„Die mit den fettesten Karren haben die dreckigsten Schwänze“

In Featured, Ruhrgebiet | Am 5 Dezember 2011 | Von Janina Kraack

Über das Leben als Nutte am Straßenstrich.
Ein Gespräch mit Eva X., die in Dortmund hinter dem Hornbach arbeitete.

(diese und andere stories auf echtem papier im aktuellen ruhrbarone-magazin: rb#3 – männerwelten. einfach bestellen.)

Das Objekt besteht aus drei Etagen: unten die Bar, oben die Betten.
Die Bar ist sauber, etwas spartanisch eingerichtet und ca. 70 qm groß. Ein Tresen, vier kleine Tische mit Cocktail-Sesseln drumherum, alles dunkelbraun furniert. Drei Arcade-Spielautomaten, angestaubte Plastikblumen, vier Überwachungskameras mit Schwenkköpfen. Kein Rotlicht. Keine Bilder an den Wänden. Schnuckelig.
Auf den oberen zwei Etagen befinden sich insgesamt zehn Apartments, in die man diskret durch einen kleinen Flur gegenüber des Tresens gelangt.
Unten an der Bar riecht es wider Erwarten nach nichts: keine schweren Parfums, welche die Damen wie Skandale hinter sich herziehen, kein Sex-Geruch. Es ist noch nicht einmal verqualmt.
Die Musik läuft auf Zimmerlautstärke.
Drei Bulgarinnen bespielen die Automaten. Wie hypnotisiert starren sie auf die bunt flatternden Bildchen und machen keinen Mucks. Ihre Umgebung scheint sie wenig zu beeindrucken.
Ein einzelner Gast sitzt an einem der kleinen Tische. Zwei Mädchen, die nicht älter als vierzehn aussehen, wärmen sich an der Heizung auf.
Weil ich nicht genau weiß, was mich hier heute Abend erwartet, bin ich so mit Adrenalin vollgepumpt, dass mir jedes Geräusch, jede Stimme wie ein lautes Scheppern vorkommt.
Ich bin im Club Escort, das Laufhaus, das zum Dortmunder Straßenstrich hinterm Hornbach gehört.
Nach drei Pinnchen Wodka stelle ich mich dem jungen Barkeeper als Clarissa vor und erzähle ihm, warum ich hier bin.
Ich will wissen, warum Prostituierte das machen, was sie machen.

Der Barkeeper – Anfang zwanzig, gelernter Restaurant-Fachmann – stellt sich mir als Andi vor und beugt sich über den Tresen.
„Ich würde dir aber empfehlen, die Damen nicht zu laut und zu auffällig anzusprechen. Am besten, du versuchst zu aller erst rauszufinden, ob sie alleine arbeiten, oder einen Zuhälter im Nacken haben. Das könnte nämlich für alle Beteiligten hier unangenehm werden. Fremde sind nicht gern gesehen. Und erst recht keine Frauen.“
Die Tür fliegt auf. Gabi kommt rein.
Gabi ist knapp 50, blondgesträhnte kurze Haare, starkes Make-Up, rauchige Stimme und sehr in Eile.
„Ich hab Durst und brauch ne Zigarette!“
Sie schnorrt sich eine Kippe von mir und befiehlt Andi ihr welche am Automaten zu ziehen.
„Ich muss gleich anfangen, bin erst seit vorgestern hier. Wie lange bist du denn schon hier?“
Etwas überrumpelt und verwirrt zwinkere ihr zu und sage: „Ähm. Erst 15 Minuten. Sektchen?“
„Jau.“
Lautes, versoffenes Lachen.
Bis ihr Sekt da ist, trinkt sie meinen Wodka aus. Kein Problem. Ich will ja was von ihr. Der Wirt gießt mir neuen Wodka ins alte Pinnchen.
In diesem Moment denke ich nicht an Herpes sondern nur daran, wie ich sie ansprechen soll.
Sie hört mir bis zum dritten Satz zu, lächelt schief, dreht sich um und geht einfach.
Nicht, weil sie keine Lust hat. Sie ist einfach nur betrunken.
Ich zahle den Deckel und wende mich wieder zu Andi.
„Ach, schade, die wäre für dich schon gut gewesen, da hast du wohl zu lange gewartet.“
Eines der Automaten-Mädchen kommt zum Tresen. Als sie ihre Bestellung aufgegeben hat, spreche ich sie an. Ich stelle mich vor und erzähle, was ich will. Sie starrt mich genau so an, wie den Automaten, nur noch eindringlicher. Böse.
„Nein! Nix verstehn!“
Komisch. Ihren Tee konnte sie in fast einwandfreiem Deutsch bestellen.
Um ihrem Blick auszuweichen und um klar zu machen, dass ich sie nicht weiter belästigen werde, drehe ich mich wieder um und bestelle noch einen Wodka. Völlig frustriert und angespannt rauche ich eine nach der anderen und überlege mir, wieder nach Hause zu gehen, die Sache aufzugeben. Was habe ich mir eigentlich dabei gedacht, hier einfach reinzuspazieren, alleine und aufgebrezelt ohne Ende?
Plötzlich geht die Tür wieder auf:
Eva kommt herein und lässt sich in einen der Cocktail-Sessel direkt neben dem Tresen plumpsen. Eva ist klein, zart, engelsgleich.

