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Hogesa, Pegida, Legidia, Mahnwachen: Und was kommt jetzt?

elsaesser

Tweet der  NPD-Jugend zu Jürgen Elsässer in Leipzig

War es das mit Pegida? Lutz Bachmann ist zurückgetreten und der Leipziger Ableger blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Auch bei Hogesa läuft es nicht rund: Die groß angekündigte Demonstration in Essen fand nicht statt. Gegen das Verbot der Polizei wurde, trotz eher guter Aussichten, nicht einmal geklagt. Auch die Mahnwachen sind kleiner geworden. Nach einem letzten Aufbäumen im Dezember ist es ruhig um die aluhütigen Friedensfreunde geworden.

In den vergangenen zwölf Monaten kamen Protestbewegungen auf, wuchsen rasant um dann wieder nahezu vollkommen zu verschwinden. Und auch wenn Hogesa und Pegida nun auch ihre besten Zeiten hinter sich hatten ist klar: Da ist eine Menge Unmut und er steht abseits des politischen Alltags, er zeigt sich nicht in Parteien oder klassischen Bürgerinitiativen, sondern ist eruptiv, wütend und entzieht sich jedem vernünftigen Dialog. Fakten interessieren die Demonstranten nicht, es geht um Ängste und Gefühle. Die Betroffenheit, den Geist den die Ökobewegung in den 70er Jahren aus der Flasche gelassen hat und die seitdem von vielen wie eine Monstranz vor sich her getragen wird, um jede vernünftige Diskussion zu beenden („Ich habe aber trotzdem Angst vor Chlorhühnchen“) war nie mehr als die verlogenste aller Waffen in der politischen Auseinandersetzung. Nun ist sie nicht mehr exklusiv in den Händen der Jutebeutel Armee Fraktion.

Wie schon die Ökologiebewegung sind die neuen Bewegungen verschwörungstheoretisch unterwegs. Der anderen Seite wird grundsätzlich unterstellt zu lügen oder gekauft zu sein. Dass man zu einer anderen Überzeugung kommen kann, weil man nachgedacht hat, wird heute so wenig akzeptiert wie in den 70ern. Wer nicht mitheult im Rudel der Betroffenen ist Teil einer zu allem entschlossenen Lobby.

An Teile der Linkspartei und der Grünen anknüpfend, drücken die neuen Bewegungen ein tiefes Misstrauen, ja zum Teil Hass, gegen alles aus, was man mit dem Westen verbinden kann: Die USA sind der Hauptfeind, Putin wird verehrt. Dem autokratischen System Putins, eines ehemaligen Geheimdienstmanns und heutigen Mafiosi, wird mehr Vertrauen entgegengebracht, als dem langjährigen Partner der Bundesrepublik, einem, Land, dass trotz allen Krisen, die es durchlebt hat, auf eine weit mehr als 200 Jahre alte demokratische Geschichte zurückblicken kann. Der Freihandel, nicht weniger als die entscheidende Quelle unseren Wohlstandes, gilt als Synonym für den Untergang. In ihrer Ablehnung von TTIP sind Rechte, Linke und Grüne so nah beieinander, dass es kein Zufall sein kann.: Da soll ein imaginiertes Deutschland gegen den angeblich fatalen Einfluss fremder Mächte geschützt werden.

Deutschland gegen fremde Mächte zu schützen, ihren angeblich fatalen Einfluss zurückzudrängen, das hat alle verbunden, die dieses Jahr auf die Straße gingen: Alles, was fremd erschien, wurde zum Feind: Die USA, Israel, der Islam – und oft alle drei gemeinsam: Für Hogesa ist Pegida ein von den USA gesteuertes Unternehmen, um die die Macht Hools zu brechen und für viele steht hinter der angeblichen Islamisierung Deutschlands Israel. Alle haben unter dem Strich nur ein Ziel: Der Vernichtung Deutschlands. Man kann diese Wahnwelt nicht verstehen, sie entzieht sich auch jeder Diskussion, weil man sich schon auf die einfachsten Grundlagen jeder Debatte, Quellen die beide Seiten anerkennen, nicht einigen kann. Gleichwohl muss man sich mit ihr beschäftigen, denn die Frage ist angesichts des nun eingesetzten Abstiegs von Pegida, Hogesa und Wahnwichtel, wie es weitergeht, unter welchem Label die autoritären Gegner des Westens und der Aufklärung als nächstes auf die Straße gehen.

Es deutet sich an, dass die Unterscheidung zwischen Links und Rechts immer weiter an Bedeutung verlieren wird. Der Unterschied zwischen vielen Rechtsradikalen und Teilen der autoritären Linken verschwimmt immer mehr: Bei der Ablehnung des Westens und dem Hass auf Israel passt zwischen die Gruppen heute schon kaum ein Blatt. Auch die Unterstützung des Autokraten Putins und ein Hang zu Verschwörungstheorien verbindet sie. Die Querfront zwischen Linken und Rechten, seit den 70er Jahren ein Traum in rechten Kreisen, wird immer deutlicher hervortreten. Sie könnte zumindest phasenweise Islamisten mit einschließen, wie gemeinsame Demonstrationen von Linken, Nazis und Islamisten gegen Israel im vergangenen Sommer gezeigt haben.

Die einen leben ihren Rassismus gegen Einwanderer, Flüchtlinge und Juden aus, für die anderen sind Einwanderer und Flüchtlinge ein Tabu, sie leben ihren Hass nur gegen Juden aus. Dies ist zur Zeit noch die größte Trennlinie zwischen beiden Gruppen.

 

Natürlich wird es gemeinsamen Protest erst einmal nur bei wenigen Themen geben. Zu groß scheinen noch die Unterschiede, aber man wird sich beschnuppern und feststellen, das informelle Bündnisse durchaus möglich sind: Gegen die „Lügenpresse“, gegen TTIP, gegen die NATO und den Westen, gegen die angeblich nicht legitime „BRD GmbH“.

Die Mahnwachen waren das erste, deutliche Zeichen, dass die alten Grenzen nicht mehr gelten.

Aber wenn alte Grenzen, wenn traditionelle Differenzierungen nicht mehr funktionieren, bedeutet das auch immer, das neue Frontverläufe innerhalb der Auseinandersetzungen entstehen. Sie verlaufen seit Jahren schon immer deutlicher zwischen denen, die autoritär denken, die Menschen als Teil von Kollektiven sehen und jenen, die weder Macht noch Autorität anbeten, sondern ihr misstrauen und für die der Mensch vor allem ein Individuum ist.

Sie geraten in einer Zeit, in der die Offene Gesellschaft von autoritären Gruppen wie Wahnwichteln, Salafisten und Rassisten gleichermaßen angegriffen wird, unter Druck. Aber das ist nicht schlimm: Unter Druck entstehen Diamanten.

 

 

 

 

 

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10 Kommentare zu “Hogesa, Pegida, Legidia, Mahnwachen: Und was kommt jetzt?

  • #1
    pommeskind

    Erst mal kommt jetzt am Wochenende, genauer gesagt am Samstag, laut Ankündigung im Hogesa-Forum ein Nazi-Hool-Konzert mit unter anderem „Kategorie C“ an einem geheimen Ort „im westlichen Ruhrgebiet“. 250 kritische, nachdenkliche und islamkritische Bürger werden erwartet. Wer weiß wo?

  • #2
    Aha!

    …erfahrungsgemäß ist „westliches Ruhrgebiet“ mit „östliches Belgien“ gut übersetzt.

  • #3
    Klaus Lohmann

    Zumindest für die Hools gibt es ja jetzt eine saubere Lösung:
    http://www.derwesten.de/politik/hooligan-gruppen-koennen-als-kriminelle-vereinigungen-gelten-id10263434.html

  • #4
    DAVBUB

    „So many People can’t express what’s on their mind…“
    The The, Heartland
    Als der Euro eingeführt wurde, wurde dem Steuerzahler versprochen, daß die EZB darauf achten wird, daß er eine harte Währung wie die Deutsche Mark bleibt…
    Als die Stromversorgung privatisiert wurde, sollten die Strompreise sinken…
    Bulgarien und Rumänien entledigen sich Ihrer Roma auf elegante Weise, und Frau Kraft stellt „Sozial-Lotsen“ ein die diese Menschen „…durch die deutsche Sozialsysteme lotsen sollen…“
    Als das EEG verabschiedet wurde, wurde verkündet, daß der dadurch Strom nicht teurer würde…
    Die EU-Osterweiterung sollte nur Vorteile für D haben…
    Der deutsche Steuerzahler sollte niemals für die Schulden anderer EU-Länder bluten…
    Bei der SPD streiten sich ein Meth-Junkie und ein Nackte-Kinder-Bilder-Angucker und der BKA-Chef i.R., wer denn jetzt wen als ersten beschissen hat…
    Alle beklagen die hohen Mieten, rot-grün erhöht in jeder Legeislaturperiode die Grunderwebs-steuer, die natürlich von den Mietern bezahlt wird…
    Der -nach eigenen Worten- Lügner Junker, der das größte Steuervermeidungsmodell in der europäischen Geschichte etabliert hat, wird EU-Kommissions-Präsident…
    Die Inklusion ist in der gelebten Realität gescheitert, wird aber schön geredet…
    Die Liste ließe sich fortsetzen, das Ergebnis ist: Die Anzahl der Menschen in D, die das Gefühl haben, permanent angelogen; verraten & verkauft; abkassiert; für dumm verkauft usw. zu werden, wird immer länger. Die Masse der Menschen in D hat oft weder die Zeit noch die Kraft, täglich drei Zeitungen zu lesen, hochkomplexe politische Zusammenhänge zu erarbeiten, sich in einer Partei zu engagieren o.Ä. Sie sind damit beschäftigt, für kleines Geld ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften und in vielen Familien mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen.
    Dies ergibt ein permanentes Gefühl der Bedrohung, der Unzufriedenheit und der Verbitterung.
    Verstärkt wird die Melange durch die Medienkampagnen; jede Woche wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben, der Erregungszustand wird permanent, dennoch wird nichts besser: Die Lebenshaltungskosten steigen ebenso wie Steuern und Abgaben, der Staat beansprucht immer weitere Eingriffsrechte in das Leben der Untertanen, ohne das Leben der Masse wirklich zu verbessern. Laut schreiende Randgruppen binden die politischen Kräfte, der Bürger fühlt sich, obwohl eigentlich in der Summe weder besonders rechts noch links, meistens halt irgendwie in der Mitte, als Außenseiter. Weil er nicht -wie scheinbar die gesamte Medienmeute plötzlich- Vegetarier, Fahrradhelmträger, Bio- und Kleiner-Buchladen-um-die-Ecke-Kunde ist, weil ihm die Kriege und Seuchen in allen Winkeln der Erde nicht wichtiger sind als Fragen wie: Wieso sieht die Toilette in der Schule aus wie ein Dreckloch?
    Und dann kann er plötzlich seinen Ärger, die seit langem schwelende Wut, den Frust aus sich herausschreien, und dann ist es egal, gegen wen, Hauptsache raus,raus,raus…
    Und wenn irgendwann eine telegene, eloquente und evtl. noch intelligente Persönlichkeit sich an die Spitze einer radikalen Partei findet (rechts oder links, egal, nur radikal) dann wird diese aus dem Stand heraus zwanzig Prozent holen.

  • #5
    Rainer Möller

    Zur persönlichen Freiheit gehört auch die Freiheit, sich mit anderen zusammenzuschließen, zur wechselseitigen Förderung und zum Schutz der gemeinsamen Interessen. Und deshalb ist diese Gegenüberstellung von Individualismus und Kollektivismus schon im Ansatz falsch: wer die Kollektive unterdrücken will, unterdrückt bereits die individuelle Vereinigungsfreiheit.

  • #6
    Rainer Möller

    Nach meinen Beobachtungen, auch hier, muss ich daran festhalten: Viele Journalisten zeigen einen mangelndes Interesse an der Tatsachenwahrheit. Wie äußert sich das? Indem sie Informationen, die in ihr „Narrativ“ passen, ohne hinreichende Prüfung übernehmen und Informationen, die ihrem Narrativ widersprechen, ohne hinreichende Prüfung verwerfen.
    Tut mir leid, aber solange sich die Journalisten da nicht ändern, wird sich auch meine Meinung über sie nicht ändern.

  • #7
    werner müller

    mit der kategorie autoritär vs freiheitlich kann ich ja gut leben. an anderen punkten, stefan, regt sich widerspruch.

    mit angst werden autoritäre denkweisen vorangebracht, aber umgekehrt gibt es ängste, die ein reales problem abbilden. wenn du hier gegen autoritäre anschreibst, dann ist das doch auch deine angst, dass die an bedeutung gewinnen und deine freiheit einschränken. genauso gibt es der wirklichkeit entsprechende ängste aus der umweltbewegung. also angst allein ist keine kategorie.

    das gegensatzpaar kollektiv vs individuum ist mir auch zu vereinfachend. kollektiv ist dann ein problem, wenn es einhergeht mit identitärer vereinheitlichung, die keine abweichungen zulässt. kollektiv heißt für mich aber vielfalt, aber nicht ignoranz gegenüber den lebensbedingungen anderer. individuum ist der diktator, kirchenfürst … der ganz allein bestimmt, wie die anderen zu leben haben, oder ob sie überleben.

    stellen wir uns also der komplexität. macht ja auch viel mehr spass.

  • #8
    Rainer Möller

    Lieber Stefan Laurin,
    ich glaube Dir ja, dass Du Dich ernsthaft für freiheitliche Ideen interessierst und dafür eintrittst. Ich würde nur wünschen, dass Du sie nicht als Holzhammer benutzt, um auf die von Dir avisierten Gegner einzudreschen.
    Eine freiheitliche Gesellschaft kommt eigentlich dadurch zustande, dass zwei unterschiedliche/gegensätzliche Konfliktparteien vereinbaren, einander wechselseitig Freiheit einzuräumen. Diesen Vereinbarungsprozess muss man geduldig ausbauen und immer weitere Kofliktparteien einbinden.
    Deshalb hat Freiheit auch etwas mit Frieden zu tun. Ich beschäftige mich gerade mit der britischen Friedensbewegung und staune immer wieder, wie viele Liberale dabei waren. Angefangen mit Richard Cobden, der den wirtschaftsimperialistischen Opiumkrieg strikt ablehnte – obwohl dieser Krieg doch im Namen des Freihandels geführt wurde! Da war Cobden klarsichtiger als viele heutige Leute im Westen! Und bis hin zu Arthur Ponsonby. (Ob Ponsonby bei Dir auch unter „Wahnwichtel“ fallen würde – „Falschbehauptungen in Kriegszeiten“ war schließlich sein Spezialthema?)

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