12

An alle Frauenfußball-WM Nörgler: Bitte einfach mal … was anderes gucken!

Christine Sinclair trifft gegen  China Foto:  Ytoyoda Lizenz: CC BY-SA 2.0

Christine Sinclair trifft gegen China Foto: Ytoyoda Lizenz: CC BY-SA 2.0


Die Frauenfußball-WM in Kanada scheint für einige der perfekte Anlass zu sein, nach Herzenslust daran herumzumeckern. Doch die Nörgelei ist völlig daneben.

„Was ich am Frauenfußball toll finde? 45 Bälle im Spiel ;)“ (https://twitter.com/Zombiekinghouse/status/607628179759632385)

Den kannten Sie jetzt aber, oder? Ein echter Schenkelklopfer gleich zu Beginn der Frauen-WM in Kanada. Da weiß man(n), wo es auf Twitter langgeht. Aber auch jenseits des offenen Sexismus auf manchem Kanal der (a)sozialen Medien scheint es vielen Beobachtern ein echtes Bedürfnis zu sein, angesichts der WM Ihre Abneigung oder Irritation gegenüber Frauenfußball zum Ausdruck zu bringen.

Ich frage mich dann ja immer, wo eigentlich das Problem ist: Ist die Familie allein in den Urlaub gefahren? Das Bier alle? Scheint die Sonne nicht? Kommt gerade sonst nichts im Fernsehen? Oder im Internet? Mal ehrlich: Wem zwischen den Weltmeisterschaften nichts zum Frauenfußball einfällt, der muss doch nun auch nicht alle vier Jahre sagen, wie langweilig, doof und qualitativ schlecht das alles sei.

Ich bin zum Beispiel überhaupt kein Olympia-Fan. Ich habe mit Leichtathletik in der Schule schon wenig anfangen können, schwimmen tue ich lieber selbst und viele Mannschaftssportarten – wie zum Beispiel Fußball – sind bei Olympischen Spielen irgendwie Nachwuchturniere auf schlechterem Niveau. Doch das ist eine Minderheitenmeinung, die ich ganz sicher nicht ausgerechnet dann äußern müsste, wenn die ganze Welt gerade mit den Olympischen Sommerspielen mitfiebert. Geschweige denn, dass mir irgendein Medium den Platz einräumen würde, um ausgerechnet dann mal zu sagen, wie idiotisch das Wettrennen auf Tartanbahnen ist, wo es doch Autos gibt.

Nicht so bei der Frauen-WM: Als Deutschland die Elfenbeinküste 10:0 besiegt hatte, war ich ja der naiven Meinung, die deutschen Frauen hätten einfach geil gekickt, aber nichts da: „Qualitätsdebatte“. Sofort erklärte Daniel Meuren das Turnier in der FAZ  zu einer Veranstaltung mit „Geburtsfehler“: „Die schwächsten sieben bis acht Teams haben schlicht und ergreifend nicht einmal eine minimale Chance auf eine Überraschung gegen die etablierten Teams … der Frauenfußball hat sich vor allem in Europa entwickelt, was diese Weltmeisterschaft in ihrem Verlauf ab dem Achtelfinale beweisen sollte.“ Genau! Sofern Frankreich sich nach der 0:2-Niederlage gegen das vermeintlich chancenlose Kolumbien noch qualifiziert.

Andere wählen einen „philosophischen“ Zugang: So glaubt Wolfram Eilenberger in der Zeit, dass die „Frauen nicht wie Frauen spielen“. Sondern wie Marsmenschen? Nein: Wie Männer „vor 25 Jahren“. Eilenberger hat „extrem kräftige Sturmtanks“ beobachtet, ebenso wie „eng vors Tor gezogenen Ecken, knackige Distanzschüsse, herzhaftes Grätschen an den Seitenlinien und lange Dribblings großer Mittelfeldkräfte bis vors Tor.“

Von einem Begriff wie „Sturmtanks“ im aktiven Wortschatz und einigen merkwürdigen Eckballvarianten mal abgesehen: Was meint er nur? Jedenfalls keine der großartigen Kombinationen der Schweizerinnen – und offenbar auch keines der herausgespielten Tore der DFB-Frauen. Und auch keine Spielerinnen wie Alexandra Popp, Celia Sasic, Eugénie Le Sommer oder Becky Sauerbrunn.

Zumindest mit den besseren Mannschaften und Spielen des Turniers haben diese Artikel nichts zu tun. Und das ist doch der Punkt: Natürlich gibt es schlechte Teams und schlechte Spiele bei dieser Frauen-WM. Aber es gab auch schon Schweden-Nigeria oder Frankreich-Kolumbien. Zum Vergleich hier mal ein paar echte „Brüller“ der letzten WM-Vorrunde der Herren in Brasilien: Japan-Griechenland, Ecuador-Frankreich, Iran-Nigeria (alle 0:0). An Begriffe wie „Geburtsfehler“, die das ganze Turnier madig machen, kann ich mich da nicht erinnern – auch nicht, als Deutschland im Halbfinale(!) Gastgeber Brasilien mit 7:1 schlug.

