Peace for Peace statt Land for Peace!

Eigenes Bild, En Gedi, Dead Sea, Israel

Die Illusion der “Zweistaatenlösung” und die Realität der Nahost-Debatte

Für A. und A.

Wer heute noch von der klassischen „Zweistaatenlösung“ und “Land for Peace” spricht, ignoriert hartnäckig die Realitäten vor Ort. Diese Formel geht seit Jahrzehnten an den historischen und politischen Tatsachen vorbei – ebenso wie die oft simplen Parolen aus der israelischen Rechten und der National-Religiösen, die mit Formeln wie „Jordanien ist Palästina“ zwar reale historische Verflechtungen ansprechen, aber die heutigen geopolitischen Risiken und das fragile innere Gleichgewicht in der Region völlig ausblenden.

Anhand der historischen Wurzeln, der demografischen Realitäten, der Lehren aus dem Gaza-Rückzug und der tatsächlichen Bedingungen vor Ort zeigt sich, warum dieses Konzept endgültig der Vergangenheit angehören muss.

Gemeinsamer Verwaltungsraum und historische Wurzeln

Bild: British Mandate for palestine 1922 – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BritishMandateforpalestine1922.png

Ein Blick in die Geschichte des britischen Mandatsgebiets macht deutlich, wie eng die Räume tatsächlich verknüpft waren: Jordanien und das historische Palästina bildeten bis zur Abtrennung Transjordaniens 1921/1922 einen gemeinsamen administrativen Raum unter britischer Verwaltung. Jordanien wurde gezielt geschaffen, um den östlichen Teil des Mandatsgebietes aus den Bestimmungen und Verpflichtungen der Balfour-Deklaration [1] für eine jüdische Heimstätte auszunehmen.

Schon unter osmanischer Herrschaft existierten keine strikten, trennenden Staatsgrenzen zwischen diesen Gebieten, sondern fließende Übergänge innerhalb regionaler Verwaltungseinheiten.  Von einer homogenen Bevölkerung konnte in der gesamten Region zu keinem Zeitpunkt die Rede sein.

Während der Osten (Transjordanien) dünn besiedelt und vor allem durch Beduinenstämme, lokale Clans sowie Minderheiten wie Tscherkessen geprägt war, zeigte sich der Westen (das Kern-Mandatsgebiet zwischen Jordan und Mittelmeer) weitaus diversifizierter. Dort lebten neben arabischen und jüdischen Gemeinschaften auch zahlreiche weitere ethnische und religiöse Gruppen in einem eng verflochtenen Mosaik, das jede pauschale Einteilung in rein monokulturelle Räume von vornherein widerlegt [2].

Jüdische Kontinuität und demografische Mythen

Die moderne zionistische Einwanderung ab dem späten 19. Jahrhundert traf keineswegs auf ein „leeres“ Land oder war eine reine Neugründung, sondern sie traf auf eine kontinuierliche, Jahrtausende alte jüdische Präsenz im historischen Kernland – von den traditionellen Zentren Jerusalem, Safed und Tiberias bis zu Hebron als einer der ältesten jüdischen Siedlungsstätten überhaupt.

Der oft bemühte politische Mythos von einer ausschließlich autochthonen palästinensischen Bevölkerung greift bei genauerer Betrachtung aus mehreren Gründen zu kurz: Zum einen war die Region zu Beginn der modernen Erschließung oft dünn besiedelt, vernachlässigt und wirtschaftlich stagnierend. Jüdische Pioniere kauften dieses Land rechtmäßig auf, machten es durch mühevolle Arbeit urbar und bauten eine moderne Infrastruktur auf. Dieser wirtschaftliche Aufschwung zog in der Folge auch Hunderttausende arabische Arbeitskräfte aus den Nachbarregionen an, die im Zuge der jüdischen Entwicklung Arbeit und Wohlstand suchten.

Zum anderen wird ausgeblendet, dass auch die arabische Präsenz in vielen Landesteilen keineswegs monolithisch oder ununterbrochen „ur-autochthon“ in den Grenzen des modernen Nationalismus gedacht werden kann. Die Region war stets ein Raum von Migration, Durchzug und vielfältigen ethnisch-religiösen Minderheiten, in dem das jüdische Volk trotz Verfolgung und Vertreibung nie ganz verschwunden war, sondern seine historische Verbindung durchgehend aufrechterhielt.

Flucht, Migration und die verdrängte Kehrseite der Medaille

Betrachtet man die spätere demografische Entwicklung nach Staatsgründung Israels, zeigt sich ein ähnliches Bild: Durch die Flucht- und Migrationsbewegungen infolge des von arabischen Staaten geführten Angriffskrieges gegen Israel ab 1948 sowie durch den Sechstagekrieg 1967 kamen Hunderttausende Menschen nach Jordanien. Heute stellen Personen mit “palästinensischen” Wurzeln einen massiven Anteil – je nach Schätzung rund die Hälfte bis über 60 Prozent – der jordanischen Bevölkerung.

