
Nur 17 Prozent der Deutschen haben eine Vorstellung davon, wie übel die Umweltsituation in den 1970er-Jahren war. Eine Mehrheit glaubt sogar, heute sei es schlimmer als damals. Wie kann das sein? Von unserem Gastautor Michael Miersch
Früher war alles besser. Menschen neigen dazu die Vergangenheit zu verklären. Man kennt das. Manche Leute trauern sogar Diktaturen nach, weil da Ordnung herrschte und es angeblich gerechter zuging als im Wirrwarr einer liberalen Gesellschaft. Doch solch krasse Schönfärberei bleibt zumeist auf Minderheiten beschränkt. Besonders unter denen, die die vermeintlich gute alte Zeit noch selbst erlebt haben, und daher wissen, dass die alte Zeit nicht gut war.
Anders bei der Beurteilung der Umweltsituation, wie kürzlich eine Ipsos-Umfrage offenbarte. Die Demoskopen hatten gefragt, ob die Qualität der Umwelt 1975 besser gewesen sei als heute, oder umgekehrt. Nur 17 Prozent der Befragten antworteten im Einklang mit den historischen Fakten. 57 Prozent waren der Meinung früher sei die Umwelt sauberer gewesen.
Das ist umso verwunderlicher als über ein Viertel der Gesamtbevölkerung 60 Jahre oder älter ist und somit die 1970er-Jahre nicht nur aus TV-Dokus kennen sollte. Unter der Mehrheit, die eine damals gesündere Umwelt imaginiert, müssen folglich also auch Menschen sein, die mit Kohlerauch und Benzingestank in der Luft aufgewachsen sind.
Alt sein kann auch Vorteile haben. Einer davon ist, dass man die Gegenwart mit verschiedenen Abschnitten der jüngeren Vergangenheit vergleichen kann. Wer dafür keinen rosaroten Rückspiegel benutzt und sein Gedächtnis ein bisschen bemüht, ist froh darüber, welche ungeheuren Fortschritte Deutschland in Sachen Umweltschutz erreicht hat. Nicht dass heute alles in Ordnung wäre. Manche Belastungen sind kaum besser geworden, oder haben sich sogar verschärft. Während die deutsche Industrie ihre ökologischen Hausaufgaben größtenteils erledigt hat, liegt im Bereich der Landwirtschaft noch vieles im Argen. Überdüngung und das Verschwinden der Blühwiesen vermindern weiterhin die Artenvielfalt. In vielen landwirtschaftlich genutzten Gebieten sind Flora und Fauna auf dem Rückzug. Durch die Energiewende kamen neue Belastungen hinzu: lebensfeindlichen Maismonokulturen für Biogas und die Verbauung der Landschaft mir Windkraftanlagen und Solarfeldern.
Dennoch ist das heutige Deutschland verglichen mit 1975 ein ökologischer Kurpark. Zur Erinnerung: Die Atemluft war um ein Vielfaches stärker durchsetzt mit Ruß, Feinstaub, Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Stickoxiden, Blei und vielen anderen Schadstoffen aus Hausbrand, Kraftwerken, Industrie und Verkehr. Alle diese Giftstoffe wurden drastisch reduziert, was man auf der Webseite der Umweltbundesamtes gut dokumentiert findet. Es stank in den Städten und im Winter war Smog keine Seltenheit. Das Wörtchen Smog, zusammengesetzt aus dem englischen Vokabeln Smoke (Rauch) und Fog (Nebel), kennen vielen jüngere Menschen gar nicht mehr. Damals war es in aller Munde. Die Fassaden der Altbauten hatte der Ruß schwarz gefärbt.
Fischsterben waren an der Tagesordnung, auf manchen Flüssen schwamm meterhoch Schaum. Phosphate, Ammonium, Stickstoffverbindungen, Salze, Quecksilber, Cadmium, Blei und das ungeklärte Abwasser der Haushalte vergifteten die Gewässer. In vielen Flüssen und Seen war Baden strengstens verboten. Ab Mitte der 1970er-Jahre investierten Städte, Gemeinden und Industriebetriebe viele Milliarden Mark in Kläranlagen.
Milch, Butter und Fleisch waren noch immer mit DDT belastet, das erst 1972 verboten worden war.
