Baerbock macht den nächsten Job – die Neider stehen bereit

Annalena Baerbock. Foto: Roland W. Waniek

Als Annalena Baerbock im vergangenen Jahr ihren neuen Job bei den Vereinten Nationen antrat, war das für viele überraschend. Die ehemalige Außenministerin und Kanzlerkandidatin der Grünen übernahm das Amt der Präsidentin der UN-Generalversammlung – eine international durchaus gewichtige Aufgabe.

Eigentlich hätte man also reichlich Stoff gehabt, über den man diskutieren konnte: ihre Qualifikation, ihre diplomatischen Fähigkeiten, ihre politischen Erfahrungen und natürlich die Frage, was sie in diesem Amt bewirken kann. Doch in Deutschland dauerte es nicht lange, bis eine andere Frage die Runde machte: Was verdient die Frau eigentlich?

Ich fand das schon damals bemerkenswert. Und inzwischen beschleicht mich der Eindruck, dass wir Deutschen bei diesem Thema offenbar nicht dazulernen wollen.

Und täglich grüßt der Gehaltszettel

Nun steht der nächste Jobwechsel Baerbocks bevor. Nach dem Ende ihrer Amtszeit bei der UNO bleibt sie in New York und wird künftig an der Columbia University ein Team internationaler Führungskräfte unterrichten und ein exklusives Masterprogramm mitgestalten. Unterschiedliche Universitäten sollen Interesse an ihr gezeigt haben, am Ende fiel ihre Wahl auf Columbia.

Und was interessiert uns? Na klar: Was verdient sie?

Die „Bild“-Zeitung macht daraus erwartungsgemäß wieder ein Thema. Die möglichen Gehaltsspannen für Professuren im Bereich „Professional Practice“ reichen bei Columbia von rund 200.000 bis über 400.000 Dollar jährlich. Baerbocks konkretes Gehalt ist bislang nicht bekannt. Und ganz wichtig: Bezahlt wird es von der Universität – nicht vom deutschen Steuerzahler.

Trotzdem scheint der Reflex stärker zu sein als jede Faktenlage: Baerbock und viel Geld? Da muss man doch mal genauer hinschauen!

Eine ziemlich deutsche Form von Neid

Natürlich darf und soll man bei öffentlichen Amtsträgern nach Bezahlung fragen. Transparenz ist schließlich kein Verbrechen. Aber zwischen einer berechtigten Transparenzfrage und einer gezielt angeheizten Neiddebatte liegt ein gewaltiger Unterschied.

Warum reden wir nicht zuerst einmal darüber, was Baerbock an der Columbia University eigentlich machen soll? Warum fragen wir nicht deutlicher danach, welche Erfahrungen sie für diese Aufgabe mitbringt und warum eine renommierte Universität offenbar Interesse an ihr hat? Man kann ihre politische Karriere kritisch sehen – und auch ich habe mit Sicherheit nicht jede ihrer Entscheidungen für gelungen gehalten. Aber genau deshalb wäre es doch interessant, ihre tatsächliche Eignung für die neue Aufgabe zu diskutieren.

Stattdessen wird wieder einmal eine Zahl zum Aufreger gemacht. Geld versteht schließlich jeder. Internationale Diplomatie, akademische Ausbildung und globale Führungskompetenz sind komplizierter.

Vielleicht sollten wir uns diese Frage endlich abgewöhnen

Hinter dieser Fixierung steckt aus meiner Sicht eine ziemlich eigentümliche deutsche Mischung aus Misstrauen, Moral und Neid. Wer viel verdient, muss sich offenbar erst einmal rechtfertigen. Besonders dann, wenn er zuvor politisch aktiv war.

Dabei wird gerne vergessen, dass hochqualifizierte Fachleute in der internationalen Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft teilweise ganz andere Gehälter erzielen. Und dass eine Universität wie Columbia wohl kaum jemanden einstellt, weil deutsche Kommentatoren das angemessen finden.

Man kann Baerbock politisch kritisieren. Man kann ihre Entscheidungen bewerten und ihre Eignung für frühere Ämter infrage stellen. Das gehört zur Demokratie. Aber ihr neues Gehalt zum Aufmacher zu machen, bevor überhaupt jemand ernsthaft über ihren neuen Job spricht, ist schlicht billig.

Vielleicht sollten wir uns deshalb einmal selbst hinterfragen: Interessiert uns wirklich die Leistung – oder brauchen wir nur eine Zahl, über die wir uns gemeinsam schön empören können?

Bei Annalena Baerbock jedenfalls scheint die Antwort auf diese Frage ziemlich eindeutig auszufallen.

Autorenseite: Robin Patzwaldt
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