
Die Vonovia-Aktie liegt am Boden des Kofferraums, Cansın Köktürk (Die Linke, MdB aus Bochum) und Batıkağan Pulat (Die Linke, Stadtrat in Bochum) beugen sich darüber. So sieht der Klassenkampf auf Instagram aus. Nicht annähernd so spektakulär wie der Sturm auf das Winterpalais, aber für Bochum reicht’s.
Die Linken-Bundestagsabgeordnete und ihr Mitstreiter haben einen roten Börsenchart gefunden und machen daraus eine Siegespose. Für die Mieter des Bochumer Wohnungskonzerns bleibt die entscheidende Frage offen: Was genau wird für sie dadurch billiger?
Ein Jahr ist kein Wahlsieg
Im gemeinsamen Instagram-Reel ist von der Aktie der „Mietenmafia“ die Rede. Dazu der Auftritt als Arbeiterklasse, mit der man sich besser nicht anlegt. Die Kamera liegt unten, die Genossen schauen siegessicher herab. Der Kapitalismus – genauer: seine Leiche – wurde offenbar gerade in den Kofferraum gelegt.
„Guck mal. Da liegt die Aktie der Mietenmafia.“
„Dann hätten sie sich mal nicht mit der Arbeitersklasse angelegt.“
Die eingeblendete Grafik nennt 16,82 Euro und minus 38,91 Prozent „im letzten Jahr“. Als Kursstand ist der 16. Oktober, 17:35 Uhr, angegeben; links markiert die Kurve 27,54 Euro am 20. Oktober 2025. Das ist ein Jahresvergleich. Wer daraus den Ertrag des jüngsten Klassenkampfs der Linkspartei machen möchte, müsste schon erklären, welcher Teil des Rückgangs auf welche politische Entscheidung zurückgeht.
Köktürk und Pulat behaupten nicht ausdrücklich, die Aktie sei an einem einzigen Tag um fast 39 Prozent eingebrochen. Die Jahresansicht ist lesbar. Aber die Pose liefert eine Kausalität, die der Chart nicht belegt: Wir kämpfen, der Konzern fällt.
Die Schwäche begann lange vor der Berliner Wahl. Bereits im ersten Halbjahr 2026 verlor die Aktie laut Vonovias Halbjahresbericht zwölf Prozent. Der Bericht nennt Unsicherheit über Inflation und Zinsen als Marktumfeld. Dass die Berliner Vergesellschaftungspläne zusätzlichen Druck ausüben, gehört ebenfalls zur Einordnung: Am 19. Oktober berichtete wallstreetONLINE über neue Kursverluste nach dem Sondierungspapier. Daraus wird trotzdem kein Beleg dafür, dass ein ganzes Börsenjahr auf das Konto zweier Instagram-Revolutionäre und auf die Angst vor der bevorstehnen Revolution durch die Arbeitsklasse in Berlin geht.

Der Vergleich für denselben Zeitraum zeigt: Während Vonovia rund 38,9 Prozent verlor, legte der DAX-Kursindex um 2,9 Prozent zu. Beide Reihen beginnen bei 100 und lassen Dividenden außen vor. Besonders ab Frühjahr 2026 laufen die Kurven auseinander. Der Rückgang der Vonovia-Aktie erstreckt sich über Monate und begann deutlich vor dem jüngsten Berliner Sondierungspapier. Welche Ursachen welchen Anteil daran haben, lässt sich aus der Kurve allein nicht ablesen – ein Erfolgsnachweis für die Instagram-Revolutionäre der Linkspartei ist sie erst recht nicht.
Auch die ältere Vorgeschichte bleibt relevant: Allein für 2022 weist Vonovias Geschäftsbericht einen Kursverlust von 54,6 Prozent aus. Als Belastungen nennt der Konzern hohe Inflation, steigende Zinsen und Rezessionssorgen. Die Krise lässt sich also nicht erst ab der jüngsten Siegespose erzählen.
Klasse mit Definitionsbedarf
Die Arbeiterklasse ist größer als ein Instagram-Duo. Wer für sie auftritt, darf sich trotzdem nach der eigenen Parteibasis fragen lassen. Nur sollte man dabei genauer zählen als beim Börsenjubel.

Die Deutsche Parteimitgliederstudie von 2017 ermittelte bei der Linken einen Arbeiteranteil von 17 Prozent unter den aktuell oder früher erwerbstätigen Mitgliedern. Das war damals der höchste Wert der untersuchten Parteien, knapp vor der SPD mit 16 Prozent.
Ein Bericht über die parteiinterne Mitgliederbefragung 2025 nennt dagegen weniger als fünf Prozent Beschäftigte in Industrie und produzierendem Gewerbe. Rund 11.500 Mitglieder nahmen teil, drei Viertel davon waren Neumitglieder. Das Ergebnis lässt sich nicht ohne Weiteres auf die gesamte Partei übertragen.
Ein Rückgang von 17 auf fünf Prozent lässt sich daraus nicht ableiten. Die Erhebungen messen unterschiedliche Gruppen. Und zur Arbeiterklasse im weiteren Sinn gehören auch abhängig Beschäftigte in Pflege, Handel oder Büros.
