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Manifest einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet

In Ruhrgebiet | Am 29 November 2009 | Von Gastautor

In den nächsten Tagen werden verschiedene Projekte vorgestellt, die sich im Rahmen der Kulturhauptstadt RUHR.2010 der kulinarischen Situation im Ruhrgebiet widmen. Von unserem Gastautor Peter Krauskopf.

Am 2. Dezember präsentiert der Verein „Essen genießen e.V.“ seine Aktion „Ruhr-Menü-Karussell 2010. Hier kocht das Herz Europas“, zu der sich 49 Gastronomen aus dem Ruhrgebiet zusammengeschlossen haben, darunter die Spitzenköche Berthold Bühler, Frank  Rosin, Björn Freitag und das neue Sterne-Restaurant „Nero“ im Schloss Hugenpoet. Für den 7. Dezember ist die Vorstellung des Internet-Restaurantführers „Gut essen in der Nähe“ geplant, der das Resultat der Arbeit des AK Kulinarik der RUHR.2010 ist. Die Ruhrgebietsabteilung der internationalen Genießervereinigung „Slow Food“ ist bereits seit Anfang des Jahres aktiv und stellt in einer losen Reihe von Menüveranstaltungen die „5 Säulen der Ruhrgebietsküche“ vor. Das sind als traditionelle Regionalküchen die westfälische und die rheinische sowie als nachhaltig wirkende Einwandererküchen die polnische, italienische und türkische. Basis für diese Arbeit von „Slow Food“ ist ein Manifest zur Ruhrgebietsküche.

Manifest einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet

I. Das Ruhrgebiet ist eine industriell geprägte Region, in der der kulinarische Genuss über keine besonders große Tradition verfügt. Aufgabe einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet ist es, die Tradition zu entdecken, zu pflegen und für eine moderne regionale Ruhrgebietsküche nutzbar zu machen.

Historisch gesehen ist das Ruhrgebiet ein Grenzland zwischen dem Rheinland und Westfalen. Der Bereich Mittleres Ruhrgebiet mit seiner nordsüdlichen Verkehrsachse A43 verkörpert ziemlich genau diese Grenze mit einem Schlag ins Westfälische. Im Süden schließt sich das Bergische Land an.

In Westfalen, im Rheinland und im Bergischen hat sich jeweils eine eigene kulinarische Tradition mit Spezialitäten und Rezepten entwickelt. Sie ist meist rustikal geprägt und geht auf eine „Arme-Leute-Küche“ zurück. Hier macht sich bemerkbar, dass die Region weitab von den Residenzstädten und Metropolen früherer Zeiten liegt. Eine feine höfische Kochkunst konnte sich nicht entwickeln.

Zu den regionalen Spezialitäten gehören z.B. Pumpernickel, westfälischer Schinken und Panhas genauso wie die Gerichte „Westfälischer Rosenkranz“, „Rheinisches Muschelessen“, „Himmel und Erde“ oder „Bergische Kaffeetafel“. Traditionelles Genussmittel ist der Kornbrand.

Aufgabe im Ruhrgebiet ist es, diese traditionellen Lebensmittel und Rezepte zu bewahren, ihre regionale Erzeugung zu fördern und für eine moderne Küche nutzbar zu machen.

II. Das Ruhrgebiet, wie wir es heute kennen, ist eine junge, erst 150 Jahre alte Region, die sich in ihrer Entwicklung nicht an  historische und landsmannschaftliche Grenzen hielt, sondern von den Bedürfnissen der Industrie bestimmt wurde. Auf kulinarischem Gebiet markiert die Geburt dieser neuen Region das Erscheinen des „Praktischen Kochbuchs – Zuverlässige und selbstgeprüfte Recepte der gewöhnlichen und feineren Küche“ der in Wengern an der Ruhr geborenen Henriette Davidis im Jahr 1845. Das Buch und seine Nachauflagen haben auch unsere althergebrachte Regionalküche geprägt.

Das Werk von Henriette Davidis sollte für eine stärkere Profilierung unserer Region genutzt werden.

