
Ein erdrutschartiger Wahlsieg am 12. April 2026 bescherte der bisherigen Oppositionspartei Tisza mit 141 Mandaten (53,18 %) eine komfortable Zweidrittelmehrheit (erforderlich dafür wären 133) im 199 Abgeordnete zählenden ungarischen Parlament. Die Tisza-Partei kann somit die Verfassungsänderungen, die V. Orban in den letzten 16 Jahren seiner Herrschaft initiierte, zurücknehmen und selbst Änderungen zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit durchführen. Bereits in der Wahlnacht hat der designierte Ministerpräsident und Vorsitzende der Tisza-Partei, Peter Magyar, umfassende Reformen und einen „vollständigen Systemwechsel“ angekündigt.
Die abgewählte Fidesz-Partei von V. Orban erhielt 52 Sitze (38,61 %) im Parlament, die ultranationalistische und rechtsextreme MHM Mi Hazank Mozgalom, übersetzt „Bewegung Unsere Heimat“, 6 Sitze (5,63 %). Die anderen kandidierenden Parteien erreichten nicht die erforderliche 5-%-Hürde und sind daher im Parlament nicht vertreten. Die Wahlbeteiligung betrug insgesamt 79,56 % und war die höchste seit dem Regimewechsel im Jahre 1989.
Wegen des äußerst komplizierten Wahlsystems dauerte die Stimmenauszählung mehrere Tage; das amtliche Wahlergebnis liegt nun vor. P. Magyar kündigte an, nur das Wahlergebnis im Wahlbezirk „Komitat Vas“ wegen Wahlbetrugs nach „russischem Muster“ anzufechten.
Das neugewählte ungarische Parlament muss innerhalb von dreißig Tagen nach der Wahl vom Staatspräsidenten Tamas Sulyok zur konstituierenden Sitzung einberufen werden. Er hat auch das Vorschlagsrecht zur Wahl des Ministerpräsidenten. Gewählt wird, wer die einfache Mehrheit der anwesenden Parlamentarier auf sich vereinigen kann. Nach der erfolgreichen Wahl tritt er das Amt des Ministerpräsidenten mit sofortiger Wirkung an. Auf seinen Vorschlag hin ernennt das Staatsoberhaupt die neuen Minister. Theoretisch könnte auch V. Orban als Kandidat für den Posten des neuen Ministerpräsidenten vorgeschlagen werden. Bis zur Wahl des neuen Ministerpräsidenten bleibt V. Orban mit eingeschränkten Befugnissen (er darf z. B. keine Staatsverträge unterzeichnen) im Amt. Die konstituierende Sitzung des neuen Parlaments wird vermutlich am 9. Mai stattfinden.
Unmittelbar nach dem Wahlsonntag traf sich der designierte Ministerpräsident Peter Magyar mit dem amtierenden Staatspräsidenten Tamas Sulyok, der 2024 vom Fidesz dominierten Parlament gewählt wurde. Offensichtlich war es keine nette Unterhaltung. P. Magyar forderte das Staatsoberhaupt auf, zurückzutreten, weil er „unwürdig sei, die Einheit der Nation zu verkörpern und nicht fähig sei, zu gewährleisten, dass das Recht respektiert wird“. T. Sulyok sei eine „Marionette“, weil er rechtswidrige Gesetze der Regierung Orban unterschrieben und gebilligt habe. Der Präsident teilte nur mit, er würde über diesen Vorschlag nachdenken. Außerdem verlangte P. Magyar auch den Rücktritt des Generalstaatsanwalts, des Vorsitzenden des Verfassungsgerichts, des obersten Medienkontrolleurs und aller, die das System Orban getragen haben: „Es handelt sich nicht um einen Machtwechsel, sondern um einen Systemwechsel.“
Drei Tage nach der gewonnenen Wahl wurde P. Magyar vom staatlichen Fernsehsender M1 und vom staatlichen Rundfunk Radio Kossuth zum Interview eingeladen. Der Tisza-Vorsitzende bedankte sich ironisch dafür, dass er nun nach anderthalb Jahren wieder im Studio sitzen dürfe. Er verkündete, dass dieser „Propagandasender“ seine Arbeit zunächst einstellen müsse, weil er nicht journalistisch tätig gewesen sei, sondern (auch über ihn) nur Lügen und Hetze verbreitet habe. Am tiefsten betroffen zeigte sich P. Magyar darüber, dass auch seine Kinder ein Teil der Schmutzkampagne der „Lügenfabrik“ geworden sind. Sie arbeite nach dem Muster der goebbelschen Propaganda und sei so objektiv wie die Medien in Nordkorea. Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten würden die staatlichen Medien so lange stillgelegt, bis es eine objektive und unabhängige Berichterstattung gebe.
