Wie MdB Mirze Edis (Die Linke) aus Terroristen „unschuldige Palästinenser“ macht

MdB Mirze Edis - Die Linke (Foto, bearbeitet: Peter Ansmann)
MdB Mirze Edis – Die Linke (Foto, bearbeitet: Peter Ansmann)

Itamar Ben-Gvir ist ein Rechtsextremist. Was Israels Minister für nationale Sicherheit im Podcast der ehemaligen deutsch-israelischen Geisel des Palästinensischen Islamischen Dschihad Rom Braslavski sagt, ist – zugegeben –  politisch unklug.

Um das festzustellen, muss man ihm nichts unterschieben.

MdB Mirze Edis (Die Linke) tut es trotzdem. In seinem Instagram-Beitrag (und auf Facebook) macht er aus Ben-Gvirs Forderung nach „gezielten Tötungen“ eine Forderung, täglich 30 bis 40 „unschuldige Palästinenser“ zu ermorden. Das Wort „unschuldig“ fällt im Original nicht.

Am Ende des vollständigen Gesprächs spricht Ben-Gvir ausdrücklich von „Terroristen“.

Genau diese Passage zeigt Mirze Edis nicht.

Was, beim dauerempörten Mitglied des deutschen Bundestags, natürlich Sinn macht:

Die Forderung, gezielt Terroristen auszuschalten, hat nicht denselben Skandalisierungswert wie „Der Faschist Ben-Gvir fordert, dass jeden Tag 30 bis 40 unschuldige Palästinenser ermordet werden sollten.“

Podcast mit Itamar Ben-Gvir

Rom Braslavski ist deutsch-israelischer Staatsbürger. Am 7. Oktober 2023 arbeitete er als Sicherheitsmitarbeiter beim Nova-Musikfestival nahe dem Kibbutz Re’im und half Besuchern bei der Flucht, bevor er verletzt und in den Gazastreifen verschleppt wurde. 738 Tage hielten ihn die islamofaschistischen Terroristen des Palästinensischen Islamischen Dschihad als Geisel. Erst am 13. Oktober 2025 kam er frei.

Für die Dynamik des Gesprächs ist wichtig zu verstehen, wer dort zusammensitzt: Auf der einen Seite ein junger Mann, der nahezu zwei Jahre lang ausgehungert, misshandelt und gedemütigt wurde. Auf der anderen Seite ein Minister, den Braslavskis Entführer nach dessen Schilderung besonders hassten und fürchteten. Ben-Gvir sagt im Gespräch, erst in jener Woche habe es den inzwischen zehnten Versuch gegeben, ihn zu ermorden. Hier sitzt also kein distanzierter Journalist einem Politiker gegenüber. Eine schwer traumatisierte ehemalige Geisel trifft auf einen Mann, den seine Peiniger als Feindbild betrachteten. Das entschuldigt keine der Aussagen, gehört aber zwingend zu ihrem Kontext

Am 13. August 2026 kündigte Rom Braslavski auf seinem offiziellen Instagram-Auftritt seinen Podcast „The 8 October Podcast“ an. Die erste vollständige Folge – das Gespräch mit Itamar Ben-Gvir – wurde am 15. August 2026 veröffentlicht.

Mirze Edis behauptet auf Instagram, Ben-Gvir fordere die Tötung unschuldiger Palästinenser
Mirze Edis behauptet, Ben-Gvir fordere täglich die Ermordung von 30 bis 40 „unschuldigen Palästinensern“. (Screenshot: Instagram)

Ein echter Satz, ein erfundenes Subjekt

MdB Mirze Edis eröffnet sein Video auf Instagram mit den Worten: „Der Faschist Ben-Gvir fordert, dass jeden Tag 30 bis 40 unschuldige Palästinenser ermordet werden sollten.“ Danach zeigt er einen (sehr) kurzen Ausschnitt aus dem Gespräch.

Bei Minute 10:40 sagt Ben-Gvir – in deutscher Übersetzung –, man müsse in Gaza „gezielte Tötungen“ durchführen und jede Nacht 30 bis 40 Menschen „ausschalten“. Er fügt hinzu, es gehe nicht nur um Menschen, von denen in diesem Augenblick eine Gefahr ausgehe. Dort gebe es Menschen, die nicht leben sollten. Sie seien „keine Menschen“.