„Fistfuck, Analsex oder Gesichtsbesamung mache ich nicht. An meinem zweiten oder dritten Arbeitstag hat mich ein Freier aus dem Auto heraus gefragt, ob ich mir ins Gesicht spritzen lasse. Als ich nein sagte, wurde ich von diesem Wichser aufs Übelste beschimpft, was ich für ne verklemmte Hure wäre und wie ich hier Geld verdienen will, wenn ich noch nicht mal das mache, was sogar seine Alte macht.“

Ich biete ihr Sekt und Wodka an, sie mir den Sessel neben ihr.
Jetzt keinen Fehler machen. Am besten versuche ich erst mal Vertrauen aufzubauen. Ganz beiläufig hole ich mein Portemonnaie aus meiner Handtasche und stecke es in die Jacke. Ich bitte sie kurze Zeit später, auf meine Tasche aufzupassen, während ich zum Klo verschwinde.
Als ich wieder zu ihr an den Tisch komme, telefoniert sie gerade mit einer Freundin.

„Hier ist eine, die will ein Interview mit mir machen. Ich hab gerade fürs Blasen siebzig Euro gekriegt, is schon in Ordnung, wenn ich mir jetzt ne Stunde Zeit für sie nehme.“

Eva kam als Zehnjährige mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern aus Sibirien nach Deutschland. Die ersten Jahre haben sie in Thüringen gewohnt, jetzt in Nordrhein-Westfalen.
Sie ist 27.

“Wir wurden streng katholisch erzogen. Bei uns gab es keinen Alkoholmissbrauch, Gewalt oder Sonstiges, was erklären würde, warum ich „auf die schiefe Bahn“ geraten bin. Das war der Freundeskreis. Ehe ich nachdenken konnte, wurde ich zu zwei Jahren und vier Monaten wegen Beihilfe zu schwerer räuberischer Erpressung verurteilt. Ich hab` den Fluchtwagen gefahren. Dann war ich erst mal in Köln im Knast. Offener Vollzug.“

Ihr übertriebenes Kichern und ihre zum Boden gesenkten Augen verraten mir, dass sie darauf nicht besonders stolz ist.

„Nach meinem Fachabitur in Design hab ich ne Lehre zur Frisörin angefangen. Während der Haft bin ich noch weiter arbeiten gegangen. Eine Arbeitskollegin von mir wusste aber, dass ich eigentlich eingebuchtet bin und die alte Fotze hat das meinem Chef erzählt. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm war dann klar, dass er mich nicht mehr weiterbeschäftigen wird. Im Knast kannte ich ne Perle, die zu dieser Zeit in Dortmund auf dem Strich gearbeitet hat. Sie hat mir davon erzählt, ich hab mich mehr dafür interessiert und dachte: oh, das hört sich gut an, das probier ich mal aus. Verlieren kann ich eh nichts mehr. Also habe ich einen Freigang genutzt, um mit ihr hier hin zu fahren. Für mich war das alles neu und ungewohnt. Ich hatte Angst und hab mich geekelt. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich mehr vor mir oder vor dem geekelt habe, was mir bevorstand. Also hab ich erst mal was getrunken, damit ich das alles besser verarbeiten kann. Nach dem ersten Freier dachte ich mir: „Ich will weg hier, ich will nach Hause! Bis dahin sollte das eine einmalige Sache gewesen sein.“

In der Zwischenzeit kommen noch drei junge Bulgarinnen in den Club und setzen sich an den Tisch neben uns. Misstrauische Blicke treffen mich und ich denke daran, was Andi mir zu Anfang gesagt hat. Eva erzählt weiter.

