Oblast Sachsen-Anhalt: AfD und BSW erfüllen den Freundschaftsplan

Bauernfries über dem Eingang der Gaststätte Am Tanger in Dedelow bei Prenzlau
„Am Tanger“ in Dedelow bei Prenzlau (Brandenburg): Bauernfries im einstigen sozialistischen Musterdorf (Archivfoto, 2024: Peter Ansmann)

AfD und BSW haben in Sachsen-Anhalt gemeinsam einen Russland-Antrag durchgesetzt. Nun will AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner die Zusammenarbeit schriftlich festhalten. Bei einem Forum in Magdeburg kamen am Sonntag weitere Wünsche hinzu: Energie aus Russland und engere Beziehungen nach Moskau.

Claudia Wittig vom BSW deutete sogar Gespräche über eine Art russisches Haus an. Gemeinsam abstimmen, Absprachen festhalten, Russland entgegenkommen: Nur das Wort Koalition stört noch.

Moskau zugewandt

Die romantische Kulisse auf dem Aufmacherbild steht, zugegeben, nicht im Oblast Sachsen-Anhalt, sondern in Brandenburg: Die Gaststätte Am Tanger mit ihrem Bauernfries gehört zu Dedelow bei Prenzlau. Hier nahm 1969 die erste Milchviehanlage der DDR für 2.000 Kühe den Betrieb auf.

Der Sozialismus hatte Großes vor, auch mit den Eutern.

Daran erinnert das Wandbild über dem Eingang der Gaststätte am Tanger, wo man nicht nur essen, sondern auch übernachten kann. Der Ort wurde in der DDR zum sozialistischen Musterdorf ausgebaut. Die Stadt Prenzlau beschreibt, wie industrielle Landwirtschaft und neue Plattenbauten in den 1960er- und 1970er-Jahren das Dorf veränderten.

Auch der sowjetische Besuch gehörte, bis zum Sieg der Konterrevolution im November 1989, zum Programm. Im Projektbuch zum Dokumentarfilm „Musterdorf mein Musterdorf“ von Marie-Ulrike Callenius wird nicht nur der wahrlich wunderschöne Fassadenfries an der Gaststätte erwähnt, sondern auch ein DDR-Fernsehbeitrag vom 8. Januar 1972: „Von Kamtschatka nach Dedelow“. Sowjetische Maler besuchten das Vorzeigedorf, bewunderten die wundervolle Milchviehanlage und lobten den Arbeitsenthusiasmus. Beim LPG-Vorsitzenden gab es sogar einen Samowar. Wer das Wandbild geschaffen hat, konnte ich nicht herausfinden.

Dedelow liegt nicht im Oblast Sachsen-Anhalt. Das Aufmacherbild hat mich auf einen kleinen Umweg durch die sozialistische Landwirtschaft geführt. Für die politische Wiederaufführung des alten deutsch-sowjetischen Freundschaftsprogramms empfiehlt sich derzeit Magdeburg:

Planerfüllung im Oblast

AfD und BSW wollen die Wirtschaftssanktionen gegen Russland sofort aufheben und die Hilfe für die Ukraine auf humanitäre Unterstützung beschränken. Der Angreifer soll wieder Geschäfte machen können, die Angegriffenen dürfen auf Verbandsmaterial hoffen. Über den gemeinsamen Antrag in der Sowjetrepublik Sachsen-Anhalt haben wir in Oblast Sachsen-Anhalt: AfD und BSW entdecken die gemeinsame Außenpolitik berichtet. Inzwischen ist aus der Ankündigung ein Beschluss geworden: Am 14. Oktober 2026 nahm der Landtag den Antrag mit den Stimmen beider Fraktionen gegen die übrigen Abgeordneten an. Das dokumentiert der Landtag selbst.

Gefordert werden die sofortige Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Russland und eine Beschränkung der Unterstützung für die Ukraine auf humanitäre Hilfe. Die Landesregierung soll sich insbesondere über eine Bundesratsinitiative dafür einsetzen. Damit sind weder Sanktionen aufgehoben noch Waffenlieferungen gestoppt. Politisch haben AfD und BSW aber gezeigt, wofür ihre gemeinsame Mehrheit eingesetzt werden soll.

Die Ukraine soll also auf militärische Hilfe verzichten, Russland auf die lästigen Sanktionen. So sieht ein Kompromiss aus, wenn man dem Angreifer auch noch die Wünsche von den Lippen abliest. Darüber schreibt man „Frieden“. Es soll schließlich anständig aussehen.

Völkerfreundschaft braucht Räume

Beim Magdeburger Forum am 18. Oktober 2026 ging es nach einem Bericht des MDR vom 20. Oktober 2026 auch um eine Art russisches Haus ( Der Kampf um das Russische Haus in Berlin) in Sachsen-Anhalt. Auf eine entsprechende Publikumsfrage verwies Claudia Wittig ( BSW und AfD: Für Russland darf es etwas näher sein) auf Gespräche. Sie könne „nicht alles verraten“. Gesprächspartner, Finanzierung und konkrete Ausgestaltung benannte sie dem Bericht zufolge nicht. Wittig warb für intensivere Beziehungen in Kultur und Schule.

Ein fertiges Konzept oder einen Beschluss für ein solches Haus hat Wittig damit nicht vorgelegt. Bislang bleibt es bei angedeuteten Gesprächen. Die politische Vorliebe ist trotzdem erkennbar: Zur AfD hält man demonstrativ Abstand, für die Nähe zu Russland sucht man schon Räume.

Der sächsische AfD-Fraktionschef Jörg Urban verlangte auf demselben Forum nach Darstellung des MDR wieder russisches Gas und Öl sowie Nord Stream. „Russland ist nicht unser Feind“, erklärte er. Mit seiner Kritik an den Rüstungsausgaben steht er nach eigener Aussage allerdings auch in der AfD nicht für die Mehrheit. Die Begeisterung für Russland ersetzt selbst dort noch nicht jeden Streit über die Verteidigungspolitik.

Jörg Urbans Russland-Beitrag vom 6. Juni 2026
Jörg Urban warb bereits am 6. Juni 2026 für engere Beziehungen zu Russland. (Screenshot: AfD-Fraktion Sachsen)

Auch in Urbans eigener Fraktion wird die Rückkehr zum Geschäft mit Russland beworben. Agrarsprecher Jörg Dornau verlangte im September ein Ende der Sanktionspolitik. Anlass war diesmal Dünger, wie wir in Jörg Dornau und der Dünger: Russland zuerst, Lukaschenko vergessen dokumentiert haben. Die Fraktion behauptete dabei, nur Russland sei von einer EU-Zollentlastung ausgenommen. Tatsächlich galt die Ausnahme auch für Belarus – jenes Land, in dem Dornau selbst an einem Agrarunternehmen beteiligt ist. Im eigenen Antrag hatte die Fraktion beide Länder noch genannt.

Bei Urban geht es um Gas und Öl, bei Dornau um Dünger. Der politische Wunsch bleibt derselbe: Die Hindernisse für den Handel mit Russland sollen weg. Für diese Völkerfreundschaft muss man offenbar nicht einmal die eigenen Unterlagen lesen.

Zwei Parteien, eine Kreml-Linie

Kirchner will sich auf solche Gemeinsamkeiten künftig verlassen können. Nach dem MDR-Bericht bei der Tagesschau fordert er eine schriftliche Vereinbarung, um spätere Streitigkeiten über Absprachen zu vermeiden. Unterschrieben ist damit noch nichts. Der Wunsch nach Verbindlichkeit ist allerdings ausgesprochen.

Das BSW schließt eine Koalition weiterhin aus und kündigt Enthaltung bei der für Dezember geplanten Ministerpräsidentenwahl an. Claudia Wittig hat diese Position bekräftigt. Auch inhaltliche Differenzen bestehen: Sonderklassen für Flüchtlingskinder nennt sie als Beispiel für AfD-Forderungen, die ihre Partei nicht mitträgt.

Das sind reale Differenzen. Nur machen sie den gemeinsam beschlossenen Russland-Antrag nicht ungeschehen. Um der AfD Mehrheiten zu verschaffen, braucht das BSW keinen Ministerposten. Die eigene Stimme reicht. Kirchner möchte nun auch für die Zukunft wissen, worauf er sich verlassen kann. Das BSW wiederum möchte bei aller Zusammenarbeit vor allem eines behalten: die Möglichkeit, sich von ihr zu distanzieren.

Beifall aus der richtigen Richtung

Auch das russische Staatsfernsehen fand in Magdeburg Gesprächspartner. In seiner Analyse der Landtagsdebatte berichtet der MDR, BSW-Fraktionschef Thomas Schulze habe nach der Sitzung Russia 1 ein Interview gegeben. Im Beitrag des russischen Staatsfernsehens kam auch AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider zu Wort.

Eine Steuerung aus Moskau belegen diese Auftritte nicht. Sie ist auch gar nicht nötig, um den Vorgang bemerkenswert zu finden: Zwei deutsche Fraktionen fordern gemeinsam Entlastungen für Russland. Das russische Staatsfernsehen liefert anschließend die Bühne für Vertreter beider Parteien. Die Öffentlichkeitsarbeit erledigt sich fast von selbst.

Der Magdeburger Fernsehauftritt passt in ein größeres Bild. Unsere Recherche zu Russlands nützlichen Netzwerken dokumentiert Reisen, gemeinsame Gesprächsrunden und Medienkontakte im Umfeld von AfD und BSW.

Wie belastbar die Zusammenarbeit ist, werden die nächsten Abstimmungen zeigen. Bei der Russlandpolitik funktioniert sie bereits. Die AfD bekommt Stimmen, das BSW darf weiter erklären, wie unabhängig es dabei ist.

In Dedelow brauchte die Völkerfreundschaft noch Besuchsdelegationen und einen Samowar. Im Oblast Sachsen-Anhalt reicht vorerst eine gemeinsame Abstimmung. Die Ukraine soll die Folgen tragen, Russland die Entlastung bekommen. Nur beim BSW besteht man auf einer besonderen Form politischer Unschuld: mitmachen, aber nicht zusammen gewesen sein.

Vorwärts immer, Koalition nimmer.

Autorenseite: Peter Ansmann
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