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Lewitscharoff: Der Unterschied zwischen Halbwesen und Halbwissen

Sibylle Lewitscharoff Foto: Amrei-Marie Lizenz: CC

Sibylle Lewitscharoff Foto: Amrei-Marie Lizenz: CC

Ein Beitrag von unserem Gastautor Thomas Wessel, Pfarrer der Christuskirche Bochum

Eine Anmerkung zu dieser Lewitscharoff und dem, was sie für eine Rede hält. Gibt drei halbinteressante Aspekte darin  –  alle 15 Minuten im Schnitt, falls man es hören will  –  der erste betrifft die Selbstverknalltheit dieser Art von Literatur, dieses Ich-bin-Thomas-Manns-genug, der zweite die Einsicht, dass das Studium bei Klaus Heinrich vor vielem schützt, aber nicht jede vor sich selbst, der dritte das Reden über Religion und dass, je pompöser wer sie im Munde führt, je weniger Ahnung hat: Das „drastische biblische Onanieverbot“, das L. wie „weise“ erscheint, gibt es nur bei ihr im Kopf, aber nicht in der Bibel. Jetzt, bei dem ganzen Gemurkse um sie, ist man ja fast von Amts wegen genötigt zu raten: Onaniert kräftig, aber niemals aus Trotz, das Stück, das Frau L. gegeben hat, ist keine Vorlage für gar nichts.

Dass dieser Hinweis nicht nur überflüssig sein könnte, fiel mir auf, als jetzt die FAZ ein Interview mit Frau L. geführt und dabei mit großer Selbstverständlichkeit diese Frage formuliert hat: „Wer will, kann sich ja an die Gebote des Alten Testaments halten. Warum reicht Ihnen das nicht?“

Wer will, kann die Bibel lesen, warum reicht es auch bei denen nicht dazu, die sie so wissentlich bemühen? Es gäbe zumindest einen akuten Grund dafür, diesen: Die Behauptung, die Bibel zähle ein „Onanieverbot“ unter „die Gebote“, ist ähnlich antijüdisch wie die Rede von dem „alttestamentarischen Auge um Auge“ oder dem „jüdischen Rachegebot“: Immer soll es da einen geben, der hässliche Gefühle ge- und schöne Gefühle verbiete, und dieser Jemand, der all das vollbringe, der sei irgendwie doch immer jüdisch.

Könnte ein unangenehmer Aspekt werden an der aufrechten Empörung über L: Ob man dafür hält oder dagegen, fürs eigene Empfinden wird gerne wer anders bemüht und am liebsten dieser eine. Die Lewitscharoff führt die Thora  –  sie sagt nicht „Altes Testament“, das stellt die FAZ erst klar –  als Kronzeuge an für ihre Spießigkeit, die kritische FAZ braucht eben diesen Kronzeugen, um die eigene Liberalität vorzuführen (und Georg Diez auf Spiegel-Online pumpt L.s Gedankenwelt, die er gekonnt und sehr zurecht zerpflückt, zur „Blaupause für einen neuen Klerikalfaschismus“ auf: Sollte es wirklich geschehen, dass wir bald alle abends um sieben in staatliche Schlafsäle einrücken müssen?)

Erstaunlich daran ist die Selbstvergessenheit der Aufklärung über Selbstbefriedigung: Das Verdikt über sie, die Selbstbefriedigung, wurde von ihr, der Aufklärung, verhängt. Anstatt auf die Bibel zu zeigen, wäre hier die Medizin zu erwähnen, die Philosophie, die Pädagogik, anstatt Kirchenväter zu bemühen, ließen sich Rousseau („verächtlich“), Kant („Selbstschändung“), auch Freud („Ursucht“) usw. erwähnen, anstatt über Moral zu sinnieren, wäre über die Zurichtung der Körper zu sprechen, ihre Disziplinierung für den 12-Stunden-Arbeitstag: Onanie, so eine dieser Aufklärungen, führe zur Schwindsucht, während es doch  –  Friedrich Engels hat es beschrieben  –  ganz offenbar die Arbeit unter Tage war, die Männer, Frauen, Kinder an der „galoppierenden Schwindsucht“ sterben ließ.

Sicher, es gab auch andere Stimmen und nicht zu knapp, die Aufklärung klärte sich über sich selber auf  –  umso unverständlicher, wenn man immer noch auf „die Gebote des Alten Testaments“ verweist, als dürfe es, was die Aufklärung angeht, niemals zu keiner Selbstbefleckung kommen.

Während wiederum Frau Lewitscharoff sich an den Gedanken gewöhnen muss, dass die Bibel eben das, was L. ganz „widerwärtig“ findet, von Herzen begrüßt. Das „Onanieverbot“, das sie bemüht und das es nirgends gibt, bezieht sich auf eine Geschichte in Genesis 38, in der es um Erbschaft und Erbfolge geht, um Ehe und Leviratsehe, um coitus interruptus und bezahlten Sex, um Vertragssicherheit und vorstaatliche Rechtsprechung und vor allem darum, dass sich durch all diese Dramen hindurch eine Familie erhält, aus der Könige hervorgehen werden, Propheten, Schriftsteller und nicht zuletzt Jesus. In einem wahren Satz ihrer Rede weist L. auf die „psychische Bedeutung von Ursprungskonstruktionen“ hin, hier ist eine: Jesus wurde geboren, WEIL Thamar sich prostituiert hat, und er wäre nie geboren, hätte sich Onans Strategie, den Samen „verderben zu lassen“, durchgesetzt. Am Ende steht die Bibel dem biederen Dünkel der L. frontal gegenüber: Bei der Zeugung in der Retorte geht es ja  –  ähnlich wie schon im Stammbaum Jesu  –  gerade darum, dass nichts von dem verloren geht, was nur auf eine Weise entstehen kann, die L. für „widerwärtig“ hält. Ich halte sie, diese Weise, für biblisch und kein „Onanieverbot“ für weise.

 

 

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13 Kommentare zu “Lewitscharoff: Der Unterschied zwischen Halbwesen und Halbwissen

  • #1
    WALTER Stach

    Die Meinungsäußerung von Frau L.:

    „Unfaßbar!“

    Und wieder einmal stellt sich angesichts des Unfaßbaren die Frage, ob man darauf kommentierend eingehen soll oder ob Schweigen „das Gebot der Stunde ist“.
    Außer „Unfaßbar“ schweige ich.

  • #2
  • #3
    Andreas Licht

    @ Thomas Wessel

    ich hab gestern 3sat „Kulturzeit“ gesehen – was ich sonst nie sehe – und dann kommt das:

    „… dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinen Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“

    o.k., vielleicht wechselt sie einfach an eine Waldorfschule, da fällt Lewitscharoffs Wahn höchstens positiv auf:

    „(…) Das sind diese Fälle, die immer häufiger vorkommen, daß Kinder geboren werden und Menschenformen da sind, die eigentlich in bezug auf das höchste Ich keine Menschen sind, sondern die ausgefüllt sind mit nicht der Menschenklasse angehörigen Wesenheiten. Seit den neunziger Jahren schon kommen sehr viele ichlose Menschen vor, wo keine Reinkarnation vorliegt, sondern wo die Menschenform ausgefüllt wird von einer Art Naturdämon. Es gehen schon eine ganze Anzahl alte Leute herum, die eigentlich nicht Menschen sind, sondern naturgeistige Wesen und Menschen nur in bezug auf ihre Gestalt (…)“

    Lewitscharoff oder Rudolf Steiner?

  • #4
    Helmut Junge

    Ich habe in der letzten Zeit irgendwo, vielleicht sogar mehrfach, gelesen, daß die heutige Jugend mehr zur Prüdigkeit neigt, als früher.
    Falls das so stimmt, wird Frau Lewitscharoff noch etliche Anhänger und Anhängerinnen finden. Dann fragt man sich unwillkürlich, weil es doch so absurde Gedanken sind, die sie uns mitteilt, ob es sich nicht um eine bewußt durchgeführte Masche handelt, also dem Oberbegriff Scharlatanerie zugeordnet werden müßte, was sie so verkündet, denn andernfalls wäre ich ratlos, ob es sich um eine schwere Persönlichkeitsstörung oder Schlimmeres handeln könnte. Ich hätte Schwierigkeiten mit ihr normal zu diskutieren, weil ich zwar den entprechenden Text aus dem A.T. kenne, aber erst heute durch Den Pfarrer Wessel gelernt habe (Danke Herr Wessel), daß es sich beim erwähnten Bibeltext um eine wichtige Erbfolgeangelegenheit gehandelt hat. Mit dieser Deutung gibt es dann ja tatsächlich etwas Hoffnung auf eine Diskussion mit der Dame, oder einen ihrer Mitläufer, der sich vom religiösen Dogma unterscheidet.

  • #5
    OWL-Baron

    Es sind nicht nur die o.G.. Wir müssen wissen, dass es bis zum 2. Weltkrieg eine breite Diskussion um Euthanasie gab. Bei Evangelens wurde das heiß diskutiert, durchaus kontrovers, es gab nicht wenige Befürworter. In diesem Zusammenhang muss man auch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ sehen. Danach konnten bestimmte Personen nach medizinischer Begutachtung zwangssterilisiert werden. Und kaum war das Gesetz da, boten die evangelischen Krankenanstalten Gilead in Bethel sich als preiswerte und kompetente Dienstleister an.
    Die Euthanasiedebatte ging nicht von D. aus, sondern meiner Erinnerung nach kam sie aus dem angelsächsischen Raum, so um !900. Fand aber in D. rasch Befürworter, vor allem im und nach Weltkrieg I. Die Zeiten waren schlecht, der „Krüppel“ viele, der Dank des Vaterlandes mau.
    Von „Halbwesen“ zur Euthanasie ists ja dann nicht mehr so weit. Vor allem wenn die Zeiten schlecht sind. In einem Nazischulbuch wurde die Aufgabe gestellt, wie viele kleine Siedlungshäuser kann man für das Geld bauen, dass die Pflege eines einen „Schwachsinnigen“ kostet.
    Diese Rechnung wird auch heute sicher so mancher im stillen Kämmerlein anstellen. NOCH!!!

  • #6
    Puck

    Ich habe mir soeben den Tort angetan, die Rede zu lesen, um auch wirklich zu wissen, worum es geht.
    Ich muß sagen: auf der nach oben offenen Schwachsinnsskala nimmt diese Rede einen Spitzenplatz ein!
    Da wird alles munter durcheinandergemixt, künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, pränatale Diagnostik, alles ein Klumpatsch, alles des Teufels, ekelhaft, widernatürlich, schlimmer als die Lebensbornheime der Nazis, letzteres nimmt sie dann ganz neckisch im Ton aber äußerst lahm in der Sache wieder zurück mit der Bemerkung, daß sie „hier übertreibt“.

    Der Rest der Rede war übrigens auch nicht erste Sahne, sondern auch die atemberaubende ich-bezogenheit dieser Person.

  • #7
    Puck

    Der Rest der Rede war übrigens auch nicht erste Sahne, sondern zeigt nur die atemberaubende ich-bezogenheit dieser Person.

    So sollte der letzte Satz lauten…

  • #8
    Ben

    @#4: „Ich habe in der letzten Zeit irgendwo, vielleicht sogar mehrfach, gelesen, daß die heutige Jugend mehr zur Prüdigkeit neigt, als früher.“

    Da berichte ich mal von einem Vorfall vor gut zwei Jahren. Ich schrieb damals in meinem Blog:

    Da läuft in der Überraschungspremiere (…) ein österreichischer Film über zwei Studentinnen, die sich ihren Lebensunterhalt mit Prostitution aufbessern wollen (TAG UND NACHT) und was passiert? Der Film wird zum Skandal schlechthin. Jedenfalls im offenbar konservativen Bochum, wo nicht nur mehr als die Hälfte aller Kinobesucher den Saal vorzeitig verließ, sondern wo anscheinend auch noch massenweise Beschwerdemails beim Kino ob dieses Films eingingen (…)

    Und nein, trotz seines Themas war der Film nicht einmal im Ansatz pornographisch: es gab zwar Blicke auf Brüste und erschlaffte Glieder, aber nie war da auch nur ein einziges Frame, dass auch nur eine Andeutung von Pornographie war. Es scheint also doch die Wiederkehr einer absurden Scham zu sein, die da eine Rolle spielt. Warum sonst geht man nicht einfach und überlässt solche Filme den Menschen, die was damit anfangen können? Warum schreibt man erboste Mails an die Kinoleitung, die dann dafür sorgen, dass der Film bundesweit in allen Kinos der Kette nicht mehr gezeigt wird? Und nein, es liegt auch nicht an diesem etwas extremeren Beispiel – es ist ein Trend: Als kürzlich, ebenfalls in der Überraschungspremiere, der norwegische Film HEADHUNTERS lief, da gab es ebenfalls einen kurzen Moment der Empörung. Nicht wegen einer Sexszene, sondern weil ein blutverschmierter Mann sich nackt in einem Fluss wusch und für einen kurzen Moment sein Hintern zu sehen war. Das allein sorgte für „bähs“ und „iehs“. (…)

