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Biby, ein Kulturrocker aus Bottrop – Versuch eines Porträts

bibyJosef „Biby“ Wintjes hat wie kaum ein andere über Jahre hinweg die Literaturszene geprägt. Der Bottroper war ein Pionier. Unser Gastautor Werner Streletz erinnert an Wintjes.

Josef Wintjes, der in Bottrop über 25 Jahre lang das literarische Informationszentrum betrieben hat, ist im Alter von nur 48 Jahren völlig überraschend gestorben. Mit Josef Wintjes, den alle nur Biby nannten, verbindet sich untrennbar ein Stück alternativer Kultur.

Zu Zeiten, da es im Zuge der Studentenrevolte in Deutschland brodelte und wild montierte Bücher auf einen noch unüberschaubaren Markt schwappten, entwickelte Biby das Info-Zentrum zu einer zentralen Vertriebsstelle und die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Ulcus Molle“, zugleich sein persönliches Pseudonym zu einem facettenreichen Diskussionsforum. Ob Landkommunarden, Junglyriker oder politische Grenzgänger, sie alle fanden in Biby einen Moderator, dessen Arbeit bis zum Schluss selbstausbeuterisch blieb. Das umfangreiche Archiv des Info-Zentrums ist heute eine in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzende Dokumentation der Gegenkultur, ein Fundus, den man nach dem Tod von Biby Wintjes in treulich-bewahrende Hände wünscht.

Aus dem Nachruf in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung am 26. September 1995

Der Lenz ist da!

Die linden Lüfte sind erwacht!

 

Lausi, 15 jährig

ohne Ahnung vom Jenseits,

hat Juden und jüdische Jungen nie gekannt,

nur gehört von deren Beschneidung,

möchte sie kennenlernen,

zwecks Wiedergutmachung,

trotz Karwoche,

ändert das Thema, fragt naiv:

Wie ist Jim Clark ums Leben gekommen?

erinnert sich nicht an James Dean,

fragt weiter: musste das denn sein

mit Martin Luther King?

und spricht es schön schulenglisch aus

 

 

 

15jährig

schwärmt sie für Dudelsack und Dutschke,

Donald Duck, Dracula und Donovan;

sie möchte im Doppeldecker fliegen;

möchte Erzbischof Dibelius nackt sehen;

sie hat Diphterie überstanden;

ihre Augen werden traurig bei Drehorgelmusik.

Sie ist einfach dufte und unverklemmt.

Wenn ihr einer blöd kommt, zeigt sie doof.

 

15jährig,

hat sie noch Vater, hat sie noch Mutter,

Verwandte aller Art und Sommersprossen.

Sie schwärmt für Bonny und Clyde,

denkt nach über das Leben,

betrachtet Dürers betende Hände,

versteht die vielen Fremdwörter nicht.

Aber sie weiß heute schon,

nicht mehr lange wird Lausi Jungfrau sein.

Der Spiegel sagt es ihr,

die linden Lüfte sind erwacht.

Und sie fragt schon fast erwachsen:

Musste das denn sein mit Martin Luther King?

Dieses Gedicht ist Mitte der 60er Jahre entstanden, Biby war damals 17 oder 18 Jahre alt. Bald danach gab er das eigene literarische Schreiben auf.

Der Ort meiner Zeitreise liegt im herben Klima an der Ruhr, in der Stadt, in der nicht  nur der Held meiner Neugier und Verbundenheit, sondern auch ich selbst aufgewachsen bin: Bottrop, lange Zeit Synonym für eine etwas härtere Gangart des Lebens im Revier, mit Menschen, die eine raue, herzliche Mentalität entwickelt haben, zupackend, der Wirklichkeit und keinen Wolkenkuckucksheimen verpflichtet. Und doch hat hier jemand viele Jahre lang geträumt. Biby, ein Kulturrocker von der Ruhr.

Seit langem versucht die Region zwischen Duisburg und Dortmund, nach dem Niedergang der Montanindustrie den Strukturwandel hin zu lichteren Imagehöhen zu bewältigen; damals jedoch, Ende der 60er Jahre, rauchten etliche der Schlote noch; die Studentenunruhen im fernen Berlin hatten Wirkung selbst in Bottrop gezeigt, die Beatwelle den Umsatz von Gitarren und Schlagzeugen beflügelt. Die Bottroper und regionalen Bands traten im Lichthof der Berufsschule beim hitzigen Beatfestival gegeneinander an. Aufbruchsstimmung schien auch unter den Bottroper Jugendlichen greifbar zu sein, doch der  Kreis derer, die den Protest probten, blieb überschaubar, traf sich in der Gaststätte des Kolpinghauses, damals ein äußerst liberales Refugium, um eine vermeintliche Revolution zu erwarten – und dabei kräftig dem Bier zuzusprechen. Auch Biby war dort zu treffen, gehörte zu jenen Cliquen, die einander kannten, miteinander quatschten, Musik hörten. Warum genau sich Biby, als Jungdichter in Bottrop nicht unbekannt, entschlossen hat, statt eigener Verse die Literatur der damals entstehenden Alternativpresse zu vertreiben, weiß ich nicht. Doch irgendwann bekam auch ich, es mag Ende 1969 gewesen sein,  jenes DIN-A-4-Blatt in die Hand, mit dem alles begann: darauf – eng beschrieben – die ersten Angebote dieses etwas anderen Versandbuchhandels, damals umständlich „Nonkonformistisches literarisches Informationszentrum“ genannt. Biby arbeitete seinerzeit noch als Angestellter in der EDV-Abteilung bei Krupp, von ihm abfällig Kanonen-Krupp genannt; auf die für ihn so verheißungsvolle Szene der Gegenkultur musste er bis abends warten, ungeduldig natürlich, denn…