„Ich war so enttäuscht von meinem damaligen Chef, hatte keine Erwartungen nach dem Knast. Ich bin auch nicht mit der Freiheit nach der Entlassung klargekommen und hatte keine Perspektiven. Da hab ich mich dazu entschlossen, es nochmal auf dem Strich zu versuchen.. Ohne Planung, ohne darüber nachzudenken, wie lange ich das machen will oder so. – Hier!“

Eva deutet mit einem Kopfnicken auf die eben eingetroffenen Bulgarinnen.

„Die versauen uns seit Monaten das Geschäft mit ihrem abgefuckten Benehmen. Ziehen die Leute ab und verprügeln sich gegenseitig am helllichten Tag. Auf offener Straße. Die eine da ist die Zuhälterin der beiden anderen. Die versuchen hier alles unter Kontrolle zu halten. Wenn sie irgendein Mädchen nicht kennen, wird die erst mal angemacht. Je nach dem, wie sie sich verhält, wird sie respektiert oder verprügelt. Sofort.“

Obwohl sie nur geflüstert hat, werden wir sofort von sechs Paar dunklen, bösen Augen angeblitzt. Gott sei Dank macht Eva – trotz ihrer Verlegenheit, die sie während unseres Gespräches immer wieder durch Knibbeln an ihren French Nails zeigt – den Eindruck, dass sie sich hier sehr wohl behaupten kann.

„Ich halte mich aus allem raus. Meine beste Freundin arbeitet auch hier, aber sonst habe ich mit niemanden Kontakt. Es ist nicht so, dass die Frauen untereinander Freundschaften schließen, aber wir halten schon zusammen. Zumindest seit die Bulgaren versuchen, uns ihre „Regeln“ aufzuzwingen. Ich bin schon seit fünf Jahren hier, komme drei Mal die Woche. Ich brauche keinen Zuhälter, ich mach das nur für mich. Vor fast vier Jahren hab ich mal nen Ausflug zum Strich in Essen gemacht. Der erste Freier, den ich da hatte, ist jetzt der Vater meiner dreijährigen Tochter. Der hat versucht, sich wie ein Zuhälter aufzuführen, weil ich zu dieser Zeit auch auf Schore war. Er wollte mich kontrollieren, damit ich das Geld nicht für n Schuss ausgebe. Klar, kann ich verstehen, dass das eine hilflose Reaktion von ihm war, andererseits bin ich aber bis zum sechsten Monat aufn Strich gegangen, weil der Typ zu faul zum Arbeiten war. Als ich ihn dann endlich los war, habe ich mir gedacht: Bloß nicht mehr woanders, nur noch in Dortmund arbeiten.“

Dann fliegt die Tür wieder auf und schlagartig ist es ganz still:
Eine 2,10 m große türkische Transe betritt divengleich den Club, als wäre das hier ein Pariser Laufsteg: lange Beine, super gemachte Brüste, schwarze, dicke Locken bis fast zum Hintern, ein wächsernes Gesicht. Ich schätze sie auf Anfang 50. Sie sieht aus wie Cher zu ihren besten Zeiten.
„Hallo meine Kinder!“, trällert sie fröhlich mit erstaunlich weiblicher Stimme.
Sowohl Eva als auch die Bulgarinnen springen auf, umarmen sie stürmisch und fangen an, mit immer schriller werdenden Stimmchen auf sie einzureden. Für zwei Minuten verwandelt sich der Laden in einen Hühnerstall. Das Einzige, das ich aus dem Durcheinander raushören kann, ist, dass sie von allen „Mama“ genannt wird.