III. Die rasante industrielle Entwicklung hatte eine Verdrängung der Landwirtschaft und einen Zuzug von Arbeitskräften aus anderen Regionen zur Folge, der im 19.Jahrhundert zu einem explosions-artigen Bevölkerungsanstieg führte. Auch das war der qualitativen kulinarischen Entwicklung nicht förderlich, galt es doch hauptsächlich, das Grundbedürfnis nach Nahrung massenhaft zu befriedigen. Das geschah anfänglich durch die private Selbstversorgung der Arbeiter durch eigene Gärten und eigenes Kleinvieh (Taube, Huhn, Ziege, Schwein). Diese  Tradition ist auf kleiner Basis in Form beliebter Schrebergärten und Taubenzuchtvereine erhalten geblieben.

Aufgabe einer kulinarischen Bewegung des Ruhrgebiets ist es, diese regionale Ausformung der individuellen Lebensmittelerzeugung zu würdigen und ihre Produkte in auf die heutige Zeit angepasster Form fortleben zu lassen.


IV.
Durch die Selbstversorgung konnte die stetig wachsende Bevölkerung nicht ausreichend ernährt werden, und so entstanden bald industriell funktionierende, genossenschaftliche oder von Großunternehmen initiierte Vertriebssysteme für Lebensmittel, die ihre Waren von ebenso industriell arbeitenden Produzenten ohne regionale Bindung bezogen. Besonders nach dem zweiten Weltkrieg etablierten sich im Ruhrgebiet jene Supermarktketten, die heute zu den größten Handelsgesellschaften Deutschlands, ja der EU gehören. Als großes Problem erweist sich dabei zunehmend, dass es in der Versorgung unserer Region überwiegend nur um Qualitäten zu äußerst niedrigen Preisen dreht. Qualität, Frische, regionale Produkte bleiben zunehmend auf der Strecke.

Aufgabe einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet ist es, die industrielle Produktion von Lebensmitteln und die Vermarktungsformen und –methoden zu problematisieren. Qualitative Gesichtpunkte müssen mehr Gewicht bekommen.
V. Wesentliches flüssiges Nahrungsmittel für die arbeitende Bevölkerung des Industriealters war im Ruhrgebiet das Bier. Auch heute noch ist es ein beliebtes Getränk gebieben. Brauereien gehörten zum Bild einer Ruhrgebietsstadt wie Zechen und Stahlwerke. Das hat sich in den letzten Jahren durch die Globalisierung des Biermarktes geändert. Dortmund ist längst nicht mehr die Bierhauptstadt des Reviers, und nur wenige Privatbrauereien konnten in anderen Städten überleben. Eine Renaissance erlebt diese Kultur durch das Aufkommen kleinerer  Hausbrauereien im Ruhrgebiet.

Die Biertradition gehört zum Ruhrgebiet und sollte einen bedeutenden Stellenwert in der Kulinarik der Region behalten. Natürliche Qualität und Vielfalt sollte ein Kulturgut bleiben, wie auch die Geselligkeit beim Biergenuss.
VI. Durch den Zuzug von Millionen von Arbeitskräften brachten diese auch ihre eigenen landsmannschaftlichen kulinarischen Traditionen mit ins Ruhrgebiet. Die früheste Einwanderungswelle kam aus den Gebieten des heutigen Polens. So gehören z.B. Wurstwaren wie Krakauer und Polnische oder Schlesische Gurken zu Alltagslebensmitteln im Ruhrgebiet.

Für die Gastronomie im Ruhrgebiet besonders prägend war seit den 1960er Jahren der Zuzug von Arbeitsimigranten aus den Ländern des Mittelmeerraums. Eine besondere Rolle spielten dabei die Italiener, die mit Eisdielen und Pizzerien die gastronomische Landschaft im Ruhrgebiet völlig umkrempelten. Heute bilden italienische Restaurants zu einem wesentlichen Teil das Rückgrat der gehobenen Gastronomie im Ruhrgebiet.

Die seit den 50er Jahren zunehmende Reiselust der Menschen im Revier und die Migrationskulturen der Gastarbeiter sorgten dafür, dass noch weitere mediterrane kulinarische Traditionen Eingang in die regionale Gastronomie fanden. Besonders hervorzuheben sind da die spanischen und die griechischen Restaurants.

