Warum ich nicht protestieren werde

In Bochum soll eine sozialtherapeutische Anstalt für Sexual- und Gewaltstraftäter gebaut werden. Ich wohne in der Nachbarschaft und werde nicht gegen den Bau protestieren.

Natürlich habe ich mich nicht gefreut, als bekannt wurde, dass das Land nur gut 500 Meter von meiner Wohnung entfernt eine sozialtherapeutische Anstalt für Sexual- und Gewaltstraftäter bauen will. Könnte ich es mir aussuchen, die Anstalt käme an einen anderen Ort. Aber da das alle künftigen Anlieger so sehen werden, muss das Land sich nun einmal für einen Standort entscheiden und, ganz objektiv betrachtet, ist der in meiner Nähe nicht der Schlechteste: Er liegt direkt neben der Krümmede, einem der größten Gefängnisse des Ruhrgebiets und der Polizeikaserne, in der die Bochumer Einsatzhundertschaft untergebracht ist.

Mir ist es wichtig, dass solche Täter streng überwacht werden und die Polizei nicht weit ist, wenn doch mal was passiert. An diesem Standort geht beides. Dass sich viele gegen die Ansiedlung wehren und auch die Stadt auf die Barrikaden geht, ist leider normal: Es herrscht das St. Florians Prinzip:  Man wünscht sich die Bedrohung an einem anderen Ort, denn man kann sich ihr nicht entziehen: Solange man der Ansicht ist, dass es Straftäter gibt, die behandelt werden müssen, was ich bin, braucht man einen Ort, an dem das geschieht. 

Ich fand es immer arm, wenn sich Anwohner in anderen Städten gegen solche oder vergleichbare Einrichtungen in ihrer Nachbarschaft gewehrt haben – und jetzt, wo ich einer der Anwohner bin, habe ich nicht vor, meine Haltung zu ändern: Der Standort auf dem Gelände der Krümmede geht  aus den beschrieben Gründen in Ordnung. Die Castroper Straße ist nicht, wie es die Verwaltung  darstellt, der attraktive Eingang zur Stadt, sondern vom ersten bis zum letzten Haus eine der hässlichsten Straßen Bochums, und dass Beamtenwohnungen für den Neubau abgerissen werden, ist zu vertreten: Das Land wird, es ist ja unser Geld, den Umzug der Betroffenen großzügig regeln, und der Bochumer Wohnungsmarkt ist so entspannt, dass alle bald eine Wohnung finden werden. Außerdem kann das Land ein solches Projekt nur auf eigenem Grund und Boden umsetzen –  an jedem anderen Ort  wären die Widerstände noch größer.

Was ich mir jetzt wünsche, ist keine populistische Diskussion über Sexualstraftäter. Als Anwohner will ich über die Sicherheitsmaßnahmen informiert werden, und von mir aus kann der Zaun gerne ein wenig höher ausfallen und die Zahl der Wachen größer werden. Ansonsten heißt in einer Gesellschaft zu leben nicht nur, die Annehmlichkeiten willig anzunehmen, sondern auch die negativen Konsequenzen mitzutragen. Ich würde mir wünschen, wenn das bald einige Bochumer Politiker ebenso formulieren würden. 

Übrigens: Rübe ab Kommentare werden wir, wie immer, nicht freigeben.  

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6 Kommentare

  1. #1 | 50hz sagt am 22. Januar 2009 um 13:42 Uhr

    Tolle Haltung. Das finde ich ganz groß von Dir.

  2. #2 | kulervo sagt am 22. Januar 2009 um 15:16 Uhr

    In der Regel kriegt man als Anwohner von den Menschen, die in einer solchen Einrichtung leben, gar nichts mit.

  3. #3 | Andreas Scholz sagt am 23. Januar 2009 um 18:53 Uhr

    Hallo Herr Laurin,

    volle Zustimmung, obwohl ich nun eben kein Nachbar bin.
    Sie wissen natürlich, dass Ziel der Therapie in dieser Anstalt die Resoziallisierung ist.
    Dazu gehört, dass die Täter schrittweise auch wieder in Freiheit kommen.
    Das heißt, die Täter sind in der Anstalt sicherlich gut bewacht, aber sie bekommen je nach Therapiefortschritt Freigänge.
    Und auch das ist gut und muß gemacht, und deshalb von der Gesellschaft auch ausgehalten werden.

  4. #4 | Matthias sagt am 24. Oktober 2012 um 17:16 Uhr

    Neben den Bewohnern der Klinik „leben“ und arbeiten da auch Menschen, die oftmals gut ausgebildet sind. Ist doch auch eine Chance für Bochum, Arbeitskräfte nach Bochum zu holen.

  5. #5 | Norbert sagt am 24. Oktober 2012 um 23:11 Uhr

    Würde ich glaub ich ähnlich sehen. Wohne auch nur ein paar km von Aplerbeck weg in Dortmund, wo eine Forensik gebaut wurde. Lieber eine Forensik in der Nähe als gar keine …

  6. #6 | Clemens sagt am 1. November 2012 um 10:10 Uhr

    Danke für die nüchterne und sachliche Darstellung. Die Ankündigung einer Forensik scheint immun zu machen gegen Argumente. Mir machen nicht die Straftäter Angst, die drin sind, sondern viel mehr so manche, die draußen sind.

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