Abschaffung von Völkerball im Schulsport? Geht gar nicht!

Völkerball; Foto: Peng (Diskussion) 10:07, 30 June 2011 (UTC) [CC0], via Wikimedia Commons

Es gibt, natürlich, Schulfächer die in der Schule verhasst sind: Bei mir mir waren das Religion, Kunst und, ganz besonders, Sport. Besonders gehasst beim Schulsport war für mich, neben Übungen an Geräten, auf die ich mit 13 Jahren und 150 cm Körpergröße kaum draufkam: Alles was mit Mannschaftssport zu tun hatte.

Wenn Sport und  auf dem Stundenplan stand, war der Tag gelaufen. Es gab nur eine Hoffnung an den Tagen, an dem diese schulisch organisierte Tortur auf dem Tagesprogramm stand: Wenn, was leider selten passierte, Völkerball angesagt war. Ein hervorragender Sport. Bei dem man auch, wenn man komplett unsportlich ist, durch Leistung hervorstechen kann.

Kanadische Forscher haben sich diese sinistre Sportbetätigung nun genauer angeschaut:

Und wollen Völkerball aus dem Sportunterricht verbannen.

Zwei Innenfelder. Zwei Außenfelder. Eine Eine variable Anzahl von Spielern in jedem Feld und jeweils ein Spieler, bei mir in der Grundschule hieß diese Person „Hintermann“, im gegenüberliegenden Außenbereich. Die Regeln sind einfach: Die Spieler der gegnerischen Mannschaft müssen abgeworfen und so in den Außenbereich verbannt werden. Wer die Regeln nicht kennen sollte: Auf Wikipedia sind diese, unter Berücksichtigung aller Variationen des Spiels, nachzulesen: Völkerball – Entstehung und Regeln

Forscher in Kanada haben sich nun mit Völkerball, bzw. der amerikanischen Variante dieses Spiels, Dodgeball, beschäftigt und fordern eine Abschaffung des beliebten Ballspiels.

Völkerball: Beliebter Ballsport

Bei Mannschaftssport während meiner Grund- und Realschulzeit galt im Sportunterricht eine einfache Grundregel, die leider allseits bekannt war: Die Mannschaft, in der ich mitspiele, verliert. Grundsätzlich: Haushoch. Dieses Gesetz galt für Fußball, Volleyball, Basketball und Hallenhockey. Der einzige Grund, dass ich nicht von den eigenen Leuten bei oben genannten Sportarten gefoult wurde, waren die drohenden Sanktionen durch den, vor mir verhassten, Sportlehrer.

Die einzige Ausnahme von dieser Regel bei der Mannschaftsaufstellung: Völkerball.

Auch ohne besonders groß, kräftig und schnell zu sein konnte man bei diesem Sport brillieren. In unserer Schule wurde Völkerball mit den gleichen Bällen gespielt, die auch für Volleyball verwendet wurden.

Generell galt: Ich stehe bis zuletzt im Hauptfeld und wenn die vom Gegner getroffenen und ins Außenfeld geschickten Mannschaftskollegen mir den Ball zukommen lassen, das Auffangen von Bällen war nicht so meine Sache, waren die Chancen hoch, dass die gegnerische Mannschaft von mir ausgeschaltet wurde. Last Man Standing.

Körperliche Größe ist bei diesem Sport kein Vorteil. Man bietet damit nur mehr Fläche um abgeworfen zu werden. Etwas Taktik, gute Reflexe und die Bereitschaft sich auch mal auf den Boden zu werfen um dem Ball auszuweichen reichen aus um beim Völkerball zu bestehen.

Völkerball: Spielerische Vorbereitung auf das Leben

Eigentlich eine prima Vorbereitung auf’s Leben: In Deckung bleiben und im richtigen Moment aktiv werden.

Während meiner Schulzeit war Völkerball überaus beliebt, heute ist das offensichtlich immer noch so: Bei den Abschlussfeiern der Ferienfreizeiten meiner Kids vor ein paar Jahren, stand zu meiner großen Freude auch Völkerball auf dem Programm: Das Außengelände der Weilermühle bietet sich ja an: Auf der Rasenfläche fällt man zudem nicht so hart wie damals in der Sporthalle. Gemischte Mannschaften aus Eltern und Kids. Die Mutter meiner Kinder musste mich damals ermahnen nicht so hart, wobei ich nur Erwachsene als Ziel hatte, zu werfen und nicht auf Köpfe zu zielen.

