1980 – Die vergessene Rebellion

Klar, die 68er hatten die bessere Presse. Aber das ist kein Grund, nicht an das Jahr 1980 zu erinnern. Dem Jahr der letzten Jugendrevolte.

Die Ausgabe des Stern erschien im April. Auf dem Titel war ein Jugendlicher zu sehen, und im Inneren des Heftes machte man sich daran, den Lesern die Jugend zu erklären: Sie sei fragmentiert, es gäbe dutzende verschiedene Grüppchen: Popper, Punker, Grufties, Alternative und noch viel mehr. Die meisten hätten allerdings eines gemeinsam: Sie seien weitgehend unpolitisch. Von Rebellion keine Spur. Mehr oder weniger gut gestylte Individualisten.

Wie sehr der Stern mit seiner Beurteilung der damaligen Jugend daneben lag, sollte schon wenige Wochen später klar werden. 1980 – das war der Beginn von Jugendunruhen, von militanten Demonstrationen, die sich bis in die Mitte der achtziger Jahre ziehen sollten.

Hausbesetzungen standen im Zentrum des Protestes. Bei vielen dieser Besetzungen ging es um den Erhalt preiswerten Wohnraums – allein in Berlin waren zeitweilig über 100 Häuser besetzt. Aber etliche Besetzungen hatten auch das Ziel, autonome Zentren zu schaffen.  Ob die Besetzungen der Siesmayerstraße und des ehemaligen Bundesbahngeländes Nied in Frankfurt, die Auseinandersetzungen um das Dreisameck in Freiburg, die Bo-Fabrik in Bochum, das Stollwerk in Köln: Viele der Jugendlichen, die damals auf die Straße  gingen, wollten Orte, an denen sie selbst bestimmen konnten, was passiert: Räume zum Arbeiten, Räume für Kultur und Räume zum leben.

Oft folgten den Räumungen der besetzten Häuser gewalttätige Auseinandersetzungen. Das, was sich Anfang der 80er Jahre bei Demonstrationen abspielte, ging an Härte weit über das hinaus, was ein gutes Jahrzehnt vorher Ende der 60er Jahre passierte: Die Jugendrevolte von 1980 war auch durch Militanz geprägt und erweiterte das linke Spektrum um eine neue, extrem heterogene Gruppierung: Die Autonomen. Als sich am 1. Mai 1980 der erste „Schwarze Block“ am Merianplatz in Frankfurt zusammenfand, um als Anarchisten-Block neben den Blöcken von ÖTV, IG-Metall oder SPD an den offiziellen 1. Mai Demos teilzunehmen – und später versuchen sollte ein Haus zu besetzen – gewann eine bis heute anhaltende Eigendynamik: Der Schwarze Block, damals noch in Anführungszeichen geschrieben und durchaus ironisch bezeichnet, wurde zum Synonym für Militanz.

Doch die Auseinandersetzungen um die Häuser und Zentren waren nicht die einzigen Protestgründe: Am 6. Mai kam es beim Rekrutengelöbnis in Bremen zu schweren Straßenschlachten. Sven Regener hat die Atmosphäre der damaligen Zeit in seinem Bremen-Roman „Neue Vahr Süd“ beschrieben. Als am 4. Juni die „Republik Freies Wendland“ in Gorleben geräumt wurde, kam es zu Protesten in ganz Deutschland. Brockdorf, die Startbahn West, Wackersdorf und Kalkar – Anfang der 80er Jahre gab es viele Anlässe, auf die Straße zu gehen.

Die Jugendproteste der frühen 80er waren kein deutsches Phänomen: Hausbesetzungen hab es auch in England und Holland. Der Soundtrack zur Krönungszeremonie von Beatrix am 30. April 1980 war der Lärm der vor der Kirche tobenden Straßenschlacht. Zürich war ein weiteres Zentrum des Protests. „Züri brännt“ ein Slogan, den damals jeder kannte.

Der Spiegel beschrieb 1980 die Bewegung recht treffend:

„Im Akt der Verneinung erleben sie alle, was sie als Freiheit empfinden: einen neuen, alternativ zu gestaltenden Handlungsspielraum, wobei „alternativ“ mal die Gegengewalt zur Staatsmacht miteinschließt, ein andermal nur die Verweigerung gegenüber Bürokratie und Institutionen meint — oder aber zweideutig bleibt nach Art des subversiv denkenden Mescalero, der zum Niedergang der Instanzen nur soviel äußert: klammheimliche Freude.“

Doch warum kam es soweit? Wieso entlud sich Jugendgewalt Anfang der 80er Jahre nahezu eruptiv? In den späten 70er Jahre herrschet in Deutschland eine nahezu paranoide Stimmung: Polizisten kontrollierten Autos mit der Maschinenpistole im Anschlag. Eine Folge des RAF-Terrors. Ebenso wie der immer weiter ausgebaute Überwachungsstaat. Dazu kamen der wirtschaftlicher Niedergang und die zunehmende Angst vor der Atomkraft, die damals noch massiv ausgebaut wurde. Diese paranoide und bedrückende Stimmung entlud   sich den Auseinandersetzungen ab 1980. Die Militanz wurde von vielen als die Rückeroberung persönlicher Freiräume gesehen. Heute erscheint das merkwürdig, damals entsprach es dem Lebensgefühl vieler Jugendlicher.

Die Unruhen zogen sich lange hin: 1983 wurde in Krefeld die Wagenkolonne des damaligen US-Vizepräsidenten Georg Bush angriffen. Die Hälfte aller an der Aktion Beteiligten verbrachte den Abend wahlweise in Haft oder im Krankenhaus. Und natürlich die bereits kurz erwähnte Startbahn West bei Frankfurt: Jede Woche entzündete sich der Protest am Bauzaun und legte sich erst, nachdem die Startbahn 1984 in Betrieb ging.

Es gäbe noch viele Geschichten zu erzählen: Die vom Heusnerviertel in Bochum, die vom Frankfurter CDU-OB Walter Wallmann, der während seiner ganzen Amtszeit immer auf eine Politik der harten Hand gegen Hausbesetzer setzte – und sie von verschiedenen sozialdemokratischen Polizeipräsidenten exekutieren lies. Oder die eines heutigen Linkspartei-Bundestagsabgeordneten, der verhindern wollte, dass  am 16. Juni bei Rock gegen Rechts in Frankfurt Hausbesetzer einen Solidaritätsaufruf verlasen. Er konnte überzeugt werden, das lieber zu lassen.

Heute ist die Jugendrevolte der frühen 80er Jahre fast vergessen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Ihre Mitglieder waren nicht so publikationsfreudig wie die 68er. Bücher wie „Kursbuch 65 – der große Bruch – Revolte 81“ blieben eine Ausnahme. Und dann war da noch die bald an Bedeutung gewinnende Friedensbewegung: Die Macht der großen Zahl, die Millionen auf den Latschdemos, der betroffenen Böll und BAP prägen bis heute das Bild dieser Zeit. Ihr Protest überlagert die Wahrnehmung auf diese Jugendbewegung. Diese Jugendbewegung war zutiefst antiautoritär, hatte keine Idole und keine Führer. Nichts, was sich medial präsentieren konnte. Sicher auch ein Grund, warum sich kaum jemand an sie erinnert.

Was blieb? In ganz Deutschland gibt es bis heute zahlreiche soziokulturelle Zentren, die ihren Ursprung in diesen Jahren hatten. Im Ruhrgebiet zum Beispiel der Bahnhof Langendreer und in Berlin die 1979 besetzte UFA-Fabrik. Auch die Hafenstraße in Hamburg hat in dieser Zeit ihre Wurzeln.

Was auch in dieser Phase begraben wurde, waren die K-Gruppen, die noch in den späten 70er Jahren das Bild der  Linken in Deutschland prägten. Punk Attitude traf auf Politik und begrub das linke Spießertum der 70er.   Die Autonomen entstanden, das Vermummungsverbot kam, und für ein paar Jahre gehörte die schwarze Lederjacke zur Demo-Ausstattung. Man kaufte sie damals in Amsterdam auf dem Flohmarkt , und die meisten der Jacken hatten schon Patina angesetzt. Es sollte lange dauern, bis sie durch Jack-Wolfskin Jacken ersetzt wurden. Nicht unbedingt ein ästhetischer Fortschritt.

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15 Kommentare zu “1980 – Die vergessene Rebellion

  • #1
    Nicolas

    Bravo! Einer Ihrer besten Beiträge!

    Wie stellen Sie die Verbindung zu heute her? Wie würden Sie heute mit ‚damals‘ vergleichen? Welche Prognosen wagen Sie? Welche möglichen Entwicklungen in unserer (M.E.: saudusseligen) Gesellschaft sehen Sie?

  • #2
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Nicolaus: Erste einmal vielen Dank. Und dann: Schwere Frage. Heute ist die Situation für Jugendliche deutlich schwieriger. Der Druck, der damals empfunden wurde ist heute real deutlich stärker.
    Aber in den vergangenen Jahren sind wieder zunehmend antiautoritäre Gruppen entstanden. Sie bilden ein komplexes, vielschichtiges Geflecht und grenzen sich angenehm von den pathetischen Fahnenschwingern der Neomarxisten ab. Was daraus wird? 80 ging es weniger um abstrakte Ziele, wie noch 68, sondern um konkrete Freiräume. Solche Ziele setzen sich auch heute wieder die Leute – zum Beispiel die Besetzer des autonomen Zentrums in Köln. Prognose? Keine Ahnung. Mir scheinen die heutigen Aktiven klüger zu sein, gebildeter, reflektierter als damals. Die wenigen die ich kenne, sind sehr angenehme Menschen mit viel Ironie. Das gab es damals weniger und war ein Nachteil. Sie werden ihren Weg gehen – auch später, wenn die Zeit des Aktivismus zu Ende ist. Und die müssen ihre Fragen beantworten. Es ist ihre Zeit.

  • #3
    Marxty

    Ich fühlte mich grad in meine Jungend zurückversetzt. (Baujahr 1961) Kalkar… Krefeld…Wackersdorf ;).

    Dann so das Eschhaus in Duisburg. Hach waren das für Zeiten. Gut war auch der Niedergang der so genannten K-Gruppen. Man was waren das für Langweiler

  • #4
    Malte

    Jau, Stefan, prima Artikel!

    Zitat“Was blieb?“

    Das Gefühl im Bauch, das damals alles einfacher war, man irgendwie freier war! Und die Musik von Wolf Maahn, The B-52s oder auch der Einstürzende Neubauten!

    Und geändert hat sich nicht sehr viel: http://www.youtube.com/watch?v=W1Iq_Ny8Mt8

  • #5
    Thomas

    @Stefan:

    In meiner Eigenschaft als ehemaliger Lederjackenträger, der etwa 1983 die vor dem Krefelder Bushbesuch in Krefeld mit Buttersäure olfaktorisch deutlich verfremdete Innenstadt beroch, hätte ich übrigens nur wenige Stunden später die damals noch nicht erfundenen Vorzüge der semipermeablen, also wasserdichten, jedoch atmungsaktiven Membran etwa bei der Funktionskleidung des Labels, von dem die taz ihre tazze hat, immens zu schätzen gewußt. (-:

    Anyway, ich muß natürlich einem Aspekt Deiner Darstellung widersprechen.

    Und zwar diesem:

    >Heute ist die Jugendrevolte der frühen 80er Jahre fast vergessen. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Ihre Mitglieder waren nicht so publikationsfreudig wie die 68er.

    Es ist im Gegenteil der Fall, daß die Jugendrevolte der 80er Jahre eine wesentlich größere Vielfältigkeit von Medien und ihren Genres gebar als ihre spontaneiistischen Vorläufer in den 68er Jahren, die ins Autoritäre abdrifteten.

    Das alles ist mittlerweile unbestrittener Forschungsstand, dessen Primärquellen bestens dokumentiert sind.

    Vor allem in dem von dem ehemaligen Gelsenkirchener Klaus Farin aufgebauten Archiv der Jugendkulturen.

    http://www.jugendkulturen.de/

    Sowie im Amsterdamer ID-Archiv.

    http://www.iisg.nl/collections/id/

    Und etwa im Rheinhauser Archiv für alternatives Schrifttum.

    http://www.afas-archiv.de/

  • #6
    Stefan Laurin Artikelautor

    @Malte: Ich hatte so darauf gehofft dass mir ein gnädiger Gott ersparen würde, noch einmal den Namen Wolf Maahn zu hören 😉

  • #7
    Thomas Auer

    Zumal z. B. diese Gruppe ungleich besser war. *seufz*

    http://www.youtube.com/watch#!v=9rPRgN0K5fQ&feature=related
    http://www.youtube.com/watch?v=DVy96nBbhuE

    Beste Grüße
    Thomas

  • #8
    Andi

    @ Thomas (5):

    „die […] in Krefeld mit Buttersäure olfaktorisch deutlich verfremdete Innenstadt“

    Ich stelle in Kenntnis der Örtlichkeit mal die thematisch leicht abseitige Behauptung in den Raum, dass diese Verfremdung sooo deutlich kaum gewesen sein kann… 😉

  • #9
    Thomas

    @Andi.

