Postwachstumsökonomie: Das erste Opfer der KI-Revolution

Leben in der Postwachstumsökonomie Foto: Willem van de Poll Lizenz: CC0


Lange galt wirtschaftliches Wachstum vielen als Teil des Problems. Doch die KI-Revolution verändert die ökonomischen Anreize grundlegend. Wer auf Wachstum verzichtet, riskiert künftig nicht nur Wohlstandsverluste, sondern auch technologischen Rückstand.

Schon immer haben Technologien Gesellschaften geprägt: Ohne die Dampfmaschine hätte es weder die Industrialisierung noch Wirtschaftswachstum gegeben, und auch Kapitalismus und Sozialismus als Ideologien, die sich mit der Verteilung des Wohlstands sowie den neuen politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnissen beschäftigten, wären wohl nie entstanden. Bei allen Unterschieden verband sie die Überzeugung, dass Wachstum und technischer Fortschritt die Grundlagen für gesellschaftliche Weiterentwicklungen sind.

Auch der vor Jahrzehnten eher diskret begonnene und in den vergangenen Jahren rasante Aufstieg der Künstlichen Intelligenz zu einer alle Wirtschafts- und Lebensbereiche verändernden Technologie wird gesellschaftliche und politische Auswirkungen haben. Wenn KI Produktivität massiv erhöht, entstehen automatisch Debatten über Wachstum, Energiebedarf, Wohlstand und Arbeit. Nicht umsonst fordern die Chefs der großen KI-Labore wie Sam Altman (OpenAI), Demis Hassabis (Google DeepMind) und Dario Amodei (Anthropic) Diskussionen darüber, wie künftig breiter Wohlstand, aber auch menschliche Arbeit organisiert werden sollen. Auch wenn wir immer noch am Anfang der KI-Revolution stehen, die das Leben der Menschen so verändern könnte wie die Nutzbarmachung des Feuers, und ihre Folgen in weiten Teilen nicht absehbar sind, wird heute schon deutlich, welche in den vergangenen Jahrzehnten im Westen und vor allem in Deutschland aufgestiegene Ideologie das erste Opfer der KI-Entwicklung sein wird: die Postwachstumsökonomie. Sie löste nach dem Scheitern des Sozialismus linke Modelle der Kapitalismuskritik ab und war anschlussfähig an reaktionäre Ideologien, die den Kapitalismus und die Industrialisierung seit ihren Anfängen in Großbritannien des 18. Jahrhunderts begleiteten und sowohl ihre Folgen für die Umwelt als auch den Massenwohlstand und die soziale Mobilität kritisierten. Der Aufstieg eines postmaterialistischen Bürgertums, der erst durch die Wohlstandsgewinne des bis in die 1970er Jahre anhaltenden Nachkriegsbooms möglich wurde, modernisierte dieses reaktionäre Denken.

Die taz-Journalistin Ulrike Herrmann erklärte in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus“, dass es kein grünes Wirtschaftswachstum, wie es vor allem von SPD, Linkspartei und Grünen behauptet werde, geben könne. Eine konsequente Klimapolitik, der aktuell wichtigste Hebel der Postwachstumsanhänger, würde zu Wohlstandsverlusten führen, die Herrmann als notwendig ansah.

Herrmann legitimierte die Ziele einer „grünen“ Wirtschaftspolitik, die den Einsatz von Technologien zunehmend moralisierte und sie als Lösung von Problemen wie dem Klimawandel oder der Nahrungsversorgung ausschloss. Nicht die Agrarindustrie, sondern der Biobauer auf eigener Scholle sollte nun die wachsende Zahl der Menschen weltweit ernähren. Ein aussichtsloses Unterfangen.

Der US-Energieforscher Amory Lovins sagte schon 1977 in einem Interview: „Meiner Meinung nach wäre es geradezu katastrophal, wenn wir eine Quelle sauberer, billiger und reichlich vorhandener Energie entdecken würden, angesichts dessen, was wir damit anstellen würden.“ Denn nicht die Umweltverschmutzung durch die damals üblichen Kohlekraftwerke war für ihn das Problem, sondern weiteres Wirtschaftswachstum.

