
Heute Nacht könnte eine neue Ära begonnen haben: Die US-Regierung hat dem KI-Unternehmen Anthropic verboten, seine leistungsfähigsten KI-Systeme Fable 5 und Mythos 5 Ausländern zugänglich zu machen.
Ob sie in den USA oder anderswo leben, spielte dabei keine Rolle. Ein Grund wurde nicht genannt. Anthropic schreibt in einer Stellungnahme:
„Unserem Verständnis nach glaubt die Regierung, eine Methode zum Umgehen oder ‚Jailbreaken‘ von Fable 5 entdeckt zu haben.“ Man habe eine Demonstration dieser Technik geprüft, mit der einige wenige, bereits bekannte kleinere Sicherheitslücken identifiziert worden seien. „Diese Sicherheitslücken scheinen alle relativ einfach zu sein, und wir haben festgestellt, dass auch andere öffentlich verfügbare Modelle sie ohne Umgehung aufspüren können.“
Bis die Lage geklärt ist, hat Anthropic nun allen Nutzern den Zugang zu Fable 5 und Mythos 5 gesperrt.
Was auf den ersten Blick wie ein weiteres Kapitel des Streits zwischen Anthropic und der Trump-Administration aussieht, könnte sich als Anfang einer tiefgreifenden Entwicklung erweisen: Die USA sehen offenbar besonders leistungsfähige KI-Systeme als so sicherheitsrelevant und geostrategisch bedeutend an, dass sie verhindern wollen, dass sie von Ausländern genutzt werden. Anthropic zeigt dafür generell Verständnis:
„Wie wir bereits öffentlich erklärt haben, sind wir der Ansicht, dass die Regierung die Möglichkeit haben sollte, unsichere Einsätze im Rahmen eines transparenten, fairen, klaren und auf technischen Fakten basierenden gesetzlichen Verfahrens zu unterbinden.“
Die aktuelle Maßnahme entspräche diesen Grundsätzen jedoch nicht.
Es könnte also gut sein, dass amerikanische KI-Modelle bald nicht mehr frei verfügbar sind. Was heute Fable 5 und Mythos 5 betrifft, kann bald schon auch mit künftigen Versionen von ChatGPT oder Gemini passieren. Die Frontier-Modelle der drei großen Anbieter OpenAI, Anthropic und Google liefern sich seit Jahren ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Mal liegt der eine vorne, dann wieder der andere.
Damit könnte eintreten, was im Szenario „Europa 2031: Was Fehler im Umgang mit KI für uns bedeuten“ beschrieben wurde, das gestern hier im Blog vorgestellt wurde und sich bereits nach der Veröffentlichung von Mythos andeutete, auf das anfangs nur ausgewählte US-Unternehmen und Behörden Zugang hatten:
„Die Überprüfung der nationalen Sicherheit in den USA wurde formalisiert und gibt nicht länger vor, freiwillig zu sein. Der Zugriff auf die leistungsfähigsten Modelle ist standardmäßig eingeschränkt, unter anderem um Rechenleistung für amerikanische Kunden zu sparen. Inländische Regierungsbehörden erhalten sie zuerst, verbündete Regierungen als Nächstes; gegnerische Nationen gehen leer aus.“
In Europa 2031 wurde diese Regelung für das Jahr 2029 erwartet. Sie tritt nun offenbar schneller ein. Die möglichen Folgen einer Aussperrung Europas werden in dem Szenario drastisch beschrieben:
„Eine Woche nach Einführung der Beschränkung für inferenzbasierte Angriffe klingeln in den europäischen Hauptstädten die Telefone ununterbrochen. Panikartige Unternehmen versuchen, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Der CEO eines französischen Energieversorgers ruft im Élysée-Palast an und erklärt, seine Cybersicherheitsteams würden bereits gegenüber KI-gestützten Angriffen ins Hintertreffen geraten und eine Halbierung des Zugangs zu amerikanischen Spitzenmodellen würde kritische Infrastrukturen gefährlich gefährden.“
Die USA scheinen besonders leistungsfähige KI-Systeme inzwischen als strategische Ressource zu betrachten, vergleichbar mit Hochleistungschips, Satellitentechnik oder moderner Waffentechnologie.. Wird der Zugang heute aus Sicherheitsgründen eingeschränkt, könnte er morgen als Mittel genutzt werden, um geostrategische Ziele durchzusetzen. KI wäre dann das, was in den 70er-Jahren das Öl war. Damals beendete ein Lieferstopp der OPEC endgültig die lange Phase des Wirtschaftswachstums, die nach dem 2. Weltkrieg begonnen hatte.
Europa hat sich in den vergangenen Jahren nicht für neue Technologien interessiert. Das noch in der Lissabon-Strategie 2000 formulierte Ziel, Europa zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt zu machen, wurde aufgegeben. Statt auf Innovation setzte man auf Regulierung und den Green Deal: Die Welt sollte durch die Macht und Größe des europäischen Marktes gezwungen werden, der Politik Brüssels zu folgen.
Es wird immer deutlicher, dass die Welt das nicht tun wird und Europa den technologischen Anschluss verpasst hat: Es gibt keine europäischen KI-Modelle, die sich mit ChatGPT, Claude Mythos der Gemini messen können. Nun wird die Rechnung für Jahrzehnte der Hybris gestellt.