Die Miete kennt den Gag nicht
Zurück zu Vonovia. Und zu den Mietern, die von der Siegespose etwas haben sollen. Ein fallender Aktienkurs bedeutet zunächst, dass Anleger Unternehmensanteile niedriger bewerten. Der entsprechende Betrag verschwindet beim normalen Börsenhandel nicht aus Vonovias Kasse. Er landet auch nicht auf den Konten der Mieter. Ihre Miete sinkt durch den Kursverlust allein um genau null Euro.
Wie unabhängig beide Entwicklungen voneinander sein können, zeigen Vonovias eigene Zahlen für das erste Halbjahr 2026: Im deutschen Wohnungsbestand stieg die durchschnittliche monatliche Ist-Miete von 8,05 auf 8,32 Euro je Quadratmeter gegenüber Juni 2025. Für den Gesamtkonzern meldete Vonovia eine organische Mietsteigerung von 3,6 Prozent über zwölf Monate. Durchschnittswerte, keine Aussage über jeden einzelnen Mietvertrag. Aber eine ziemlich schlechte Begleitmusik zum Befreiungsvideo.
Auch die möglichen Folgen eines angeschlagenen Wohnungskonzerns eignen sich nur bedingt zur Party. Ein niedriger Aktienkurs kann die Beschaffung frischen Eigenkapitals erschweren; teure Kredite und politische Unsicherheit können Investitionen unattraktiver machen. Werden Neubauten verschoben, fehlt Wohnungssuchenden zusätzliches Angebot. Werden Leistungen gekürzt, könnten Bestandsmieter die Folgen spüren. Das sind mögliche Risiken, keine durch dieses Reel nachgewiesenen Schäden.
Für die pauschale Behauptung, Vonovia spare bereits überall, geben die Halbjahreszahlen ohnehin nichts her: Die Ausgaben für Instandhaltung, Modernisierung, Bestandsinvestitionen und Neubau für den eigenen Bestand lagen zusammen bei 933,2 Millionen Euro, neun Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Neubau und Mieterschutz muss man an ihren Ergebnissen messen. Die Farbe einer Börsenkurve erledigt das nicht.
Mirze Edis hatte die rote Kurve zuerst
Das Drehbuch ist in der Linksfraktion des Bundestags bereits erprobt. Der Duisburger Bundestagsabgeordnete Mirze Edis feierte im September fallende Vonovia-Kurse als Zeichen, dass seine Partei etwas richtig mache. Die damalige Grafik zeigte ein Minus über fünf Tage. Eine billigere Wohnung war auch damals nicht dabei. Köktürk und Pulat liefern jetzt die bewegten Bilder zur selben Erfolgsmessung: Dem Aktionär geht es schlechter, also muss es der Arbeiterklasse besser gehen.
Die Berliner Variante derselben Inszenierung lieferte bereits im September die stellvertretende Landesvorsitzende der Linkspartei in Berlin, Martha Kleedörfer. Sie kündigte Vonovia an: „All das werden wir dir nehmen, lieber Vonovia.“ Wie wir damals beschrieben haben, blieben hinter der Enteignungspose die Fragen nach Entschädigung und Finanzierung offen. Köktürk und Pulat feiern nun den Kursverlust. Die politische Aufgabe bleibt dieselbe: erklären, wie aus der Kampfansage bezahlbare Wohnungen werden und wer die Rechnung bezahlt.
Der Klassenfeind hat Anwälte
Der vermeintlich erledigte Konzern meldet sich derweil ziemlich lebendig zurück. Wie die WELT am 19. Oktober 2026 berichtet, hält Vonovia die geplante Vergesellschaftung für „verfassungswidrig“ und erwartet, dass sie vor Gericht scheitert. Das ist die Rechtsauffassung des Unternehmens, kein Gerichtsurteil. Laut dem Bericht wollen Linke, SPD und Grüne rund 160.000 Wohnungen vergesellschaften und die Entschädigung auf 16 Milliarden Euro begrenzen. Ein Gesetz soll Mitte 2028 vorgelegt werden; vor seinem Inkrafttreten ist eine verfassungsgerichtliche Prüfung vorgesehen.
Zwischen dem roten Chart und dem versprochenen Mieterparadies liegen also noch ein Gesetz, Milliardenentschädigungen und die Gerichte. Im Kofferraum ist die Sache schon erledigt. In Berlin beginnt die Rechnung erst.
Man kann Vonovias Geschäftspolitik kritisieren, wirksamen Mieterschutz verlangen und über öffentliche Wohnungsbestände streiten. Dafür braucht es bezahlbare Mieten, funktionierende Wohnungen und ein tragfähiges Konzept. Ein inszenierter Blick auf den gefallenen Klassenfeind ersetzt nichts davon.
Die Miete wird weiter abgebucht. Aber der Mieter darf jetzt dabei lachen. Mehr Entlastung gibt dieses Video nicht her.
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