Mit den türkischen Gastarbeitern kam auch die türkische Küche ins Ruhrgebiet. Sichtbar wird dabei nicht die feine Küche des osmanischen Reiches, sondern eine Döner-Imbiss-Küche auf qualitativ niedrigem Niveau.

Aufgabe einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet ist es die vielen Kücheneinflüsse im Ruhrgebiet in ihrem Ursprung und in ihrer Qualität deutlich und erfahrbar zu machen. Dazu muss das Traditionelle in die Neuzeit überführt werden. Aufgabe einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet ist es, auf der Basis dieser Einflüsse eine eigenständige, neue und moderne Ruhrgebietsküche zu definieren.


VII.
Der Strukturwandel der letzten 30 Jahre von der Industrie- zur Dienstleistungsregion ist auch an der kulinarischen und gastronomischen Entwicklung nicht vorbeigegangen. Neue Strukturen haben sich entwickelt.

Proletarische Eckkneipen verschwinden rasant. Auch so genannte gutbürgerliche Restaurants haben zu kämpfen und suchen ihr Heil in der Convenience-Küche. Hochwertige, ambitionierte Küche hat sich einen kleinen Anteil am Gastronomie-Geschehen gesichert, das Ruhrgebiet verfügt einige wenige Gourmet-Restaurants.

Die Großformen des Handels von industriellen Lebensmitteln bekommen Konkurrenz durch häufig von Migranten eröffnete Läden und einem Netz gut arbeitender Bio-Läden. Gleichzeitig entwickelt sich der Wunsch vieler Verbraucher direkte Beziehungen zu Produzenten aufzubauen. Die Direktvermarktung von Höfen am Rande des Reviers hat deutlich zugenommen.

Im klassischen Bierland Ruhrgebiet entstand ein dichtes Netz an gut sortierten Weinfachhandlungen. Privat- und Hausbrauereien pflegen die Biertradition. Eine äußerst stark dezimierte Zahl von Brennereien widmet sich der traditionellen Spirituosen-Herstellung auf neuem Niveau.

Auch wenn das Lebensmittelhandwerk zugunsten industrieller Lebensmittelherstellung massiv an Bedeutung verloren hat, so erstarkt es in der Nische dennoch wieder. Ob Senfmühle, Käseherstellung, Wursterzeugung, das Ruhrgebiet hat inzwischen wieder geschätzte, gute handwerklich erzeugte Lebensmittelerzeuger.

Eine kulinarische Bewegung im Ruhrgebiet steht zum kulinarischen Strukturwandel des Ruhrgebiets. Sie freut sich über Erfolge im Wiedererstarken regionaler Produkte und Gerichte. Qualität, Achtung der Wurzeln, Regionalität der Grundprodukte wie der Speisen, Gewinnung einer neuen Identität sind die Ziele.


11 Kommentare zu »Manifest einer kulinarischen Bewegung im Ruhrgebiet«

  1. #1 | Thomas sagt am 29. November 2009 um 12:21

    @Peter:

    Peter, ehrenwerter Kollege, was steht da Neues drin?

    In Deinem Manifest? (Manifest ej, was fürn großes Wort)

    Schmatz nach der Regionalküche, Slowfood sind die Guten, wir alle mögen Ärpel mit Schlaat, weil wir von um die Ecke kommen: Dein Credo oder so.

    Schreib doch mal was zu Fusion, Du nennst Dich doch Gastrokritiker, schreckliches Wort obzwar, aber Du verstehst doch trotzdem was davon, jenseits von Dollase.

    Wie würdest Du die Dönninghaus-Currywuast mit einem Döner vermählen, oder so? An Krautsalat? Ohne Choriatiki gar?

    Ich persönlich denke ja, daß so ein Manifest verzichtbar ist, weil es eh die Subkultur der Pfannen gibt, aber nicht mehr ohne Wok hierzulande.