Im heutigen Deutschland steht eine Million Hektar mehr Wald als damals in BRD und DDR zusammen. Es gibt mehr als sechsmal so viele Naturschutzgebiete und die Zahl der Nationalparks stieg von einem auf 16.
Im vergangenen halben Jahrhundert kehrten Dutzende Tierarten zurück, die in Deutschland ganz oder fast ausgestorben waren, der Wolf ist nur der bekannteste Fall. Die Bestände der Biber, Fischotter, Kegelrobben, Seeadler, Wanderfalken, Uhus und viele andere erholten sich, nachdem die Menschen sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhuderts drastisch dezimiert hatten und Umweltgift ihnen den Rest gaben. Über meinem Kiez in Berlin ziehen im Herbst wieder Kraniche und Graugänse, Bussard und Habicht kreisen in der Luft. An der leider immer noch verdreckten und einbetonierten Spree kann man täglich zahlreiche Graureiher und Kormorane beobachten und gelegentlich sogar einen Eisvogel. In meiner Kindheit gab es Kormorane nur im Zoo. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt mit einem Ausflugsdampfer, bei der die Sichtung eines einzigen Reihers eine Sensation war.
Ein Bestseller des Jahres 1975 hieß „Ein Planet wird geplündert“. Autor war der CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl, der vier Jahre später zu den Gründern der Grünen gehörte. Bereits 1972 war die apokalyptische Zukunftsprognose „Die Grenzen des Wachstums“ von Dennis Meadows erschienen, ein gigantischer Verkaufserfolg.
Wie können so viele Menschen dies alles vergessen haben? Besonders rätselhaft ist die grüne Amnesie bei ehemaligen DDR-Bürgern. Während im Westen der Höherpunkt der Umweltverschmutzung in den 1960-Jahren erreicht war (1975 gab es bereits erste Erfolge des Umweltschutzes) ging die rücksichtlose Vergiftung und Vermüllung in der DDR weiter bis zum Zusammenbruch des Systems. Um so schneller wurden die Verbesserungen durch die nach der Wiedervereinigung sofort eigeleiteten Sanierungsmaßnahmen sichtbar und auch riechbar. Alles vergessen?
Kann es sein, dass allein der deutsche Hang zur Nostalgie die Vergangenheit dermaßen schönfärbt? Warum haben Millionen Bürger ihr Gedächtnis umprogrammiert und sind davon überzeugt, dass die Umweltsituation noch nie so schlecht war wie heute. Frühere Umfragen des Allensbach Instituts haben ergeben, dass die Situation im Allgemeinen anders beurteilt wird, als im Konkreten. Fragt man die Menschen: Wie hat sich die Umwelt in Deutschland entwickelt, antwortet die Mehrheit: Es wurden schlechter. Fragt man, wie hat sich die Umwelt in der Region entwickelt, die sie selbst überblicken, antwortet die Mehrheit: Es wurde besser. Dass eine Schere existiert zwischen medial vermittelter Realität und selbst erfahrener Realität, zeigt auch eine andere Frage in der aktuellen Ipsos-Erhebung. Der einzige Bereich, bei dem eine Mehrheit die Meinung vertritt, etwas sei heute besser als 1975, ist die gesundheitliche Versorgung. Den medizinischen Fortschritt spüren Menschen am eigenen Leib. Themen wie Kriminalität oder Umweltverschmutzung werden vornehmlich durch Medien übermittelt.
Und noch ein anderer Faktor scheint mir die Erinnerung an die desaströsen Zustände vor 50 Jahren überdeckt zu haben. In der Öffentlichkeit hat das Klimathema das Umweltthema an den Rand gedrängt. Nicht wenige Politiker und Journalisten reden und schreiben so, als seien Umweltverschmutzung und Klimawandel ein und dasselbe. Angesehene Medien bezeichnen CO2 als Umweltgift, offenbar in Unkenntnis, dass dieses „Gift“ ein lebensnotwendiger Grundbaustein der Natur ist. Ob Hitze oder Kälte, Regen oder Trockenheit: Jedes Wetter gilt mittlerweile als Beweis für einen dramatischen Klimawandel. Da muss man sich nicht wundern, wenn Zuschauer und Leser glauben, 2026 eine Umwelthölle zu erleben, und sich zurücksehen nach 1975, als es scheinbar noch kein Klimaproblem gab. Damals sagten Klimawissenschaftler übrigens eine bedrohliche Globale Abkühlung voraus. Die Leitmedien begleiteten die Vorhersagen mit den üblichen apokalyptischen Szenarien – um uns dann ein Jahrzehnt später vorm Gegenteil zu warnen.
