
Eine der seltsamsten Entwicklungen unserer Zeit ist die Entstehung einer neuen digitalen Ersatzgeschichte.
Geschichte wird nicht mehr erforscht – sie wird geplündert, revidiert und Opfer ideologischer Verzerrungen.
Nicht verstanden – sondern instrumentalisiert.
Nicht aufgearbeitet – sondern zur psychologischen Kriegsführung gegen die Gegenwart missbraucht.
Auf einmal liest man:
„Wir waren zuerst überall.“
„Wir haben euch eure Länder ermöglicht.“
„Ohne uns gäbe es euch nicht.“
„Wir haben die westliche Welt aufgebaut.“
Es ist die moderne Version eines uralten Tricks: Wer die Vergangenheit für sich beansprucht, versucht Macht über die Gegenwart zu gewinnen.
Dabei ist der Unterschied entscheidend:
Die islamische Welt hatte gewaltige historische Leistungen. Große Gelehrte, Mathematiker, Ärzte, Philosophen und Wissenschaftler. Zentren des Wissens, die ihren Platz in der Weltgeschichte verdient haben.
Aber diese Geschichte gehört nicht den Jihadisten.
Fanatiker, die heute von religiöser Vorherrschaft, Unterwerfung und einem Kampf gegen liberale Gesellschaften träumen, sind nicht die Erben jedes muslimischen Wissenschaftlers, nur weil sie dieselbe Religion für ihre politische Ideologie benutzen.
Ein Extremist mit einer Fahne ist nicht plötzlich der Vertreter von Jahrhunderten menschlicher Errungenschaften.
Niemand würde akzeptieren, wenn ein heutiger europäischer Nationalist sagt:
„Meine Vorfahren bauten Kathedralen, also gehören mir ihre Leistungen und die Welt schuldet mir etwas.“
Warum sollte dieser Taschenspielertrick woanders funktionieren?
Die großen Errungenschaften der Menschheit entstanden durch Austausch, Wettbewerb, Konflikt, Handel, Übersetzungen, Fehler und Korrekturen.
Europa entstand nicht aus einer Quelle.
Nicht aus einem Volk.
Nicht aus einer Religion.
Nicht durch einen Eroberer.
Sondern durch Jahrtausende kultureller Schichten:
Die Minoer.
Griechenland.
Antike.
Rom.
Christentum.
Judentum.
Humanismus.
Renaissance.
Aufklärung.
Wissenschaftliche Revolution.
Industrialisierung.
Genauso wenig war die islamische Geschichte eindimensional. Auch dort gab es Philosophie, Kunst, Wissenschaft – aber eben auch Imperien, Machtpolitik und Kriege.
Ein Kalifat war kein mittelalterlicher Menschenrechtsverein.
Ein Imperium bleibt ein Imperium.
Egal, welche Fahne darüber weht.
Und genau hier beginnt die Gefahr für moderne offene Gesellschaften:
Multikulturalismus kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten die gemeinsame Grundlage akzeptieren.
Rechtsstaat.
Individuelle Freiheit.
Gleichberechtigung.
Gewissensfreiheit.
Die Fähigkeit, miteinander zu leben, ohne einander beherrschen zu wollen.
Wenn aber Extremisten die Offenheit einer Gesellschaft nicht als Einladung zum Zusammenleben sehen, sondern als Schwäche, die ausgenutzt werden kann, dann beschädigen sie genau das Experiment, von dem Millionen friedlicher Menschen profitieren.
Und ja: Auch der Umgang mit Migration gehört ehrlich diskutiert.
Wer Menschen aufnimmt, übernimmt Verantwortung. Nicht nur dafür, eine Tür zu öffnen – sondern auch dafür, was danach passiert.
Integration bedeutet nicht:
„Hier ist die Grenze, viel Glück.“
Integration bedeutet Orientierung. Sprache. Bildung. Wertevermittlung. Erklärung, wie eine Gesellschaft funktioniert.