„… Ulcus Molle bewältigt deshalb so leidenschaftlich sein Arbeitspensum, weil NICHT ENTFREMDETE ARBEIT unheimlich Befriedigung verschaffen kann und weil nur in der jungen UNDERGROUND-SUBKULTUR-GEGENMILIEU-WELT die GUTEN LEUTE zu finden sind, welche man alsbald von den blöden Scheißern unserer obszön oberflächlichen Alltagswelt zu unterscheiden lernt. Entweder Du hast Deinen Arsch verkauft oder Du bist ein FREAK-OUT der besten Sorte, denn die Typen, die zwischendrin hängen, sind noch bedauernswerter. Damit müsste die Frage nach der Funktion des Info-Zentrums hinreichend beantwortet sein

Ulcus Molle gleich Weicher Schanker gleich Geschlechtskrankheit: Ulcus Molle, dieses wenig appetitliche Wortpaar wurde bald zum Pseudonym für Biby und zum Synonym für das, was er in Bottrop zu tun begonnen hatte: nur unterstützt von Annemie, der Ehefrau. „Ich muss mit Literatur leben!“ stand für ihn fest, „Die Literatur gehört uns und keinen großen Verlagen“ lautete das Credo. Ein waghalsiges Spiel – im biederen, sozialdemokratischen Bottroper Umfeld zwischen Wochenmarkt und Stadtgarten; und Verwandten, die das Info-Zentrum wahrscheinlich nur mit Überspanntheit oder einer Verirrung gleichsetzen konnten. Wenn sie es denn überhaupt verstanden, dieses Experiment eines Einzelnen ohne Eigenkapital.

„It’s Orgasmus-Time, Sweet Love“

heißt es einmal völlig zusammenhangslos in einem der Ulcus-Molle-Info-Hefte.

„Nur nix verkniffen sehen“

Das stand für ihn fest.

Heroische, glückliche Zeit. Schon bald jubelte der süddeutsche Szene-Poet Manfred Bosch:

Bertelsmann

steigerte seinen Umsatz

um 7 Prozent auf 600 Millionen Mark

das Info-Zentrum um 30 Prozent

Bertelsmann, wir kommen!

Meine Sorge, der Nachlass von Biby könnte von einer  kulturfernen Verwandtschaft auf diverse Mülltonnen verteilt werden, erfüllte sich glücklicherweise nicht. Heute liegt der Nachlass im Archiv der Berliner Humboldt-Universität, bei den Ethnologen. Dorthin fahre ich, um dem Phänomen und dem Menschen Biby Wintjes nachzuspüren. Ich will keine Feldforschung betreiben, keine wissenschaftliche Spurensuche im engeren Sinne. Ich bin kein kühler Forschergeist, der Fakt neben Fakt sortiert. Ich bin Zeitzeuge, bin dabei gewesen, die Vergangenheit, die ich erkunden will, ist ebenso meine eigene gewesen. Und so tauche ich zwangsläufig auch in meine eigene Geschichte ein, als ich im Archivkeller der Ethnologen sitze – bin Mitbeteiligter, überlebender Komplize vielleicht sogar. In den Nachlass-Regalen entdecke ich Buchtitel, die mir lange entfallen sind, Autorennamen, an die ich mir nur noch entfernt erinnern kann, Zeitschriften früher in der Szene legendär, heute zerfleddert. Hinweise auf meine ersten eigenen literarischen Versuche.- Und dann die lange Reihe der Ulcus-Molle-Info-Hefte, von Biby über Jahrzehnte meist im Zwei-Monats-Takt auf einen unübersichtlichen gegenkulturellen Markt geworfen, besser gesagt: eingetütet und verschickt. In den besten Zeiten Mitte der 1970er Jahre mit einer Auflage von bis zu 3000 Exemplaren und mit 2500 Abonnenten. Das Ulcus-Molle-Info  – publizistischer Spiegel der alternativen Versuche ebenso wie Seismograph der Befindlichkeiten seines Herausgebers. Sie sollen mir Leitmedium sein.

1971: Das Zentrum hat keinen realen Treffpunkt, vielmehr hausen wir in einer kärglichen Zweieinhalbzimmer-Wohnung; das halbe Zimmer ist das Ulcus-Molle-Zentralbüro, wo die Fäden und Geistesblitze der deutschsprachigen Nachwuchsintellektuellen, der Sprachkünstler und politischen Agitatoren zusammenlaufen. Das hört sich geschwollen an, ist aber nicht anders auszudrücken! Der Vorteil dieser kleinen Wohnung ist der, dass wir nur einen kleinen Betrag an Miete zu zahlen brauchen. Bis auf gelegentliche Diskutier- und Zoof-Partys geht es hier hinter den Schranken den Bottroper Hauptbahnhofs eher ruhig und arbeitsam zu, ab und an Besuch aus Berlin, Saarbrücken. Heidelberg, Köln, Frankfurt, München, Wien, aber das ist nicht die Regel. Ansonsten basiert die Kommunikation leider nur auf brieflicher Korrespondenz. Ulcus Molle schaut zuversichtlich in die Zukunft und hofft auf eine kommunikationsgeile und kommunikationsreiche Buchmessen-Nachsaison 71. That’s all!

Da Biby mit seinem Info-Zentrum von Anfang an ein absolut offenes Konzept betrieb (unter Ausschluss rechter Ideen selbstredend, damals stand man naturgegeben links), sammelten sich natürlich auch allerlei obskure Gedankenspielereien und unausgegorene Literaturversuche in den Info-Heften. Doch Biby schloss niemanden grundsätzlich aus. Das gehörte damals zu seinem (unserem) Selbstverständnis. Zeitweise wollte Biby sogar das Konkurrenzprinzip aushebeln und veröffentlichte die Adressen von anderen Literaturvertrieben der Scene. In den Angebotslisten im Ulcus-Molle-Info standen  Hunderte von Kleinzeitschriften, die kamen und gingen, eine kaum überschaubare Anzahl von Büchern aus Minipressen und Kleinverlagen. Jemand, der hier traditionelle Qualitätskriterien angelegt hätte, hätte selbstredend viel Futter für ein kritisches Naserümpfen gefunden. Doch in den 70er Jahren und teilweise noch in den 80ern konnte sicherlich von einer vitalen Alternativkultur gesprochen werden  – bevor vieles im Mainstream verwässert wurde und die großen Verlage diese Nische als Einnahmequelle entdeckt hatten.

