Jörg Dornau (AfD) und der Dünger: Russland zuerst, Lukaschenko vergessen

Alexander Lukaschenko bei einem Treffen am 26. Dezember 2017; vor ihm ein Tischschild mit belarussischer Flagge und der Aufschrift „Republik Belarus“.
Alexander Lukaschenko beim informellen Treffen der GUS-Staatschefs am 26. Dezember 2017. Foto: The Presidential Press and Information Office / Kremlin.ru; Quelle: Wikimedia Commons; Lizenz: Creative Commons Namensnennung 4.0 International (CC BY 4.0). Bearbeitung: Zuschnitt auf 1200 × 630 Pixel.

Jörg Dornau (AfD Kreisverband Oblast Landkreis-Leipzig) verbreitete einst die frohe Botschaft vom holzhackenden Lukaschenko, der Europa vor dem Frieren retten werde. Jetzt wirbt der AfD-Agrarsprecher für russischen Dünger, und seine Fraktion vergisst ausgerechnet Belarus.

Das dürfte dem großen Freund mit der Axt wenig schmeicheln. So viel Undank unter Freunden.

Vom Subbotnik zur kollektiven Gedächtnislücke

Am 15. September 2022 verbreitete Dornau auf Facebook eine Meldung von Russia Today über Alexander Lukaschenkos Brennholzaktion. So dokumentierten es die Ruhrbarone am folgenden Tag im Beitrag „Die AfD preist den Subbotnik mit Diktator Lukaschenko“. Der belarussische Machthaber griff zur Axt und ließ sich als fürsorglicher Helfer der Europäer inszenieren. Dornau lieferte die Nachricht weiter.

Ein Diktator macht Brennholz, ein deutscher Abgeordneter macht Werbung. Arbeitsteilung kann so schön sein.

Die politische Richtung war schon damals erkennbar. In „AfD: Russland zuerst“ beschrieben wir am 30. September 2022 die prorussische Propaganda aus Dornaus Kreisverband. Fast vier Jahre später geht es um Dünger.

Die Begeisterung für Lieferungen aus dem Osten hat gehalten.

Das Gedächtnis für Belarus offenbar weniger.

Der zuständige Fachmann

Dornau spricht dabei in offizieller Funktion: Die sächsische AfD-Landtagsfraktion stellt ihn auch in ihrer aktuellen Mitteilung vom 4. September 2026 als agrarpolitischen Sprecher vor. Laut Sächsischem Landtag sitzt er im Ausschuss für Umwelt und Landwirtschaft und leitet den zuständigen Landesfachausschuss seiner Partei. Für die fachliche Einordnung von Düngerpolitik hat die AfD also einen Mann mit Mandat, Funktion und Zuständigkeit.

Auch Belarus müsste ihm vertraut sein. Der Landtag führt weiterhin seine Beteiligung am dortigen Agrarunternehmen OOO ZYBULKA-BEL auf; als Direktor ist er bis zum 30. Oktober 2024 verzeichnet. Über diesen geschäftlichen Hintergrund berichteten wir bereits in „Jörg Dornau: Korrupt sind natürlich immer die anderen“. Für die Feststellung, dass Belarus existiert, hätte es in dieser Fraktion wirklich keine externe Beratung gebraucht.

Dornau verlangt nun ein Ende der Russland-Sanktionspolitik. Seine Begründung: Die Sanktionen hätten keinen Frieden gebracht, sondern die Verwerfungen zwischen Europa und Russland verschärft. Der Angreifer führt Krieg, der Agrarsprecher bilanziert die Zumutungen für den Handel. Die Bauern liefern dazu die passende Kulisse.

