vorwerfen, sollte erklären können, was er seinem Publikum damit vermitteln will.
Der Kalender allein beweist keine böse Absicht. Er macht diese Frage aber auch nicht überflüssig.
Dass die Bedeutung dieses Datums im Rathaus bekannt ist, dokumentiert die Stadt selbst: Für den 9. November lädt sie um 18 Uhr gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zur Gedenkveranstaltung ins Rathaus. Der angekündigte Vortrag von Volker Baumann trägt den Titel „Schulter an Schulter – Erinnerung braucht Haltung“.
Anschließend soll Oberbürgermeister Sören Link einen Schweigemarsch begleiten. Am Kuhlenwall sind für diesen Abend eine Kranzniederlegung und Gebete vorgesehen.
Um 20.30 Uhr steht im städtischen Filmforum NAZA auf dem Programm. Erinnerung braucht Haltung. Eine Erläuterung zum eigenen Kinoprogramm wäre ein bescheidener Anfang.
Die Stadt zahlt – und ist Eigentümerin
Es geht um ein öffentlich getragenes Haus. Die Stadt Duisburg ist alleinige Eigentümerin der Filmforum GmbH. Im städtischen Haushaltsportal sind für 2026 Transferaufwendungen von 312.500 Euro als Zuschuss der Stadt Duisburg an die Gesellschaft angesetzt. Das ist ein Haushaltsansatz, diese Zahl beweist keine bereits erfolgte Auszahlung dieser Summe.
Die Stadt beschreibt die jährliche Unterstützung als Verlustausgleich. Zugleich nennt sie den medienpädagogischen Auftrag des Filmforums in Zusammenarbeit mit Schulen. Der Zuschuss finanziert die Einrichtung und ihre Arbeit. Eine gesonderte Förderung der NAZA-Vorstellungen unterstelle ich nicht.
Für die politische Verantwortung genügt der tatsächliche Befund:
Duisburg besitzt dieses Kino und trägt seinen Betrieb mit öffentlichen Mitteln.
Öffentliche Förderung verlangt keine gefälligen Filme. Sie ist gerade dafür sinnvoll, einem Kino Freiheit jenseits der Kassenbilanz zu ermöglichen. Zur Freiheit der Programmgestaltung gehört allerdings die Freiheit des Publikums, deren Qualität zu kritisieren. Ein Bildungsauftrag erledigt sich nicht dadurch, dass ein umstrittener Film einen Festivalpreis gewonnen hat. Ein Preis ist eine Auszeichnung. Die Einordnung lässt sich damit nicht auslagern.
Der Widerspruch passt in einen Satz
Das Filmforum empfiehlt NAZA als einen der „unbequemsten und wichtigsten Filme des Jahres“. Sein Begleittext nennt eine Schwelle von 20 erwarteten zivilen Toten, bis zu der keine weitere Genehmigung erforderlich sei, und referiert die Behauptung einer Zusage für einen Angriff mit 500 erwarteten Todesopfern. Der Widerspruch des Militärs wird erwähnt, ebenso der Verweis der Filmemacher auf ihre Recherche. Die konkreten Einwände bleiben dabei außen vor. So ist der Widerspruch erwähnt, ohne die Empfehlung weiter zu behelligen. Ein moderiertes Streitgespräch oder eine besondere Einordnung des Gedenktags ist auf dieser Filmseite nicht angekündigt.
Dabei sind die Einwände nachlesbar. Die Jüdische Allgemeine berichtet über eine ausführliche Stellungnahme der IDF: Die Armee bestreitet die Darstellung des Angriffs mit 500 erwarteten zivilen Toten und wendet sich gegen eine Verkürzung der Zielprüfung auf einzelne frühe Arbeitsschritte. Sie erklärt zudem, Entscheidungen über Angriffe würden von Menschen getroffen.
Nach Darstellung der IDF dient Lavender dem Abgleich nachrichtendienstlicher Informationen. Ein Eintrag in der Datenbank sei keine automatische Angriffsgenehmigung: Über Angriffe entscheiden Menschen in einem gesonderten Prüfungs- und Freigabeverfahren.

Das ist die Stellungnahme einer unmittelbar betroffenen Kriegspartei und kein unabhängiger Freispruch. Aber auch die Aussagen im Film werden durch ihre filmische Präsentation nicht automatisch zu abschließend geklärten Tatsachen.
