
Die Linke hat Berlin gewonnen. Teile ihres politischen Nachwuchses feiern das Ergebnis mit einer bemerkenswerten Forderung: Opposition.
Andere nehmen den eigenen Fraktionsvorsitzenden ins Visier. Und in Neukölln wird der Wahlerfolg bereits als Sieg über „Hetze“ präsentiert. Vier Beobachtungen vom Wahlabend und dem Tag danach.
Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis kommt Die Linke auf 25,7 Prozent der Zweitstimmen und ist stärkste Kraft. Ein erheblicher Erfolg. Ein Regierungsamt ergibt sich daraus noch nicht automatisch. Aber wer wie Elif Eralp mit dem erklärten Ziel antritt, Regierende Bürgermeisterin zu werden, muss jetzt Mehrheiten organisieren und Verantwortung anbieten.
Ausgerechnet aus dem eigenen politischen Umfeld kommt dazu ein eigenwilliger Glückwunsch: Bitte möglichst nichts davon.
Gewonnen. Ab in die Opposition.
Am Wahlabend, dem 20. September 2026, veröffentlichten die Instagram-Accounts der Linksjugend Berlin und der Berliner LAG Palästinasolidarität gemeinsam ein Reel. In dessen Beschreibung fordern sie eine „konsequente oppositionelle Politik von Links“. Das sei der Weg, das Vertrauen der Wähler nicht zu brechen.
Außerdem behaupten sie: „Die Berliner:innen haben gezeigt, dass sie den Kapitalismus Satt haben!“ Eine sehr großzügige Auslegung des Wahlergebnisses: 74,3 Prozent der gültigen Zweitstimmen gingen an andere Parteien. Und selbst eine Stimme für Die Linke verrät noch nicht, ob jemand den Kapitalismus abschaffen oder schlicht weniger Miete zahlen möchte. Aus einem Viertel der Stimmen gleich den antikapitalistischen Willen einer ganzen Stadt abzuleiten, ist keine Wahlanalyse.
Das ist Größenwahn mit Prozentzeichen.
Bekanntlich hat es die Mauermörderpartei in Berlin nicht so mit der Prozentrechnung.

Das ist kein Beschluss des Landesverbandes der SED-Nachfolgepartei. Es ist auch keine Erklärung sämtlicher frisch gewählter Abgeordneter. Es ist die öffentlich verbreitete Forderung dieser beiden Accounts. Schon die ist allerdings aufschlussreich: Während Eralp ins Rote Rathaus will, erklären andere aus ihrem Umfeld die Oppositionsbank zum besonders vertrauenswürdigen Möbelstück.
Selbstverständlich kann eine Partei nach einer gewonnenen Wahl in die Opposition gehen. Etwa, wenn sie keine tragfähige Mehrheit findet. Nur ist die pauschale Oppositionsforderung am Wahlabend etwas anderes als das Ergebnis gescheiterter Verhandlungen. Wer schon vor dem ersten Kompromiss den Rückzug empfiehlt, muss sich fragen lassen, wozu der große Aufbruch eigentlich dienen sollte. Für die dauerhafte Verwaltung der eigenen Empörung braucht es keine Regierende Bürgermeisterin.

Am 21. September kam der nächste öffentliche Konflikt hinzu. Ein gemeinsames Reel der Accounts thies.km, solidneukoelln und bag_palisoli richtet sich gegen Tobias Schulze, den Vorsitzenden der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Die Beschreibung wirft ihm vor, der Palästinasolidarität am Vorabend den Kampf erklärt zu haben. Anschließend ruft sie zum gemeinsamen Vorgehen gegen „falsche Antisemitismusvorwürfe von Springer und Co.“ auf.

Wichtig ist die Zuordnung: Das ist die Darstellung dieser Accounts, kein hier belegtes wörtliches Schulze-Zitat. Die beteiligte BAG ist außerdem die Bundesarbeitsgemeinschaft, nicht die Berliner LAG des ersten Beitrags. Aus den beiden Veröffentlichungen wird keine einheitliche Erklärung aller Parteigliederungen.
Politisch bemerkenswert bleibt die Kombination: Auf einem Accountverbund wird Opposition gefordert, auf einem anderen der eigene Fraktionsvorsitzende angegriffen. Eralp braucht für ihr Regierungsprojekt also nicht bloß mögliche Koalitionspartner. Sie braucht offenbar zunächst eine Antwort darauf, wohin relevante Stimmen im eigenen Umfeld überhaupt wollen. Der Wahlkampf ist vorbei. Die innerparteiliche Selbstbeschäftigung hat bereits Anschluss gefunden.
46,2 Prozent sind kein Gegenargument

Vedi Emde feiert am 21. September das Direktmandat in Neukölln mit der oben abgebildeten Grafik. Die vorläufige amtliche Wahlkreisauswertung weist 46,2 Prozent aus. Auf der Grafik steht: „Sie hetzen. Doch Solidarität gewinnt!“ Auch die Begleitbeschreibung stellt Solidarität und Hetze gegenüber.
Wer mit dem unbestimmten „sie“ gemeint ist, benennt die Grafik nicht. Daraus lässt sich kein konkreter Vorwurf gegen eine bestimmte Redaktion oder Person ableiten. Kritikwürdig ist die sichtbare Inszenierung trotzdem: Hier wird ein Wahlergebnis mit moralischer Überlegenheit verbunden.
Ein Direktmandat ist ein demokratischer Erfolg. Es ist kein Prüfvermerk für sämtliche politischen Aussagen seines Trägers. Wahlen entscheiden über Mandate, nicht darüber, ob Kritik berechtigt war. Wer gewinnt, darf jubeln. Wer Kritik widerlegen will, muss weiterhin argumentieren. Trotz 46,2 Prozent.
Neukölln liefert Mandate, keine Generalabsolution
Der Neuköllner Bezirksverband meldet am 21. September rund 33 Prozent bei der Abgeordnetenhauswahl im Bezirk, drei Direktmandate und insgesamt vier Abgeordnete: neben Emde Philipp Dehne und Rouzbeh Taheri direkt sowie Betül Havva über die Liste. Für die Bezirksverordnetenversammlung nennt er rund 32 Prozent und 19 Sitze. Ahmed Abed wird als Bürgermeisterkandidat präsentiert – nicht als bereits gewählter Bezirksbürgermeister.
Das sind politische Machtressourcen, keine bloße Instagram-Kulisse. Daraus folgt allerdings nicht, dass die vier Abgeordneten die Oppositionsforderung der Jugendorganisation und der LAG teilen. Ihre Mandate lassen sich nicht einfach unter fremde Instagram-Beschreibungen heften.
Auch die Kontaktpflege verlangt inzwischen Aufarbeitung. Firas Remmo, Sohn von Issa Remmo, veröffentlichte einen Chat mit dem Neuköllner Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak: „Grüße mit Respekt zurück an deinen Vater.“ Koçak erklärt, zunächst nicht gewusst zu haben, mit wem er schrieb. Dass er nach Kenntnis der Identität weiter Kontakt hielt, bezeichnet er inzwischen selbst als Fehler und bittet um Entschuldigung. Issa Remmo war nach Darstellung der Partei nicht zur Wahlparty eingeladen und wurde hinausgebeten.

Es blieb nicht beim Zurückgrüßen: Koçak bat Firas Remmo, einen Ausschnitt seiner Bundestagsrede „zu verbreitern“. Im Februar war Reichweite gefragt. Im September ist es Aufarbeitung.

Für den politischen Anspruch reicht die Blamage trotzdem: Während manche Genossen beim Mitregieren um ihre moralische Reinheit fürchten, muss der eigene Bundestagsabgeordnete erst einmal seine Kontaktpflege erklären. Die moralische Überlegenheit befindet sich vorübergehend in der Aufarbeitung.
Gerade der Erfolg verschärft aber die Frage nach dem nächsten Schritt. Mehr Mandate bedeuten mehr Möglichkeiten – und weniger Ausreden. Wer das Leben in Berlin verbessern will, wird sich an Ergebnissen messen lassen müssen. An Wohnungen, Schulen und einer funktionierenden Verwaltung. Nicht an der Zahl der erfolgreich überstandenen innerparteilichen Erregungswellen.
Eralp hat einen Wahlsieg erreicht. Ob daraus eine handlungsfähige Regierung wird, ist offen. Die Genossen haben ihr jedenfalls schon eine erste Aufgabe gestellt: herauszufinden, wer nach dem Sieg überhaupt noch gewinnen will.
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