Das ist ein bewusst entgrenzter Satz. Ben-Gvir beschränkt seine Forderung in diesem Moment nicht sauber auf Personen, die unmittelbar an Kampfhandlungen teilnehmen.

Aber es ist eben auch nicht der Satz, den Edis daraus macht.

Von „unschuldigen Palästinensern“ spricht Ben-Gvir nicht.

Dieses moralisch entscheidende Adjektiv liefert Edis selbst.

Itamar Ben-Gvir im Podcast von Rom Braslavski bei Minute 10:40
Itamar Ben-Gvir fordert bei Minute 10:40 „gezielte Tötungen“ in Gaza. (Screenshot: YouTube)

Was Edis aus dem vollständigen Gespräch herausschneidet

Im weiteren Gespräch wird der Bezug deutlich. Ben-Gvir sagt, für Terroristen (!) solle es keine Auswanderung geben; man müsse sie „einen nach dem anderen“ töten.

Und bei Minute 46:03, kurz vor Schluss, wiederholt er seine Forderung ausdrücklich – in deutscher Übersetzung: Jede Nacht müsse man „30, 40, 50 Terroristen in Gaza ausschalten“.

Rom Braslavski fordert „mehr“, Ben-Gvir antwortet: so viele wie möglich.

Ausgerechnet diese Wiederholung fehlt bei Edis. Sie macht den Terrorbezug unmissverständlich.

Aus „Terroristen“ werden in seiner Anmoderation „unschuldige Palästinenser“. Aus einer scharfen und berechtigten Kritik an Ben-Gvir wird so eine Behauptung, die das Original nicht trägt.

Itamar Ben-Gvir am Ende des vollständigen Gesprächs bei Minute 46:03
Am Ende des vollständigen Gesprächs spricht Ben-Gvir ausdrücklich von „30, 40, 50 Terroristen in Gaza“. (Screenshot: YouTube)

Auch Medien verkürzen das Gespräch

Auch mehrere Medien geben auf Facebook nur Ben-Gvirs erste Aussage wieder. Dort spricht er von 30 bis 40 nächtlichen Tötungen und lässt die Zielgruppe bewusst unscharf. Die spätere Wiederholung, in der er ausdrücklich „30, 40, 50 Terroristen“ nennt, fehlt in ihren Beiträgen.

Der SPIEGEL macht daraus die Forderung, jede Nacht „mehrere Dutzend Palästinenser“ zu töten, und behauptet zudem falsch, Braslavski sei Geisel der Hamas gewesen. Zeit im Bild und TRT Deutsch verkürzen die Aussage auf „30 bis 40 Menschen“.

Ausgerechnet dieses bereits verkürzte Video von TRT Deutsch verwendet Mirze Edis für seinen eigenen Beitrag – und kürzt es noch weiter. TRT Deutsch bezeichnet den Terrorangriff vom 7. Oktober darüber hinaus als „Vergeltungsschlag der Widerstandsorganisation Hamas“ („Braslavski war im Zuge des Vergeltungschlages der Widerstandsorganisation Hamas und anderer Gruppen am 7. Oktober 2023 gefangen genommen und nach Gaza gebracht worden.„)

Facebook-Beitrag von TRT Deutsch: Der Terrorangriff der Hamas wird als „Vergeltungsschlag der Widerstandsorganisation Hamas“ bezeichnet.
TRT Deutsch bezeichnet den Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 als „Vergeltungsschlag der Widerstandsorganisation Hamas“. (Screenshot: Facebook)

Die erste Stelle im Interview ist selbst nicht sauber auf unmittelbare Angreifer begrenzt. Aber wer daraus pauschal „Palästinenser“ macht und die spätere ausdrückliche Bezeichnung als „Terroristen“ weglässt, gibt das Gespräch nicht vollständig wieder.

Empörung als Dauerbetrieb

Der Ben-Gvir-Ausschnitt bei Mirze Edis ist kein Ausrutscher. Mirze Edis nutzt seine Social-Media-Kanäle (Instagram/Facebook) immer wieder nach einem ähnlichen Muster: Eine Ausgangsbehauptung wird maximal zugespitzt und als moralischer Skandal präsentiert. Beim Ben-Gvir-Ausschnitt kommt eine entscheidende Auslassung hinzu.

Ob die Ausgangsbehauptung den Quellen standhält, scheint für die Empörungswelle zweitrangig.

Danach arbeitet die Kommentarspalte weiter. Unter Edis’ Beiträgen stehen antisemitische Kollektivvorwürfe, Verschwörungserzählungen über „zionistisches“ Geld, dreitausend Jahre alte „Strippenzieher“, Holocaust-Gleichsetzungen und die Behauptung, Deutschland befinde sich in jüdischer Hand. Die Aussagen stammen nicht von Edis. Aber sie bleiben über Wochen, Monate oder länger öffentlich sichtbar – teilweise sogar, nachdem Edis ausdrücklich markiert und auf den Kommentar aufmerksam gemacht wurde.

Instagram-Kommentar unter Mirze Edis: „Fck Israhell! Würde mir aus meinem Kreisverband gerne so klare Worte wünschen wie von dir.“ Andere Kommentierende sind anonymisiert.
Unter Mirze Edis’ Instagram-Beitrag steht der Kommentar: „Fck Israhell! Würde mir aus meinem Kreisverband gerne so klare Worte wünschen wie von dir.“ Andere Kommentierende wurden anonymisiert. (Screenshot: Instagram)
Instagram-Kommentar unter Mirze Edis: „Das fette Schwein gehört echt getötet“; Ben-Gvir wird als „dreckige zionistische Ratte“ beschimpft und die Zerstörung Israels gefordert.
Ein Kommentar unter Mirze Edis’ Instagram-Beitrag fordert die Tötung Ben-Gvirs, beschimpft ihn als „dreckige zionistische Ratte“ und fordert, Israel „komplett platt“ zu machen. (Screenshot: Instagram)
Instagram-Kommentar unter Mirze Edis: „Israel gehört ausgelöscht. Natürlich nicht nette normale Israelis, aber alle anderen Zionisten.“ Andere sichtbare Kommentierende sind anonymisiert.
Unter Mirze Edis’ Instagram-Beitrag fordert ein Kommentar: „Israel gehört ausgelöscht. Natürlich nicht nette normale Israelis, aber alle anderen Zionisten.“ Andere sichtbare Kommentierende wurden anonymisiert. (Screenshot: Instagram)

Freundliche Kritik

Instagram-Kommentar unter Mirze Edis: Kritik an seiner Fixierung auf Israel, seinem Schweigen zu Hamas-Verbrechen und seiner Eignung für den Bundestag.
Freundliche Kritik unter Mirze Edis’ Instagram-Beitrag: Ein Kommentator wirft ihm eine einseitige Fixierung auf Israel und Schweigen zu Hamas-Verbrechen vor und fordert: „Mäßige dich.“ (Screenshot: Instagram)

Ein Genozid-Post, die alte Kollektivhaft

Mirze Edis ist Bundestagsabgeordneter der Linken. Am 22. Juni schrieb er auf Facebook: „Es gibt keinen Krieg, es gibt einen Genozid!“ Nach dem Bundesparteitag sei dies „endlich auch die Beschlusslage“ seiner Partei. Das dazugehörige Bild verkündet: „Israel begeht in Gaza einen Völkermord!“ Die Abstimmung selbst endete mit großer Mehrheit; in der vorangegangenen Debatte wurden entsprechende Vorwürfe gegen Israel mit Jubel und stehendem Applaus quittiert. Die Reaktion galt dem Beschluss und nicht den behaupteten Taten. Bemerkenswert bleibt das Bild trotzdem: Ein angeblicher Völkermord wird zur mit Jubel quittierten politischen Beschlusslage.

Screenshot eines Facebook-Posts von Mirze Edis mit einem anonymisierten antisemitischen Kommentar, der Juden und jüdische Gemeinden kollektiv verantwortlich macht
Unter dem Facebook-Post von Mirze Edis werden Juden und jüdische Gemeinden kollektiv für Israels Politik verantwortlich gemacht. (Screenshot: Facebook).

Edis ist bei den Ruhrbaronen kein Unbekannter. Zuletzt ging es darum, wie er Israel zur globalen Vernichtungsmacht erklärt; zuvor um die geschichtsklitternde Huldigung von Ernesto Che Guevara und die Romantisierung von Raketen gegen Israel.