Aber so weit muss man gar nicht zurückgehen: Ich habe eine ganze Zweitliga-Saison des FC St. Pauli hinter mir. Ein fußballerischer Leckerbissen war das beim besten Willen nicht. Oder falls außer mir noch jemand beide Relegationsspiele von Holstein Kiel gegen 1860 München gesehen hat: Da helfen auch keine überlegene Physis und Athletik mehr, um daraus gute Kicks zu machen.

Was mich wirklich ärgert: Viele Mädchen und Frauen spielen hierzulande begeistert Fußball. Warum muss man ihnen den Sport ausgerechnet zur WM madig machen, indem man darauf herumhackt, dass die Männer es ja angeblich so viel besser können? Denn wenigstens geht es bei dieser Frauen-WM mal um den Sport: Im Gegensatz zu den Jungs sterben die Spielerinnen nicht bei jedem Foul tausend Tode, auch die gefürchtete Rudelbildung ist äußerst selten.

Familien posten ihre Stadionbesuche mit Kind und Kegel bei Twitter, Instagram oder auf Facebook. Die Begeisterung für die eigenen Teams in den USA und Kanada ist riesig – und trotz der hierzulande extrem ungünstigen Anstoßzeiten haben auch hier bis zu so sieben Millionen Menschen die deutschen Spiele am TV verfolgt. Die ganze Stimmung des Turniers ist fröhlich und freundlich. In Erfurt dagegen wurde am Wochenende mal wieder ein Spiel in der Oberliga(!)abgebrochen, nachdem Hooligans von Lok Leipzig den Rasen gestürmt hatten.

Ich bin jedenfalls froh, den halben Sommer mit diesem Turnier zubringen zu können – trotz der späten Anstoßzeiten. Die Begeisterung der Spielerinnen und der Fans empfinde ich als ansteckend. Ich würde es daher sehr begrüßen, wenn die medialen Schlechtredner und die ganzen Sprücheklopfer auf Twitter stattdessen einfach den Tatort oder die PS-Profis einschalten könnten. Dann kann der Rest einfach in Ruhe Fussi gucken –genau wie sonst auch.

RuhrBarone-Logo

12 Kommentare zu “An alle Frauenfußball-WM Nörgler: Bitte einfach mal … was anderes gucken!

  • #1
    Stefan

    Das einzige, was mich an der Frauen-WM stört ist, dass die öffentlich rechtlichen Anstalten nicht alle Spiele im Fernsehen zeigen, sondern sie im Livestream verstecken.
    Siehe auch https://twitter.com/rim_light/status/608291863280427008

  • #2
    thomas weigle

    10:0 oder 10:1 haben bei einer WM nix zu suchen, egal ob Männer oder Frauen. Ansonsten bin ich eh verwundert, dass diese WM. die ich mit Begeisterung schaue, bislang bei den Ruhrbaronen kein Thema war. Oder habe ich was überlesen? Schön auch: das kantige Gesicht von Frau Neid gestern zur Halbzeit, oha!!

  • #3
    Klaus Lohmann

    @thomas weigle: Dann haben die Brasis letzte WM ja richtig Massel gehabt, dass wir "nur" 7:1 gewonnen und dicke Chancen ausgelassen hatten;-))

  • #4
    Robin Patzwaldt

    @Thomas: Ganz ehrlich? Ich hatte auch schon überlegt etwas dazu zu schreiben, um in dem Text dann zu begründen warum ich es mir eben tatsächlich nicht anschaue 😉 Aber dann war in den letzten Tagen in der Buli bei BVB, S04 und VfL so viel los, dass ich das noch gar nicht geschafft habe. 🙂 Jetzt hat Andrej das Thema heute aufgegriffen und die ‚Nörgler‘ kritisiert. So kann ich zumindest offiziell dann auch dabei bleiben, dass ich gar nicht genörgelt habe 😉 😀

  • #5
    thomas weigle

    Also bitte @ Klaus Lohmann, diesen Einwand habe ich erwartet, aber ich sag jetzt nicht, von wem. Man kann doch nicht Brasilien auf eine Stufe mit z.B. Honduras stellen, die 82 von Ungarn 10 Tore gekriegt haben. Das ist doch lächerlich. Die Schweiz als WM-Neuling schlägt einen anderen Neuling mit 10:1, dass ist doch ein absurder Leistungsunterschied, noch absurder aber, diese Spiele mit einem zumindest von der DFB-11 gezeigtem Klassespiel gegen Brasilien auf eine Stufe stellen zu wollen. Um die Ivorerinnen so abzufieseln war keine Klasseleistung nötig, sondern eine ganz normale gute Leistung der DFB-Frauen, die man von dieser Elf auch erwarten darf und letztlich aus unzähligen Qualispielen und sonstigen Begegnungen auch gewohnt ist.