Und ja: Natürlich gehe ich beim einzigen Mannschaftssport, in dem ich nicht grottenschlecht bin, richtig mit. Bei Fussball schlafe ich ein, bei Völkerball agiere ich auf dem Spielfeld effektiv und, zugegeben, wie ein lupenreiner Psychopath.

In der Kritik: Dodgeball, eine Variante von Völkerball; Foto: [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Mobbing und Völkerball: Die kanadische Studie

Völkerball, oder genauer: die amerikanische Variante Dodgeball, steht nun in der Kritik: „Menschenfeindlich“ sei die beliebte Ballsportart.

SPIEGEL Online und DIE WELT berichten aktuell über eine Studie aus Kanada. Die Wissenschaftler setzen Völkerball mit „legalisiertem Mobbing“ gleich und fordern eine Ächtung des menschenfeindlichen Sports: Was, mit Verlaub, ziemlicher Blödsinn ist.

Kanadische Wissenschaftler üben in einer neuen Studie harte Kritik am verbreiteten Spiel Völkerball. Es sei gleichzusetzen mit „legalisiertem Mobbing“. Stärkere Schüler würden das Spiel nutzen, um schwächere Klassenkameraden zu demütigen. (Quelle: DIE WELT)

Auf RP-Online verteidigt Christopher Wentzeck, Sportwissenschaftler mit Schwerpunkt Sportpädagogik vom Landessportbund NRW, die beliebte Ballsportart und kritisiert die irreführenden Schlussfolgerungen der Studie:

„Außerdem erleben wir auch in etlichen anderen Sportarten unfaires Verhalten. Im Fußball beispielsweise wird regelmäßig gefoult und es gibt auch oft aggressive Ausbrüche. Das Verhalten des Spielers an der Sportart festzumachen, halte ich für falsch.“ (Quelle: RP-Online)

Der Sportwissenschaftler hat mit dieser Einschätzung, IMHO, Recht:

Völkerball ist nicht Auslöser von Mobbing, sondern kann das Ventil sein.

Ebenso wie Fußball und Hockey durch Fouls.

Oder unfaires Verhalten bei diabolischen Brettspielen mit kriegerischen Hintergrund:

Schach und Risiko beispielsweise. Bei Scrabble können auch Wörter gelegt werden, die Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung beeinträchtigen könnten: Problematisch.

Konsequenterweise müsste man, damit die Kids nicht zu früh mit eiskalten Kapitalismus und Mietwahnsinn in Berührung kommen, Monopoly ächten.

Das Problem ist Mobbing. Nicht Völkerball.

Das sich ein Sportwissenschaftler aus NRW gegen die Thesen der kanadischen Wissenschaftler positioniert, hat mich überrascht: Bestimmte „deutsche Wege“ der Bevormundung, beispielsweise beim sogenannten Jugendmedienschutz (Man kann es auch Zensur nennen), hake ich gedanklich unter „Just German Things“ ab.

Die Debatte, die durch die kanadische Studie angestoßen wurde, hat aber einen Vorteil: Es gibt, da hat sich in der Gesellschaft etwas verändert, heuer gravierendere Probleme mit Mobbing und Gewalt an Schulen als noch vor 20 Jahren.

Früher hörte psychische und physische Gewalt nach der Schule auf: Heute werden Schikanen oder Prügeleien gefilmt und die Betroffenen 24h, über die sozialen Medien, gemobbt.

Nicht ohne Grund haben Kampfkunstschulen, die Mobbingprävention für Kinder und Jugendliche in ihrem Programm haben, viel Zulauf.

Mobbing gehört kritisiert. Und thematisiert.

Und nicht eine der beliebtesten Ballsportarten, wo gibt im Universum.

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ke
ke
5 Jahre zuvor

Demnächst gibt es im Sport nur noch Power-Sleeping in Einzelkabinen und alle erhalten eine Teilnehmer-Urkunde.

Ja, Völkerball hatte etwas. Es gab versch. Strategien um zum Erfolg zu kommen.