Der Text erschien bereits auf dem Blog von Michael Miersch
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Japp, wäre schön gewesen, wenn die globale Erwärmung genau so eine Ente wie die drohende Eiszeit gewesen wäre…
Am 28. April 1961 sagte Willy Brandt auf einem SPD-Parteitag in Bonn den berühmten Satz:
„Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden!“
Danke, sehr gut! Ich nutze sonach drei fremde Federn zur Ergänzung des Themas, if I may. E viola:
1.) Th. Kapielski über die Ruhrgebietstransusen, die da die alten Zeiten verklären: „…rückwärtsgewandte Staublungenromantik, verquirlt mit elegischer Taubenscheiße…“
2.) Victor D. Hanson (USA), der die ggw. Utopisten, die sich vornehmlich in den woke-klimawandelwahnhaften-antisemitischen Dems tummeln, denunziert, in dem Sinne, sei man z. B. im Krieg:
„When you’re in war, you don’t have to be perfect to be good, you just have to be 51% better than the enemy if you want a moral edge. We in the West have this Utopian idea that we have to be 99.9% good, and if we’re not, then we’re no damned good. And the enemy knows that.“
3.) Final trugen und tragen die Adepten der Frankfurter Schule dazu bei, dass einst, 68 ff., die Zukunft als das blanke Böse antizpiert ward, eingedenk jener Ökoapokalyptiker, die MMiersch hier erwähnt, Meadows et al.; Améry schmierte dies seinem Kollegen Adorno sanftmütig aufs Pausenbrot, weil dieser »nicht mehr bereit war, die Verantwortung auf sich zu nehmen, die er
eingegangen war, indem er eine ganze Generation von jungen Menschen
zur Vorstellung erzog, sie lebe in der liberalen Demokratie, aber die sei die
Hölle«.
Vielleicht antworten auch viele ohne viel nachzudenken.
Das aktuelle, entrüstete Gelaber über den fehlenden Hitzeschutz kommt doch auch häufig, wenn nicht sogar überwiegend von den selben Leuten, die noch vor ein paar Monaten Klimaanlagen als „rechts“ und Ablenkung vom eigentliche Kampf, den gegen den Klimawandel, bezeichnet haben.
Dummes Gelaber können auch intelligente Menschen. Schon die Nachfolger der Frühaufklärung erkannten den Menschen nicht als Vernunftwesen, sondern als vernunftbegabtes Wesen und Aufklärung wurden zum Gang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Deutsche Wärmepumpengegner scheinen genauso wie Kernkraftgegner mit Argumenten, die sie seit den 80’ern vor sich her tragen, ziemlich offensichtlich intellektuelle Coach-Potatos zu sein, die durch den Thrill der eingebildeten Apokalypse ein wenig Aufregung in ihr geistiges Leben bringen wollen.
Wie dem auch sei, diese Form der Demenz lässt sich durch Nachdenken beheben und heute Nachdenken schützt vor Alzheimer später. Alles wird gut.
Ich kann mich noch darin erinnern, wie Ende der 80er-Jahre Japanerinnen ihr Deutschstudium in Halle/Saale abgebrochen haben und nach Westdeutschland ausgewichen sind, da sie, obwohl damals mit Smog-Erfahrung aus Japan, die Luft in Halle nicht ausgehalten haben. Die „Teilamnesie“ weiter Teile der Bevölkerung ist jetzt nicht gerade die Ausnahme, sondern nach meiner Ansicht die Regel. Und sie bezieht sich nicht nur auf die Umwelt. Wenn heute über Wohnen und Miete gesprochen wird, gerade im östlichen Teil Deutschlands, dann ist man doch immer wieder überrascht, dass es heute schlechter sein soll als vor der Wende. Und dann geht man in eine Fotoausstellung mit Fotografien vor und kurz nach der Wende und ist überrascht. Es sieht aus wie kurz nach dem Krieg, und dies liegt nicht nur an den S/W-Fotos. Aktuell zu sehen (gewesen) z.B. in Halle im Literaturhaus (bis 16.8. mit Fotos von Konstanze Göbel; obwohl offiziell gemacht, wurde die Ausstellung damals aufgrund der „schönen“ Ansichten verboten) bzw. in der Moritzburg (Helga Paris bis 20.9.2026). Aber wahrscheinlich schafft Berlin mit der „Vergesellschaftung“ der Mietwohnungen wieder die alte Lage.
Miersch und das Klima
Ich würde trotzdem niemandem vorwerfen, wenn er nicht weiß, dass Pflanzen CO2 zum Wachsen brauchen. Ich würde allerdings auch keinem Ertrinkenden erklären wollen, dass er ohne Wasser verdursten würde. Die physikalische Realität ist, dass wir viel zu viel CO2 in der Atmosphäre haben. Wenn wir von einem Tag auf den anderen jegliche Verbrennung fossiler Energieträger stoppen könnten, würde die globale Erwärmung zwar gebremst, aber es würde mindestens Jahrhunderte dauern, bis die Natur das überschüssige CO2 wieder vollständig aus der Atmosphäre entfernt hat und eine weitere Klimaerwärmung wäre noch 40-50 Jahre messbar, danach würde die Temperatur auf dem höheren Niveau über lange Zeit stagnieren. Was hilft es also zum Verständnis unserer Situation, zu erzählen, dass CO2 ein wichtiger Bestandteil pflanzlicher Nahrung sei?
CO2 gehört zu den Treibhausgasen, die verhindern, dass die gesamte Sonnenenergie ins Weltall zurückgestrahlt wird. Das hat über Jahrhunderttausende gut funktioniert. Doch seit der Industrialisierung bläst die Menschheit durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe zusätzliches CO2 in die Atmosphäre, so dass der Anteil der zurückgehaltenen Sonnenenergie zunimmt und die Erde deshalb wärmer wird. Als Treibhausgas wurde CO2 bereits 1856 von der US-Forscherin Eunice Newton Foote experimentell nachgewiesen (und ab 1859 von John Tyndall exakt vermessen).
Die Ölindustrie selbst kannte das Problem übrigens sehr früh und sehr genau: 1959 warnte der Physiker Edward Teller auf einem Symposium des Branchenverbandes American Petroleum Institute (API) formell vor dem Treibhauseffekt und einem steigenden Meeresspiegel. Im Jahr 1965 warnte der API-Vizepräsident Frank Ikard öffentlich Konzernchefs vor spürbaren Klimaveränderungen bis zum Jahr 2000. 1968 legte das Stanford Research Institute dem API einen Bericht vor, der explizit vor dem Abschmelzen der Antarktis und schweren Umweltschäden durch CO2-Emissionen warnte. Der Senior-Wissenschaftler James Black von Exxon Mobile informierte das Management von Exxon im Juli 1977 darüber, dass die Verbrennung fossiler Energieträger die globale Temperatur um 2 bis 3 Grad erhöhen würde. Daraufhin baute Exxon eine eigene Forschungsabteilung auf. Interne Berechnungen sagten eine Erwärmung von ca. 0,2 °C pro Jahrzehnt korrekt voraus – während man die Öffentlichkeit bewusst desinformierte, um dem Geschäftsmodell nicht zu schaden.
Da man keine Chance sah, der Wissenschaft auf Dauer etwas Ernsthaftes entgegenzusetzen, bediente man sich der Strategie, die schon der Tabakindustrie zu einer langen Schutzzeit verholfen hatte. Die Kernstrategie wurde im berüchtigten internen Satz eines Tabakmanagers von 1969 zusammengefasst: „Zweifel ist unser Produkt“. Im Strategiepapier klingt das so: „Es geht nicht darum, die Gegenseite zu widerlegen. Es reicht aus, zu behaupten: „Die Wissenschaft ist sich noch uneins.“ Solange der Eindruck einer anhaltenden Debatte besteht, schieben Politik und Öffentlichkeit regulatorische Entscheidungen auf.“
Das waren jetzt Einblicke in die „hausinterne“ Klimaforschung der Ölindustrie, deren Einsicht in den USA inzwischen erklagt wurde.
