2031: Das Jahr, in dem Europa untergeht

Atomium in Brüssel – Einst war es das Symbol für Fortschritt in Europa Foto (Ausschnitt): Guido and Carrara family Lizenz: CC BY 2.0

Was bedeutet es für Europa, wenn es bei Künstlicher Intelligenz den Anschluss an China und die USA verliert? Eine Gruppe hochkarätiger KI-Experten hat ein Szenario veröffentlicht, das die Konsequenzen der aktuellen KI-Politik beschreibt und so spannend wie ein guter Thriller zu lesen ist.

Caroline Dubois hat alles kommen sehen. Nicht immer sofort, aber mit einem Realismus, der selten in Europa ist. Sie arbeitet in der Generaldirektion Handel und wirtschaftliche Sicherheit (GD HANDEL), dem Teil der Europäischen Kommission, der sich unter anderem mit Zöllen und Exportkontrollen befasst. Ab 2025 wird Künstliche Intelligenz ein immer größeres Thema in Europa, und Caroline versucht, ihre Kollegen und die Politik von der Dringlichkeit des Themas zu überzeugen, macht Vorschläge, scheitert, leidet an der europäischen Ignoranz, hat die Entwicklung in den USA im Blick und ahnt, was auf den verschlafenen und zerstrittenen Kontinent zukommt. Das liegt auch an ihrem Freund Christian Vogt, der in Kalifornien ein IT-Unternehmen besitzt und wie sie realistisch auf die Entwicklung blickt. Sie tauschen sich aus, diskutieren und erkennen beide den Abgrund, auf den Europa zutaumelt.

Weder Caroline Dubois noch Christian Vogt sind wie die beiden KI-Unternehmen Helios in Europa und Atlas in den USA fiktiv. Sie alle stehen im Zentrum des Szenarios „Europa 2031: Was Fehler im Umgang mit KI für uns bedeuten“. Entwickelt wurde es nicht von politischen Aktivisten, sondern von einem kleinen, hochkarätigen internationalen Netzwerk aus KI-Forschern, Politikberatern und Investoren. Zu den Autoren gehört der Niederländer Daan Juijn, Forschungsdirektor der Brüsseler Denkfabrik Arq Foundation, die Europa auf die Herausforderungen einer möglichen KI-Transformation vorbereiten will. Sein Landsmann Stan van Baarsen ist AI Fellow am Delta Institute und Mitautor des niederländischen KI-Plans. Aus Deutschland beteiligt sind Judith Dada, General Partner des Venture-Capital-Fonds Visionaries Club und Beraterin der Bundesregierung in Fragen der KI-Transformation, sowie Philip Fox vom Berliner KIRA Center. Fox gilt als einer der profiliertesten deutschen Experten für KI-Politik und wirkte unter anderem am Internationalen KI-Sicherheitsbericht 2025 und 2026 mit. Zum Team gehören außerdem die KI-Governance-Forscherin Lily Stelling von der Oxford Martin AI Governance Initiative, der Arq-Stabschef Alex Petropoulos sowie Michiel Bakker, Assistenzprofessor am MIT und KI-Forscher bei Google DeepMind. Bakker war wie van Baarsen an der Ausarbeitung des niederländischen KI-Plans beteiligt. Der Schriftsteller Tom Chivers hat ihre Erkenntnisse zu einem Text zusammengefasst, der sich wie ein Thriller liest.

„Europa 2031 – Was Fehler im Umgang mit KI für uns bedeuten“ ist von brutalem Realismus. Das Szenario unterscheidet sich sowohl von den dümmlichen und naiven Reden des Bundeskanzlers, der davon schwadroniert, Europa müsse den Führungsanspruch bei innovativen KI-Technologien übernehmen, als auch von der technikfeindlichen Agitation der vielen von der Stiftung Mercator und dem Staat finanzierten NGOs. Es entwirft eine absehbare Zukunft, in der Europa bei der Künstlichen Intelligenz von den USA und China abgehängt wird. Und es macht klar, was das für seinen wirtschaftlichen und geopolitischen Niedergang bedeutet. Europa scheitert daran, dass es KI erst unterschätzt, dann zögerlich reagiert, nicht in der Lage ist, die notwendigen Rechenzentrumskapazitäten aufzubauen. In sich zerstritten, gelingt es nicht einmal, sich mit Südkorea und Japan zusammenzuschließen, die auch unter Druck stehen, aber die Zeichen der Zeit erkannt haben.

