Ich bin stolz, ein „deutsch sprechender Amerikaner“ zu sein

Die CBGB-Fassade (2005) Foto: Adicarlo CC BY-SA 3.0

Im Interview mit dem Schweizer Magazin Weltwoche sagte AfD-Mastermind Björn Höcke, Westdeutsche seien „deutsch sprechende Amerikaner“. Der Mann hat recht!

Um es vorweg zu sagen: Nicht alles an Ostdeutschland ist schlecht. Die Thüringer Bratwurst schmeckt gut. Dazu kommen eine Handvoll Ostdeutsche, die ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nicht missen möchte, aber das war es auch schon. Identitätsprägend ist das alles nicht. Und wenn ich mal im Osten bin oder mir ein alter Freund, der nun in Zonien an der Küste lebt, von seinen Erlebnissen erzählt, ist mir das fremder als die westeuropäischen Länder, die ich seit meiner Kindheit besucht habe.

Wenn Höcke sagt, die Menschen im Osten seien noch richtige Deutsche, mag das stimmen und ist wahrscheinlich der Grund, warum ich immer, wenn ich über die Zonengrenze fahre, die Innenverriegelung meines Autos betätige. Der Prozess der Zivilisation, der im Westen Deutschlands aus einem großen Teil der Bevölkerung „deutsch sprechende Amerikaner“ machte, erreichte die Länder östlich des schönen Grenzflusses Elbe nie. Demokratie, Liberalismus, Popkultur und Technologie sind heute selbstverständlicher Teil unserer Identität.

Höcke meint „deutsch sprechender Amerikaner“ als Beleidigung. Ich nehme es als Kompliment. Was Höcke als kulturelle Niederlage beschreibt, ist für mich der große historische Erfolg der Bundesrepublik.

Ich mag keine deutschen Filme und gebe amerikanischen Romanen den Vorzug. Mein Musikgeschmack wurde durch das CBGB mehr geprägt als durch die Thomaskirche, und alle Technologien, die mich seit Jahrzehnten prägen, kommen aus Kalifornien und nicht aus Sachsen. Ja, ich weiß, dort gab und gibt es eine IT-Industrie, aber ich erinnere mich auch noch daran, wie die Messehostessen neben den 9-Nadel-Druckern auf dem Robotron-Stand der CeBIT 1988 aussahen. Wie sagen die Polen doch so schön: „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.“

Und natürlich habe ich den Kapitalismus im Blut. Es ist ein großer Irrtum, wenn Linke die ideologisch von Björn Höcke dominierte AfD für neoliberal halten. Die AfD ähnelt eher völkischen Grünen. Höcke kann mit Alex Karps The Technological Republic so wenig anfangen wie mit dem Kern des kapitalistischen Denkens, Leistung, Erfolg und Ideenreichtum über Herkunft zu stellen.

Wenn Höckes Anhänger es so sehen wie er, nehmen wir die paar netten Ossis auf und machen einfach Schluss.

Ich  schaue auf die Bilanz und stelle nüchtern fest, dass die Wiedervereinigung ein schlechtes Geschäft war: Zwei bis vier Billionen Euro haben wir in die Ostzone überwiesen. Für einen Bruchteil des Geldes hätte man die Dresdner Altstadt neben Groß-Gerau am Mainufer bauen können – und das sogar ohne Sachsen.

Wir sind offenbar nicht „ein Volk“, sondern dem jeweils anderen eine Zumutung. Ich bin stolz, ein „deutsch sprechender Amerikaner“ zu sein, und ich habe mein Geld lieber auf meinem Konto, als ostdeutschen Rentnern einen Teller warme Soljanka oder AfD-Jungwählern eine Simson zu finanzieren. Das Leben ist schon teuer genug – warum nicht da sparen, wo man es nicht merkt: beim Osten!

Lasst uns lieber OpenAI- oder SpaceX-Aktien kaufen, das könnte sich mehr lohnen. Wenn Höckes Anhänger es so sehen wie er, nehmen wir die paar netten Ossis auf und machen einfach Schluss.

Ja, wir sind deutsch sprechende Amerikaner, und die meisten von uns sind es gerne. Und wir können uns unser Land wiederholen: die Bundesrepublik in den Grenzen von 1989.

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1 Kommentar
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Ernst-Eugen Esterhazy
Gast
Ernst-Eugen Esterhazy
24 Minuten vor

Mir aus der Seele geschrieben, herzlichen Dank dafür. CBGB 🥰

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