Die Gegner argumentieren, dass unsere Leute deshalb Außenseiter sind, weil sie nicht das entsprechende Format ausweisen, um bei etablierten Verlagen unterzukommen, die neuen Leute verweigern sich jedoch bewusst jeder Art der Integration, die zu totaler Anpassung und Uniformierung zwingt und produzieren ihren eigenen ehrlichen Zoof.“

Soweit Biby, den unüberhörbar ein gerüttelt Maß an Entschlossenheit und Zweckoptimismus, ja, wohl auch, beflügelt hat.

Zur 1971er Buchmesse versuchte Biby mit dem Ulcus Molles Scenen-Reader einen umfassenden Überblick über die Gegenkultur, die Alternativen in all ihren Schattierungen und Lichtblicken geben. Das Layout war genauso chaotisch wie in den Info-Heften, und wer wollte, konnte sich – ohne ein bestimmtes Ziel – im Mix von  Artikeln, Tipps, Randkritzeleien und Collage-Wimmelei rettungslos verlieren.

Eine Auswahl der fett gesetzten Zeilen aus dem Ulcus-Molle-Scenen-Reader:

Wir wollen Blumen und Märchen bauen

Macht kaputt, was euch kaputt macht

Der Sozialismus siegt!

Dichter schießen sich ein

Pornographie als Agitation

Diese Zeitung unterhöhlt im Underground nicht die Gesellschaft, sondern unterkellert sie.

Bakunin lebt in Bottrop

Stoppt den Lehrlings-Dracula!

Kirchenaustrittserklärung

Wir fordern: Spaß an Dreistigkeiten!

Kopfarbeit steigern – Kriegsdienst verweigern!

Solidarität mit der Roten Armee Fraktion! Für den Aufbau der Stadtguerilla!

Der Beat bleibt links

Warum nicht Blumen im Winter?!

Brechreiz-Gedichte

Visionen, Mutationen

Keine esoterischen Gedichte mehr

Kunst für alle

Wer bedenkt, dass damals jede Seite noch mit viel Uhu zusammengeklebt, alles per Schreibmaschine abgetippt werden musste, kann sich die Mühe vorstellen, mit der zu Werke gegangen worden ist – und mit welchem Enthusiasmus. (So nebenbei: Jahrelang hat Biby für die Info-Hefte all acht Wochen bis zu 120 Seiten abgeschrieben. Das nennt sich wohl Ausdauer, vielleicht sogar hilfreiche Sturheit) Neben Biby  waren am Scenen-Reader  die Autoren Volker W. Degener (Herne) und Frank Göhre (Bochum) beteiligt. Ein hemmungsloses Kaleidoskop mit einer Unzahl von Adressen und einem Umschlag in beinahe behördenhaftem Grün entstand, als  Ordnungsprinzip nur das Postleitzahlbuch akzeptierend: von 1000 Berlin bis 8000 München – inklusive Österreich und der Schweiz. Henryk M. Broder nannte den Scenen-Reader „das unübersichtlichste Buch der Saison“. Biby bevorzugte kein Hochglanzformat, stand nicht für Effektivität, Effizienz oder geschniegelte Modernität, sondern griff für sein Info-Heft zu schlichtem, preiswertem Offset-Druck.

Doch Bibys Euphorie wurde bald gedämpft:

Nach der totalen Niedergeschlagenheit aufgrund berechtigter Kritik am Zentrum und am  Info en bloc en masse allüberall auf der Frankfurter Buchmesse und der schwachen Resonanz auf den Scenen Reader wird sich Ulcus Molle für geraume Zeit in sein introvertiertes Schneckenhaus verkriechen, um konzentriert nachzudenken und um den Lernprozess zu beschleunigen. Auf weitere persönliche Kommentare wird vorerst im Info verzichtet  (bis ich mein Selbstvertrauen wiedergefunden habe); denn ein Großteil der Info-Leser hat die post-pubertären Ulcus-Molle-Manifestationen echt missverstanden … Die Funktion des Zentrums   (Meinungs- und Informationsaustausch) soll jedoch unbedingt erhalten bleiben; jedoch die drucktechnisch-formale Ausstattung und Gestaltung des Infos kann erst dann besser werden, wenn das Zentrum über eigene Produktionsmittel (eine Druckmaschine) verfügt. Bis dahin muss die chaotische Unübersichtlichkeit in Kauf genommen werden und wer die dilettantisch zusammengestückelte Layout-Kleisterei nicht packt (nicht begreift!?!), der soll so ehrlich und fair sein, dass Info wieder abzubestellen, denn im Papierkorb nutzen die Druckschriften niemandem und die enormen Portokosten sind der größte Finanzfaktor.

Eine flirrende, existenzielle Angst wird über die Jahre immer wieder in der Arbeit von Biby zu spüren sein. Ständig schwang die teils unausgesprochene, teils dick unterstrichene Bitte „Bestellt das Info nicht ab!“ „Bestellt Bücher!“ beinahe beschwörend durch die Ulcus Molle-Infos. Der etablierte Gewerbetreibende, der professionelle Gastwirt werden die Kunden selbst dann noch scheinbar souverän und mit ausgesuchter Höflichkeit bedienen, auch wenn sie wissen, dass sie pleite sind und am nächsten Tag den Laden dicht machen müssen. Derlei Gelassenheit war Biby fremd. Dafür war er zu authentisch, zu ehrlich – und letztlich auch zu ängstlich. Überschwang blieb bei Biby geerdet, Wolkenstürmerei ist für ihn nur mit gleichzeitigen Bodenhaftung denkbar; eine Mentalität, die Pragmatik mit der Sehnsucht nach der Flucht aus derselben verknüpfte, den großen Schwung einer kulturellen Revolte mit kleinen Schritten zu verbinden suchte. Dieser Widerstreit will erst einmal ausgehalten sein.