Wer neu ankommt, muss verstehen können:
Welche Rechte habe ich?
Welche Pflichten habe ich?
Welche Regeln gelten hier?
Wenn Staaten Migration nicht organisieren, Identitäten nicht zuverlässig prüfen können und Menschen danach sich selbst überlassen, entsteht ein Vakuum.
Und jedes Vakuum wird gefüllt.
Hin und wieder von denen, die helfen wollen.
Aber mehr als nur viel zu oft von Extremisten, die genau darauf warten: Menschen ohne Halt, ohne Orientierung und ohne Zugehörigkeitsgefühl.
Dann verlieren am Ende alle:
Die Aufnahmegesellschaft, die bereit ist, Vertriebene aufzunehmen.
Die Migranten, die einfach friedlich leben und in einem freien Land eine Existenz wollen.
Und besonders moderne Muslime, die plötzlich mit Ideologien in Verbindung gebracht werden, gegen die viele von ihnen selbst kämpfen, die aber auch gegen die kämpfen, von denen sie vertrieben wurden.
Der Gegner ist nicht der Nachbar mit einer anderen Religion.
Der Gegner ist der Fanatiker, der glaubt, Religion unter dem Deckmantel eines politischen Systems sei ein Werkzeug der Herrschaft. Ein Freibrief, sich das zu eigen zu machen, was einem laut der „anderen“ Ummah aus der Sicht der Jihadisten versprochen wurde.
Der aus dem Glauben – dem hunderttausende moderne, friedvolle, weltoffene Muslime folgen, die die Freiheiten, Möglichkeiten und Gleichheitsprinzipien westlicher Gesellschaften schätzen und leben – einen Machtanspruch auf absolute Vorherrschaft macht.
Vielfalt ist eine Stärke, solange alle Beteiligten bereit sind, diese Vielfalt auch anderen zuzugestehen und sie zu nutzen, um eine kohäsive Gesellschaft voranzutreiben.
Das ist die Form von Vielfalt, die eine Stärke ist, weil man mit dieser Form keine Türen für zum Beispiel Jihadisten offen hält und diese Form keine Ausbeutung und Vereinnahmung zulässt.
In dem Moment, in dem eine Gruppe Freiheit nur für sich selbst fordert, aber anderen dieselbe Freiheit verweigern möchte, endet Vielfalt – und es beginnt ein Machtkampf unter dem Deckmantel der Toleranz.
Geschichte gehört nicht den Lautesten.
Kultur gehört nicht den Extremisten.
Und die Zukunft gehört nicht denen, die alte Eroberungen romantisieren.
Eine freie Gesellschaft darf tolerant sein. Aber nicht gegenüber Intoleranz.
Und sie darf niemals so naiv werden, ihre eigene Abschaffung für Vielfalt zu halten und dies als solches zu deklarieren.
Eine freie Gesellschaft darf tolerant sein.
Aber niemals gegenüber Intoleranz.
Denn Toleranz bedeutet nicht, jenen die Tür zu öffnen, die sie anschließend für alle anderen verschließen wollen.
Eine Gesellschaft darf niemals so naiv werden, ihre eigene Abschaffung als Vielfalt zu feiern.
Die größte Bedrohung für friedliche Muslime und pluralistische Gesellschaften kommt nicht von interkultureller Vielfalt, sondern von Extremisten, die eine aus deren Sicht vermeintliche „Vielfalt“ als Einbahnstraße verstehen – als ein Konzept, das sie anders interpretieren, an dem sie sich bereichern, das sie nicht leben, sondern für ihre eigenen Ziele ausnutzen.
„Rechtsstaat.
Individuelle Freiheit.
Gleichberechtigung.
Gewissensfreiheit.
Die Fähigkeit, miteinander zu leben, ohne einander beherrschen zu wollen.“
Alles gute und wichtige Punkte. Nur muss man eben diejenigen, die das nicht wollen, wieder in ihre Herkunftsländer zurückschicken, sonst hat man auf den Straßen Mord und Totschlag.