    Und – könnte man Panhas nicht definieren als eines der wenigen die westfälischen-rheinländischen-niederländischen (Balkenbrij) Gerichte der einschlägigen Armutsküche, welches über die von Dir exemplarisch beschriebenen Grenzen hinaus geht,

    also jene Cucina povera, deren Konzept aus dem Mangel eine Mahlzeit zu machen,

    ja eh das beste, verbreitetste und kulinarischste der Welt ist?

    Aus meiner Sicht baut Dein Manifest nach oben zum Edeln auf

    - während ich nur im Hamborner Hof oder wie das in der Nebenstraße jenseits der Orsoyer Fähre heißt, ne ordentliche Portion Miesmuscheln während der Halbzeit meiner Radtour essen will.

  2. #2 | Perik O'Loso sagt am 29. November 2009 um 13:37

    Dein Manifest kursiert sein Monaten in internen kulinarischen Kreisen, die sich mit der Definition und Weiterentwicklung der Ruhrgebietsküche beschäftigen und war Grundlage der Teilnahme und Beitrag des Slow Food Conviviums Mittleres Ruhrgebiet zum Arbeitskreis Kulinarik (auch “Kompetenzteam Kulinarik”) der RUHR.2010 unter Vorsitz von Ralph Kindel.
    Diesen Text etwas altertümlich “Manifest” zu nennen, ist völlig in Ordnung, auch das damit verbundene Pathos ist durchaus angemessen. Über den Inhalt herrscht unter uns weitgehend Einigkeit, wenn ich auch die Rolle Henriette Davidis’ nicht so prominent sehe wie Du.

    Die Forderung nach einer regionalen Frischeküche und einer Fokussierung auf sauber erzeugte regionale Produkte nimmt bundesweite, ja europaweite Trends auf: Die Renaissance der regionalen Küche ist neben dem Einfluss der spanischen Avantgardeküche DAS große Thema der letzten beiden Jahre und setzt die herkömmliche Gastronomie und deren Gäste von zwei Seiten unter Zugzwang. Erstens ist das eine Entwicklung, die von “oben” kommt, also von einigen Vertretern der Spitzengastronomie initiiert und forciert wurde und wird (etwa von den Vereinigungen Eurotoques und Jeunes Restaurateurs sowie von Protagonisten der Neuen Deutschen Küche wie Joachim Wissler, Nils Henkel, Thomas Bühner, Sven Elverfeld u.a., nicht zuletzt von Kritikern wie Jürgen Dollase und Vorzeigemagazinen wie Port Culinaire). Zweitens ist die Renaissance der Regionalküche das Ergebnis einer Graswurzelbewegung von Leuten, die das industriell gefertigte Futter satt haben. Bei der Slow Food-Messe in Stuttgart waren in diesem April 40.000 Besucher, und das sind beileibe nicht alles besserverdienende Schwaben oder Ökofundamentalisten gewesen. Nein, der Drang zum Bioprodukt, zum Hofladen und zu sauber erzeugten Lebensmitteln aus der Region ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Durchaus durchgesetzt vom Mittelstand! Auch dieses elementare Thema ist schließlich in erster Linie eine Frage der Bildung und nicht unbedingt des fehlenden Geldes, wie so ziemlich alles in diesem Land.

    Nun, das führt hier zu weit und kann Thema einer anderen Debatte sein. Zurück zum Ruhrgebiet und zu RUHR.2010. Sehr spät und auch nicht mit vereinten Kräften nimmt man sich hier des Themas Kulinarik an. In Schleswig-Holstein etwa (also einem Bundesland, das man nicht als erstes nennen würde, wenn es um die Weiterentwicklung der Kochkunst geht) gibt es seit zwei Jahren den Verein “Feinheimisch”, in dem sich Gastronomen, Produzenten, aber eben auch Tourismusverband und Landwirtschaftsministerium zusammengeschlossen haben. Die haben da mit Wolfgang Götze einen eigenen Food-Beauftragten im Ministerium installiert, der das Ganze koordiniert und vernetzt! In NRW ist davon nix zu sehen, schlimmer noch, die Gastronomie spielte auch in den Überlegungen der Kulturhauptstadt zunächst keine Rolle. Dass die Gastronomie hier nicht als Teil der Kreativwirtschaft gesehen wird, halte ich für einen Fehler.

    Erst recht spät hat die RUHR.2010 dann dieses genannte “Kompetenzteam Kulinarik” einberufen, dem u.a. Spitzenköche/Bühler, Weinverleger/Bierwirth, Foodlieferanten/Niggemann, Slow Food/Krauskopf, Foodjournalisten/Hillenbach, FC Ruhrgebiet/Nabereit, DEHOGA, RTG und wechselnde Gastronomen angehörten. Ziel war die Definition der Ruhrgebietsküche und ein Instrument zu entwickeln, mit dessen Hilfe sich die Ruhrgebietsküche im Kulturhauptstadtjahr präsentieren sollte. Dabei wurden durchaus unterschiedliche Ansätze und Interessen verfolgt bzw. teilweise nach Gutsherrenart durchzusetzen versucht. “Hier kocht das Herz Europas” etwa war die von Anfang an verfolgte Idee Bühlers & Bierwirths, nach eigener Aussage schon lange vor der Einberufung des AK Kulinarik im Sommerurlaub mit Pleitgen vereinbart. Da der Rest des AK Kulinarik aber ein kostenloses Internetportal für die Ruhrgebietsgastronomie favorisierte, weil das (später von der RTG zu betreiben) nachhaltiger für die Region wirke als ein Festival der Spitzenköche, spaltete sich der Arbeitskreis.

    Nun gibt es also beides, das Menükarussell “Wir kochen für Europa” (Partnerfirma: Uta Bühlers Synergie Event GmbH) mit europäischer Beteiligung (was natürlich auch nicht schlecht ist, weil es das Ruhrgebiet europäisch auch auf kulinarischer Ebene vernetzt und internationale Klassiker regional interpretieren wird) und das kostenlose Internetportal für die hiesige Gastronomie. Leider taucht letzteres (www.ruhrmenue.de) im 1,4 Millionen mal verteilten Programmheft der RUHR.2010 gar nicht auf, so wichtig ist der RUHR.2010 also die Gastronomie vor der eigenen Haustür. Stattdessen wird in dieser Zeitungsbeilage schon mal auf das “Gourmetfestival Ruhr” im kommenden Jahr hingewiesen, das in Zusammenarbeit mit dem FC Ruhrgebiet regionale und internationale Spitzenköche an einem Herd versammelt.

    Auch wenn die Gastronomie kriselt und so mancher Wirt über Gästemangel klagt: Es tut sich dennoch langsam etwas, und wenn das Ganze von einem Manifest unterfüttert wird – umso besser! Dass nun noch die Gäste erzogen werden müssen, weil wir Ruhrgebietler ja nun mal keine Hedonisten sind und gehobenes Besseressertum und offensives Sterne-Ausgehen verpönter sind als der neue Satz Alufelgen, versteht sich wohl von selbst.

  3. #3 | Thomas sagt am 29. November 2009 um 14:06

    @Perik, ehrenwerter Kollege,

    ich kann Deine Verteidigungschrift jetzt nicht ganz abgegart würdigen, weil ich mit meiner Blase ja irgendwann mal in – genau in 40 Minuten, in einem beliebigen Rostbraten-Bräunungszeitraum also -, nach der Walsumer Fähre hecheln muß, um übergesetzt Muscheln vorgesetzt zu kriegen. Für uns alle.

    Das ist ja alles sehr elaboriert klingend, was da so vorgetragen wird.

    Also so nach der Art, das Wein verkosten und das Essen verschnabulieren der Sex des Alters ist, man macht halt viele Worte drum -

    aber das ist natürlich ein Generalangriff an Euch kundige Küchenkünster und deren Promotion.

    Den ich zu verzeihen erbitte.

    Nur sechs Kilometer vor den Miesmuscheln, Ihr werdet verstehen, was ich meine.

    Hamm!

