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Zukunftsglauben zwischen Paradies und Hölle, zwischen Demokratie und Extremismus

Früher war alles besser, vor allem die Jugend! Heute dagegen regiert der böse Zeitgeist und alles geht den Bach herunter! Unsere gewählte Regierung hat uns verraten und verkauft! Wer will in diese Welt überhaupt noch Kinder setzen!? Entweder jetzt räumt ein Retter nochmal richtig auf, oder alles wird in den Abgrund stürzen! Und das ist ja vielleicht auch besser so… Ein Crosspost aus dem Sciblog von Dr. Michael Blume.

Sicher kommt Ihnen dieser Sound bekannt vor – gerade auch im Internet. Wo früher mancher Senior grantelte, steigern sich heute Wutbürger digital vernetzt in ihre Angstlust. Auch hier auf dem Blog treten immer wieder Untergangsverkünder auf, die ihre selbstgestrickten Prophezeiungen zur Islamisierung, dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der Bildungs- oder Ökokatastrophe usw. mit wüsten Beschimpfungen gegen gewählte Politikerinnen, Medien und auch Wissenschaften garnieren. Regelmäßig haben sich diese Menschen in einen Verschwörungsglauben samt übermächtigen Superverschwörern hineingesteigert, der fließend in die extremistische Legitimierung von Gewalt (ob links, rechts oder religiös) übergeht.

Die Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung „Vertrauen, Zufriedenheit, Zuversicht“ von Dr. Sabine Pokorny widmet sich auf Basis einer repräsentativen Ipsos-Umfrage vom Jahresanfang 2017 dem leider noch empirisch wenig erforschten Zukunftsglauben. Dabei bestätigen die Daten aus Deutschland die gefühlten Beobachtungen: Anhängerinnen und Anhänger der demokratischen Parteien schauen überdurschnittlich hoffnungsvoll in die Zukunft, wogegen die Anhängerschaft der Linken nahezu hälftig, jene der AfD sogar zu drei Vierteln von Niedergangsängsten (fachdeutsch: Deklinismus) geprägt ist!

So wird eigentlich auch schnell klar, warum die Förderung von Optimismus und Tatendrang (das sogenannte „Empowerment“) für lebendige, dynamische Gesellschaften unverzichtbar ist, bei Kritikern aber den Vorwurf der Verharmlosung (oder gar verschwörerischen Täuschung) hervorruft.

Und was kann die Wissenschaft dazu sagen?

Als Religionswissenschaftler würde ich mir sehr wünschen, dass wir das Entstehen, Gegen- und Miteinander von Utopien (also dies- und jenseitigen Paradieshoffnungen) wie auch Dystopien (der Vorstellung dies- und jenseitiger Höllen) besser verstehen. Die bisherigen Forschungen in diesen Bereichen weisen darauf hin, dass früher zyklische Zeitvorstellungen (mit einem Kreislauf auf Auf- und Niedergang) geherrscht hätten, wogegen sich mit dem Aufkommen des Monotheismus (Eingottglaubens) ein neues Schema zeitlichen Fortschritts durchgesetzt habe: Gute Schöpfung – Verderbnis & Prüfung – Apokalypse – Messianisch-glückliche Endzeit. „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Säkulare Weltanschauungen wie der Sozialismus, Nationalismus und auch (Trans-)Humanismus hätten diesen monotheistischen Fortschrittgsglauben dann (überwiegend unbewusst) aus den Religionen übernommen: Früherer Paradieszustand – Verderbnis & Verschwörung – Aufklärung & Revolution – Glückliche Endzeit.

In einem früheren Blogpost hatte ich ein Musikvideo zur linksextremen Katastrophenlust der Band K.I.Z. („Hurra diese Welt geht unter!“) thematisiert, hier eine gnostisch-verschwörungsgläubig aufgeladene Version des Rappers Kollegah („Apokalypse“), in der er sich selbst als Messias vorstellt:

Wir sprechen hier also nicht von einem nur historischen, sondern einem alltäglichen, politischen wie auch populärkulturellen Thema (man denke nur an Filme!). Doch wirklich große, interdisziplinäre und kulturvergleichende, vor allem auch empirisch unterlegte Studien fehlen dazu meines Erachtens nach leider immer noch – wir ahnen und vermuten (!) viel, wissen aber zum Beispiel über die Psychologien von mythischen Ängsten (von Migration bis Chemtrails) und Hoffnungen noch immer zu wenig.

„Früher war alles schlechter“ von Guido Mingels

Immerhin ist aber inzwischen stark belegt, dass Menschen tatsächlich zur Konzentration auf Negatives neigen, gesellschaftlicher Optimismus also eine kulturelle und immer wieder bedrohte Leistung darstellt. So engagiert sich der studierte Germanist, Linguist und Philosoph Guido Mingels seit einigen Jahren mit seiner journalistischen Arbeit, in der er den meist negativen „Headlines“ (Schlagzeilen) die häufig sehr viel erfreulicheren „Trendlines“ (längerfristigen Trends) gegenüberstellt. Auch für mich persönlich gehört die datenreiche Rubrik „Früher war alles schlechter“ inzwischen zu den stärksten Leseargumenten für den SPIEGEL.

Auf das Jahresbuch dazu will ich in Zukunft nicht mehr verzichten, da es auch die eigenen, häufig unbewussten und unreflektierten Annahmen durch empirische Daten hinterfragt.

Der „Früher war alles schlechter“-Band von 2016. Foto: Michael Blume

Als Erklärungen für die Stärke angstverzerrter Wahrnehmungen der Weltlagen verweist Mingels dabei einmal auf die menschliche Tendenz zur Nostalgie: Unser Gehirn erinnert frühere schöne Ereignisse (zum Beispiel „weiße Weihnachten“) stärker als den Alltag, so dass „früher“ als tendenziell „schöner“ erinnert wird. Zweitens begünstige unsere evolvierte Psyche schon aus Gründen der Selbsterhaltung negative und gefahrenverheißende Informationen gegenüber Neutralem oder gar Positivem. Und darauf reagierten wiederum, drittens, um Aufmerksamkeit konkurrierende Medien mit einem Angebot, das Ängste, Paniken und Krisen bediene und schüre. Bad News are Good News. „Heute erneut keine Hungersnot ist nun mal keine Schlagzeile.“ (S. 9)

Interessanterweise pflegen dabei – so möchte ich ergänzen – ausgerechnet jene extremen Medien die Angstverzerrungen, die den „Mainstream-Medien“ gerne Vertuschung und Lüge vorwerfen.

So zeigt Mingels in stark bebilderten Datengrafiken beispielsweise auf, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland von 1550 bis 1850 um gerade einmal zwei Jahre stieg: Von 39 auf 41 Jahre. Um 1900 waren es bereits 46 Jahre, um 1950 (nach den beiden Weltkriegen!) 69 Jahre. 2011 waren bereits 81 Jahre erreicht – und ein Ende ist nicht in Sicht (S. 12/13).

Doch auch die malthusianische Panik vor einer drohenden „Überbevölkerung“ verliere ihren Schrecken, zumal auf allen Kontinenten die Geburtenraten auf derzeit nur noch 2,5 einbrächen, mit Afrika „erst“ seit den 1960er Jahren als Schlusslicht im Rückgang der Fertilität (S. 14/15).

Oder nehmen wir das Anfang der 1980er Jahre verkündete Waldsterben: Tatsächlich wuchs die Waldfläche in Deutschland seit 1970 auf nun 11,4 Millionen Hektar. Der Zuwachs um eine Million Hektar entspricht dabei der Größe Jamaikas. (S. 32/33)

Die Zahl der Suizide in Deutschland ging von einem Höchsstand von 236 pro einer Million Einwohner in 1980 auf zuletzt nur noch 126 pro Million in 2014 zurück. Und sie lag – von der dortigen, autoritären Staatsführung selbstredend verschwiegen – im „sozialistischen Arbeiterparadies“ DDR stets deutlich höher als in der gerne beschimpften, sozialen Marktwirtschaft der alten und nun wiedervereinigten Länder. (S. 74/75)

Oder nehmen wir internationale Daten: Die Zahl der Kriegstoten pro 100.000 Menschen hatte in den 1940er und 1950er Jahren mehr als 20 betragen, in den 1970er Jahren immer noch mehr als 5 – seit dem Jahrtausendwechsel liegt sie unter 3. (S. 40/41) Selbstverständlich kann ich gerade auch aufgrund der Irak-Erfahrungen nur betonen, dass jedes einzelne Kriegsopfer eines zuviel ist – doch gerade deswegen sollten wir auch die großen Fortschritte in der Friedenssicherung in Europa und darüber hinaus anerkennen. Das Engagement für Frieden ist erfolgreich, wenn auch noch nicht am Ziel.

Vorgestellt wird auch der nach seinem Entdecker benannte „Flynn-Effekt“, nachdem der durchschnittliche Intelligenzquotient weltweit von 1909 bis 2013 um volle 30 Punkte gewachsen sei – vor allem aufgrund von mehr Bildung, Wohlstand und besserer Ernährung. (S. 84/85)

Was glauben, hoffen, fürchten Sie?

Die empirischen Daten scheinen also eine klare Sprache zu sprechen – doch gerade auch die Freiheiten der demokratischen Rechtsstaaten erlauben es, die erreichten Fortschritte zu ignorieren oder in Frage zu stellen. Während Diktaturen jede abweichende Lesart von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterdrücken und verfolgen können, können freie Menschen und um Aufmerksamkeit konkurrierende Medien jede Statistik bezweifeln, überall Verschwörungen wittern oder auch einfach davon ausgehen, dass die aktuelle Entwicklung eine letzte Scheinblüte vor der weltlichen Apokalypse darstelle.

Die Zukunft ist offen, noch unbekanntes Land. Und sie wird immer auch gestaltet werden aus dem, was wir heute – religiös oder säkular – glauben…

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2 Kommentare zu “Zukunftsglauben zwischen Paradies und Hölle, zwischen Demokratie und Extremismus

  • #1
    ke

    Passt die Grafik bzw. wie ist sie entstanden?
    Insgesamt soll der Wert für "glaube, dass alles gut wird" bei 58% liegen.

    Wie sahen denn dann die absoluten Zahlen der Parteienzuordnung aus? Gab es so viele Zuordnungen zur "AfD" bzw. zur "Linke"?

    Was sagen uns diese Zahlen überhaupt bzw. wer nimmt an solchen Umfragen teil. Ich teile im Regelfall irgendwelchen Interviewern freundlich mit, dass ich keine Zeit für so etwas habe und bin auch bei schriftlichen Zwangsumfragen wenig motiviert. Insbesondere wenn durch Wiederholungen oder ähnliche TEchniken versucht wird, die Aussagen zu verifizieren.

    Die globalen Errungenschaften der Menschheit sind toll, aber für Einwohner aus den aktuellen Kriegs- und Krisengebieten sicherlich sekundär.

    Eine "Tschakka" Mentalität wird die "Deutsche Angst" nicht besiegen. Bei steigender Intelligenz und steigender Information wird natürlich eine individuelle Risikoanalyse durchgeführt. Ich finde dies positiv. Die allgemeinen Entwicklungen sind interessant, interessieren mich aber aktuell überhaupt nicht.

    Meine Baseline ist mein Leben mit Stand "Heute", wenn ich meine Situationen beurteile.

  • #2
    Angelika

    Es ist Wahljahr und alle wissen, dass die Politiker/innen (jaja …) nicht so aussehen, wie auf den Plakaten. Die Zähne nicht so weiß, die Haut nicht so glatt, nicht so (unendlich) jung.

    Es ist Wahljahr und die Alltagserfahrungen prallen auf tv-news, Plakate usw..

    Und zu den Alltagserfahrungen gehören das reale (ganz irdische) Im-Stau-STEHEN (täglich!), das kann die FDP in NRW trotz super Wahlkampfaktionen auch nicht schnell ändern …

    Zu den Alltagserfahrungen gehört, dass Brücken ab soundsoviel Tonnen gesperrt sind, weil marode. Und die ganz irdischen LKW können nicht engelgleich fliegen …

    Ein Vorparadies ist es hier noch nicht, denn im Vorparadies wären nicht diese prolligen Discounter, da gäbe es Manna oder doch zumindest Delikatessläden in Fußgängerzonen ohne Leerstände.

    Zu den Alltagserfahrungen gehört auch, dass der öffentliche Raum vermüllt. Es ist ekelhaft schmutzig geworden da draußen in der Pampas – und das nicht nur im Problembezirken des Ruhrgebiets. Und Geld zur Grünpflege ist auch keines da – naja … ist ja auch, wie gesagt, kein Vorparadies …

    Die Leutchen leisten sich eine neue Küche, schauen auf ihren handtuchgroßen Garten für den sich ein Rasenmäher kaum lohnt, blicken während einer Telefon-Umfrage auf ihre High-Tech-Küchengeräte und ihre grüne Idylle ohne Gartenzwerg und äußern sich natürlich positiv. Aber daran ist die Hochglanzoberfläche der neuen Küche schuld – und sonst nix …

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