Am Ende des Szenarios lebt Caroline bei Christian in Kalifornien. Sie wird von einer KI interviewt. Sie ist empathisch und sagt, sie könne sich irren. Für vieles sei sie nicht das richtige Werkzeug. Europa hat alles verloren, und Caroline denkt darüber nach, was sie hätte anders machen können. Aber jedem Leser ist da schon lange klar, dass es nicht an ihr gelegen hat, sondern daran, dass Europa so ist, wie es ist: zerstritten, bürokratisch, visionslos und zaghaft.

„Ich glaube, alle Regierungen in Europa, die Europäische Union und die europäischen Unternehmen müssen verstehen, dass KI eben nicht ein Thema oder eine Technologie wie alle anderen ist“, sagt Philip Fox dem Bayerischen Rundfunk. „Wenn man keinen gesicherten Zugang zu dieser Technologie hat, hat man eigentlich keine Chance, über die eigene Zukunft gemäß der eigenen Werte und Vorstellungen zu bestimmen.“

Europa 2031 ist ein Szenario, das jeder lesen muss, um eine Ahnung davon zu haben, was in den kommenden Jahren auf uns zukommt. Manches kann man anders sehen. Auf die Frage der Energie gehen die Autoren nicht ein. Sie könnte aber den KI-Wettlauf zwischen den USA und China entscheiden: China hat schlicht mehr Energie, um Rechenzentren zu betreiben, die USA haben das erkannt und bauen hektisch neue Kraftwerke oder reaktivieren abgeschaltete Reaktoren. Auch könnte China in den kommenden Jahren Hochleistungschips entwickeln.

Und Deutschland und Europa? Im vergangenen Jahr veröffentlichte KIRA die Studie „AI Compute in Germany“. Die Autoren, darunter Monika Schnitzer, die Vorsitzende des als „die Wirtschaftsweisen“ bezeichneten Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, haben formuliert, was geschehen muss:

„Mit den richtigen Maßnahmen kann Deutschland verhindern, international den Anschluss zu verlieren. Wenn die Bundesregierung entschlossen handelt, kann sie ihr im Koalitionsvertrag formuliertes Ziel, Deutschland zu einer KI-Nation zu machen, noch erreichen.

Wir empfehlen der Bundesregierung:

  1. Die Kapazitäten für das Training und den Betrieb von KI-Systemen entsprechend strategischer Prioritäten auszubauen.
  2. Die politischen Rahmenbedingungen zu verbessern und Zuständigkeiten zu bündeln.
  3. Eine günstige und verlässliche Energieversorgung für KI-Rechenzentren sicherzustellen.
  4. Planung und Genehmigung von Rechenzentren zu beschleunigen.
  5. Die Sicherheit von Rechenzentren zu erhöhen.
  6. Das heimische KI-Ökosystem zu stärken.“

Das Festhalten der Bundesregierung an der Energiewende wird dafür sorgen, dass es eine „günstige und verlässliche Energieversorgung“ in Deutschland nie wieder geben wird. „Wir haben uns entschieden“, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest im März im Interview mit The Pioneer, „ein Land zu sein, in dem Energie knapp ist. Das haben wir politisch alle gemeinsam so gewählt, und die Konsequenzen müssen wir jetzt tragen.“ Die Konsequenz sei klar: „Energieintensive Industrie hat keine Zukunft bei uns.“

Und Rechenzentren sind eine energieintensive Industrie.

Wenn heute mit der Planung eines Rechenzentrums begonnen wird, stehen die Chancen schlecht, dass es bis 2031 in Betrieb geht. Es fehlt schon an Leitungen und Strom. Im Rhein-Main-Gebiet, dem Rechenzentrums-Hotspot Deutschlands, wartet man aktuell zehn Jahre auf einen Anschluss. Und natürlich sind auch schon die NGOs dabei, gegen Rechenzentren und KI mobil zu machen.

Die Chancen, dass es zu dem in Europa 2031 beschriebenen Szenario kommt, sind also hoch. Die Aussichten, dass Europa und Deutschland den Niedergang verhindern, sind gering. Er wird sich eher beschleunigen.

 

 

 

 

Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste
"Kaiserfront Extra"-Romanfan
Gast

Ach, erst 2031? Also für mich geht Europa schon seit Jahren unter. Ist leider offensichtlich; es reicht der Spaziergang durch eine beliebige BRD-Großstadt. Gehe ich durch meine Heimatstadt Hamburg, sehe ich den Dreck, den Verfall überall. Mag uns China oder die USA mit KI überholen; mir egal. Mir würde es schon reichen, wenn wir so sicher und sauber wären wie Namibia. Die sind zwar nicht reich, aber denen gehts besser als uns.
Ein schönes, sauberes, sicheres, stabiles Land.

1
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x