  4. #4 | Perik O'Loso sagt am 29. November 2009 um 15:51

    @Thomas, alter Haudegen! Das Elaborierte kommt ja immer nur vom Restalkoholpegel, da schwatzt man halt so’n Stuss. Da ich durch tapferes Entkorken und zügiges Weglorken ab ungefähr JETZT immer den Zeitpunkt verpasse, an dem das Zeug vollends abgebaut ist, wird aus meinem Mund in diesem Leben folglich nur noch Geschwalle kommen. Aber ich selber merk ja nix davon, hihi. Und zwischendurch immer Sex!
    Jetzt mal zu Deinen Muscheln: Genau darum geht es doch. Der Niederrheiner soll gefälligst mit der ganzen Blase sonntags in einem dumpfen Fischerloch hocken und Miesmuscheln in sich reinschaufeln, das ist der Slow Food-Gedanke. Und der Westfale macht das Gleiche und haut sich n Krüstchen oder ne Schale Pfefferpotthast rein. Und wenn diese Sachen koscher sind, ohne Glutamattricksereien und aus guten Zutaten, dann ist das alles, was wir wollen. Plus natürlich die Weiterentwicklung dieser regionalen Rezepte. Ob das mit Muscheln geht? Klar, warum nicht auch mal dekonstruierte Miesmuscheln in Rheinwasser-Emulsion. Heiko Antoniewicz hat es ja auch schon zum Pfefferpotthast 2.0 gebracht, dat Ding sieht aus wie n Kindergeburtstag.
    So, ich mach mich jetzt an meinen Hasen. Frisch geschossen! Dazu Bundesliga. Erzähl mir nix von Elaboration.

  5. #5 | Arnold Voss sagt am 29. November 2009 um 18:08

    Hört sich wirklich alles sehr gut an. Elaboriert oder nicht. Aber wie bekommt man alle die, oder zumindest auch einen kleinen Teil von denen, auf diese Spur, für die das bömische Dörfer sind.Weil sie es nicht anders wissen oder weil sie mit den Leuten die so essen nichts zu tun haben wollen.

    Auch in der Art zu essen tun sich nicht nur im Ruhrgebiet immer mehr gegeneinnander abgeschottete Parallelgesellschaften auf. Aber hier besonders.Oft ist selbst in Innenstadtlagen meilenweit nichts außer Fastfood, und das auch noch schlecht zubereitet, zu finden.

  6. #6 | Perik O'Loso sagt am 29. November 2009 um 19:38

    @Arnold: Tach! Das ist ja die Kardinalfrage. Wie ich oben unter (2) schrieb, ist diese erfreuliche Entwicklung Richtung regionale Küche/regionale Produkte ein Etappensieg a) von “oben” (Spitzengastronomie) und b) der “gebildeten” Mittelschicht. Aber bedeutet “Bildung”, dass sich nun das fehlernährte Prekariat angewidert abwenden muss? Es geht doch – hier – nicht um Manierismen auf dem Teller, um Chichi-Küche und Luxushäppchen für verwöhnte Besserverdiener. Das gibt es alles AUCH und kann in seinen Lifestyle-Auswüchsen (siehe das neue Männer-Spielzeug-Magazin “Beef”) auch kopfschüttelnd abgetan werden. Das ist die Alufelge für den Q7 auf kulinarisch und hat nichts mit der Art von Bildung zu tun, die ich hier meine.

    Es geht hier durchaus um wat Ordentliches aufn Teller, nur eben aus sauberen Lebensmitteln. Selbst wenn man meint, bei Aldi kaufen zu müssen, weil das Familienbudget so schmal ist, hat man doch auch als “armer” Verbraucher die Wahl zwischen völligem Industriefraß und den Angeboten aus dem Discounter-Bio-Regal. Aber wenn ich “Wahl” sage, setzt das erneut Bildung voraus, sonst kann ich ja nicht abwägen, was gut für mich ist und eben NICHT die Welt kostet. Ich bin ein Kind der prekären Mittelschicht und koche, seit ich ca. 14 bin, beigebracht von meiner vollzeitarbeitenden alleinerziehenden Mutter, die mir lange Zettel schrieb, wie ich Reis zu kochen, Salatsaucen anzurühren oder Koteletts zu braten hätte. Weil sie nämlich ihre schmale Mittagspause damit zubrachte, schnell nach Hause zu fahren, um mit ihren schulpflichtigen Kindern am gemeinsamen Mittagstisch sitzen zu können. Und ich hab gekocht. Das war Mitte der Siebziger.

    Wenn das von heutigen Eltern nicht mehr geleistet wird, tut mir das herzlich leid um die Blagen. Aber (siehe aktuelle Erziehungs/geld/debatte) dann muss es wenigstens in der Schule oder besser schon im Kindergarten Kochkurse, Ernährungslehre, Einkaufspraxis etc. geben. Und das möglichst früh. Auch hier setzen sich übrigens viele Köche mustergültig ein. Man muss das nicht als Alibi-Gute-Tat gut bezahlter Sterneköche sehen, auch ein Gelsenkirchener Original wie Heinrich Wächter (Bürger des Ruhrgebiets 2005) und viele andere veranstalten Kinderkochkurse.

    Die tollen Produkte kleiner Nischenerzeuger aus den schmucken Hofläden und Biohöfen der Umgebung kann sich in der Tat nur leisten, wer im Q7 vorfährt und das Ganze als Lifestyle sieht. Hmm, dieser westfälische Schinken, hmm, diese tolle Quittenmarmelade, hmm, dieses Thönesfleisch! Aber das sind Spezialitäten, die ihren Preis haben und nicht jeden Tag auf den Tisch gehören. Für den Alltag reicht es, wenn man gelernt hat, gut einzukaufen und daraus etwas Gutes zuzubereiten. Wenn ich schon höre, wie sehr über diese beiden Tätigkeiten gejammert wird! Keine Zeit! So ein Quatsch. Es hat auch etwas Sinnliches und zutiefst Soziales, wenn man nicht in einen dieser grellen Discounter geht und wortlos Packungen in seinen Wagen wirft, sondern sich die Zeit für ein Schwätzchen beim Metzger oder am Marktstand nimmt. Das ist ein Mehrwert, der einem das Leben schöner macht. Und es ist NICHT teurer! Wenn ich meinen Wocheneinkauf auf dem Markt mache, zahle ich nicht mehr als für den Tiefkühlmist vom Lidl. Ich sehe diesen Einkauf allerdings auch als Samstagsritual und Wochenhöhepunkt und nicht als leidige Pflicht.

    Die Warnung vor kulinarischen Parallelgesellschaften ist dennoch nicht unbegründet. Warum eine Familie ein Heidengeld beim Fastfood-Mäckes ausgibt, sich aber gegen den Besuch eines nicht teureren bürgerlichen Restaurants entscheidet, in dem anständig gekocht wird, ist für mich nicht nachvollziehbar. Aber woran das liegt (Privatfernsehen? Mauerfall? Amerika?) bedarf nun wieder einer neuen Debatte. Hiermit eröffnet!

  7. #7 | erz sagt am 30. November 2009 um 00:24

    Bei aller Liebe (zur Ruhrgebietsküche, zur Sternegastronomie und zum Diskutieren) aber ihr macht es dem Außenstehenden nicht gar leicht, in diese von Insidersprüchen geprägte Debatte einzusteigen.

    Muss “Slow Food” und Ruhrgebietsküche unbeding zusammen im Forderungskatalog stehen? Ich finde, dass nicht unbedingt jede interessante und förderungswerte gastronomische Tendenz in einen Topf geworfen gehört. Das verwässert doch nur die einzelnen Fragestellungen. Genug der schiefen Küchenmetaphern: Ich diskutiere gerne, wie hochwertige Gastronomie regionale Traditionen aufgreifen kann und behaupte, dass da sicher noch mehr geht (hust, ja du, mit dem Stern).

    Ich würde aber die Diskussionsstränge teilen wollen. Wenn Familien zu McD gehen, statt ins Restaurant, ist das ein gesellschaftliches Problem, dass sich analog im sonstigen Einkaufsverhalten wiederfindet und hochkomplexe Ursachen hat. Die aber haben nur am Rande mit der Diskussion um Grützwurst in der Sterneküche zu tun.

  8. #8 | Kommando Mardermann sagt am 30. November 2009 um 08:28

    @ Perik: Deine Replik zu Arnolds Kommentar können wir Wort für Wort unterschreiben. Herrlich – danke!

