
Zunehmend übernimmt Künstliche Intelligenz Arbeiten im Büro. Doch dabei wird es nicht bleiben: Roboter könnten schon in wenigen Jahren Menschen auch im Handwerk oder der Pflege unterstützen und vielleicht sogar ersetzen.
Ihre Jobs galten lange als sicher, ein Abschluss in den entsprechenden Studiengängen als Grundlage für eine Karriere. Das ist vorbei: Nach einer Studie des Forschungszentrums Digital Planet an der Fletcher School der Tufts University in Boston sind in den kommenden zwei bis fünf Jahren vor allem Arbeitsplätze in den Bereichen IT und Medien, Finanzen und Versicherungen sowie wissenschaftliche und technische Dienstleistungen durch Künstliche Intelligenz besonders stark gefährdet. Alex Karp, der Vorstandsvorsitzende des Softwareunternehmens Palantir, geht davon aus, dass nur zwei Gruppen von Menschen sich in der Zukunft keine Sorgen um ihre Jobs machen müssen: Handwerker und Neurodiverse – etwa Autisten oder Menschen mit ADHS.
Karps Aussage könnte sich als zu optimistisch erweisen, denn auf mittlere Sicht könnte KI zunehmend auch im Bereich des Handwerks, aber auch in der Pflege, Arbeiten übernehmen. Dabei geht es nicht um Modelle wie ChatGPT oder Claude, die hervorragend mit Texten arbeiten können, Menschen als deren intellektueller Sparringspartner bei der Lösung von komplizierten Aufgaben helfen und zunehmend im Bereich Programmierung eingesetzt werden. Aber schon wird in Robotern zunehmend Künstliche Intelligenz eingesetzt. Damit erhalten KI-Modelle zunehmend etwas, was den großen Sprachmodellen im Moment noch fehlt: ein Wissen von der Welt außerhalb von Bildschirmen und Rechenzentren, sodass sich die künftig immer intelligenteren Roboter besser und sicherer in der Welt zurechtfinden. Und je besser sie das tun, umso stärker werden sie in Arbeitsbereiche wie Handwerk oder Pflege eingesetzt werden.
„Der nächste KI-Schub“, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, auf Anfrage: „ist bei manuellen Tätigkeiten zu erwarten, in Verbindung mit Robotik.“ Das sei nicht trivial, weil die Tätigkeiten noch nicht digitalisiert sind und in verschiedenen, teils komplizierten Umgebungen ausgeführt werden. Aber bei genau diesen Herausforderungen werde es Fortschritte geben: „Neue Anwendungen werden in der Kombination von KI und Robotik liegen. Dafür braucht man Automatisierungstechnik, Sensorik, Maschinenbau – also Bereiche, in denen Deutschland stark ist.“ Das baden-württembergische Unternehmen Neura Robotics gehört zu den wichtigsten Roboterentwicklern Deutschlands. Unternehmen wie Amazon, der Chipentwickler Nvidia und die Technische Universität München gehören zu seinen Partnern. Das Unternehmen hat eine klare Vision, wie sich Roboter weiterentwickeln werden: „Der Einsatz wird sich in den kommenden Jahren deutlich über klassische Industrieumgebungen hinaus erweitern.“ Ausgangspunkt seien weiterhin Bereiche wie Logistik, Montage oder Wartung. Von dort aus würden sich die Anwendungen schrittweise weiterentwickeln. „Zunächst in Richtung komplexerer industrieller Abläufe, dann zunehmend in Servicebereiche wie Krankenhäuser, Hotels oder Logistikzentren – vor allem hinter den Kulissen.“ Langfristig würde Robotik auch in den Alltag vordringen.
Holger Hoos ist Alexander-von-Humboldt-Professor für Künstliche Intelligenz an der RWTH Aachen. Auch er geht davon aus, dass Roboter in Zukunft manuelle Tätigkeiten übernehmen werden, sogar in Bereichen wie der Wartung von Flugzeugturbinen, in denen heute hochqualifizierte Techniker tätig sind. „In diesen Bereichen werden KI und Robotik zunehmend eine zumindest unterstützende Rolle spielen“, sagt Hoos im Gespräch. „Mit Blick auf den demografischen Wandel müssen wir zumindest in Deutschland und Mitteleuropa damit rechnen, dass bald nicht genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, um all diese Aufgaben zu erledigen.“ Außerdem sei das Interesse von Jugendlichen, eine handwerkliche Ausbildung zu beginnen, nicht sehr groß, was schade sei. Aber bis es so weit sei, würden noch mehr als ein Jahrzehnt vergehen: „Zurzeit herrscht ein gewisser Enthusiasmus vor, der, angetrieben von den wirtschaftlichen Interessen hauptsächlich US-amerikanischer Großkonzerne, die Zukunft in buntesten Farben malt.“ Und in dieser Zukunft würde menschliche Arbeit nur noch wenig oder gar nicht benötigt. Hoos sieht das anders: Roboter sollten Menschen in Zukunft unterstützen und schwere und einfache Arbeiten abnehmen, aber sie nicht vollkommen ersetzen. „In einem Krankenhaus kann ein Roboter schwere Lasten tragen und das Essen ausliefern. Aber das Gespräch mit dem Arzt oder Pfleger ersetzen kann er nicht.“ Im Gegensatz zu den USA sollte man in Europa den Fokus eher auf Unterstützung als auf das Ersetzen von Menschen richten. Das sei sinnvoller und auch sozial verträglicher.
Der Text erschien in einer ähnlichen Vesrion bereits in der Frankfurter Rundschau