1972 Während dieses Info geschrieben wird, stören dauernd dicke braune herumflatternde Motten; deshalb sollten die Leser dieses Motteninfos doch begreifen, dass man die autoritäre Fixierung des Menschen aufbrechen muss, um zu einem freien, glücklichen, kreativen MENSCHSEIN zu gelangen; dazu soll die Alternativ-Presse u.a. ein Forum sein, und deshalb ist der antiautoritäre Kinderladen in Bottrop, der von unserer Vertriebsbearbeiterin Annemarie mitbegründet wurde, auch so außerordentlich wichtig

FEEDBACK lautete das Zauberwort für  Biby: Reaktionen auf die Ulcus-Molle- Infos, seine anderen Publikationen, seine Aktionen waren ihm enorm wichtig. Vielleicht auch Ausdruck einer gewissen Isoliertheit, die er, vom alltagsüblichen Bottrop umgeben, in seinem gegenkulturellen Hort denn doch empfunden haben mag. Der einsame Fighter für die ganz anderen Gedanken, abseits von Kommerz und Konvention, in seinem mit Büchern, Zeitschriften und Papieren vollgestopften Büro, zunächst an der Bahnhofstraße, später viele Jahre an der Böckenhoffstraße 7, wollte nicht allein gelassen werden, wollte sich der Solidarität versichern, zum finanziellen Überleben ebenso wie zum individuellen Weitermachen können.

Nicht nur beim Tippen dieses Infos bin ich am Ende meiner Kräfte, auch früher habe ich krampfhaft versucht, bei Cognac/AN 1-Speed/Kaffee und MUSIK mitternächtlich durchzuhalten. Ich hätte besser dran getan aufzuhören, weil meine Gesundheit im Arsch ist mittlerweile und alles nur deshalb, weil ich dachte, dreiviertel der Info-Empfänger wären meine Freunde und ich könnte ihnen trotz meiner stupiden Schreibtischexistenz ausgewähltes Material liefern …jedoch hat es sich gezeigt, dass die Hälfte der Typen Blödköppe sind, weil sie nie reagieren, und für den Rest meiner Abonnenten sieht meine Info-Arbeit so aus, dass ich nachts nicht weitermachen kann wegen Nasenbluten, und wenn ich dann noch mit Magenkrämpfen den Spülstein vollkotze, vermischt sich Rotz, Blut und Gekotze in meinem Bart, dass ich mich Burroughs unheimlich nahe fühle und sicher bin, für eine gute Sache zu kämpfen! Dann glaube ich zwar selbst nicht, dass es noch weitergeht, wenn die Papiere rotz-blut-und-kotze-verschmiert sind, aber es geht weiter und es wird besser werden. Und ich werde nicht aufgeben, weil ich mich als Teil der sozialistischen Bewegung verstehe, auch wenn das optisch manchmal wenig verständlich erscheint.

In der Scene, die Biby mit so viel eigenem Engagement rotieren sehen wollte, herrschte natürlich auch viel Missgunst, Antipathie, Cliquenbildung, aber es gab daneben ebenso viel gemeinsamen Ausbruchswillen, das Ausprobieren von neuen Lebensmodellen, weg von dem muffigen Leben der Älteren, der Etablierten. So wurde das damals jedenfalls empfunden. Mir hat der Diskussionsprozess, der sich rund um Bibys Info-Zentrum entwickelte, seinerzeit in meinem Selbstverständnis jedenfalls geholfen. Wege  ins Freie, ins Offene, schienen am Horizont sichtbar zu werden.  Diese alternative Kultur sollte man nicht unterschätzen. Immerhin entstand daraus einige Jahre lang die Gegenbuchmesse in Frankfurt und die Mainzer Minipressenmesse, die es bis heute gibt.

Die Doppelbelastung zwischen dem Brotjob bei Krupp und dem Info-Zentrum, das Pendeln zwischen Neigung und Notwendigkeit,  war indessen auf Dauer mörderisch für Biby alias Ulcus Molle:

„Wenn bei Krupp die Computer-Programme nicht laufen, dann klappt’s mit dem Zentrum prima: tolle Kontakte, guter Auftragseingang, sprich: Bestellungen, erbaulich konstruktive Korrespondenz und umgekehrt, wenn die Zentrumsabwicklung ein Tief hat, geht es bei Krupp alles hoch, weil die Programme dann endlich mal reibungslos laufen.“

Konsequenz am 13. August 1973

An

Friedrich Krupp Maschinenfabriken

Personalabteilung

Essen

 

Betr.

Kündigung

Aus persönlich/privaten Gründen möchte ich mein, seit zehn Jahren bestehendes Arbeitsverhältnis bei Krupp zum 1. April 1974 fristgerecht aufkündigen.

