
Viele werden sich beschweren, vor allem weil erneut die Privilegien der Beamten nicht angerührt werden, aber ansonsten belasten die Pläne der Rentenkommission fast alle, was sich nach Jahrzehnten der Verschleppung von Reformen nicht vermeiden lässt:
Die vorgeschlagene Rentenreform setzt vor allem auf längere Lebensarbeitszeiten und eine breitere Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung. Zudem soll ein Teil der Rentenbeiträge am Aktienmarkt angelegt werden, um zusätzliche Erträge für die Altersvorsorge zu erwirtschaften. Politiker sollen künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, Beamte jedoch weiterhin im bestehenden Pensionssystem bleiben. Außerdem soll der Nachhaltigkeitsfaktor wieder eingeführt werden, wodurch die Rentenentwicklung stärker an das Verhältnis von Beitragszahlern und Rentnern gekoppelt wird. Schließlich sollen auch Minijobs grundsätzlich rentenversicherungspflichtig werden, um die Zahl der Beitragszahler zu erhöhen und spätere Altersarmut zu vermeiden.
Das Renteneintrittsalter soll künftig an die steigende Lebenserwartung gekoppelt werden, während die Rente mit 63 wegfallen soll. Bis 2041 soll es auf 67,5 Jahre steigen.
Das größte Problem der Vorschläge sind jedoch nicht die Belastungen, sondern die Zukunftsblindheit: Sowohl die Rentenkommission als auch ihre Unterstützer und Kritiker scheinen davon auszugehen, dass die Arbeitsgesellschaft auch in Zukunft so ähnlich aussehen wird wie heute oder in der Vergangenheit: Arbeitnehmer und Unternehmen finanzieren den Sozialstaat über Beiträge, der Staat springt ein, wenn die Mittel nicht reichen.
Aber die Arbeitsgesellschaft der Zukunft wird anders aussehen: Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) werden sie radikal verändern. Die FAZ zitiert heute den Arbeitsökonomen William Gould. Für ihn ist KI eine „Lokomotive“, die auf die Gesellschaft zurast. Dass die Arbeitsmarkteffekte der KI bisher nur moderat waren, sei keine Garantie dafür, dass dies nach Abschluss der Einführungsphase so bleibt.
Während die Wirtschaft wächst, stagniert der Arbeitsmarkt in den USA. Wissensarbeiter wie Informatiker, Ingenieure und alle, die mit Texten und Grafiken arbeiten, bekommen die Veränderungen als Erste zu spüren. Aber sie werden nicht die Einzigen bleiben: In den Dark Factories in China arbeiten nur noch wenige Menschen, die Zahl der humanoiden Roboter wächst rasant, Amazon baut in den USA Lager, in denen es nur noch wenige Kommissionierer gibt.
In Städten wie San Francisco oder Austin gehören autonom fahrende Taxis heute schon zum Alltag, und in Nordrhein-Westfalen plant der Rhein-Erft-Kreis, bis 2029 100 fahrerlose Busse einzusetzen.
„Der nächste KI-Schub“, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, „ist bei manuellen Tätigkeiten zu erwarten, in Verbindung mit Robotik.“ Der Einsatz werde sich in den kommenden Jahren deutlich über klassische Industrieumgebungen hinaus erweitern. Ausgangspunkt seien dabei Bereiche wie Logistik, Montage oder Wartung. Von dort aus würden sich die Anwendungen schrittweise weiterentwickeln. „Zunächst in Richtung komplexerer industrieller Abläufe, dann zunehmend in Servicebereiche wie Krankenhäuser, Hotels oder Logistikzentren.“ Langfristig werde Robotik auch in den Alltag vordringen.
Wer sich ernsthaft Gedanken über die Zukunftsfähigkeit der Sozialsysteme machen will, kann diese Entwicklungen nicht ignorieren. In den USA ist die Zukunft der Arbeitsgesellschaft schon lange ein Thema. Sam Altman, der Chef von OpenAI, sagte im April in einem Interview mit The Atlantic, dass man über ein Grundeinkommen, wie es andere aus der KI-Branche vorschlagen, hinausdenken müsse:
„Mich interessieren viel stärker Ansätze, bei denen wir über kollektives Eigentum nachdenken – sei es an Rechenleistung, an Unternehmensanteilen oder an etwas anderem.“
Nicht jeder sieht die Zukunft so entspannt wie Amazon-Gründer Jeff Bezos, der davon ausgeht, dass KI einen Arbeitskräftemangel verursachen wird, weil sie den Menschen ermöglichen wird, mehr Probleme zu identifizieren. Die Rentenkommission diskutiert darüber, wer künftig einzahlt. Die wichtigere Frage lautet jedoch, wer überhaupt noch einzahlen wird.
Niemand kann von einer Rentenkommission erwarten, auf die kommenden Herausforderungen perfekte Antworten zu haben. Aber sie sollte sie zumindest mitdenken und dazu beitragen, die Debatte anzustoßen.