Nachtigall, ick hör Dir trapsen.
Eine spätere wissenschaftshistorische Analyse der Fachliteratur von 1965 bis 1979 (Peterson et al., 2008) zeigt die damaligen Verhältnisse: Gerade einmal 7 Studien prognostizierten eine Abkühlung, während 44 Studien eine Erwärmung vorhersagten. Von einem damaligen „Konsens der Forschung“ in Richtung Eiszeit kann keine Rede sein.
Die ganz normale Forschung ging stattdessen weiter, aber man wusste, mit wem man sich anlegen würde und war deshalb lieber gründlich. Der wissenschaftliche Konsens wurde in den USA spätestens mit dem Charney-Bericht der US-Akademie der Wissenschaften (1979) veröffentlicht, der weltweite mit der Villacher Konferenz (1985) und der Gründung des IPCC (1988). Spätere Metastudien (wie die von Naomi Oreskes 2004) zeigten, dass unter Hunderten von Experten-geprüften Fachartikeln zwischen 1993 und 2003 kein einziger der Kernthese widersprach, dass die globale Erwärmung real und menschengemacht ist. Die heutigen Klimamodelle sind das Ergebnis einer über viele Jahrzehnte konsolidierten internationalen Spitzenwissenschaft. Dieses Ergebnis in Frage zu stellen ist in etwa so sinnvoll, wie sich Sorgen zu machen, ob angesichts der vielen Kontroversen in der Wissenschaft der Motor des nächsten Neuwagens, den man zu kaufen beabsichtigt, laufen wird.
Miersch und Umwelt
Das lässt sich differenziert begründen – ich gehöre übrigens selbst zu dieser Mehrheit, obwohl ich zwei Jahre älter bin als Miersch. Allerdings habe ich einen Großteil meiner Jugend im Gelände verbracht und nach meiner Bundeswehrzeit Biologie studiert – meine Arten- und Sachkenntnis ist also vermutlich nicht ganz durchschnittlich.
Was den Rückblick in der Wahrnehmung angeht, stimme ich Miersch in Teilen zu: Wenn ich als Kind in den 60ern und 70ern in der Elbe baden ging, konnte ich das nur, weil die extreme Schadstoffbelastung nicht allgemein bekannt war. Auch an die verrußten Städte und den Gestank der Chemieindustrie erinnere ich mich gut.
Doch Miersch begeht einen fundamentalen Fehler: Er verwechselt den technischen Immissionsschutz (Filteranlagen, Katalysatoren, saubere Luft) mit Naturschutz, dem Schaffen der Randbedingungen für eine Wiederentstehung funktionaler Lebensräume.
Einige seiner vermeintlichen Erfolgsgeschichten basieren auf mangelnder Artenkenntnis. Dass wir in den 1970ern kaum Kormorane oder Reiher sahen, lag schlicht an deren extremer Bejagung. Auch Greifvögel nahmen wieder zu, als die Jagd verboten wurde. Bei der Rückkehr des Seeadlers spielte das Verbot von DDT eine Rolle – ein Gift, dessen verheerende Auswirkungen auf das Dünnschaligwerden von Vogeleiern maßgeblich durch Rachel Carsons Buch Silent Spring aufgedeckt wurden (auch wenn für das endgültige Verbot die Belastung der menschlichen Muttermilch das entscheidende politische Argument lieferte). Viele der von ihm genannten Arten kehrten zudem nicht wegen einer „besseren Umwelt“ zurück, sondern weil sie gelernt haben, sich an den Menschen anzupassen und den Schutz der Siedlungsräume zu nutzen.