Ein kommunales Kino könnte seinem Publikum den Streit erläutern. Die Besucher müssten dann selbst urteilen. Das wäre anstrengender als eine Empfehlung, hätte aber den Vorzug, dem Bildungsauftrag ziemlich nahe zu kommen.
Wie schnell solche Unterscheidungen in der Gaza-Debatte verschwinden, zeigt der Beitrag „Gaza: Wie Aktivisten aus Schätzungen Gewissheiten machen“: Eine Hochrechnung, die auch mögliche künftige Todesfälle durch indirekte Kriegsfolgen einschloss, wurde als Bilanz bereits getöteter Menschen verbreitet. Die Unsicherheit blieb in der Quelle, für die politische Botschaft wurde sie nicht mehr gebraucht.
Was ist mit dem 7. Oktober?
Ein zentraler Vorwurf der Kritiker lautet, dass NAZA die Vorgeschichte des Krieges weitgehend ausblende: den Terrorangriff der Hamas und weiterer Terrororganisationen am 7. Oktober 2023.
Das wäre, als würde man einen Film über die Bombardierung deutscher Städte drehen, die zivilen Opfer zeigen und die Alliierten anklagen – ohne zu erzählen, wie dieser Krieg begonnen hatte und wer ihn führte. Da war ja irgendwas. Diesen Vergleich nutzt auch Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen:
Philipp Peyman Engel kritisiert nach seiner Sichtung, der Film lasse die Hamas-Massaker, das Schicksal der Geiseln und die Entstehung des Krieges als notwendigen Kontext vermissen. Er wirft ihm außerdem vor, israelische Soldaten in die Nähe nationalsozialistischer Täter zu rücken. Das ist Engels Urteil. Daraus lässt sich ohne eigene Filmsichtung keine verlässliche Aussage darüber ableiten, wie viele Sekunden oder Sätze dem 7. Oktober gewidmet sind.
Der Einwand ist dennoch erheblich: Ein Film kann sich auf einen Ausschnitt konzentrieren. Die Entscheidung, welche Vorgeschichte ein Publikum erfährt und welche nicht, prägt aber dessen Urteil über diesen Ausschnitt. Die Ermordeten und Verschleppten des 7. Oktober sind kein lästiger Vorspann zum Gaza-Krieg. Umgekehrt entbindet das Verbrechen der Hamas niemanden davon, das Handeln der israelischen Armee kritisch zu untersuchen. Beides muss nebeneinander auszuhalten sein.
Sophie Albers Ben Chamo setzt in ihrer Rezension einen weiteren Schwerpunkt: Sie beanstandet die düstere Inszenierung Tel Avivs und eine aus ihrer Sicht hergestellte Nähe des Gaza-Krieges zur Schoa. Zugleich hält ihr Text fest, dass die Filmemacher eine solche Gleichsetzungsabsicht bestreiten. Gerade diese Kontroverse macht den Duisburger Termin erklärungsbedürftig.
Eine konkrete Szene beschreibt Rüdiger Suchsland in seiner Rezension für die WELT. Er würdigt zunächst die sachlichen Passagen des Films und hält ausdrücklich fest, dass eine kurze Einleitung den Terrorangriff vom 7. Oktober behandelt. Sein Vorwurf richtet sich gegen die spätere Inszenierung:
Genau nach 60 Minuten nimmt der Film dann eine scharfe Kehrtwende. Aus dem Nichts kommt die Frage: „Ist das ein Genozid?“ Antwort: „Ja, absolut.“ Kurz darauf dann sind Bilder des Shoah-Gedenkens zu sehen, israelische Bürger, die beim Autofahren oder auf dem Bürgersteig innehalten und für eine Gedenkminute still stehen. Das ist an dieser Stelle des Films nur ein Zynismus. Die verzerrte Gleichsetzung des Unvergleichbaren und der Opfer mit den Tätern.
Das ist Suchslands Deutung dieser Bildfolge. Für ein Kino, das NAZA am Jahrestag der Reichspogromnacht zeigt, wäre sie jedenfalls ein Anlass zur Einordnung. Der Programmtext lässt diese Arbeit beim Publikum.
Der Kommentar bei U.M. auf Steady kritisiert ebenfalls die öffentliche Aufnahme des Films und vermeintlich unterschiedliche moralische Maßstäbe. Der Autor schreibt allerdings ausdrücklich, den Film nicht gesehen zu haben. Als Beitrag zur Debatte ist der Text relevant, auch wenn er als Beleg für konkrete Filmszenen nicht taugt.
Auch die Filmemacher sollen zu Wort kommen. Im Guardian-Podcast Today in Focus mit Yuval Abraham und Rachel Szor erläutern sie ihre Vorwürfe und ihren Ansatz. Flexilingo bietet dazu eine automatische Transkription des Interviews. Sie ist kein Transkript des Films. Den Trailer zu NAZA stellt das Filmforum bereit.

Der Gegenfilm: eine andere Perspektive
Als Gegenposition gibt es NAZA: The Real Story von Roi Danino, Ariel Averbuch und Hagay Gutman. Nach der Selbstauskunft der Macher kommen darin Reservekommandeure und Nachrichtendienstoffiziere zu Wort, die ihren Einsatz in Gaza und die Bedingungen militärischer Entscheidungen erklären. Auch dieser Film vertritt eine Position. Er wird hier als Gegenperspektive eingebunden, nicht als Ersatz für die Prüfung einzelner Behauptungen.
Vollständiger Gegenfilm auf dem offiziellen YouTube-Kanal. Eine Fassung mit deutschen Untertiteln ist außerdem auf der Website der Produktion verfügbar.
2023 stand Duisburg an der Seite Israels
Am 18. Oktober 2023 demonstrierten in Duisburg rund 300 Menschen für Israel und die jüdische Gemeinde; Oberbürgermeister Sören Link und Vertreter von SPD, CDU und Grünen liefen an der Spitze des Zuges. Mein damaliger Bericht dokumentiert auch die Mahnung von Rabbiner David Geballe, die Ursache des Krieges nicht aus dem Blick zu verlieren.
Sören Link erklärte damals, ihn hätten die Bilder von Menschen beschämt, die den Terror gegen Israel bejubelten. Mitglieder der jüdischen Gemeinde zeigten die Gesichter der Verschleppten. Geballes Bitte war, diese Erinnerung auch dann wachzuhalten, wenn der Krieg länger dauern würde.
Drei Jahre später muss sich Duisburg an diesem eigenen Anspruch messen lassen. Die Programmentscheidung des Filmforums ist kein Beleg für einen Gesinnungswechsel des Oberbürgermeisters. Dass Sören Link an der konkreten Planung beteiligt war, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. So, wie ich ihn kenne, dürfte sich seine Begeisterung über diese drei Novembertermine des kommunalen Lichtspielhauses in extrem engen Grenzen halten.
Gerade deshalb bleibt die Frage, wie die damals erklärte Solidarität im Alltag des städtischen Kulturbetriebs eingelöst wird. Was die Stadtpolitik öffentlich verspricht, sollte auch jenseits einer Kundgebung erkennbar sein. Solidarität sollte länger halten als das Gruppenbild. Sonst wäre sie vor allem ein Beitrag zur städtischen Bildchronik.
Ein Gedenktag ist kein beliebiger Programmplatz
Das Filmforum muss sich nicht vor jedem kritischen Film über Israel drücken. Es sollte aber erklären, warum es gerade für diesen Film auch den 9. November gewählt hat, wie es die dokumentierten Einwände einordnet und ob sein Publikum mehr bekommt als den wohlwollenden Begleittext. Ebenso darf die Stadt als Eigentümerin gefragt werden, welchen Anspruch sie an die Vermittlung durch ihr Kino stellt. Dafür braucht es keine politische Freigabe einzelner Filme, sondern eine öffentliche Debatte über eine öffentliche Einrichtung.
312.500 Euro sind im Haushalt vorgesehen. Dafür ließen sich beispielsweise 1.628 Netflix-Standardabos für bedürftige Familien ein Jahr lang bezahlen. Werbefrei. Einen kommunalen Bildungsauftrag hätte Netflix allerdings auch nicht zu erfüllen. Das Filmforum schon. Ein paar präzise Sätze zu den Gegenargumenten dürften da keinen Nachtragshaushalt erfordern. Das Haus empfiehlt einen unbequemen Film. Es könnte sich den kleinen Luxus leisten, die unbequemen Fragen zur eigenen Programmplanung ebenso ernst zu nehmen.
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen
