Biedermann und BDS, die New York Times und wir

Kreuzberg mit Mauer 1986 by thw

Sowas passiert, wenn man sich BDS ins Haus holt: ein „Klima der Angst“ quartiert sich ein, als „Kunsthauptstadt“ ist Berlin gefährdet „wie seit 1989 nicht mehr“. Schreibt wer? Die New York Times, sie hat entdeckt: Nicht der Boykott von Kultur ist verantwortlich für den Niedergang der „internationalen Kulturhauptstadt“ Berlin, sondern „a small website from the provincial city of Bochum“.

Selten gehe es gut aus, „wenn Kultur für politische Zwecke eingesetzt wird“, erklärt die New York Times in ihrer jüngsten Wochenend-Ausgabe, sie wird in einer Auflage von mehr 1 Mio verteilt. Einst sei Berlin ein „Leuchtturm der künstlerischen Freiheit“ gewesen, inzwischen sei „das Überleben der Stadt als Kunsthauptstadt in Frage gestellt oder vielleicht schon verloren“. Preise annulliert, Konferenzen abgesagt, Theaterstücke abgesetzt. Von Künstlern, die staatliche Zuschüsse empfingen, werde verlangt, „‚jede Form von Antisemitismus‘“ zu vermeiden („der Vorschlag wurde zurückgezogen“). Selbst Greta Thunberg, „the climate Cassandra“, sei in Deutschland „gecancelt“ worden, den chinesischen Dissidenten Ai Weiwei, einen weltweit hofierten Künstler, erfülle dies alles „mit Verzweiflung“, zitiert ihn die NYT.

Dass Ai Weiwei schon mal den Topos von einer „jüdischen Lobby“ bedient, erwähnt sie nicht, wohl aber, dass antisemitische Rhetorik und Gewalt in Deutschland „unbestreitbar zunehmen“. Und auch, dass der Bundestag versucht habe, BDS  –  weltweite Boykottbewegung gegen Israel, deren Ziele und Methoden der Bundestag im Mai 2019  als „antisemitisch“ charakterisiert hat  –  die Tür zu weisen. Eine Tür, die andere im Lande offen halten, das Goethe-Institut („langjährige Partner in der internationalen Kulturwelt verlieren das Vertrauen in den Liberalismus der deutschen Demokratie“) wird in der NYT erwähnt, Goethe ist wiederum eine der Kulturinstitutionen, die sich  –  das erwähnt die NYT nicht –  2020 in der „Initiative Weltoffenheit“ zusammengetan haben, ihr gemeinsames Ziel: BDS auf die Bühnen und Podien der öffentlich geförderten Kultur zu bringen. Begründung: Ohne BDS lasse sich kein Programm mehr füllen, zugleich sei BDS eine „marginalisierte und ausgeblendete Stimme“.

„Playing catch-up to Ruhrbarone“

Hegemonial sein und marginalisiert, dominant und doch ausgeblendet wie Siegfried mit der Tarnkappe, die NYT erklärt sich derlei „Spannungen“ damit, dass sie ihren Artikel mit Laurie Anderson beginnt und den letzten Abschnitt ihres Artikels mit den Ruhrbaronen, „einer kleinen Website aus der Provinzstadt Bochum, die Anderson und viele andere zu Fall brachte“. In der Bundesrepublik, schreibt die NYT, seien „die überregionalen Zeitungen und Institutionen damit beschäftigt, den Ruhrbaronen nachzulaufen“ („the national papers, and the institutions too, are playing catch-up to Ruhrbarone“). Eine Erinnerung:

Anderson, international hochrenommierte Künstlerin, hätte dieser Tage eine Gastprofessur an der Folkwang-Universität der Künste antreten sollen, hat dann aber zurückgezogen, nachdem dieser Blog daran erinnert hatte, dass Anderson der Ruhrtriennale 2018 mit Boykott gedroht hatte für den Fall, dass BDS ausgeladen würde; drei Jahre darauf hat sie einen beinhart anti-israelischen Aufruf unterschrieben, die Frage lag nahe, was es bedeute, wenn Anderson jetzt, kurz nachdem Hamas alle Grenzen überschritten hatte, ein „alle Grenzen überschreitendes Denken und Forschen umsetzen“ werde. So lautete die von der Folkwang-Uni formulierte Erwartung an die Gastprofessorin. Ihren Rückzug erklärte Anderson der NYT jetzt damit, „dass ich diese Art von Sponsoring nicht wirklich haben wollte. Wenn ich gewusst hätte, dass sie solche Fragen stellen würden, hätte ich den Job gar nicht erst angenommen.“ („It did teach me that I didn’t really want to have that kind of sponsorship. If I’d known they were going to ask things like that, I never would have accepted that job in the first place.”)

Ein interessantes Argument: Offenbar möchte Anderson ihrer Kunst jede Form von Abhängigkeit ersparen, die Freiheit ihrer Kunst ist ihr Voraussetzung dafür, Fördermittel entgegen oder öffentliche Aufträge anzunehmen. Ursache und Wirkung: Freiheit bewirkt Förderung und nicht umgekehrt. Derart verkehrt aber wird in Deutschland gern argumentiert: dass es die amtliche Kulturförderung sei, die Freiheit bewirke, der freie Markt hingegen mache abhängig. Von wem? Vom Publikum. Ein eigenartiges Argument, solange es freie Wahlen gibt. Folgt man Andersons Argument, ist Kunstförderung  niemals Voraussetzung künstlerischer Freiheit, sondern künstlerische Freiheit Voraussetzung dafür, öffentlich gezeigt, gehört, gefördert zu werden. Der entscheidende Punkt hier:

BDS entzieht der Kunst eben diese Freiheit.

Man muss nur mal die „Guidelines“ der BDS-Kampagne lesen, um zu begreifen, dass Kunst und Kultur von BDS in das Geschirr einer Polit-Kampagne gelegt werden, die übelst ist nicht erst deshalb, weil glasklar antisemitisch und nicht erst deshalb, weil von Terrorbanden wie Hamas und PFLP angeführt, sondern weil es, wie die NYT höflich formuliert, „selten gut ausgeht, wenn Kultur für politische Zwecke eingesetzt wird“: BDS entzieht Kunst und Kultur die Voraussetzung, die sie brauchen, um Kunst und Kultur zu sein, ihre Freiheit. Die Vorwürfe der Ruhrbarone, denen die  „national papers“ nacheilten, bezögen sich, behauptet die NYT, kaum einmal auf die konkrete „kulturelle Produktion“ („yet it’s worth pointing out how few of these accusations revolve around cultural production“), es stimmt: Die Vorwürfe der ruhrbarone beziehen sich auf die Voraussetzung kultureller Produktionen, sie beziehen sich auf die Freiheit, die jeder Kunst voraus ist wie die Sonne dem Schatten, den ein Künstler wirft. Was tun wir, wenn wir  –  mit Nietzsche gesprochen  –  die Kunst von ihrer Sonne losketten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?

Wird dies ausgeblendet, wie es die „Initiative Weltoffenheit“ tut, hat BDS das Potential, saturierte Kultur-Institutionen ins Dunkel zu schieben. Ruhrtriennale, Documenta, Berlinale, demnächst vielleicht doch noch die Pop-Kultur Berlin, das Haus der Kulturen der Welt usw., auch engagierte Projekte wie der Europäische Dramatikerpreis  –   sind solche Kulturinstitutionen an die Hundeleine einer Gesinnung gelegt, was sind sie dann noch, wenn nicht  –  wieder mit Nietzsche  –  Grabmäler der Kunst? Die NYT spricht von einem „Gefühl neuer Einschränkungen, neuer Kontrollen und neuer Ängste“, das sich ausbreite, es gibt dieses Gefühl zweifellos, es entsteht im BDS-affinen Milieu, das sich um Kulturinstitute herum anlagert, es entsteht in Künstler-Kantinen und weniger in Kulturausschüssen, die weiterhin agieren wie nach Drehbuch von Max Frisch: „Biedermann: Er ist kein Brandstifter! Frau B.: Woher weißt du das? Biedermann: Ich hab ihn ja selbst gefragt.“

Die NYT hat Maxim Biller gefragt, eine der wirklich freien Stimmen in diesem Land, Herr B. sagt: „Ich bin nur aus einem Grund ein aggressiver Zionist: weil ich überleben will.“ Denn: „Ein deutscher Schriftsteller mit einem jüdischen Projekt kann ich hier nur sein, weil es einen Staat Israel gibt.“

Die Antwort wirkt brachial, weil evident, Biller lenkt den Blick auf ein Moment, das der NYT keinen eigenen Gedanken wert ist, das Eigeninteresse. Das, was auch auf diesem Blog immer wieder an die Bühnenkante geschoben wurde: dass es nicht um „die Juden“ gehe, sondern um alle. Dass niemand, der bei Sinnen ist, Lust haben kann, sich vorschreiben zu lassen, was man zu schreiben habe und was zu lassen, mit wem zu inszenieren sei und mit wem nicht, wer im Halbjahresprogramm vorrücken oder wer rausfliegen soll. Sich erpressbar machen wie Stefanie Carp es tat, wie es die Documenta tat, wie es die „Initiative Weltoffenheit“ partout verbindlich machen will für alle, indem sie BDS in die Häuser holt: Die eigene Freiheit an Judenhass verhökern, an eine Kampagne, die Hamas anführt, was treibt einen dazu an?

Und schon bricht das Krokodil in Tränen aus, eben noch hat sich die NYT in den Hals des BDS geworfen, schon kommt sie mit „Schiller“ um die Ecke und mit „Otto Dix“ und „Punk“, mit DJs und Designern, mit Kreativen und Künstlern, sie alle stünden für „kulturelle Freiheit“, die man, um Berlin zu retten, dringend „schützen muss“.

Vor den Ruhrbaronen?

 

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Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Monat zuvor

Mal ganz ehrlich und auch bei aller Geisterfahrerei der möchtegern progressiven Szene, die im Zweifelsfall nicht beim Wort genommen werden will, so in den Fokus geraten zu sein, muss Euch doch runtergehen wie Öl?

Stefan Laurin
Admin
1 Monat zuvor

@Wolfram Obermanns: Wahrgenommen zu werden ist nun einmal das Ziel jedes Mediums – bei den Lesern und bei den anderen Medien. Natürlich finden wir das gut.

Arnold Voss
1 Monat zuvor

@ Wolfram Obermanns
Die Sehnsucht der sogennanten progressiven Szene nach Feindbildern ist zu Zeit so groß, dass selbst kleine Feinde groß aufgeblasen werden müssen.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Monat zuvor

Was wenn gar nicht die Ruhrbarone „klein“ sind?
Ich frage mich, ob nicht eher ein versprengtes Häuflein seine Felle schwimmen gehen sieht. Warum sollten im global village die village idiots beim Medium früher für Leute mit Triller unter dem Pony heute für leicht Verstrahlte nicht ihre kleine Blase haben, in der das Andere schon mal gerne zum übergroßen Feind, zur „Verschwörung gegen das Gute“ wird?

Arnold Voss
1 Monat zuvor

500 Tausend Besucher pro Monat ist für ein unabhängiges Blog nicht klein, aber im Verhältnis zu den Medien, die uns zu Zeit ins Visier genommen haben, eigentlich nicht der Beachtung wert. Dass wir nun doch auf ihren Aufmerksamkeitsmonitor gelandet sind, liegt wohl eher am Thema BDS, und da kann es gut sein, dass wir eine, vielleicht weltweit kleine, aber sehr gut vernetzte und mächtige Blase, verärgert haben, die tendenziell wirklich ihre Felle davon schwimmen sieht und deswegen überreagiert. Kann uns aber egal sein, weil wir, im Gegensatz zu dieser Blase, wirklich unabhängig sind.

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