Man kann Israels Regierung kritisieren. Man kann sich auch komplett in Rage schreiben. Was man nicht muss: Juden weltweit für Entscheidungen der israelischen Regierung in Kollektivhaft nehmen.

Genau das geschieht unter Edis’ Beiträgen. Eine Kommentatorin fordert, „die Juden & Jüdischen Gemeinden“ müssten sich von der israelischen Regierung distanzieren. Stattdessen gebe es angeblich immer nur „Antisemitismus-Gekrähe“. Wegen Leuten, die Israel verteidigen, steige der Antisemitismus, behauptet sie.

Bei unserer Prüfung am 13. August war der Kommentar weiterhin öffentlich. Das ist keine scharfe Israelkritik. Es ist das alte Spiel: Juden sollen sich rechtfertigen – nicht für das, was sie selbst tun, sondern für das Handeln eines Staates.

Die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance nennt genau das als Beispiel für Antisemitismus: Jüdinnen und Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen.

Das Geld der Zionisten

Im selben Kommentarstrang folgt die nächste Volte. Das „zionistische Regime“ lasse viel Geld für „Wohlwollen & Propaganda“ fließen; der Eurovision Song Contest sei nur eines von vielen Beispielen.

Anonymisierter Facebook-Kommentar unter einem Beitrag von Mirze Edis mit der Behauptung, das zionistische Regime bezahle für Wohlwollen und Propaganda
Ein weiterhin sichtbarer Kommentar behauptet, das „zionistische Regime“ lasse Geld für „Wohlwollen & Propaganda“ fließen. (Screenshot: Facebook).

Der Screenshot zeigt die auf dem Bildschirm gekürzte Darstellung; der vollständige Wortlaut wurde über den Direktlink des Kommentars gesichert. Die Behauptung vom zionistischen Geld, das Wohlwollen und Öffentlichkeit kaufe, ist keine Analyse. Sie ist ein antisemitisches Verschwörungsmotiv mit einem modernisierten Etikett.

Beide Aussagen stammen nicht von Edis selbst. Das muss man sagen. Man muss aber auch sagen: Sie stehen weiterhin öffentlich unter seinem Beitrag. Edis reagiert in derselben Diskussion freundlich auf Unterstützer und markiert mehrere Kommentare mit „Gefällt mir“. Ausgerechnet bei den offen judenfeindlichen Beiträgen bleibt von ihm nur Schweigen – und die Kommentare bleiben stehen.

Seit dem 7. Oktober

Das Bild ist nicht ganz so bequem, wie es seine Kritiker vielleicht gerne hätten. In einer Facebook-Diskussion vom 4. November 2023 schrieb Edis ausdrücklich, er habe „von Anfang an die Gräueltaten der Hamas aufs schärfste verurteilt“. Das ist wichtig und gehört zur Wahrheit.

Zur Wahrheit gehört allerdings ebenso: Nur eine Woche nach dem Hamas-Massaker teilte Edis in seiner Facebook-Story einen Beitrag, in dem das Existenzrecht Israels verneint wurde. Das eine hebt das andere nicht auf. Die Verurteilung der Hamas ist richtig – sie ist nur keine Entlastungsurkunde für alles, was Edis selbst veröffentlichte oder weiterverbreitete.

Sechs Tage später fragte er allerdings in einem weiteren Beitrag, wie man angesichts einer von ihm geteilten Statistik von „importiertem Antisemitismus“ sprechen könne. In der Diskussion stellte er die Frage, ab wann man überhaupt Antisemit sei, und beklagte, Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung werde als antisemitisch gewertet.

Die Antwort ist nicht kompliziert: Israelkritik ist nicht automatisch antisemitisch. Juden als Kollektiv für Israel verantwortlich zu machen schon. Und vom Geld eines „zionistischen Regimes“ zu raunen, das sich Wohlwollen und Propaganda kaufe, hilft bei der Unterscheidung auch nicht gerade.

Instagram: dreitausend Jahre dieselben Strippenzieher

Auf Instagram sieht es nicht besser aus. Am 5. Juni 2026 veröffentlichte Edis ein Foto von Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton. Dazu schrieb er: „Diese drei Männer haben 9 Länder überfallen, 11 Millionen Menschen umgebracht und keiner bezeichnet sie als Terroristen.“ Das zeige, wozu Imperialismus in der Lage sei.