Sportsmanship sollte viel deutlich im Mittelpunkt stehen. Insbesondere bei den Fernsehsportarten. Hier müssen die Sportlehrer von den populären Sportarten Unterstützung bekommen.
Eine Schwalbe ist eben nicht clever und wer streikt bzw. Spiele verzögert, weil eine Schiedrichterentscheidung aus seiner Sicht nicht OK ist, muss gesperrt werden. Auch im Damen-Fußball.

Nina
Nina
5 Jahre zuvor

Richtig. Nicht Völkerball ist das Problem sondern der Sportunterricht an sich. 😀
Meine Hit-Liste der Anti-Fächer: Mathe, Mathe, Mathe und Sport. Als Mädchen konnte man wenigstens irgendwann zumindest ein Mal im Monat legitimerweise passen. Man gab einen handgeschriebenen Entschuldigungszettel ab und setze sich lässig und bequem in Straßenkleidung auf die Bank. Lesen und Nachdenken war soviel besser.

ke
ke
5 Jahre zuvor

@2 Nina
Die armen Jungen konnten sich nicht so einfach vor Deutsch-Stunden drücken. Wie ungerecht.
So jetzt sind die Vorurteile aber auch durch.

thomas weigle
thomas weigle
5 Jahre zuvor

Kopfschüttel!!

Nina
Nina
5 Jahre zuvor

@3 ke: Ja, das tut mir auch Leid für die Jungen, aber hey, dafür haben die meisten erwachsenen Jungs heute geringere Fixkosten als die meisten erwachsenen Mädchen. 😀
Es gleicht sich ja fast alles irgendwie aus im Leben.

thomas weigle
thomas weigle
5 Jahre zuvor

@ Peter Ansmann Spielverzögerung ist mittlerweile auch im Fußball immer weniger eine sinnreiche Option, wie man bei der gerade stattfindenden gut bis hochklassigen Fußball WM der Frauen beobachten kann. Bei den Frauen wird allerdings eh weniger Aufstand gegen angeblich falsche Schirientscheidungen veranstaltet. Auch sind weibliche Schwalben eine seltenere Spezies als männliche.

Klaus Lohmann
Klaus Lohmann
5 Jahre zuvor

Völkerball war wohl damals – auch und gerade zu meiner Zeit ab Mitte der Sechziger – sowohl in den Grund- als auch in den ersten Jahren der weiterführenden Schulen *der* Mannschaftssport der Wahl, weil es halt kein Vollkontakt-Sport ist, der das Verletzungs- und damit das Versicherungsrisiko für die Lehrkräfte und Aufpasser minimierte. Später, als bis dato getrennte Jungen- und Mädchen-Klassen vermischt wurden, war Völkerball gegenüber den anderen Ballsportarten sogar unisex-fähig;-)

Andi
Andi
5 Jahre zuvor

"Die Wissenschaftler setzen Völkerball mit „legalisiertem Mobbing“ gleich und fordern eine Ächtung des menschenfeindlichen Sports"

Diese Schlußfolgerung der Wissenschaftler kann ich empirisch aus eigener Erfahrung zu 100% nachvollziehen. In der Grundschule und auch in den ersten Jahren danach bestand mein Sportunterricht fast ausschließlich aus Völkerball, und ich war weder besonders schnell noch besonders geschickt im Werfen. Die Wahrnehmung meiner "Nutzlosigkeit" in diesem Sinne übertrug sich schnell auf den übrigen Schulalltag, und da ich mit einigen Mitschülern meine gesamte Schulzeit bis hin zum Abitur verbrachte, verfolgte mich dies auch. Im Ergebnis habe ich mich ausserhalb des Schulsports nie mehr sportlich betätigt und freue mich heute noch über den Moment, als ich in der Oberstufe Sport endlich abwählen konnte.

Es ist schön für den Autor hier, dass es ihm anders erging, aber daraus Allgemeingültigkeit abzuleiten ist zweifellos recht gewagt.

Andi
Andi
5 Jahre zuvor

@Peter:

Ich war auch immer der letzte auf der Bank. Und die Lehrkraft war völlig egal; ich hatte in meiner Schullaufbahn grob überschlagen ein halbes Dutzend. Lehrerwechsel haben nichts daran geändert, dass Sport für mich hauptsächlich eine wöchentliche Übung in sozialer Ausgrenzung gewesen ist.

Mein Punkt ist: Völkerball hat sich da nicht von anderen Sportarten unterschieden. Ausser eben in dem Punkt, dass durch das Spiel selbst vorgesehen ist, andere gezielt ins Kreuzfeuer zu nehmen und sich über persönliche Abschüsse zu freuen. Das ist glaube ich der Punkt, der das Spiel hässlich macht. Beim Fußball war ich halt in der Abwehr und meine eigene Mannschaft hat mich kaum an den Ball gelassen, das war vergleichsweise okay. Ich kam halt im Spiel praktisch nicht vor. Im Völkerball war ich hingegen eine große Zielscheibe, die andere bereitwillig als solche genutzt haben, während der Rest zuschaute und sich über Abschüsse mitfreute.

Thommy
Thommy
5 Jahre zuvor

Wie kann jemand, der in den Ballsportarten Handball, Fussball, Volleyball und Basketball nach eigenem öffentlichen Geständnis schlecht war, beim Völkerball -da ist ja neben Treffischerheit und Fangkunst wie in den oben genannten Sportarten auch Schnelligkeit , Beweglichkeit, Strategie und Antizipationsfähigkeit gefragt- plötzlich gut sein ?

Das ist vollkommen unlogisch.?

Oder haben Sie sich nur immer in den dem gerade "ballführenden Spieler" am weitesten entfernten Ecken des Spielfeldes rumgedrückt und sind deshalb gar nicht wahrgenommen worden?

Oder lässt die-anscheinend- länger zurückliegende Zeit die Erinnerung etwas farbenfroher aussehen, so nach der Devise" Ich, Thomas Ansmann, der Lionel Messi des Völkerballs"? ?

paule t.
paule t.
5 Jahre zuvor

@#9, Zitat:
"Das Problem ist aber trotzdem nicht "dieser Sport", sondern die Art und Weise wie der Sportlehrer das aufzieht."

Genau diese Frage, ob spezifisch dieser Sport in Bezug auf Mobbing u.dgl. besonders (d.h. entweder strukturell oder im Vergleich mit anderen Sportarten) problematisch ist, werden die Wissenschaftler untersucht haben, wenn die Studie was taugt. Daher wäre ich mit solchen Aussagen zurückhaltend, bis ich genauere Infos über Methodik und Ergebnisse der Studie hätte.

Was mir persönlich erst mal auffällt, ist, dass es mW die einzige Mannschaftssportart ist, bei der sinnvoll ist, sich auf konkrete Spieler im Wortsinne "einzuschießen". Das finde ich an sich schon mal bemerkenswert.

Ihre besseren Erfahrungen sind ja schön für sie, aber rein anekdotisch.

Helmut Junge
5 Jahre zuvor

Mir behagt die Entstehungsgeschichte dieses Spiels nicht.
War von Anfang an ein Spiel, bei dem sich Völker gegenseitig tot schießen. Gewissermaßen als Vorbereitung für das wahre Totschießen im Krieg. siehe Wikipedia

https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerball

Jan Wirtz
Jan Wirtz
3 Jahre zuvor

Das Völkerball die aktiviert, die gerne und gut Werfen und Fangen können ist logisch. Nur werden alle anderen, durchschnittlichen bis schwachen Sportschüler und Schülerinnen, in dieser Sportart gar nicht bis wenig aktiviert. Hier gibt es einige Völkerball-Varianten, die dieses Problem ein wenig angehen und mit Möglichkeiten wie freilaufen auch den äußeren Spielern und Spielerinnen Optionen zur Bewegung ermöglichen. Denn wenn Sie sich gut an ihre frühere Völkerball-Zeit erinnern, erinnern Sie sich sicherlich auch daran, dass es meistens dieselben wenigen Personen waren, die nach dem Ball geschrien haben, um schnell wieder ins Spiel zu gelangen, während die schwächeren meistens nicht beachtet wurden. Nach ihrer Erzählung gehörten Sie sicherlich dazu (ich übrigens auch, ich habe das Spiel selber immer gern gespielt und mit Freude nach jedem Ball gehechtet), doch sehe ich mittlerweile in zu vielen Sportstundenbeobachtungen, dass Völkerball zu wenig Schüler und Schülerinnen aktiviert und zu viele vernachlässigt.

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