„Kinder, ich will hier keinen Stress haben, wenn ich da bin. Lasst mich mit eurem Zickenkram in Ruhe und vertragt euch. “

Die Mädchen setzen sich anstandslos wieder auf ihre Plätze, Eva kommt zu mir zurück und Mama zieht an uns vorbei, um sich zu dem einzelnen Gast zu setzen. Sie dreht sich nochmal zu mir um. In völlig ruhigem und fast schon liebevollem Ton:

„Wer bist du denn, Schätzchen? Die Neue? Lass dich hier nicht anficken, sonst kriegst du hier kein Bein an die Erde. Wenn dich jemand anlabert oder du was brauchst, ich bin da vorne. Wenn ich da bin, brauchst du keine Angst haben.“

Ich nicke ihr zu und bedanke mich brav. Eva und ich trinken noch was und quatschen weiter. Sie kommt ins Stocken und sieht mich eindringlich mit ihren schönen blauen Augen an. Aus heiterem Himmel fängt sie an:

„Ein Gast, der wirklich nett ist und sauber, hat mich mal nach ner Nummer an seinen Kumpel weiterempfohlen. Wir haben uns hier getroffen, sind Kaffee trinken gefahren und haben uns unterhalten. Anstatt mich hierhin zurückzubringen, wie es vereinbart war, hat er mich an der Autobahn in ein Waldstück gefahren. Da wusste ich schon, dass was nicht stimmt. Auf einem Feldweg hat er sofort angefangen mich zu schlagen, zu würgen und meine Kleidung zu zerreißen. Er wollte, dass ich seinen Schwanz lutsche. Ich hatte so eine Angst, dass ich erst gar nicht versucht habe mich zu wehren oder abzuhauen. Ich konnte ihn dazu überreden, wenigstens ein Kondom zu benutzen. Da war ich schon froh. Als ich fertig war, habe ich meine zerfetzten Sachen genommen und bin weggelaufen. Grün und blau hat er mich geschlagen. Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin oder ob ich überhaupt nach Hause gegangen bin. Ich weiß das gar nicht mehr.“

Soviel Offenheit habe ich mir zwar gewünscht, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass man so eine Geschichte so gleichgültig und so monoton runter rasseln kann. Mir kommt es so vor, als hätten wir gerade die Rollen vertauscht. Während ich versuche, meine Finger in den Griff zu kriegen, bestellt sie den Schnaps.

„Hier kann so was zum Glück nicht passieren. Es gibt Kameras im Flur, die vom Tresen aus bewacht werden. Man darf hier nicht alleine vom Zimmer runter kommen. Weder der Freier, noch die Nutte. Kommt man nicht zu zweit runter, muss der Wirt sofort den Alarm auslösen und die Tür abschließen. Dann wird erst mal geguckt, was los ist. Die Verrichtungsboxen auf der Straße sind so gebaut, dass man als Fahrer die Autotür nicht öffnen kann, wir aber schon. Sollte es Probleme geben, gibt es auf der Beifahrerseite an der Wand einen Alarmknopf. Ich hab hier aber noch nie solche Situationen gehabt, dass ich das nutzen musste. Was du dir auf jeden Fall merken solltest: die, die super schick gekleidet sind und mit ner fetten Karre hier reinfahren, sind die unfreundlichsten Penner und haben die dreckigsten Schwänze.“

Nach einem befreienden Lachen und weiterem Wodka kann ich mich langsam wieder entspannen. Eva geht zur Bar und bestellt sich einen Hotdog. Hinterm Tresen gibt es einen Kühlschrank, der mit Tiefkühlkost gefüllt ist, falls man zwischendurch mal Hunger hat.

„Alles ist ein Geben und Nehmen. Für beide Seiten. Manche kommen, um einfach nur Druck abzulassen. Andere kommen, weil es zu Hause mit der Frau sexmäßig nicht so läuft, wie die das möchten. Aber die meisten Freier sind tatsächlich auf der Suche nach wahren Gefühlen .Die sind so armselig, dass sie sich auf die unterste Stufe stellen und versuchen, Gefühle zu kaufen. Geld ist da das Einzige, was die geben können. Das ist traurig, aber nicht mein Problem. Für mich hat mein Job nie was mit Spaß oder Gefühlen zu tun. Spaß habe ich nur, wenn Gefühle dabei sind. Sex ohne Gefühl ist für mich Arbeit, egal ob hier oder privat, von daher kommen One-Night-Stands für mich z.B. gar nicht in Frage. Das geht einfach nicht mehr. Am schlimmsten sind aber die, die sich ernsthaft in einen verlieben und dann edler Ritter spielen wollen. Ich sag mal so: Jeder vierte hier versucht mich zu retten und denkt, er wäre der erste. Scheiß-Gefühle, ja, aber dann trinke ich mir was, damit diese Gedanken nicht kommen.“

Während unseres Gespräches beobachte ich immer wieder Gabi, die in regelmäßigen Abständen an den Fenstern des Clubs vorbeischlendert und frierend Ausschau nach Kunden hält. Warum kommt sie zwischendurch nicht mal rein, um sich aufzuwärmen? Da fällt mir ein, dass sie wahrscheinlich nicht alleine arbeitet sondern einen Zuhälter hat. Gut, dass ich Eva gefunden habe.