  9. #9 | Peter Krauskopf sagt am 30. November 2009 um 20:13

    Beim Verfassen Manifestes ging es mir eigentlich darum, für das im Jahr 2005 in Herne gegründtete Slow-Food-Convivium Mittleres Ruhrgebeit aufzulisten, was das Konstituierende der Küche des Ruhrgebiets als Regionalküche eigentlich ist – auch in Hinblick auf die Slow-Foodies aus Süddeutschland, die problemlos den Unterschied von schwäbischer, oberbayerischer oder pfälzer Küche etc. benennen zu können. Wenn man einen Ruhri hingegen fragt, was ist Ruhrgebietsküche, sagt der meistens, die gibt es gar nicht. Das liegt sicherlich daran, dass das Ruhrgebiet mit seinen 150 bis 180 Jahren eine so junge Region ist. Da bin ich halt auf verschiedenen Dinge gekommen: die traditionnellen Regionen Rheinland, Westfalen und Bergisches Land (was aber irgendwie auch Rheinland ist, küchentechnisch), die Zuwandererküchen, von denen ich die polnische, die italienische und die türkische Küche als die nachhaltigsten empfinde, ohne den anderen Nationen im Ruhrgebiet auf die Füße treten zu wollen, und dann die spezifischen Versorgungsprobleme, die so eine sprunghafte Bevölkerungsexplosion von 0 auf 5 Millionen mit sich brachte, Stichwort: Vom Arbeitergarten zum Discounter (Aldi ist schließlich ein Kind des Ruhrgebiets.)
    Sinnigerweise fällt die Entstehung des Ruhrgebiets zeitlich mit dem Kochbuch von Henriette Davidis zusammen, die in Wetter an der Ruhr geboren wurde und das erste Kochbuch des Industriezeitalters geschrieben hat – ist sie da nicht eine ideale Mutter der Ruhrgebietsküche?
    Dass ich das Manifest gerade jetzt an dieser Stelle veröffentliche, liegt daran, dass ich finde, dass die Kulturhauptstadt 2010 der ideale Zeitpunkt ist, den Begriff Ruhrgebietsküche präzise zu definieren. Ich halte das für ein wichtiges Stück Identititätsfindung für das Ruhrgebeit – und für eine prima Marke, unter man die Metropole Ruhr vielleicht auch künftig vermarkten könnte: als kulinarische Region. Umso trauriger finde ich, dass die RUHR.2010 dieses kulturelle Essential in ihrer Organisation von vornherein so stiefmütterlich behandelt, wie Perik O’Loso schon bemerkt hat. Die Ruhrgebeitsküche ist mehr als als ein armes Currywürstchen.

  10. #10 | Julius_3 sagt am 6. Dezember 2009 um 15:54

    Ich bin über Ihre Kritik zum Manifest “Ruhrgebietsküche” von Peter Krauskopf sehr überrascht. Ich habe selbst die Entstehung mit erlebt. Peter hat sich grosse Mühe gegeben, zunächst einmal die Grundlagen der Ruhrgebietsküche zu finden und als Statement niederzulegen. Etwas Ähnliches gab es zu diesem Zeitpunkt (2008) noch nicht.
    Leider vermisse ich die Fakten, die die Arbeit von Peter ergänzen können. Z. B. die Rolle von Henriette Davidis wird von den Kochbuchforschern vom Kochbuchmuseum in Dortmund ganz anders gesehen. Davidis war nicht die erste Ruhrgebietskochbuchautorin sondern die erste Autorin, die in ganz Deutschland gelesen wurde und damit die sonst übliche Kochbuch-Regionalität verlassen hat.
    Man hat bei einigen Beiträgen das Gefühl, sie seien nur geschrieben, um etwas beizutragen. Die Fakten und konkreten Informationen fehlen leider.

  11. #11 | Küchenalbträume… » ruhrbarone sagt am 4. Januar 2010 um 23:57

    [...] das nun mit Kultur, Bochum oder dem Ruhrgebiet zu tun haben? Im Vorfeld von Ruhr2010 wurde versucht hier darüber zu diskutieren, was eine gemeinsame Kochkultur des Ruhrgebietes ausmachen könnte, [...]

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