  • #9
    OWL-Baron

    Irgenwo las ich letzt das Femmen, oder sogar Linke protestierten, weil die Männer einer Rockband mit nacktem Oberkörper spielten. Entweder war es sexistisch oder ein Verstoß gegen awareness, oder was auch immer. Wo leben wir?
    In der PDL NRW muss jetzt jeder awarenessmäßig unterwegs sein. Die Prüderie ist überall. Und PC auch.
    Erinnert ihr euch noch an die CSU-Landrätin in Leder? Damals haben nur die Konservativen gemobbt. Heute……

  • #10
    Thomas Wessel

    Alte Esoterik? Neue Prüderie? Ich glaube nicht, dass L. eine Ansage von oben bekommen hat, es kommt von innen. Der wohl zentrale Satz in ihrer Rede:

    „Meine Abscheu ist … stärker als die Vernunft.“

    Abscheu zu empfinden gegen was auch immer, hat jeder und jede ein Recht. Was einer Schriftstellerin, wenn sie persönliche Abscheu abgleichen will mit Vernunft, nun doch gelingen sollte: dem Ganzen eine Form zu geben. Da klemmt’s, Frau L. reflektiert ihre Abscheu in keiner erkennbar künstlerischen Form, sie verlautbart lediglich, sie drückt sich aus.

    Und da liegt, denke ich, der Skandal, es ist kein politischer, kein religiöser, sondern ein literarischer. Während die Lit.-Branche schweigt. Sonst zuverlässig bei der Sache, habe ich bisher eine einzige Distanzierung wahr genommen, sie stammt von der Akademie der Künste. Von L.s Co-Preisträgern und Co-Preisträgerinnen – Namen wie Grünbein, Kronauer, Kluge, Delius, Jelinek, Mosebach, Genazinno, Biermann, Mayröcker, Muschg, Rühmkorf, Strauß, Walser, Schirach, Lange-Müller, Kermani, Max Goldt, Judith Herman, Monika Maron … – wüsste ich derzeit von keinem zu sagen, dass er oder sie einen der Preise zurück geschickt hätte.

    Was ja zuletzt selbst VW getan hat, der „Gelbe Engel“ war der Büchner-Preis für Autos.

  • #11
    Nansy

    Die allgemeine Diagnose ist nicht schwer: Prüderie greift wieder um sich.

    Beispiele dafür sind Forderungen wie:
    – weniger erotische Produkt-Darstellungen in der Öffentlichkeit
    – Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit bei erotischen Themen.
    – Einschränkungen bei der Sexualaufklärung
    – Verbot jeder Art von Prostitution.
    – Strafandrohung für Männer („Freier“ genannt), die Prostituierte aufsuchen.
    – Verbotfoderungen oder Forderungen nach Einschränkung von „Pornografie“
    – Ächtung sexueller Abweichler, auch dann, wann das, was sie tun, legal ist.

    Es sind nicht nur Vertreter der Kirchen, die nach wie vor versuchen Macht auszuüben. Neben Verfechtern altkonservativer Werte aus dem Bürgertum kommen noch Teile der Feministinnen, die ebenfalls versuchen, unter dem Deckmantel des Anti-Sexismus in Wahrheit antisexuelle Vorstellungen zu verbreiten.

    Weitere Ausführungen dazu auch hier: http://agensev.de/texte/sexismus-die-neue-pruderie/

  • #12
    hust

    @Thomas Wessel: Interessanter Text aber an dieser Stelle ein wenig vergallopiert: „Von L.s Co-Preisträgern und Co-Preisträgerinnen … … wüsste ich derzeit von keinem zu sagen, dass er oder sie einen der Preise zurück geschickt hätte.“

    Warum sollen Künstler eine Art Weltgewissen spielen weil das Schlossgespenst Sibylle in den Nachtwind heult? Wie wär’s wenn Sie mir mal aus Wut Ihr Monatsgehalt spenden?

  • #13

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