Berlins revolutionäre Jugend: Die Verhältnisse überwinden. An der Subtraktion scheitern.

Graf Zahl vor einer bunten Schlosskulisse mit Zahlen
Ein Fall für die Tscheka: Graf Zahl fehlt als Aristokraten das proletarische Klassenbewusstsein. Dass er rechnen kann, macht ihn zusätzlich verdächtig. (Symbolbild, Foto: VIAVAL TOURS / Shutterstock.com)

Die Linksjugend Berlin, die Jugendorganisation der SED-Nachfolgepartei Die Linke in Berlin, will den Kapitalismus überwinden. Eine kleine Subtraktion erweist sich vorerst als hartnäckiger. In ihrem Solidaritätsbeschluss zu den Protesten in Frankreich lässt sie die Zahl der Menschen unter der Armutsgrenze seit Macrons Amtsantritt von 1,2 auf 9,8 Millionen steigen.

Eine dramatische Entwicklung. Allerdings vor allem beim Umgang mit Zahlen.

Die Internationale verrechnet sich.

Auf ihrer Website erklärt sich die Berliner Linksjugend solidarisch mit den französischen Schülerprotesten. Sie fordert Investitionen in Bildung und Soziales und eine sozialistische Zukunft. Zur Begründung liefert der unter den Beschlüssen veröffentlichte Text diesen Satz:

„Seit Macron Präsident wurde, ist die Anzahl an Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, von 1,2 Millionen auf 9,8 Millionen gestiegen!“

Die falsche Ausgangszahl im Originalbeschluss der Linksjugend Berlin
Die falsche Ausgangszahl im Originalbeschluss. (Screenshot/Ausschnitt: Linksjugend Berlin, 24. Oktober 2026)

Das Ausrufezeichen sitzt. Die Ausgangszahl nicht.

Achtung, Zahlen!

Das französische Statistikamt INSEE weist in seiner vergleichbaren Zeitreihe für 2017 bis 2023 8,572 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze für 2017 aus, das Jahr von Macrons Amtsantritt. Für 2023 sind es 9,792 Millionen. Erfasst werden Menschen in gewöhnlichen Haushalten im französischen Mutterland; die Armutsgrenze liegt bei 60 Prozent des mittleren Lebensstandards.

INSEE-Tabelle mit 8,572 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze 2017 und 9,792 Millionen 2023
INSEE, Tabelle 3: Die erste Datenzeile nennt die Zahl der Menschen unter der Armutsgrenze in Tausend. 2017: 8.572; 2023: 9.792. Zum Vergrößern anklicken. (Screenshot: INSEE, 24. Oktober 2026)

Die Rechnung dazu passt auf einen Bierdeckel:

9,792 Millionen minus 8,572 Millionen ergibt 1,220 Millionen.

Die rund 1,2 Millionen sind in diesem Vergleich also der Zuwachs, nicht der Ausgangswert. Ob die Linksjugend beides verwechselt hat, lässt sich dem Beschluss nicht entnehmen. Der Fehler würde jedenfalls ziemlich genau dazu passen.

Aus den veröffentlichten Zahlen der Jugendorganisation ergibt sich dagegen eine Zunahme um 8,6 Millionen Menschen – auf mehr als das Achtfache. Mit der genannten INSEE-Zeitreihe hat das nichts zu tun. Dort beträgt der Anstieg rund 14 Prozent.

Auch das ist eine schlechte Entwicklung. Niemand muss Armut kleinreden, um eine falsche Zahl richtigzustellen. Gerade wer die Lebensverhältnisse armer Menschen zum politischen Auftrag erklärt, sollte sich die Mühe machen, sie korrekt zu beschreiben. Die Betroffenen haben schon genug Probleme. Sie brauchen keine Solidarität, die an einer Subtraktion scheitert.

Die Haltung stimmt schon

Bei der Mutterpartei hätte der Nachwuchs allerdings auch schlecht Nachhilfe nehmen können: Im Berliner Wohnungsbaukonzept erklärte die Linke 209.000 Euro Landeszuschuss bei 336.000 Euro Gesamtkosten zu einem Anteil von 47 Prozent. Tatsächlich sind es rund 62,2 Prozent.

Offenbar gehört auch die Prozentrechnung zu den Verhältnissen, die man überwinden möchte.

Auch bei der Deutung von Wahlergebnissen zeigte sich das Umfeld großzügig.

Nach der Berliner Wahl deuteten Linksjugend und Palästina-LAG den Erfolg der Linken als Absage der Berliner an den Kapitalismus. 25,7 Prozent für die Partei mussten als Beleg für den politischen Willen einer ganzen Stadt herhalten.

Damals wurde ein Wahlergebnis politisch überdehnt. Diesmal steht eine nachprüfbar falsche Ausgangszahl im Beschluss. Das ist nicht dasselbe. Es passt allerdings zu einem Selbstbewusstsein, bei dem die Erklärung der Welt offenbar leichter fällt als die Kontrolle des eigenen Textes.

Wie wichtig die Bedeutung hinter einer Zahl ist, zeigt auch die Gaza-Debatte: Die Ruhrbarone dokumentierten, wie aus einer Abschätzung, die auch künftige indirekte Kriegstote einschloss, eine vermeintlich bereits eingetretene Opferbilanz wurde. Der Studierendenverband Die Linke.SDS sprach zwar ausdrücklich von einer Schätzung, formulierte die Zahl aber als bereits getötete Menschen; seine unmittelbare Quelle blieb offen. Das ist ein anderer Fehler als die falsche Ausgangszahl im Frankreich-Beschluss. Die nötige Sorgfalt ist dieselbe: Erst klären, was eine Zahl aussagt. Dann das Ausrufezeichen setzen.

Ein solcher Fehler kann passieren. Auch beim Abschreiben, Übersetzen oder Redigieren. Eine absichtliche Täuschung ist damit nicht belegt. Nur verschwindet der Unsinn nicht dadurch, dass er möglicherweise versehentlich entstanden ist. Wer einen Beschluss veröffentlicht, trägt auch Verantwortung für die Zahlen darin.

Zumal der politische Anspruch beträchtlich ist. Die Berliner Linksjugend möchte schließlich nicht bloß ein paar zusätzliche Taschenrechner beschaffen. Sie will die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern. Da wäre es beruhigend, wenn wenigstens die Größenordnungen vorher feststünden.

Gemeinsam mit der Palästina-LAG und weiteren Beteiligten bewarb die Linksjugend Berlin im Oktober bereits eine Veranstaltung, die zum Widerstand gegen den möglichen nächsten Senat aufrief – während die eigene Partei dessen Bildung vorbereitete.

Für den vorliegenden Fehler ist die Berliner Jugendorganisation verantwortlich. Daraus wird weder ein Beschluss der gesamten Die Linke in Berlin noch ein Beleg gegen die Anliegen französischer Schüler. Es reicht völlig, beim tatsächlichen Absender zu bleiben. Der liefert genug.

Mehr Geld für Bildung gehört zu den Forderungen des Frankreich-Beschlusses.

Nach der Lektüre möchte man dem kaum widersprechen.

Vielleicht beginnt die sozialistische Zukunft ausnahmsweise mit einer erfüllbaren Aufgabe:

Erst die Zahlen verstehen, dann die Verhältnisse überwinden.

Bis dahin bleibt ein gewisser Trost: Wer schon vor der Revolution mehr als sieben Millionen Arme aus dem Ausgangsjahr verschwinden lässt, wird später auch bei der Erfolgsbilanz nicht an Zahlen scheitern.

Autorenseite: Peter Ansmann
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