Gleichzeitig verschweigt Miersch die Arten, die aus unserer Landschaft fast völlig verschwunden sind: Kiebitz, Feldlerche, Bekassine, Südlicher Goldregenpfeifer, Feldhamster, Star und sogar der Haussperling steht auf einigen Roten Listen, um nur die bekannteren zu nennen. Vollkommen ausgeblendet wird das Insektensterben, obwohl er sich aus seiner Kindheit noch an viel mehr Schmetterlinge und an den Maikäfer erinnern müsste, den heute kaum noch ein Kind kennt, und der Verwunderung erregt, wenn er – wie dieses Jahr mal wieder – irgendwo in größeren Zahlen vorkommt. Wahrscheinlich ist er sogar dankbar dafür, dass auch bei längeren Autobahnfahrten die Scheiben sauber bleiben. In den letzten 30 Jahren ist die Biomasse der Insekten – gemessen inmitten von deutschen Naturschutzgebieten! (Krefeld-Studie) – um mehr als 75% zurückgegangen, was auch entsprechende Folgen bei den Tieren nach sich zieht, die von Insekten leben – Amphibien, Reptilien und Vögel. Es fehlt auch bei vielen Pflanzen, zum Teil auch Nutzpflanzen, inzwischen an Bestäubern.
Auch unter der Erde sieht es dramatisch aus: Das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) – ein Verbund staatlicher Forschungseinrichtungen – dokumentiert eindrücklich, dass die Intensivlandwirtschaft mit schweren Maschinen und Agrochemie ihre eigene Lebensgrundlage vernichtet. Gesunde Böden benötigen 3,5 bis 6 Prozent Humus; intensiv genutzte Ackerflächen weisen oft nur noch 1 bis 2 Prozent auf, wodurch gigantische Mengen fruchtbaren Bodens erodieren. Die Summe der Pestizid- und Düngereinträge sorgen außerdem für eine Verarmung der Bodenfauna, die jetzt schon zu einer erkennbaren Verminderung der Fruchtbarkeit führt und deren Langzeitfolgen noch nicht absehbar sind. Die Pestizidbelastung im Grundwasser sorgt außerdem dafür, dass immer mehr Trinkwasserbrunnen geschlossen werden müssen.
Solche tollen Zahlen sollte man sich näher ansehen:
Zum Wald: Ein reiner Flächeneintrag im Grundbuch nützt dem Ökosystem nichts, wenn die Bäume darauf absterben. Aktuelle Satellitendaten des DLR zeigen, dass allein zwischen 2017 und 2024 über 900.000 Hektar realer Baumbestand durch Dürre und Schädlinge verloren gingen (rund 8,5 % der Waldfläche). Laut Waldzustandsbericht sind mittlerweile 80 % der wichtigsten Kernarten (Fichten, Kiefern, Buchen, Eichen) krank.
Zu den Naturschutzgebieten: Rund 60 % aller deutschen Naturschutzgebiete sind kleiner als 50 Hektar. In solchen winzigen „Inseln“ können Schutzziele gar nicht erreicht werden, weil negative Einflüsse aus dem Umland (Pestizide, Dünger, Entwässerung) ungehindert eindringen. Nicht ohne Grund hat die EU-Kommission Deutschland wegen der mangelhaften Umsetzung der Habitat-Richtlinie vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt.
Zu den grundsätzlichen Zielen des Naturschutzes
Es kann beim Naturschutz nicht nur darum gehen, scheinbare Wohlfühlzonen in der Umwelt zu errichten. Beim Naturschutz geht es darum, die Gesamtnatur des Staates so zu bewahren bzw. wieder so zu kurieren, dass eine dauerhafte Nutzung auch in der Landwirtschaft möglich sein wird. Naturschutz ist also kein Luxusziel irgendwelcher überspannter Biologielehrer, sondern es geht langfristig um die Grundlagen dieses Landes, die ein Leben und Wirtschaften überhaupt ermöglichen. Die sind im Moment nicht gesichert. Deshalb ist es auch Unsinn, davon zu reden, die deutsche Industrie habe ihre Hausaufgaben darin „größtenteils erledigt“. Das übersieht, dass Unternehmen normalerweise nur so weit gehen, wie der Gesetzgeber sie zwingt – oder dass dreckige Produktionsketten einfach ins Ausland verlagert wurden. Da die Industrie von sich aus nichts tut, sind die Aufgaben, die hier gestellt sind, wohl die des Gesetzgebers. Auch die sind in keiner Weise erledigt; man hat auch da gerade erst angefangen.
Der Auto dieses Satzes kennt entweder die Bedeutung des Begriffes Ökologie nicht, oder er betreibt gezielte Desinformation.