 

Hochachtungsvoll

Josef Wintjes

 

Freunde aus der Scene sorgten sich wegen des existenziellen Risikos und des daraus resultierenden Verkaufszwangs um die Zukunft von Ulcus Molle, doch Biby erfuhr auch viel Unterstützung. So schrieb Ralf Rullmann, nur auf den ersten Blick anscheinend ironisch: Also, mal ehrlich Leute, die Vorworte im Info sind doch eine echte Strapaze. Da quasselt dieser Wintjes in eigener Sache (der sollte ein besseres Info machen) – ewig diese Geldprobleme, Druckereiprobleme, unbezahlte Rechnungen … Na, ich kann verstehen, wenn ihr frustvoll weiterblättert, erst mal  ’n Joint raucht, losrast mit einer heißen Bestellung und das Moos baldigst überweist (denn der Wintjes ist ja nicht KING Money).Okay Leute, ihr habt begriffen, dass Geld auch für Freaks noch nicht abgeschafft ist, leider! Aber da gibt’s Typen, die scheinen alternativ mit umsonst zu verwechseln. Die grinsen über Rechnungen oder verschlampen sie. Einige wechseln ihren Wohnort wie Nomaden (ohne Angabe der neuen Adresse), die Infos können dann sehen, wo sie landen, der Rest ist scheißegal.

Motto: alternativ = Spatzenhirn = Egotrip = Schmarotzertum.

So oft ist schon ein Foto von mir im Info-Heft abgedruckt worden, aber meine Handschrift habt ihr bisher nie kennengelernt. Darum dachte ich, dass es vielleicht sinnvoll sei, meine Gedanken zum Jahreswechsel handschriftlich mitzuteilen, denn draußen regnet es sowieso. Ich möchte, dass ihr diese Zeilen als Liebesbrief versteht. Denn ich habe euch alle liebgewonnen! Sei es als Abonnent, als Besteller, als Rezensenten, als Mutmacher und Trostspender, als Zankäpfel und Streithähne oder Fans. Wir gehen 1979 ins zehnte Jahr unseres Bestehens und sind mittlerweile finanziell halbwegs abgesichert. Anfänglich gaben uns außenstehende Beobachter kaum eine Chance … aber wir selbst haben unsere Existenzberechtigung nur selten in Frage gestellt und an die gute Sache einer politisch bis spirituellen Alternativpresse geglaubt.

(Zwischenmusik)

Biby mochte Teenys. Keine Ahnung, wo er sie kennen lernte. In der einzigen Bottroper Szene-Kneipe oder schellten sie bei ihn an, weil sie vom Info-Zentrum gehört hatten?  Es für sich entdecken wollten? Gelegentlich, wenn ich ihn besuchte, saß ein junges Mädchen etwas abseits dabei, meist im Abi-Alter, sagte wenig, stöberte vielleicht ein wenig in den Regalen, las hier etwas, kramte dort in den Buchstapeln.  Oder erzählte davon, dass sie ihr Zimmer daheim vollständig schwarz angestrichen hätte und sich deshalb mit den Eltern überworfen haben wollte: Biby und ich hatten damals schon unsere erste Ehe hinter uns. Viel später sagte er mir, dass es endlich für ihn ein Ende haben müsste mit den Teenys. Es würde ihm langsam zu peinlich: „Als würden Vater und Tochter spazieren gehen“, sagte er. Damit hatte er wahrlich recht. Irgendwann traf ich eine hagere Frau bei ihm, die unserem Alter entsprach, noch weniger als die Teenys von sich erzählte und sehr erwachsen wirkte. Warum konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er nun mit seiner Tante liiert war? Ein Gedicht, von Jaques Prevert, in einem Info-Heft gefunden:

Die Kinder die sich lieben umarmen sich im Stehn

an den Türen der Nacht

Und die passierenden Passanten zeigen mit den Fingern

auf sie hin

Aber die Kinder die sich lieben

Sind für niemanden da

Und es ist nur ihr Schatten

Der da zittert in der Nacht

Der den Zorn der Passanten entfacht

Ihren Zorn ihr Missfallen ihr Lachen und ihren Neid

Die Kinder sie sich lieben sind für niemanden da

Sie sind woanders sehr viel ferner als die Nacht

Und sehr viel höher als der Tag

Weitab vom ganzen Weltgetriebe

Im hellen Glanze ihrer ersten Liebe

Buchmesse 1980. Ich möchte schon gern wissen, von welchem Rezensenten die Marianne Wischmeier das dritte Kind hat? Oder: Ob die ‚Marion Freifrau von Sedantal‘ ein Mädchen oder ein Junge ist oder ein Transvestit? Ich möchte am liebsten auch selbst wieder Literatur schreiben, nicht nur verkaufen. Vielleicht einen Roman, zumindest Gedichte, allerdings (noch) keine Memoiren. Das Altwerden ist mit das Schlimmste. Doch bis zur Buchmesse werde ich wohl noch durchhalten. Wir sind in der Halle 6 Erdgeschoss/Stand Nr. 130 A.

Immer wieder freue ich mich, wenn Leute mit UNSERER LITERATUR durch die Gegend geistern, sei es, dass sie nach dem Fahrrad-Handbuch reparieren, sich ein Bio-Scheißhaus bauen, vegetarisch kochen, mit dem Orgasmusbuch schlafen gehen oder sich ’nen Zahn ziehen nach „Au Backe…“. Nur vor dem Titel „Natürliche Geburtenkontrolle, da möchte  ich warnen: In letzter Zeit sind da einige Malheure passiert.

unterzeichnet mit Bibiana X.

Literaturkatalog (Bereiche): Spirituelle Welt, Freak-Alltag (Kommunebewegung, Umweltschutz  etc.,), Emanzipation (Frauenliteratur, Männerbewegung), Staatsgewalt und Widerstand, Belletristik, Diverses (Sekundärliteratur, Reisebücher, Comics usw.)

1979/80  Abo-Zahl fürs Info 1600 Exemplare

Die 6. Mainzer Minipressen-Messe haben wir – Annemie und ich – mehr privat genutzt zur Regeneration: ein herrliches Schwimmbad direkt am Rhein – das beste an der Messe war in diesem Jahr wohl das gute Wetter und der ausführliche Katalog. Ansonsten ziemlich unpolitisch das Ganze … Klar, wenn die Leute lieber baden gehen!