Instagram-Post von Mirze Edis mit einem Foto von Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton; Namen und Profilbilder der Kommentatoren sind anonymisiert
Mirze Edis behauptet auf Instagram, drei US-Präsidenten hätten neun Länder überfallen und elf Millionen Menschen getötet. (Screenshot: Instagram).

Der Beitrag handelt nicht von Israel. Eine belastbare Quelle für die Zahl von elf Millionen Toten nennt Edis nicht. Ein Kommentar darunter findet trotzdem zielsicher zu den angeblich unsichtbaren Mächten hinter allem: „Und im Hintergrund sind es immer die selben Strippenzieher. Hat sich seit dreitausend Jahren nicht geändert.

Instagram-Kommentar über seit dreitausend Jahren gleiche Strippenzieher unter einem Beitrag von Mirze Edis; andere Kommentatoren sind anonymisiert
Ein Kommentator schreibt von seit dreitausend Jahren gleichen „Strippenziehern“. Eine Antwort bezeichnet die Aussage als antisemitisch und markiert Mirze Edis. (Screenshot: Instagram).

Ein anderer Nutzer antwortete: „Das ist eine antisemitische Aussage“ – und markierte Mirze Edis ausdrücklich. Der Hinweis ist acht Wochen alt, der antisemitische Kommentar neun Wochen. Beide waren am 18. August 2026 noch öffentlich sichtbar. Eine Reaktion oder Antwort von Edis war dort nicht zu sehen.

Der Urheber des Kommentars macht aus seiner Haltung auch sonst kein Rätsel. Sein öffentlich sichtbares Profilbild trägt den Schriftzug „FCK ZNSM“. Die fehlenden Vokale machen die Botschaft nicht geheimnisvoller.

Instagram-Profil aynacett mit einem Profilbild, auf dem FCK ZNSM steht
Das öffentlich sichtbare Profil des Kommentators verwendet ein Profilbild mit dem Schriftzug „FCK ZNSM“. (Screenshot: Instagram).

Die Erzählung von denselben verborgenen „Strippenziehern“, die seit drei Jahrtausenden hinter den Kulissen alles lenkten, ist kein origineller Beitrag zur Imperialismustheorie. Es ist antisemitisches Verschwörungsdenken – in diesem Fall sogar mit passendem Profilbild.

Der Holocaust als Vergleichsgröße

Es ist nicht der einzige Fund. Unter einem Edis-Reel vom 20. Juni 2025 schrieb eine Kommentatorin: „Nie wieder heißt Nie wieder Holocaust doch in Gaza ist es jetzt“. Das sei die „Drecksarbeit“, die Israel mache.

Instagram-Kommentar von regina2024914 unter einem Reel von Mirze Edis, der Gaza mit dem Holocaust gleichsetzt; andere Kommentatoren sind anonymisiert
Unter einem Reel von Mirze Edis setzt regina2024914 Gaza mit dem Holocaust gleich; die anderen Kommentatoren sind anonymisiert. (Screenshot: Instagram).

Auch dieser Kommentar stammt nicht von Edis. Auch hier war keine Reaktion von ihm sichtbar. Aber die Gleichsetzung mit dem Holocaust stand mehr als ein Jahr später noch unter seinem Beitrag. Wer aus jedem Krieg einen neuen Holocaust macht, klärt nicht auf. Er relativiert die Shoah.

Eine dauerhafte Kampagne

Das öffentlich sichtbare Instagram-Archiv zeigt eine lange Reihe antiisraelischer Beiträge. Seit Juni 2025 fordert Edis unter anderem, den angeblichen „Genozid“ und Waffenlieferungen an Israel zu stoppen, erklärt, Merz müsse vor den Internationalen Gerichtshof, wirft dem Kanzler „Blut an den Händen“ vor und schreibt schließlich, wer sich gegen den Genozid stelle, sei nach den Palästinensern selbst an der Reihe.

Das ist eine politische Kampagne. Sie ist nicht allein deshalb antisemitisch, weil sie sich gegen Israel richtet.

Aber sie schafft eine Kommentarumgebung, in der jahrtausendealte Strippenzieher, Holocaust-Gleichsetzungen und Zionistengeld erstaunlich ungestört nebeneinanderstehen.

Deutschland in jüdischer Hand

Ein Facebook-Reel von Edis aus dem Oktober 2025 richtet sich an Friedrich Merz: Er solle die Hamas-PR-Kampagne „Global Sumud Flotilla“ schützen – und „keine Kriegsverbrecher“. Interessant ist auch hier die Kommentarspalte.

Darunter steht weiterhin ein türkischsprachiger Kommentar. Sinngemäß heißt es darin, die deutsche Wirtschaft sei nach dem Zweiten Weltkrieg von den Besatzungsmächten „den Juden gegeben“ worden. Deutschland werde nicht von Deutschen regiert; die Wirtschaft befinde sich „in den Händen der Juden“.

Anonymisierter Facebook-Kommentar unter einem Reel von Mirze Edis mit der Behauptung, die deutsche Wirtschaft sei nach 1945 den Juden übergeben worden
Ein weiterhin sichtbarer Kommentar unter einem Facebook-Reel von Mirze Edis behauptet, die deutsche Wirtschaft sei nach 1945 „den Juden gegeben“ worden und befinde sich in jüdischer Hand. (Screenshot: Facebook).

Der Kommentar stammt nicht von Edis; eine Reaktion von ihm ist nicht sichtbar. Er ist aber weiterhin öffentlich unter dem Beitrag zu lesen. Juden als heimliche Besitzer und Lenker der deutschen Wirtschaft: Viel klassischer wird Verschwörungsantisemitismus kaum.

Antisemitismus verschwindet nicht durch Wegsehen

Bei den gesicherten Kommentaren ist keinerlei Straftatbestand erfüllt. Antisemitische Verschwörungstheorien sind nicht strafbar. Das Strafgesetzbuch ist allerdings auch kein moralisches Mindestmaß für die Kommentarspalte eines Bundestagsabgeordneten.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass Edis jeden dieser Kommentare gelesen oder inhaltlich gebilligt hat. Es gibt aber sichtbare Reaktionen von ihm auf Unterstützer, mehrere von ihm mit „Gefällt mir“ markierte Kommentare und mindestens einen ausdrücklichen Hinweis an ihn auf eine antisemitische Aussage. Eine öffentliche Reaktion auf die hier dokumentierten antisemitischen Beiträge war nicht zu sehen. Die Kommentare waren aber weiterhin abrufbar.

Ben-Gvirs eigene Worte sind schlimm genug. Edis hätte sie vollständig zeigen und kritisieren können. Stattdessen fügt er „unschuldig“ hinzu und lässt die Passage weg, in der Ben-Gvir ausdrücklich von Terroristen spricht. Die Empörung funktioniert. Der Wahrheitsgehalt der Zuspitzung scheint zweitrangig. Und was sich anschließend an Antisemitismus und Verschwörungsdenken unter seinen Beiträgen sammelt, offenbar auch.

Wer seine Social-Media-Kanäle als politische Bühne nutzt, ist nicht automatisch Urheber jedes Kommentars.

Er trägt aber Verantwortung dafür, ob aus seiner Bühne dauerhaft ein Echoraum für Judenhass wird.

Aufforderungen an die Hamas, die Geiseln freizulassen und die Waffen niederzulegen, findet man in seinen Beiträgen übrigens nicht. Nicht mal die deutschen Geiseln wurden erwähnt.

Und für die (um auf die aktuellen Instagram– und Facebook-Beiträge zurückzukommen) Aussage von Itamar Ben-Gvir gilt:

Mirze Edis macht einen brutalen Satz nicht verständlicher. Er macht daraus etwas anderes.

Das ist keine Dokumentation. Das ist Agitation.


Andere Beitrage zu MdB Mirze Edis (Die Linke) auf Ruhrbarone:

Linken-Bundestagsabgeordneter Mirze Edis ruft zur Gaza-Demo in Berlin auf und romantisiert Raketen gegen Israel

MdB Mirze Edis (Die Linke): Geschichtsklitternde Huldigung eines stalinistischen Killers

Nach Gaza sind ‚du und ich‘ an der Reihe: Wie MdB Mirze Edis (Die Linke) Israel zur globalen Vernichtungsmacht erklärt

Autorenseite: Peter Ansmann
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