    Damals, am 25.6.1983 schon.

    Bush hat ja in die Einladung der 33 Auswanderer von KRE zu seinem Besuch in KRE eingeschlagen, um quasi die imperalistische Atlantikbrücke des Establishments als symbolische Politik zu demonstrieren.

    Zu den Zeiten der Friedensbewegung, die gegen die US mit ihrer Pershingsaufstellungs-Absicht in D protestierte, eine symbolische Politik, die die Jungs und die Mädelz mit den Lederjacken ein wenig härter aufgefasst haben.

    Krefeld war damals noch die echte Seidenweberstadt und die piekfeine Adresse, die abolute CDU-Adresse am linken Niederrhein. Damals war Chanel der Smell von Krefeld, und deswegen – als Konzept von Kommunikationsguerilla, der Begriff war damals noch nichtmal erfunden – war die Buttersäureimpfung der Krefelder Innenstadt auch der Zeit voraus. Als Antipodium des Geruches des Etablishmentes. Zumal ja im Chemiewerk in der Vorstadt, bei den Arbeitern, in Uerdingen genau dieses Protestgift produziert wurde. Und alle nur: Weitgehend harmlos. Aber deutlich.

    Stefan und ich waren damals übrigens unabhängig voneinander vor Ort. Berichterstattend. Wir wissen, wovon wir reden.

    Und das mit Krefeld am 25.6.1983 kann man etwa hier nachlesen:

    http://www.wz-newsline.de/?redid=278125

    http://media.de.indymedia.org/media/2008/02//209252.pdf

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  • #12
    Rainer

    Auch wenn die alte Lederjacke über der Gourmetkugel spannt und die Sturmhaube dem Mottenfraß zum Opfer gefallen ist: Ich freue mich zu sehen, dass in Oberhausen, meiner alten Heimat, eine Libertäre Medienmesse stattfindet (www.limesse.de), die noch den Geist und die fröhliche Revolte der frühen 80er atmet. Immerhin war Oberhausen ja zeitweilig mal die Nummer 1 im Ruhrgebiets-Hausbesetzungs-Ranking.

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  • #14
    Arnold Voss

    Ich war „damals“ der jüngste Stadtverordnete in Herne. Zu Beginn der 80ger wurden für gewöhnlich keine Menschen unter 30 in den Stadtrat einer Ruhrgebietsgemeinde gewählt. Ich war auch der einzige Stadtverordnete der ein besetztes Haus besuchte und mit den Besetzter diskutierte, denn es war ein städtisches Haus.

    Die meisten Besetzer waren nicht viel jünger als ich selbst. Ich habe mich auch öffentlich gegen die Räumung eingesetzt. Aber es hat nichts gefruchtet. Es war eine wunderschöne zentral gelegene alte Stadtvilla die nach der Räumung einem öden Parkplatz weichen musste. Ich werde heute noch wütend, wenn ich nur dran denke.

    Ach ja, eine Lederjacke habe ich nur auf dem Motorrad getragen. Sonst waren mir die Dinger einfach zu schwer.

  • #15
    Hosea

    Hey, Ruhrbarone gefällt mir ja von mal zu mal besser.
    Ich weiß zwar wenig über die Bewegung in den 80ern, aber ich finds krass, dass zwischen 68 und 80 ja nur 12 jahre liegen, während seit dem schon über 30 Jahre vergangen sind, ohne dass die Jugend durch nennenswerte Artikulierungsversuche aufgefallen wäre. Ich hoffe mal, das kann nur bedeuten: es knallt bald wieder und diesmal kann niemand sicher sein, ob die Intelligenzija wieder indifferent bleibt. Es ist ja schon einiges passiert inzwischen…

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