  • #6
    discipulussenecae

    Mir scheint Andrej Reisin – ganz im Gegensatz zur sonstigen Ausrichtung der RUHRBARONE – der politisch-korrekten, rot-grünen und gender-gerechten Maxime auf den Leim gegangen zu sein: Schreibe was Du willst, aber bloß nichts, was irgendwie auch nur im entferntesten als Kritik an den engelsgleichen Lichtwesen genannt ‚Frauen‘ verstanden werden könnte.

    Ich habe mir die Mühe gemacht, den schwülstig und selbstverliebt geschriebenen Artikel von Wolfram Eilenberger zu lesen. Und was steht da? "Die dialogische Faszination des Tennis etwa – im sich beständig intensivierenden und überbietenden Hin und Her der Ballwechsel – ist derzeit im Frauentennis klar präsenter als in dem weithin aufschlagsdominierten und damit tendenziell monologisch-stumpfen (sic!) Spiel der Männer. Gleiches ließe sich auch für das (sic!) Volleyball feststellen, in dem die fintenreiche Geschmeidigkeit des Frauenspiels dem pornösen (sic!) Geschmettere der Männer ästhetisch überlegen ist." Wer regt sich darüber auf? Niemand. Es geht ja auch nicht gegen Frauen. Also gut so.

    Dem Frauenfußball fehlen auf Grund der schwächeren Physis ihrer Akteurinnen die Athletik und die Dynamik ihrer männlichen Gegenüber. Und deshalb finde ich Frauenfußball langweilig. So einfach ist das.

  • #7
    keineEigenverantwortung

    Ich habe – glaube ich – erst 2- 3 Spiele der Frauen gesehen. Es war langsamer, viel langsamer.
    Beim Tennis gab es ja mal Zeiten, wo Frauentennis interessanter war, weil es Ballwechsel gab. Fußball ist aber immer noch nicht so schnell, dass man es nicht mehr verfolgen kann.

    Insgesamt finde ich die amerikanischen Varianten, wo auch viele gemischte Teams aktiv Fußball spielen, sehr interessant. Die Geschlechtertrennung muss ja nicht immer sein.

    WMs sind wegen des Leistungsgefälles auch zu groß aufgesetzt. Die Quali ist oft ein Witz. Selbst der Trainer ist ja eher mit seinen Fingernägeln beschäftigt als mit dem Spiel. So macht Fußball keinen Spaß. Die Gegener müssen schon fast gleichwertig sein. Dann ist die Klasse auch fast egal.

    Mal sehen, ob ich doch noch ein Nationalmannschaftsspiel sehe. Das letzte Spiel war das WM-Endspiel.

  • #8
    Klaus Lohmann

    Bitte @thomas weigle, die anderen Ergebnisse der Ivorer lassen nicht gerade auf programmiertes Kanonenfutter bei einer WM schließen.

    "Der Pokal (und ebenso ein WM- oder EM-Turnier, Anm. d. Verf.) hat seine eigenen Gesetze". Punkt;-)

    Wir werden sehen, ob die FIFA demnächst noch genügend "Personal" hat, um evt. die Team-Anzahl auf ein vernünftiges Maß reduzieren zu können. Aber nur acht Mannschaften als WM macht sich halt nicht so pralle, also werden uns weiterhin FIFA-Werbeclips ala "I am a footballer" entgegenblöken.

  • #9
    Andrej Reisin

    @discipulussenecae:
    Da haben Sie völlig Recht. Servil auf den Leim gegangen. Ganz im Gegensatz zur sonstigen Ausrichtung hier. Jetzt heißt es stark bleiben, die Gender-Mafia kommt … 😉

  • #10
    thomas weigle

    Klaus Lohmann Wenn eine Mannschaft mit 3.16 Toren nach Hause fahren muss…. Generell ist natürlich das Problem die Auswalzung der WM, um Gelder zu generieren. Ich verstand eigentlich eine WM als Veranstaltung der besten Teams der Welt und nicht als Veranstaltung mit Teams aus allen Teilen der Welt.. Zwischen diesen beiden Ansprüchen scheint noch nicht unbedingt ein goldener Mittelweg gefunden zu sein.

  • Pingback: #Link11: Für eure Stimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich | Fokus Fussball

  • #12
    Thomas

    Naja, wenn man sich Fußballspiele der vergangenen Jahrzehnte anschaut was damals für ein Rumpelfußball teils sogar Standfußball gespielt wurde, muss man sagen die Damen machen das gar nicht mal so schlecht. Und zahlenmäßig sind die Damen noch lange nicht auf dem Niveau wie die Männer: Wie viele Fußballer gibt es und wie viele Fußballerinnen gibt es? Dementsprechend ist die Auswahl für Jogi Löw auch ungleich größer als die von Sylvia Neid.

    Verstehe nicht warum man sich das anschauen muss wenn man es ja soooo schlecht findet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *