Der Regierungsauftrag liegt in Berlin. Die außenpolitischen Aufnahmeprüfungen veranstalten die eigenen Palästina-AGs. (Montage aus Archivfotos Rotes Rathaus / Bethlehem: Peter Ansmann)
Die Linke will Berlin regieren. SPD und Grüne dürfen sich dafür verachten lassen.
Unter dem Motto „Gewählt für Palästina. Verraten für den Senat.“ mobilisieren die Berliner Palästina-LAG und die Palästina-Bundes-AG der Linken weiter gegen den Regierungskurs der eigenen Partei. Dabei diskreditieren sie die potenziellen Koalitionspartner. Die Linksjugend Berlin erklärt linke Regierungspolitik gleich für unmöglich.
Praktisch: Die Partei kann sich eine Opposition sparen. Sie bringt ihre eigene mit. Man kann diese Warnhinweise natürlich überlesen. Kleingedruckt sind sie jedoch nicht.
Glückwünsche mit Oppositionsauftrag, 23. September 2026. Der sichtbare Kommentar darunter stammt von Revolutionäre Linke Hamburg. (Screenshot: Instagram / LAG Palästinasolidarität NRW)
Die Linke hat Berlin gewonnen. Ihre Palästina-LAG in Nordrhein-Westfalen weiß bereits, was man mit diesem Erfolg anfangen sollte: Opposition machen. Drei Berliner Politikerinnen bekommen Glückwünsche samt politischer Gebrauchsanweisung. Währenddessen bewerben die Berliner LAG und die Bundesarbeitsgemeinschaft ein neues Interview mit Hannah Bruns. Die Partei könnte regieren. Teile ihres Umfelds haben offenbar Wichtigeres vor.
Es gibt Glückwünsche, die klingen wie eine vorsorgliche Kündigung. Am 23. September 2026 veröffentlichte die LAG Palästinasolidarität NRW einen Beitrag zu Vanessa „Vedi“ Emde, Martha Kleedörfer und Deike Janssen. Die drei werden darin als künftige Stimmen im Berliner Abgeordnetenhaus gefeiert. Nicht einfach für linke Politik, sondern ausdrücklich für eine „konsequente linke Opposition“.
Vanessa „Vedi“ Emde ist politische Bildnerin, Mediatorin und Kulturschaffende aus Neukölln; ihr Parteiprofil beschreibt ihr Engagement als queer-feministisch, antikapitalistisch und internationalistisch. Martha Kleedörfer ist wohnungspolitische Sprecherin der Linken im Bezirksparlament Mitte und setzt sich für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne ein. Deike Janssen ist Sozialarbeiterin mit Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe und trat für die Linke im Wedding an; zu ihren Schwerpunkten gehören Kinderarmut, bezahlbares Wohnen und bessere Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit.
Man muss den Genossen zugutehalten: Andere Parteien warten mit der Enttäuschung ihrer Regierungsambitionen bis nach den Verhandlungen. Hier wird die Oppositionsbank schon einmal reserviert. Sicher ist sicher. Am Ende könnte aus dem Wahlsieg sonst noch Arbeit werden.
Justus Dirks und die LAG Palästinasolidarität Berlin fragen nach dem Wahlsieg, wie unabhängig die Palästina-Solidarität unter Regierungsverantwortung bleiben könne. (Screenshot: Instagram)
Die Linke hat Berlin gewonnen. Nun droht ihr das Schlimmste: Verantwortung. Ihre Palästina-LAG fragt deshalb vorsorglich, wie unabhängig man vom eigenen Wahlsieger bleiben kann – und ob SPD und Grüne politischen Druck ausüben.
Das klingt weniger nach Koalitionsverhandlungen als nach einer Dienstaufsichtsbeschwerde, die schon vor Dienstantritt fertig ist.
Die Linke hat Berlin gewonnen. Teile ihres politischen Nachwuchses feiern das Ergebnis mit einer bemerkenswerten Forderung: Opposition.