Zwei Ausnahmen sind eine zu viel

In ihrer Mitteilung vom 4. September 2026 erklärt die AfD-Fraktion, die EU habe die Importzölle auf Dünger für ein Jahr ausgesetzt. Als einziges ausgenommenes Land nennt sie Russland. Diese falsche Angabe steht im Einleitungstext der Fraktion; sie ist kein persönliches Dornau-Zitat. Offenbar war neben der gewünschten politischen Botschaft kein Platz mehr für ein zweites Land.

Auch auf Facebook verbreitet die Fraktion diese Darstellung:

Textausschnitt des Facebook-Beitrags: Die AfD-Fraktion Sachsen nennt Russland als einzige Ausnahme von der EU-Zollaussetzung.
Die AfD-Fraktion Sachsen nennt nur Russland als Ausnahme von der Zollaussetzung; Textausschnitt (Screenshot: Facebook). Zum Originalbeitrag.

Die geltende EU-Verordnung nennt dagegen zwei Ausnahmen: Russland und Belarus. Die Entlastung betrifft zudem bestimmte Stickstoffdünger und Vorprodukte innerhalb festgelegter Kontingente. Sie gilt bis zum 31. Mai 2027. Bestimmte Produkte, begrenzte Mengen, zwei ausgeschlossene Länder. Kompliziert genug, um eine AfD-Pressemitteilung zu überfordern.

Der EU-Rat begründet den Ausschluss mit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine und dessen Unterstützung durch Belarus. Zugleich sollen Bauern günstigere Liefermöglichkeiten erhalten und Abhängigkeiten von beiden Ländern sinken.

Beitragsgrafik der AfD-Fraktion Sachsen: Ein Mähdrescher auf einem Feld, dazu die Forderung nach Aussetzung der Russland-Sanktionen im Agrarbereich.
Die zugehörige Beitragsgrafik der AfD-Fraktion Sachsen fordert die Aussetzung der Russland-Sanktionen im Agrarbereich (Screenshot: Facebook). Zum Originalbeitrag.

Der eigene Antrag weiß noch mehr

Besonders hübsch wird es in der Drucksache 8/7267, auf die die Fraktion selbst verweist. Auf Seite 2 nennt sie ausdrücklich Importzölle auf Dünger aus Russland und Belarus. Im Juni war das Nachbarland in den eigenen Unterlagen also noch vorhanden. Bis zur September-Mitteilung hat es den Weg durch die Pressestelle nicht überlebt. Die Fraktion hätte nicht einmal Brüsseler Dokumente lesen müssen. Die eigenen hätten gereicht.

Ausschnitt aus Seite 2 des AfD-Antrags 8/7267: Neben Russland wird auch Belarus als Herkunftsland von mit Importzöllen belastetem Dünger genannt.
Der AfD-Antrag nennt auch Belarus: Ausschnitt aus Seite 2 der Drucksache 8/7267 (Screenshot: Sächsischer Landtag). Zum Originalantrag.

Die sächsische Staatsregierung bestreitet die Preisbelastungen der Landwirtschaft nicht. Sie verweist auf europäische Hilfen, will wegen des fortgesetzten Angriffskriegs aber den Druck auf Russland aufrechterhalten und neue Abhängigkeiten vermeiden.

Unser Gedächtnis zuerst

Über Entlastungen für Bauern lässt sich politisch streiten. Die AfD könnte dafür mit einer korrekten Darstellung der geltenden Regeln werben. Stattdessen serviert sie eine falsche Länderangabe, und ihr Agrarsprecher nutzt den Anlass zur grundsätzlichen Abrechnung mit den Russland-Sanktionen.

Für die große außenpolitische Diagnose reicht die Selbstgewissheit. Für den Abgleich mit dem eigenen Antrag offenbar nicht.

Lukaschenko wurde einst als Retter vor dem kalten Winter herumgereicht. Nun fällt sein Land bei den Freunden des russischen Düngers unter den Tisch.

Vielleicht braucht die sächsische AfD einen Subbotnik in der eigenen Pressestelle: gemeinsam aufräumen, Unterlagen lesen, bis zwei zählen.


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