In Gesprächen auf der Mainzer Messe wurde von langjährigen Info-Lesern beschlossen, zukünftig die Ulcus-Molle-Hefte lustiger zu gestalten — bisher gab’s kaum je was richtig zu lachen. Aber wir wollen demnächst so eine Art Nonsens-Schau abziehen über das, was sich an Kladderadatsch hinter den Kulissen den Szene tut – so ’n bisschen Verarschung am Rande, weil: die beteiligten Leute an diesem Kreativ-Business der Alternativpresse sich selbst und ihre Projekte viel zu ernst und verkniffen, fast verbittert sehen…das wollen wir aufbrechen durch eine Prise Humor und durch die notwendige Distanz … wer sich beleidigt fühlt, ist selber schuld.

Biby brauchte für seine Produktion keinen Maschinenpark, sondern es reichte funktionierendes Schreibgerät. Während im Ruhrgebiet literarisch die Arbeiter- und Industrieliteratur propagiert wurde, das weiter gefasste sogenannte „Literaturwunder Ruhr“  entfaltete sich erst viel später, vagabundierte Biby in ganz anderen kulturell-künstlerischen Sphären: riskant, abenteuerlich, verwunschen: den Beatniks dabei entscheidend  stärker verbunden als dem Bergmannsdichter Heinrich Kämpchen.  Agit-Prop hat in Bibys Programm – soweit ich mich erinnern kann – immer eine Nebenrolle gespielt. Wahrscheinlich war ihm die geduldige geistige Revolution denn doch wichtiger als die sofortige soziale Umwälzung. Missliebige könnten das Info-Zentrum abschätzig als eine Literatur-Klitsche bezeichnen. Das war es vielleicht sogar – räumlich nie die Quadratmeterzahl eines Tante Emma-Ladens überschreitend. Aber, mein Damen und Herren, was für ein Tante-Emma-Laden für Geistesexpeditionen ist das gewesen! Wer Biby besuchte, konnte sich an den Regalen in den Unmengen von Zeitschriften und Büchern, die man sonst nicht findet, hemmungslos verlieren. Biby arbeitete derweil am Schreibtisch weiter, die Unterhaltung entspann sich unaufgeregt und beiläufig.

Januar/Februar1981. Das Schwerpunkt-Thema dieser Ausgabe: Die Hoffnungslosigkeit und Aussichtslosigkeit unserer kranken Zivilisation auf eine positive Zukunft. – Dieser ganze Abfuck hochtechnisierter Maschinerien und Industriekonglomerate … das führt irgendwann garantiert zur Selbstzerstörung des Menschen/der Menschheit, egal ob mit oder ohne Akws. Die natürlichen Gesetze des Planeten Erde sind lange gestört, die Balance des ursprünglichen Gleichgewichts der Kräfte ist nicht mehr gegeben. So greift der universale Krebs um sich! Jede Flucht scheint im Chaos zu enden. Unser Kampf ist von Ohnmacht gezeichnet. Verstehen wir also alles, was noch kommt, als HAPPENING, als morbiden, dekadenten Versuch der letzten Selbstbefriedigung. Da Perspektiven und Utopien zu fehlen scheinen, könnten wir eigentlich die Beerdigung der Szene einläuten. Aber noch brauchen die Leute in Zürich, Berlin, Amsterdam und in der Provinz, in Wendland und Gorleben und sonst wo Zuspruch und Aufmunterung … und Funkzeichen, und Signale… Denn niemand schaufelt sich das eigene Grab. Wir müssen uns eben zu wehren wissen. Mit den Mitteln der subversiven Phantasie. 

Biby, eine Episode

Samstagnachmittag

Wir waren mit dem Zug nach Gelsenkirchen gefahren

Freunde mit ihren Freundinnen

sollten wir an einem musikalisch-literarischen Programm mitwirken

Ich mit meiner verstimmten Gitarre

Biby hatte sich uns angeschlossen

Schon leicht einen im Timpen

Bierflasche in der Hand

In der Gelsenkirchener Bahnhofshalle blieb er hinter uns zurück

traf erst einige Zeit nach uns am Veranstaltungsort ein

einem umgebauten Bunker aus dem zweiten Weltkrieg

Kurz darauf kamen zwei Polizisten rein

Wollten mit Biby sprechen

Der sofort aggressiv wurde

Nicht mit sich reden ließ, irgendetwas schimpfte

Ich weiß nicht mehr, was

handgreiflich werden wollte –

Eine grundsätzliche Aversion gegen die Polizei,

gegen Uniformierte,

war damals in der alternativen Szene allgegenwärtig

„Haut die Bullen platt wie Stullen!“

Eine allgemeine Verkehrskontrolle wurde sogleich als Eingriff

In die unveräußerlichen Freiheitsrechte betrachtet

Ein zufällig hinter Dir herfahrendes Polizeiauto als

Unrechtmäßige Beschattungsaktion –

Die heftige Rangelei damals im Bunker

die glücklicherweise nicht zur Schlägerei ausartete

beendeten die Polizisten schon bald mit festem Griff

Biby wurde abgeführt

Wir anderen blieben ratlos und verdutzt zurück

Kurz darauf kehrte Biby zurück in den Bunker

Ruhig

Die Polizisten hatten draußen nur seine Personalien aufgenommen

Nachdem wir ihm in der Bahnhofshalle

vorausgegangen waren

soll Biby seine Bierflasche urplötzlich auf den Boden geknallt haben

Wegspritzende Glassplitter

Vorbeigehende sollen deshalb die Polizei benachrichtigt haben

‚So sind sie halt, die braven Bürger. Immer gleich die Bullen rufen‘

mögen  wir damals unisono gedacht haben

Später hieß es allerdings auch

die Polizisten hätten Biby schon im Bahnhof

Beim Pullenzerdeppern beobachtet

Er ist später zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Dieses totale Konsumverhalten. Wenn ich mir darüber bewusst werde, was ich da so den lieben langen Tag blind in mich reinkonsumiere – das hälste ja im Kopf nicht aus! Man stopft sich voll bis zum geht nicht mehr. Mit dem konkreten Resultat, dass aus einem selbst nichts Positives mehr rauskommt. Die teuflische Übersättigung, der permanente Konsumzwang, die Pervertierung unserer Wünsche. Ob ich alternativ konsumiere oder als Spießbürger dem Konsumzwang unterliege, das macht keinen Unterschied. – Für mich liegt nur quälend der deutliche Widerspruch offen auf der Hand; indem  ich hier Konsumverweigerung propagiere und gleichzeitig Literatur zum Verkauf anbiete, weil ich eben vom Verkauf von Literatur mit Familie und so zu leben habe. Wenn ich euch einrede, dass Bücherlesen oft zur gleichen Art Konsum degeneriert, den ich verteufele, dann stelle ich meine eigene Existenzgrundlage in Frage. Aber Literatur  als geistige Nahrung  kann natürlich etwas bewirken, sobald sie Anregungen für Bewusstseinsveränderungen liefert. Und ich habe mich immer darum bemüht, solche Art „Gedrucktes“ anzubieten, die ich vertreten und verantworten kann.

Der Versandbuchhandel „2001“, beinahe zeitgleich und mit ähnlichem Angebot gestartet. „ein Kramladen der Gegenkultur“, urteilte liebenswürdig-ironisch die TAZ über 2001, war zu dieser Zeit schon lange am Bottroper Literarischen Informationszentrum  vorbeigezogen: sowohl im populärkulturellen Anspruch, in den Umsätzen, im Image – und natürlich auch beim Risiko. Biby hat den Versuch, sich in einem wirtschaftlich opulenterem Rahmen zu etablieren, stets gescheut. Auch in jenen Jahren, da er als „heimlicher Papst der Alternativ-Presse“ galt und er – mit diesem Ruf im Rücken –  hätte expandieren können. Als „2001“ an Bedeutung gewann, sich zur zentralen Adresse für ein allerdings nur maßvoll aufmüpfiges  Buch- und Plattenangebot  entwickelte, war diese Chance für Biby endgültig vertan. Ich habe das damals als Beobachter  bedauert, Biby – soweit glaube ich ihn zu kennen – sicherlich nicht. Und hätte damit vielleicht sogar recht gehabt: Indem Biby nicht am großen Rad mitdrehen wollte, konnte er extreme, obskure und eigenwillige Nischen-Positionen in seinem Programm beibehalten, die bei dem sehr viel stärker gewinnorientierten Versandbuchhändler „2001“ schon lange keine Chance mehr gehabt hätten. Und konnte somit glaubwürdig behaupten, mit seinem Angebot die gesamte Palette der alternativen Szene widerzuspiegeln.

 Ich habe mich von Anfang an als Teil der progressiven Subkultur verstanden und so auch meine Arbeit. Aus diesen Gründen war ich auch böse berührt, als es in einer Reportage des Info-Zentrums hieß, Josef Wintjes sei der Neckermann des Undergrounds. Wenn dem so wäre, dann hätte ich bei Kanonen-Krupp bessere Chancen gehabt.

Ich war immer ein totaler Idealist in Sachen Literatur, aber ein absolut schlechter Kaufmann und Buchhändler. Zwei Ehen sind für die Literatur dabei draufgegangen und meine Kinder haben mich als Alimentenzahler längst abgeschrieben. Für einen Gerichtsvollzieher gibt es hier nix zu pfänden. – Wer hilft?

Wo es die anderen in seinem Alter zwischenzeitlich zum Ingenieur, Amtmann oder Handwerksmeister gebracht hatten, konnte Biby dem sogenannten Durchschnittsbürger nur noch als jemand gelten, der in einem wenig lukrativen Kleinbetrieb ackerte, beinahe aussichtslos („Was verkauft der da eigentlich?“), ein potentieller Hungerleider und irgendwo auch ein Gescheiterter. Biby – kein Kulturrocker des Ruhrgebiets mehr, der Guru des Alternativpresse – ein Fall fürs Sozialamt? Vielleicht. Ich weiß es nicht.

15. Dezember 1984: Persönlicher Brief an die Abonnenten:

Nach Trennung und Scheidung: Gerade jetzt, da ich nach der Trennung/Scheidung keine eigene Familie mehr habe, da fühle ich mich meinem Leser- und Kundenkreis besonders eng verbunden. Ich habe uns immer als eine verschworene Gemeinschaft empfunden. Doch ich will niemanden klammern. – Ich bin zäh wie ein guter Boxer und kann jede Menge Niederschläge einstecken. Auch das habe ich in den letzten Jahren lernen müssen.

10. September 1984 an die Info-Leser:

Da war eine Welle von Solidarität zu spüren, die meiner Arbeit einen neuen Sinn gibt, denn ich war durch die äußeren Umstände doch recht arg am Boden zerstört. Dennoch glaube ich gerade mit dieser Info-Ausgabe erneut mein Durchhaltevermögen in Krisenzeiten bewiesen zu haben und da wird die verspätete Auslieferung der Hefte nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Allerdings gibt es auch in unserer sog. „Szene“ genügend Leute, die persönliche Schwierigkeiten und zwischenmenschliche Probleme nicht als Ausrede für das eigene Versagen gelten lassen und so waren wir leider gezwungen, uns von einigen langjährigen Abonnenten und Mitarbeitern zu trennen, weil kein Konsens der gemeinsamen Verständigung mehr gefunden werden konnte. Das trifft uns hart – aber damit müssen wir leben.