„Am besten ist es, wenn ich Termine mit Stammkunden habe. Wenn nicht, gehe ich erst mal in den Club und trink was. Dann geh ich raus und warte, bis was kommt. Wenn einer wieder weg ist, warte ich noch zehn Minuten. Wenn dann nichts kommt, gehe ich wieder rein und trink noch was, sonst kommen die Gedanken. Eigentlich ist es ein Routine-Job, solange man nicht darüber nachdenkt. Sobald ich anfange nachzudenken, werde ich depressiv. Da trinke ich lieber und erfreue mich am Verdienst. Ist halt ne Möglichkeit schnell an viel Geld zu kommen. Ich muss nix abgeben, das gehört alles mir! Während ich Kunden bediene, denke ich daran, welche Termine ich morgen habe, ob ich meiner Tochter noch was für den Kindergarten einpacken muss, oder ob ich noch Wäsche aufhängen muss. Ich nehm lieber die ganze Scheiße hier und die negativen Sachen auf mich, als von Hartz IV zu leben oder Regale aufzufüllen. Ich bin gerade umgezogen und will die Wohnung einrichten. Wenn das ganze Materielle erledigt ist, will ich ne Ausbildung anfangen, aber ich weiß noch nicht was.“

Langsam fängt sie an sich zu winden, bringt ihre Sätze nicht mehr zu Ende und folgt der Ideenflucht. Mir tut es jetzt leid, dass ich ihr so viele Fragen gestellt habe. Ich wollte sie nicht ins Grübeln bringen.

„Manchmal habe ich schon ein schlechtes Gewissen. Auch meinen Eltern gegenüber. Ihnen und meinen Brüdern habe ich erzählt, dass ich in Dortmund in einer Schwulenbar arbeite. Wegen ihrer konservativen Einstellung würden sie niemals in so einen Laden gehen. Das ist nicht in Ordnung, aber dafür haben die auch was von meinem Verdienst. Nächste Woche fliege ich mit meiner Familie nach Ägypten. Hab ich schon alles bezahlt.“

Mittlerweile ist es nach ein Uhr, als der nächste Gast rein kommt. Er ist etwa 1,70 m groß, ca. 40 Jahre alt. Normale Statur, unauffällig, südländischer Typ. Irgendwie wirkt er freundlich. Er bestellt sich Kaffee und kommt auf uns zu. Eva macht uns miteinander bekannt.
„Mustafa ist hier das Mädchen für Alles!“

Eva wird auf einmal richtig fröhlich, ihre Stimme wieder melodischer.

„Brauchst du n Auto? Wohnung? Schutz? Er kümmert sich drum. Und ist lieb. Echt die gute Seele hier der Kerl. Wenn die Frauen Feierabend machen, fährt er sie nach Hause. Und der will keinen Sex von dir. Ist wie n Vater.“

Wir drei trinken noch einen Wodka. Je später der Abend wird, desto mehr kann ich erkennen, dass auch hier so etwas wie eine familiäre Atmosphäre herrschen kann. Vielleicht liegt das aber auch einfach nur am Wodka.
Mustafa fragt mich noch, ob ich irgendetwas brauche.
Danke, ich habe Alles!

*Alle Namen von der Redaktion geändert.


15 Kommentare zu »„Die mit den fettesten Karren haben die dreckigsten Schwänze“«

  1. #1 | walter stach sagt am 5. Dezember 2011 um 12:40

    Ein Gastbeitrag, der eine journalistische Höchstleistung ist;verdient Verbreitung, Lob und Anerkennung -durch andere Medien,durch öffentliche Institutionen!

  2. #2 | Linkenswert (3) - butg.de - der Blog sagt am 5. Dezember 2011 um 12:52

    [...] „Die mit den fettesten Karren haben die dreckigsten Schwänze“ Über das Leben als Nutte am Straßenstrich. Janina Kraack sprach mit einer Prostituierten auf dem [...]

  3. #3 | Georg kontekakis sagt am 5. Dezember 2011 um 17:40

    Das ist kein Gastbeitrag. Janina ist Ruhrbaroness. Und zwar eine gute.

  4. #4 | Walter Stach sagt am 5. Dezember 2011 um 18:24

    -3-G.K.:Danke für die Aufklärung; offensichtlich ist J.Kraacke eine (sehr!)gute Journalistin. Kannte ich nicht/wußte ich nicht,mein Fehler.

  5. #5 | wiesowarum sagt am 6. Dezember 2011 um 12:19

    Ein typisches Interview zu dem Thema, was wohl eher dem Ego der Autorin dient, als Informationen für den Leser zu bieten. Persönliche Geschichten können manchmal ganz interessant sein, aber das Ausschlachten der Biografie einer alkoholisierten Person liegt noch unter dem gängigen Talk-Show-Niveau. Unter journalistischer Arbeit verstehe ich auch einen Mehrwert an zumindest regional-politischen Regelungen, die die Arbeit der Prostituierten reglementieren bzw. einschränken. Jegliche Bezüge zur Prostitution in Dortmund und die Person “Mustafa” werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

  6. #6 | Bastian Schlange sagt am 6. Dezember 2011 um 15:23

    @ wiesowarum
    der schwerpunkt des artikels liegt zum einen auf dem persönlichen schicksal, dem innenleben und den beweggründen der interviewten, zum anderen auf der atmosphäre in einem stundenhotel, wenn mal kein freier vor ort ist. die geschichte ist ursprünglich im rahmen des “ruhrbarone-magazins#3 – männerwelten” erschienen, dort begleitet von einem weiteren artikel zum komplex prostitution und straßenstrich in dortmund.
    wenn interesse an zusätzlichen informationen oder regional-politischen regelungen besteht, finden sich hier im blog etliche beiträge zum thema – auch die lektüre des magazins kann ich nur empfehlen. bei dem vorliegenden text war es allerdings nicht intention, diese bereiche zu beleuchten.

    eine weitere kleine anmerkung:
    der artikel wurde von der interviewten “alkoholisierten person” autorisiert.

  7. #7 | liven sagt am 6. Dezember 2011 um 15:47

    Tolle und mutige Autorin!!!

  8. #8 | Georg kontekakis sagt am 6. Dezember 2011 um 23:26

    Wiesowarum

    Hat keine Ahnung von moderner Erzählweise. Von Nahrangehen. Von Subjetivität. Von Grenzverletzungen.

    Einfach ignorieren, den Ignoranten.

  9. #9 | Pat Boone sagt am 7. Dezember 2011 um 21:03

    chapeau frau kraack!

    ein mutiger und spannender einblick. dankeschön!

  10. #10 | Ruhrbarone lesen in Duisburg am 1. März | Ruhrbarone sagt am 26. Februar 2012 um 14:52

    [...] Janina Kraack erzählt eine erschütternde Geschichte der Gewalt. [...]

  11. #11 | Erinnerung: Ruhrbarone-Lesung am 1. März in Duisburg | Ruhrbarone sagt am 26. Februar 2012 um 14:53

    [...] Janina Kraack erzählt eine erschütternde Geschichte der Gewalt. [...]

  12. #12 | caps von new era sagt am 14. Juni 2012 um 11:52

    Hat keine Ahnung von moderner Erzählweise. Von Nahrangehen. Von Subjetivität. Von Grenzverletzungen.

  13. #13 | Mybes sagt am 18. Oktober 2012 um 22:35

    Wunderschöne journalistische Story. Vielleicht läuft das im Pott wirklich so.
    In Berlin oder Hamburg wäre der ganze Artikel erstunken und erlogen, und die Ludenszene würde über diesen literarischen Versuch laut lachen. Und nicht nur die. Schon die Sprache ist Klischee, und nichts stimmt.
    Nice try.
    Mach ein Buch draus, schöne NRW-Sozialfiktion.

  14. #14 | carsten sagt am 6. November 2012 um 21:58

    “Sehen aus wie 14…” tja in Kölns bekanntestem Puff wurd vor paar Jahren eine 14 Jährige rausgeholt…Aber natürlich machen alle Zeitungen,Webportale etc weiter dafür Werbung…

  15. #15 | SlutPimp sagt am 13. August 2013 um 20:28

    Das stimmt nicht, meine Karre ist die fetteste und mein Schwanz der dreckigste von allen!

Hinterlasse eine Antwort

XHTML: Diese Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>