Der ganze brutale Zynismus dieser Ideologie wird in einem in der Zeit unter dem Titel „Die KI wird ein Ökokiller“ veröffentlichten Essay des Umweltrechtlers Felix Ekardt deutlich. KI habe, stellt Ekardt fest, das Potenzial, dass Landwirte Dünger und Pestizide präziser einsetzen. „Führt das jedoch dazu, dass sie schlicht Kosten sparen und sodann mehr Flächen in Nutzung nehmen, verpufft der ökologische Effekt.“ Werden mehr Nahrungsmittel angebaut, was wegen der noch einige Jahrzehnte lang wachsenden Weltbevölkerung eine dringende Notwendigkeit ist, hat Ekardt damit ein Problem. Für ihn ist es auch fast egal, ob Rechenzentren CO₂-neutral mit Strom aus erneuerbaren Energien oder Kernkraft betrieben werden. Die immer stärkere Elektrifizierung aller Lebensbereiche mache unsere Gesellschaft angreifbarer, könne doch ein Stromnetz von Terroristen oder feindlichen Staaten recht leicht gekappt werden. Den Beleg dafür, dass technologisch rückständige Gesellschaften sich nicht vor Angriffen ihrer Feinde fürchten müssten, kann er jedoch nicht liefern. Das überrascht nicht: Je technologisch zurückgebliebener eine Gesellschaft ist, desto eher wird sie zur leichten Beute. Die amerikanische Urbevölkerung hatte keinen Vorteil dadurch, dass sie mit Speeren, Schleudern und Bögen gegen die mit Gewehren und Kanonen ausgerüsteten Spanier kämpfte.

Beim Lesen von Ekardts Text spürt man eine tiefe Verzweiflung über den zunehmenden Bedeutungsgewinn von KI-Technologien. Denn sie werden die vor allem in Deutschland so beliebte Postwachstumsökonomie hinwegfegen. Nach sieben Jahren ohne Wachstum, sich beschleunigender Deindustrialisierung und zunehmender technologischer Rückständigkeit werden die Folgen dieser Politik, die auch durch eine ideologische Energiepolitik und Technikfeindlichkeit verursacht wurde, immer deutlicher: sinkender Wohlstand, zunehmende Verteilungskonflikte, der Siegeszug autoritärer Parteien wie AfD und Linke sowie technologische Abhängigkeiten. Während die USA und China durch Investitionen in neue Technologien in ihrer ganzen Bandbreite wachsen, fällt das Green-Deal-Europa zurück. Vor allem KI und andere digitale Technologien, zugleich Wachstumstreiber in den USA und Grundlage innovativer Exportprodukte in China, beschleunigen die wirtschaftliche Entwicklung dieser Länder. KI wird zum Motor für Robotik, Industrie, Energie, Materialentwicklung, Medizin und weitere Wissenschaftsbereiche. Die Welt wird sich ändern und das sehr schnell.

Und das zwingt die Gesellschaften, sich zu entscheiden: nicht zwischen einem Leben in Bullerbü oder Mountain View im Silicon Valley, sondern zwischen Wohlstand und Armut.

„Deutschlands und Europas langfristiger Wohlstand hängt davon ab, die eigene Fähigkeit zur Innovation und zum Wettbewerb an der technologischen Spitze wiederherzustellen“, schreibt die Ökonomin Dalia Marin ebenfalls in der Zeit. Das Beispiel Deutschland zeige, dass ein anhaltender Verlust an Innovationskraft am Ende zu schwächerem Wachstum, niedrigeren Einkommen und einem sinkenden Lebensstandard führe.

Der Preis, sich dem zu entziehen, wird hoch sein. Die Menschen werden ihn nicht bezahlen wollen; die Demokratie wird einen solchen Weg nicht überstehen. Armut und Rückständigkeit werden die Gesellschaft zerreißen. Die Postwachstumsökonomie, die Lieblingsideologie eines wohlstandsverwahrlosten grünen Bürgertums, wird von der KI-Revolution so ins Abseits gedrängt wie der Adel durch Industrialisierung und Kapitalismus.

 

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Klaus Bremen
Gast
16 Tage vor

Lieber Herr Laurin,

ich finde Ihre Auseinandersetzung mit der Postwachstumsökonomie nur bedingt journalistisch fair.

Sie setzen sich mit einer einzelnen Autorin auseinander und gehen davon aus, dass sie die degrowth-Diskussion repräsentiert – was sie angesichts der mittlerweile breiten und differenzierten Diskussion auch gar nicht umfassend beansprucht.

Für unsere gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten wäre es vielleicht angebrachter, die degrowth-Diskussion von ihrer gemeinsamen Problemsicht her anzugehen.

Ich kleide sie in meine Frage: Erlauben die Ressourcen dieses Planeten tatsächlich, dass ein Grossteil der Weltbevölkerung weiter den „american way of life“ für sich als Lebens- und Karriereperspektive umsetzen und erwarten kann?

Nur für den Fall, dass Sie diese Frage mit „Nein“ beantworten und zugleich die allgemeinen Menschenrechte als Werterhaltung vertreten, wird es interessant:
Was ist dann zu tun?

Die degrowth-Debatte versucht – darauf Antworten zu geben – sie einfach journalistisch in die Ecke naiver Maschinenstürmerei (vgl. das Foto) zu drängen, hilft leider nicht, die von ihr aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

Wir stehen mitten in einem Zeitalter der Klima- und Naturveränderungen und es besteht deutlicher Handlungsbedarf. Es sind weder im Journalismus noch in der Politik Zeiten, in denen uns das bloße Herunterziehen anderer Positionen hilft.

Herzliche Grüsse von einem Autoren-Kollegen aus Essen

Ihr
Klaus Bremen

„Uns neu umeinander kümmern. Den sozialen Staat gestalten im Zeitalter der Klima- und Naturveränderungen“ (München 2025 oekom-Verlag)

hase12
16 Tage vor

Wie der Sozialismus führt auch der Ökologismus in die Rückständigkeit. Was Grüne und Stalinisten für ein Land sich wünschen, kann man in einem alten Artikel aus dem Spiegel aus dem Jahr 1981 nachlesen:

https://www.spiegel.de/politik/im-garten-eden-ein-goetze-aus-granit-a-11a2661b-0002-0001-0000-000014350788

Alf
Gast
Alf
15 Tage vor

Wer auf Wachstum verzichtet, riskiert Wohlstandsverluste. Woher soll der Wachstum aber kommen. Bei ständig steigenden Mieten, bei ständig steigenden Lebensunterhaltskosten ist kein Wachstum möglich. Paare bekommen in Deutschland nur im Schnitt 1,3 Kinder. Das ist auch durch Zuzug nicht auszugleichen. Ergo sinkt der Umsatz, da die Bevölkerung abnimmt. Zudem haben wir die falschen Mietwohnungen. Es fehlt das zweite Kinderzimmer für das zweite Kind, es fehlt das Büro für den Home-Office. Es fehlen die Sonnenkollektoren auf dem Dach der Mietwohnungen, es fehlen die Wärmepumpen, es fehlen die Garagen mit dem Stromanschluss in der Nähe für die E-Autos. In den Städten fehlen die Flächen für neue Siedlungen.

yohak
yohak
15 Tage vor

Die ganze „degrowth“-Debatte ist geprägte vom eurozentrischen Tunnelblick. In Europa mag die These diskutierbar sein, daß wir bei deutlich niedrigerem materiellen Lebensstandard vor 50 Jahren ja auch ganz gut gelebt hätten.
Aber nicht für den globalen Süden.
In China, Indien u.s.w. leben viele Hunderte Millionen Menschen heute auf einem europäischen Wohlstandsniveau, während ihre Familien vor 50 jahren noch in extremen Elend mit akutem Hunger gelebt hatten. Der Wohlstand in Asien ist in den letzten Jahrzehnten massiv gestiegen, aber immer noch gibt es Armut und Elend.
Daher brauchen China, Indien u.a. mehr materiellen Wohlstand, nicht weniger.
Beeindruckend ist die Entwicklung der Lebenserwartung, die in den letzten 50 Jahren in China von 61 auf 78 und in Indien von 51 auf 72 Jahre gestiegen ist.
Selbst wenn „degrowth“-Ideen in Deutschland durchsetzbar sein sollten — es ist völlig undenkbar, daß man in China oder Indien freiwillig zu dem Level von vor 50 Jahren zurückkehren könnte. Degrowth ist, global gesehen, schlicht eine weltfremde Gedankenspielerei.

MausF
MausF
14 Tage vor

Eine reichlich naive «Wirtschaftsanalyse», die sich auch ganz naiv auf die Versprechungen der «KI»-Industrie stützt. Besonders die Behauptung, dasss «die USA und China durch Investitionen in neue Technologien in ihrer ganzen Bandbreite wachsen» ist eher Wunschdenken, denn Realität.

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