
Der Duisburger Bundestagsabgeordnete Mirze Edis (Die Linke) hat einen Erfolg zu vermelden. Keine gerettete Fabrik, keine billigere Wohnung. Aber: Der Kurs der Vonovia-Aktie fällt.
„Die Kapitalisten kriegen Angst. Das heißt, wir machen etwas richtig!“, verkündet er auf Facebook und Instagram. Der größte Arbeiterführer im Universum – wo gibt – hat die Börse entdeckt.
Für Mieter ist diese Erfolgsmeldung natürlich eine erhebliche Entlastung. Nicht finanziell. Aber wer die nächste Mieterhöhung öffnet, kann sich wenigstens vorstellen, wie mies gelaunt ein Vonovia-Aktionär gerade ist. Solidarität heißt offenbar: Die Wohnung bleibt teuer, aber die Schadenfreude ist kostenlos.
Der Abgeordnete ist erfreulich anspruchslos: Andere müssen die Lage ihrer Wähler verbessern.
Ihm reicht schon die schlechte Laune der Aktionäre. So viel Bescheidenheit muss man sich als Wähler erst einmal leisten können.
Fünf Tage sind kein Börsentag
Am 22. September 2026 veröffentlicht Edis zwei Kacheln auf Instagram und Facebook. Zu sehen sind sein Porträt neben einer Schlagzeile über Vonovia-Verluste nach der Berlin-Wahl und eine Kursgrafik. Die zeigt 17,44 Euro, Stand 16 Uhr, sowie minus 3,59 Prozent. Direkt daneben steht: „in den letzten 5 Tagen“.

Die Kursverluste sind real, aber kein entsprechender Geldabfluss aus Vonovias Kasse. Und die 3,59 Prozent sind weder der Tagesverlust noch eine Abrechnung ausschließlich seit der Wahl. Mirze Edis behauptet das nicht ausdrücklich; für seine Siegesmeldung nimmt er trotzdem den ganzen roten Chart mit.
Am 22. September 2026 schloss Vonovia auf Xetra bei 17,37 Euro: minus 0,63 Prozent gegenüber 17,48 Euro am Vortag. Zwischenzeitlich waren es bei 17,06 Euro rund 2,4 Prozent Minus. Ein schwacher Handelstag, aber ein erheblicher Teil des zwischenzeitlichen Verlusts wurde wieder aufgeholt.

Die Revolution fällt diesmal kleiner aus
Wie ungewöhnlich ist das? In der Xetra-Kursreihe vom 24. August bis 21. September stehen an zwölf von 21 Handelstagen stärkere Tagesverluste als diese 0,63 Prozent. Beispiele: minus 3,02 Prozent am 31. August, minus 3,03 Prozent am 10. September. Vom Schlusskurs am 3. bis zum Schlusskurs am 10. September verlor Vonovia über fünf Handelstage sogar rund 6,6 Prozent.
Alles vor der Berlin-Wahl. In dieser jüngsten Schwächephase waren vergleichbare Verluste häufig.
Der Sturm aufs Winterpalais fällt diesmal aus. Für die Revolution reicht offenbar ein roter Börsenchart.
Hier wird endlich einmal umverteilt: Börsenverluste werden zu persönlichen Verdiensten.
Die Wahl war deshalb nicht belanglos. dpa-AFX nennt die neu aufgeflammten Enteignungssorgen ausdrücklich als zusätzliche Belastung – neben dem Zinsanstieg. Auch andere Immobilienaktien standen unter Druck. Aus einer Kurskurve lässt sich weder die Angst sämtlicher „Kapitalisten“ ablesen noch Edis’ Anteil daran berechnen.
Bei der Empörung über private Wohnungskonzerne hilft ein Blick ins eigene Parteialbum: 2004 verkaufte der rot-rote Berliner Senat aus SPD und PDS die landeseigene GSW mit rund 65.000 Wohnungen an private Investoren. Die PDS, Vorgängerpartei der Linken, stimmte dem Verkauf auch im Abgeordnetenhaus zu.
Damals halfen die Genossen beim Privatisieren, heute feiert Edis Kursverluste als Klassenkampf.
Der große Kämpfer für die deutsche Industrie hat den Erfolgsbegriff erfreulich entrümpelt:
Den Mietern muss es nicht besser gehen. Hauptsache, den Aktionären geht es schlechter.
Genosse Mirze Edis hat den Klassenkampf entscheidend vereinfacht: Damit er einen Erfolg feiern kann, muss nicht einmal mehr ein Arbeiter davon profitieren.
Durch einen niedrigeren Aktienkurs allein entsteht weder eine Wohnung noch sinkt eine Miete. Aber wer eine rote Zahl schon als sozialen Fortschritt verbucht, spart sich den lästigen Teil: den Fortschritt.
Enteignung, jetzt auch an der Zapfsäule
Schon am 14. September 2026 lieferte MdB Mirze Edis die passende Gebrauchsanweisung: „Vielleicht sollte nicht nur Vonovia enteignet werden.“ Diesmal geht es um Ölkonzerne und ihre Gewinne.

Die von ihm zitierte Guardian-Auswertung umfasst auch Saudi Aramco. An diesem Konzern hält die saudische Regierung laut Aramcos eigenen Angaben über 81 Prozent. Staatlicher Besitz allein macht aus einem Ölkonzern also noch keinen Wohlfahrtsverein.
Welche Unternehmen auf welchem Weg übernommen werden sollen und wie daraus günstigere Energie wird, erläutert Mirze Edis in diesem Beitrag natürlich nicht.
Der Genosse hat die Lösung schon gedruckt. Jetzt muss nur noch die Wirklichkeit mitspielen.
Der Arbeiterführer und die lästigen Arbeitsplätze
Die Lücke zwischen kämpferischem Auftritt und praktischem Nutzen erinnert an Edis’ Rolle im Streit um das VW-Werk Osnabrück: Während die IG Metall um Jobs kämpft, erklärt der Linken-MdB, welche Zukunft er nicht haben möchte.

Mirze Edis lehnte die damals diskutierte Zusammenarbeit mit Rafael bereits im März 2026 ab. Im September begrüßten Betriebsrat und IG Metall dann Eckpunkte, die nach ihren Angaben knapp 1400 von 1800 Beschäftigten eine Anschlussperspektive eröffnen sollen. Die angekündigte Rafael-Kooperation wäre ein erstes Projekt. Seine frühere Ablehnung ist keine Stellungnahme zu jedem Detail dieser späteren Vereinbarung. Der Gegensatz bleibt: Die Gewerkschaft sucht eine tragfähige Perspektive; Mirze Edis hatte die Rüstungsoption grundsätzlich verworfen.
Ein fallender Aktienkurs baut keine Wohnung. Ein abgelehntes Industrieprojekt (Bei dem es um dringend benötigte Raketenabwehrsysteme geht!) rettet keinen Arbeitsplatz. Zum Glück verlangt Instagram weder Schlüsselübergabe noch Arbeitsvertrag. Als Tätigkeitsnachweis reichen das eigene Porträt und die frohe Botschaft, dass die Kapitalisten angeblich zittern:
Die einzige garantierte Ausschüttung ist die Selbstzufriedenheit des Abgeordneten.
Seine eigenen Bezüge sind zum Glück nicht vom Börsenkurs abhängig.
Die zahlt der Steuerzahler.