Hinzu kommt eine historische Leerstelle, die in der öffentlichen Debatte meist systematisch ausgeblendet wird: Im Zuge der Staatsgründung Israels und der Vertreibungen im Nahen Osten kam es nicht nur zu arabischen Fluchtbewegungen, sondern parallel dazu zu einer massiven Vertreibung von rund einer Million Juden aus den islamischen und arabischen Staaten der Region. Diese manchmal, nicht zu Unrecht, als „jüdische Nakba“ [3] bezeichnete Entrechtung und Vertreibung ganzer jüdischer Gemeinschaften aus Ländern wie dem Irak, Ägypten, dem Jemen, Syrien oder dem Maghreb führte zur vollständigen Auslöschung Jahrtausende alter jüdischer Kulturzentren außerhalb Europas. Die demografische Realität des gesamten Raumes ist folglich von dieser Parallele aus Vertreibung, arabischer Zuwanderung und späteren Migrationswellen geprägt und lässt sich nicht auf das propagandistische Narrativ einer einseitigen palästinensischen Opfergeschichte reduzieren.

Bild: Jemenitische Juden auf der Flucht. Zoltan Kluger – National Photo Collection of Israel, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4903313

Das jordanische Dilemma und der „Schwarze September“

In Amman blickt man dementsprechend alarmiert auf Parolen, Jordanien kurzerhand zum Ersatz-Palästina umzudeklarieren. Wenn dieses Argument in politischen Debatten vorgebracht wird, wird dabei meist übersehen, dass ein solcher Schritt das fragile innere Gleichgewicht zwischen den ostjordanischen Stämmen und der palästinensischstämmigen Mehrheit stark belasten würde.

Jordanien kennt palästinensischen Terror und islamistischen Extremismus aus bitterer historischer Erfahrung – insbesondere aus den blutigen Machtkämpfen des Schwarzen Septembers 1970 [4] vor 56 Jahren, als bewaffnete Milizen versuchten, den jordanischen Staat zu zerschlagen. Vor diesem Hintergrund ist die Furcht vor Destabilisierung in Amman kein theoretisches Konstrukt, sondern pure Überlebensangst.

Ein künstlicher Umbau zu einem Ersatz-Palästina würde keineswegs zu einer Befriedung beitragen, sondern sofort den Nährboden für Islamismus, Chaos und eine unkontrollierbare Destabilisierung des Königshauses liefern.

Das tragisch gescheiterte Experiment von Gaza und der 7. Oktober

Israel hat 2005 mit dem vollständigen Rückzug aus dem Gazastreifen den Versuch unternommen, durch territoriale Vorleistungen (eben: „Land for Peace“) den Weg zum Frieden zu ebnen.

Ministerpräsident Ariel Scharon setzte diesen einseitigen Abzug damals gegen heftigste Widerstände im eigenen Land durch. Kritiker und die rechte sowie nationalistisch-religiöse Opposition warnten bereits im Vorfeld in massiven Protesten und schärfsten innenpolitischen Debatten davor, dass ein Rückzug ohne vertragliche Gegenleistung und Sicherheitsgarantien ein Machtvakuum schaffen und das Gebiet in ein Sprungbrett für den Terror verwandeln würde.

Scharon setzte sich, begleitet von vielen Hoffnungen in der israelischen Gesellschaft, über die Warnungen hinweg und vollzog die einseitige Räumung. Eine Woche später brannten die Synagogen in Gaza.

Das Experiment endete in einem vollständigen Fiasko: Anstelle eines zivilen Aufbaus wurde das Gebiet von der Hamas, demokratisch gewählt nebenbei, systematisch zu einer hochentwickelten Terrorbastion ausgebaut, die als Startrampe für permanente Angriffe diente.

Spätestens mit dem barbarischen Terrorüberfall der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem größten Pogrom an Juden seit der Shoah wurde diese Illusion endgültig zertrümmert. Das Ergebnis hat die israelische Gesellschaft in ihrem anhaltenden Existenzkampf tief gespalten und traumatisiert, während die Doktrin einer friedlichen Koexistenz auf Basis territorialer Vorleistungen an der mörderischen Realität unwiderruflich gescheitert ist.

Genau dieses Szenario würde sich bei der Proklamation eines mit einem UN-Gütesiegel versehenen „palästinensischen Staates“ sofort wiederholen: Statt Frieden entstünde ein existenzielles Bedrohungsszenario für den jüdischen Staat.

Jenseits von „Land for Peace“: Peace for Peace!

Die Formel zur Lösung wäre eigentlich recht simpel: Die palästinensische Führung erklärt einen echten Gewaltverzicht, geht konsequent gegen den Terror aus den eigenen Reihen vor und fördert ihn nicht länger. Sie gesteht Juden in den Autonomiegebieten exakt dieselben Rechte, dieselbe Sicherheit und Existenzberechtigung zu, die arabische Staatsbürger innerhalb Israels völlig selbstverständlich genießen. Anerkennt das historische Lebensrecht – auch – der Juden als Indigene westlich des Jordans.