Andere nehmen den eigenen Fraktionsvorsitzenden ins Visier. Und in Neukölln wird der Wahlerfolg bereits als Sieg über „Hetze“ präsentiert. Vier Beobachtungen vom Wahlabend und dem Tag danach.
Das Beziehungsgeflecht der Berliner Linkspartei erinnert inzwischen an Game of Thrones. Dabei geht es nicht nur um die richtige Kommunikation, sondern um politische Positionen und die Frage, wo die Partei Grenzen zieht. Beim Umgang mit Israel und Antisemitismusvorwürfen verlaufen die Konfliktlinien mitten durch die eigenen Reihen.
Auslöser des aktuellen Streits war der Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Wahlkampfveranstaltung in Neukölln. Dort fielen die Parolen „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“. Spitzenkandidatin Elif Eralp verurteilte den Auftritt und forderte Konsequenzen. Aus dem Neuköllner Bezirksverband und der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität kam dagegen Unterstützung für den Rapper.
Die Linke Neukölln will die CDU schlagen. Die Neuköllner Linken-Kandidatin Vedi Emde und die Palästina-LAG der Linkspartei erklären derweil, unter welchen Bedingungen sie lieber in der Opposition bleiben. Als Eralp-Unterstützerin Daniela Sepehri widerspricht, wird es persönlich.
Für die Beschäftigung mit politischen Gegnern bleibt bei so viel innerer Solidarität kaum noch Zeit.
Linkspartei-Spitzenkandidatin Elif Eralp hat eine beruhigende Erklärung für den Streit um ihre Regierungspläne. Im ntv-Interview vom 14. September 2026 sagt sie: „Einzelstimmen kann man vernachlässigen.“ Die große Mehrheit ihrer Partei stehe hinter ihr.
In den Kommentarspalten haben diese Einzelstimmen allerdings erstaunlich viele Einwände gegen den Einzug ihrer Partei in den nächsten Berliner Senat.
Gemeinsam. Gegeneinander. (KI-generierte Karikatur: Ruhrbarone / OpenAI; Eralp-Vorlage: Ferran Cornellà / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Karikatur ebenfalls CC BY-SA 4.0.)
Elif Eralp will ins Rote Rathaus. Die Neuköllner Linksjugend will eine Absage ans Mitregieren. Ein Bundestagsabgeordneter liefert den Zusammenhaltsspruch. Und die passende Gegenlektüre zum Jugendaufruf stammt aus der eigenen Fraktionsführung. Die Berliner Linke bietet ihren Wählern dieselbe Partei für entgegengesetzte Vorhaben.
Im Wahlkampf müssen Parteien erklären, was sie mit den Stimmen ihrer Wähler anfangen wollen. Die Linke Berlin führt vor, wie man diese Frage gleichzeitig in zwei Richtungen beantwortet. Eralp bewirbt sich um das Amt der Regierenden Bürgermeisterin. Die Linksjugend [’solid] Neukölln fordert Kandidierende in ihrem Aufruf vom 6. September 2026 dagegen auf, Regierungsbeteiligungen abzulehnen und Parlament sowie Wahlen für den Klassenkampf zu nutzen.
Das ist ein Aufruf der Jugendgruppe, kein Beschluss des Landesverbands. Politisch macht es die Sache trotzdem reizvoll: Die einen sammeln Stimmen für den Einzug ins Rathaus, die anderen Argumente gegen den Einzug.
Ein Wagen, zwei Richtungen. (KI-generierte Karikatur: Ruhrbarone / OpenAI; Eralp-Fotovorlage: Ferran Cornellà / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Karikatur ebenfalls CC BY-SA 4.0.)
Für die weitere Selbstzerlegung braucht die Berliner Linke sowieso keine musikalische Begleitung mehr. Elif Eralp (Die Linke) möchte Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Die Linksjugend Neukölln fordert die eigenen Kandidierenden dagegen auf, eine Regierungsbeteiligung auszuschließen.
Die Spitzenkandidatin bewirbt sich ums Rathaus. Der Nachwuchs übt schon Opposition gegen ihren Einzug.