Im Jahre 1985 bricht im Archiv der Berliner Ethnologen die Reihe der Info-Hefte ab, obwohl sie noch bis 1990 erschienen sind. Warum das so ist oder ob ich in den Fluchten der Regale etwas übersehen habe, weiß ich nicht. Doch vielleicht ist dieser plötzliche Abriss auch vielsagend: Vielleicht war damals, nach der ersten familiären Katastrophe und einer gewissen professionellen Routine, die auch im Info-Zentrum eingekehrt sein mag, die Zeit des beglückenden Aufbruchs, die heroische Phase für Biby auch schon abgeklungen.

Biby hat das Info-Zentrum bis zu seinem Tod betrieben; später gab er anstellte des Info-Hefts das Periodikum „Impressum“ heraus, das keine geistigen Höhenflüge gegen das Establishment mehr enthielt, sondern Tipps und Hilfestellungen für den Autorennachwuchs: eine Nische, die Biby für sich und seine Mission noch gesehen hatte. Sein heißes Herz war da schon einem weisen Pragmatismus gewichen, auch wenn er sie immer noch innig geliebt haben mag, die Literatur, und manchmal wohl auch noch in gefühlswarmen Minuten – die Revolution. Nach seinem Tod bemühten sich rührige Szene-Menschen, Bibys Erbe weiterzuführen – das klappte nicht lange. Das Info- Zentrum mit seinem mühsam  gebändigten Gewirr und seinem pittoresken Charme war zu stark mit  der Person Josef „Biby“ Wintjes verbunden – wie es oft ist bei solchen, derart subjektiv geprägten Unternehmungen.

Im Rahmen meiner Biby-Recherche habe ich in einem Text von Peter Salomon ein paar Sätze gefunden, die mir – aus heutiger Sicht – treffend erscheinen:

 „Als Josef Wintjes 1995 starb, wurde mir schlagartig klar, dass ich alt geworden war. Die Teilnahme am Info und in der Scene war ja immer auch ein Zeichen für Jugend gewesen. Ich habe meine Aktivitäten in der Scene nie als Springbrett zu arrivierten Verlagen gesehen (dort habe ich parallel veröffentlicht), sondern immer als exklusives Jugendforum“.

Kaum jemand hatte gewusst, dass Biby gar nicht in Bottrop geboren worden war, sondern irgendwo im Münsterland, in einem verschlafenen Ort. Warum er auch dort begraben werden sollte, lag wohl daran, weil dort die einzigen Verwandten wohnten, die sich um das Grab kümmern konnten. Und so pilgerte die kleine Schar der Bottroper Freunde hinaus aufs platte Land, hörte am Grab die ungewöhnlich hohe Stimme eines Pfarrers, der sich mit all den gestanzten Formeln begnügte, die das christliche Gebetbuch für derlei Anlässe bereithält – ohne ein persönliches Wort über den Toten. Als einige der Freunde, keine neutralen Begräbnishelfer glücklicherweise, den Sarg in die Grube hinunterließen – warum kam es mir da vor, als würde Biby in fremder Erde bestattet? Ihn wird es nicht mehr gestört haben.

Talking Blues

(für Biby)

 

Schließlich

befreundete er sich

mit einer gleichaltrigen Mittvierzigerin

die ihm Gesottenes in die Mikrowelle schob

 

Damals

handelte er als Aushilfe

auf dem Flohmarkt mit Silberschmuck

und fand abends auf dem Nachttisch

ausgeschnittene Stellenangebote für Industriekaufleute

was er mal gelernt hatte

 

Bevor er sich endgültig entschließen konnte

nicht mehr mit Teenys herumzulaufen

und sich von deren Schulfreunden begrinsen zu lassen

starb er nachts überraschend an einer Herzattacke

 

„Abends habe ich ihm noch alles gegeben

was ein Mann braucht“

sagte die Freundin einer Vertrauten

 

Als er beerdigt wurde

kamen auch einige alte Tanten aus seiner Verwandtschaft

an die sich kaum jemand erinnern konnte

und die ihn als Kind gekannt haben wollten

 

Ein Nachrufer meinte rückblickend:

Biby hat für uns alle ein Lebenswerk geschaffen – und er hat sich dabei aufgerieben! Ein Malocher, ein Märtyrer – den wir zum Mythos gemacht haben – zwangsläufig! In gewisser Weise sind wir alle, die wir der Droge Literatur erlegen sind, von ihm abhängig geworden. Jetzt sind wir abgenabelt, gnadenlos, und müssen uns ohne Biby behaupten.

Nein, süchtig bin ich nach den Verheißungen des Info-Zentrums nie gewesen. In dieser Hinsicht hatte ich auch andere literarische Dealer. Außerdem ist mir Biby zu sehr Freund, Altersgefährte, Bottroper mit all dem Hang zum Kleinteiligen gewesen; da gibt es nichts zu heroisieren, zu stilisieren, zu überhöhen. Er hat die Forderung, sich nicht mit dem Establishment einzulassen, ernst genommen, ob ihm das immer behagt hat, weiß ich nicht. In Bottrop ist sein Tod offiziell jedenfalls nicht vermerkt worden. Woanders wäre schon seit langem eine Gedenktafel ans Haus Böckenhoffstraße 7 montiert worden. In Bottrop indessen ist das Gebäude, in dem Biby beharrlich an dem Bemühen mitgewirkt hat, verkrustete Lebensstrukturen zum Tanzen zu bringen, und sei es nur durch eine unendliche Flut an Postsendungen, zwischenzeitlich nur einmal frisch gestrichen worden – unschuldig weiß.

„Ich bin hauptsächlich an Revolte, Unordnung und Chaos interessiert – das scheint mir der einzige Weg zur Freiheit zu sein“.

Jim Morrison, dessen Biographie „Keiner kommt hier lebend raus“ im Ulcus-Molle-Info 7/8 1981 von Ralf Rullman besprochen worden ist.

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