Dann wäre der Konflikt längst gelöst. Dahinter würde sich die überwältigende Mehrheit der israelischen Gesellschaft, die sich nichts mehr erhofft als endlich Frieden, sofort versammeln.

Doch die brutale Realität sieht umgekehrt aus: Während arabische Israelis gleichberechtigte Bürger eines demokratischen Rechtsstaates sind, dulden die palästinensischen Strukturen bis heute kein freies jüdisches Leben in ihrem Einflussbereich. Jegliche Präsenz von Juden in den Autonomiegebieten ist ausschließlich unter permanentem militärischem Schutz und ständiger Terrordrohung möglich – flankiert von einer systematischen Hasserziehung in den Schulen und der Drohung der Todesstrafe für jeden Landverkauf an Juden. Apartheidsgesellschaft in Reinkultur. 

Bild: Al Khalil Hebron, Eingang zum jüdischen Viertel… auf der Apartheids-Seite –https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Al_Khalil_Hebron_(135152701).jpeg

Wer im Jahr 2026 immer noch an der klassischen „Zweistaatenlösung“ festhält, betreibt reine UN-Folklore oder verweigert sich der Realität. Wer dauerhaften Frieden will, muss diese falsche Parole endlich begraben.

Wie der Historiker Michael Wolffsohn seit Jahren kritisiert [5], geht dieses Konzept völlig an den Tatsachen vorbei. Weder lassen sich die gewachsenen Fakten vor Ort einfach wegradieren, noch schützt eine auf dem Papier gezogene Grenze vor dem Terror. Das Mantra von den zwei Staaten ist zu einer hohlen Phrase verkommen, die über die mörderische Realität hinwegtäuscht – obwohl jeder praktische Test, wie der Rückzug aus Gaza, genau das Gegenteil bewiesen hat.

Eine saubere, trennende Grenzziehung zwischen Israelis und Palästinensern ist auf dem engen Raum schlicht unmöglich. Allein im israelischen Kernland leben rund zwei Millionen arabische Bürger, die ihren Status, ihre Sicherheit und ihre Versorgungsansprüche innerhalb des israelischen Rechtsstaates niemals aufgeben würden. Umgekehrt lässt sich die gewachsene Realität im Westjordanland mit Hunderttausenden jüdischen Siedlern nicht durch eine erzwungene, massenhafte Umsiedlung rückgängig machen, ohne einen inneren Bürgerkrieg heraufzubeschwören. Jedes künstliche Abschirmen führt unweigerlich zu neuen Frontlinien.

Anstelle des wiederkehrenden Scheiterns fordert Wolffsohn daher pragmatische, föderative oder konföderative Strukturen nach dem Vorbild gewachsener multinationaler Einheiten (ähnlich wie in Südtirol). In einem solchen israelisch-palästinensischen Staatenbund könnten die verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf demselben geografischen Raum administrativ und wirtschaftlich koexistieren, anstatt sich in hermetische, feindliche Kleinstaaten zu spalten. Die Voraussetzung dafür ist allerdings unerbittlich: die radikale Entmilitarisierung des Terrors und die politische Neutralisierung von Kräften, die Koexistenz prinzipiell ablehnen.

Wer dauerhaften Frieden will, muss die verbrauchte Illusion der “Zweistaatenlösung” begraben. Es geht nicht um das Feilschen um Territorium („Land for Peace“), das ohnehin nur als Aufmarschgebiet missbraucht wird.

Die einzig tragfähige Lösung für eine echte Zukunft ist schlichte Gegenseitigkeit: Sicherheit, Anerkennung und Existenzrecht für Juden in der gesamten Region ohne Wenn und Aber:

Peace for Peace. No Peace? Get…

Bild: FIDF – Friends of the IDF – https://www.fidf.org/

Quellen und Verweise:

[1] Balfour-Erklärung
https://www.bpb.de/themen/naher-mittlerer-osten/israel/45184/quellen/

[2] Mena-Watch Dossier: Besetzt, umstritten, annektiert? (PDF)
https://www.mena-watch.com/wp-content/uploads/2021/09/juedische-praesenz-im-westjordanland-voelkerrecht-dossier.pdf

[3] Die “jüdische Nakba”
https://mena-watch.com/die-juedische-nakba-wird-verschwiegen/

[4] Jordanien 1970: So schwarz war der Schwarze September
https://www.welt.de/geschichte/article215940994/Jordanien-1970-So-schwarz-war-der-Schwarze-September.html

[5] Michael Wolffsohn: Föderative Strukturen in einem israelisch-palästinensischen Staatenbund sind die bessere Alternative
https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/550168/meinung-foederative-strukturen-in-einem-israelisch-palaestinensischen-staatenbund-sind-die-bessere-alternative/

 

Autorenseite: Achim Chajim Hecht
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