Bezeichnend für die Stimmung im Orban-Lager ist das Interview mit einer wohlsituierten Dame im staatlichen Fernsehen am Wahlabend, als die Wahlniederlage von V. Orban feststand. Die Fidesz-Anhängerin stammelte nur: „Warum, warum … überall entstehen wunderschöne Häuser, die Menschen fahren große Autos und machen Urlaub im Ausland … warum, warum?“ Die Dame hatte leider nicht verstanden, dass die allermeisten Ungarn andere Sorgen haben als die kleptokratische Fidesz-Elite.
Die ausufernde Inflation, das marode Gesundheits- und Schulsystem, die wirtschaftliche Stagnation, die mangelhafte Rechtsstaatlichkeit, die Streitigkeiten mit der EU, die prorussische Politik, hauptsächlich aber die sagenhafte Korruption, Nepotismus und Kleptokratie trugen allmählich zum Verlust der Unterstützung für V. Orban bei und letztendlich zu seiner vernichtenden Wahlniederlage.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das von V. Orbans erfundene und immer wieder für die Belange von Fidesz manipulierte undemokratische Wahlsystem seinen eigenen Sturz verursachte. Ironie der Geschichte ist ebenfalls, dass bei V. Orbans öffentlichen Wahlveranstaltungen Teile des Publikums „Ruszkik haza!“ („Russen nach Hause!“) skandierten. Dies war die Losung des ungarischen Aufstandes gegen die Sowjetunion im Herbst 1956 und später in den Jahren 1988 und 1989 auch der Fidesz-Dissidenten um V. Orban, die den Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen verlangten. Was für eine persönliche Schmach im Jahre 2026 für V. Orban und seine prorussische Politik!
Eine der umstrittensten und gleichzeitig unbeliebtesten Persönlichkeiten in Ungarn ist Lörinc Meszaros. Ein Schulfreund von Viktor Orban, ursprünglich ein gelernter Gasinstallateur mit einem Kleinbetrieb, wirtschaftlich erfolglos, oft am Rande der Insolvenz. Sein kometenhafter Aufstieg ist eng mit der politischen Karriere seines Freundes V. Orban verbunden: Innerhalb von nur sechs Jahren betrug L. Meszaros’ Vermögenszuwachs märchenhafte eine Milliarde Euro. Laut Forbes ist er heutzutage der reichste Ungar und vielfacher Dollarmilliardär. Seine Beteiligungen umfassen Printmedien, Fernsehanstalten, Energieunternehmen, Baufirmen, Banken und ausländische Unternehmen.
Am 15. April 2026 gewährte Peter Magyar dem Sender Kossuth Radio ein Interview, in dem er sagte: „Jeder sieht, dass es nicht normal ist und nicht legal ist, dass Viktor Orbans Freund und Schatzmeister Lörinc Meszaros, ursprünglich ein Gasinstallateur, innerhalb von zehn Jahren fünfmal reicher geworden ist als die englische königliche Familie in vierhundert Jahren.“ Nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten möchte P. Magyar eine Behörde schaffen, die mit rechtsstaatlichen Mitteln solche ungeklärten Vermögenswerte überprüfen wird.
Vor einem Jahr lief auf YouTube die investigative Dokumentation „A dinasztia/The Dynasty“ des ungarischen Recherchezentrums Direkt36. Millionen von Zuschauern sahen die Dokumentation und konnten verfolgen, wie V. Orbans Schwiegersohn und auch andere Familienmitglieder auf wundersame Weise zu den reichsten Menschen in Ungarn wurden. Diese Dokumentation erschütterte nachhaltig das System Orban und spielte mit Sicherheit eine wichtige Rolle bei seiner Abwahl. Der Kampagne des Regierungsblattes Magyar Nemzet, dass es sich bei der „A dinasztia“ um ein Werk des ukrainischen Geheimdienstes handelt, wurde kein Glauben geschenkt.
Die Wahl in Ungarn hat bewiesen, dass es möglich ist, einen korrupten Autokraten mit demokratischen Mitteln zu besiegen, obwohl ihm der gesamte Staatsapparat, die Medien und die Gerichte zur Verfügung standen. Auch die finanzielle Unterstützung durch die Oligarchen und die Desinformationskampagnen führten nicht zum Erfolg.
