
Es ist wohltuend, wenn ein Profi am Ende seiner Karriere nicht mit Verbitterung, Vorwürfen oder offenen Rechnungen abrechnet. Lewis Holtby verabschiedet sich mit Dankbarkeit, Demut und Zufriedenheit vom Fußball. In einer Zeit, in der viele ehemalige Stars lieber über verpasste Chancen, falsche Trainer oder schlechte Berater sprechen, wirkt das beinahe erfrischend altmodisch.
Man kann ihm diese Haltung nur gönnen. Wer fast zwei Jahrzehnte als Profi unterwegs war, in Deutschland, England und den Niederlanden spielte, drei Länderspiele absolvierte und viele Stadien dieser Fußballwelt kennenlernen durfte, hat zweifellos einiges erlebt. Mitleid braucht mit Lewis Holtby sicherlich niemand zu haben.
Und trotzdem bleibt bei seinem Karriereende ein leiser Gedanke zurück: War das wirklich alles?
Die Hoffnungen waren einmal riesig
Wer Lewis Holtby nur aus den vergangenen Jahren kennt, sieht einen soliden Zweitliga-Profi, keinen Top-Star der Szene. Wer ihn jedoch auch schon zu Beginn seiner Laufbahn erlebt hat, erinnert sich an einen ganz anderen Eindruck.
Auf Schalke galt Holtby als eines der größten deutschen Mittelfeldtalente seiner Generation. Dynamisch, technisch stark, kreativ und mit einer ansteckenden Begeisterung für das Spiel ausgestattet, schien ihm die Zukunft offen zu stehen. Auch in Mainz gehörte er gemeinsam mit André Schürrle zu den legendären „Bruchweg Boys“, die den deutschen Fußball mit ihrem mutigen Offensivspiel begeisterten.
Damals schien kaum jemand daran zu zweifeln, dass Holtby dauerhaft Nationalspieler werden, bei einem europäischen Spitzenklub prägen und vielleicht sogar eine tragende Figur der Bundesliga werden könnte.
Viel unterwegs, aber selten angekommen
Stattdessen wurde seine Karriere zu einer langen Reise. Zehn Profistationen sprechen zwar für Erfahrung, aber eben auch dafür, dass Holtby nie dauerhaft irgendwo unverzichtbar war. Tottenham, Fulham, Blackburn, Hamburg, Kiel, Breda – überall hinterließ er Spuren, doch nirgendwo wurde er zu der prägenden Persönlichkeit, die viele Experten einst in ihm gesehen hatten.
Seine Bilanz ist ordentlich, aber eben nicht außergewöhnlich. Drei Länderspiele. 225 Bundesliga-Partien. Einige Jahre in der Premier League. Das ist mehr, als die allermeisten Fußballer jemals erreichen. Gemessen an den Erwartungen, die einst an ihn geknüpft wurden, wirkt diese Vita allerdings erstaunlich unspektakulär.
Vielleicht war Holtby nie ganz konstant genug. Vielleicht fehlte ihm manchmal die letzte Konsequenz oder schlicht das nötige Quäntchen Glück. Wahrscheinlich spielte von allem etwas mit hinein.
Erfolg ist eben nicht immer planbar
Genau deshalb ist Holtbys Karriere letztlich auch ein gutes Beispiel dafür, wie unberechenbar der Profifußball ist. Talent allein garantiert eben keine Weltkarriere. Zwischen dem hoffnungsvollen Nachwuchsstar und dem internationalen Topspieler liegen unzählige Hürden.
Lewis Holtby hat seinen Kindheitstraum dennoch gelebt. Er durfte Fußballprofi sein, internationale Erfahrungen sammeln und von seinem Hobby leben. Dass er darauf heute mit Stolz zurückblickt, ist absolut nachvollziehbar.
Als neutraler Beobachter darf man dennoch ein wenig wehmütig werden. Denn der junge, unbekümmerte Spielmacher, der einst auf Schalke und in Mainz die Fantasie der Fans beflügelte, schien zu Höherem bestimmt. Am Ende bleibt keine gescheiterte Karriere zurück – aber eben auch keine, die das riesige Potenzial vollständig ausgeschöpft hat. Und genau das macht den Abschied von Lewis Holtby ein kleines bisschen melancholisch. Für mich zumindest…
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen