
Als sich Deutschland Anfang 2025 vorzeitig von der Ampel-Regierung verabschiedete, war die Erleichterung bei vielen fast schon greifbar. Nach Jahren voller Streit, halbgarer Kompromisse und einer Regierung, die sich oft selbst lähmte, klang der Wechsel zu Schwarz-Rot unter Friedrich Merz für viele wie der verheißungsvolle Neustart. Endlich sollte wieder „Führung“ her. Endlich Schluss mit Dauerchaos. Endlich jemand, der das Ruder fest in die Hand nimmt.
Nun ja. Heute, ein Jahr später, wirkt diese Hoffnung ungefähr so realistisch wie ein pünktlicher Berliner Flughafen-Eröffnungstermin anno 2010.
Natürlich: Schon damals war Skepsis angebracht. Wer Friedrich Merz als Heilsbringer betrachtete, übersah geflissentlich, dass starke Rhetorik noch lange keine gute Politik ersetzt. Ja, verglichen mit Olaf Scholz mag Merz entschlossener wirken. Aber ein forscher Auftritt ersetzt weder soziale Kompetenz noch politisches Fingerspitzengefühl. Gerade aus meiner eher linksliberalen Sicht war die Vorstellung vieler, ausgerechnet ein wirtschaftskonservativer CDU-Kanzler werde die tiefen strukturellen Probleme Deutschlands lösen, von Anfang an eher unrealistisch.
Große Erwartungen, harter Aufprall
Die Bilanz nach einem Jahr ist ernüchternd – und das wäre noch freundlich formuliert. Statt Aufbruch herrscht Katerstimmung. Statt Stabilität gibt es neue Unsicherheiten. Statt wirtschaftlicher Erholung taumelt Deutschland weiter durch eine Krise, die durch internationale Konflikte wie den Iran-Krieg zusätzlich befeuert wird.
Sicher, nicht jede Misere kann man Merz persönlich anlasten. Geopolitische Verwerfungen, globale Märkte und Energiepreise machen auch vor dem Kanzleramt nicht halt. Doch genau in Krisenzeiten zeigt sich politische Qualität. Und hier offenbart die Merz-Regierung erschreckende Schwächen.
Ungeschickte öffentliche Aussagen, teils arrogante Auftritte und kommunikative Fehltritte lassen die Regierung nicht wie einen Stabilitätsanker erscheinen, sondern eher wie eine Koalition, die sich regelmäßig selbst ins Knie schießt. Wer in schwierigen Zeiten Vertrauen schaffen will, sollte wenigstens den Eindruck vermitteln, die Lage unter Kontrolle zu haben. Stattdessen produziert Merz immer wieder Zweifel an seiner eigenen politischen Geschicklichkeit.
Die Koalition als Wackelkandidat
Mittlerweile stellt sich nicht mehr nur die Frage, ob diese Regierung erfolgreich sein kann, sondern ob sie überhaupt ihre volle Legislaturperiode übersteht. Schwarz-Rot wirkt weniger wie ein Zukunftsprojekt als wie eine politische Zweckgemeinschaft auf dünnem Eis.
Die SPD ringt um ihr Profil, während die Union zwischen konservativer Härte und pragmatischem Krisenmanagement schwankt. Das Ergebnis: Stillstand, Vertrauensverlust und ein politisches Klima, das zunehmend vergiftet wirkt.
Besonders bitter ist dabei die demokratiepolitische Dimension. Noch vor einem Jahr wurde diese Koalition von manchen fast pathetisch als „letzte Patrone der Demokratie“ gefeiert – als letzte realistische Chance, den Aufstieg der AfD nachhaltig zu stoppen. Heute muss man feststellen: Diese Patrone hat nicht getroffen. Mehr noch, sie droht als Rohrkrepierer in die politische Geschichte einzugehen.
Ein gefährliches Vakuum
Denn während die Regierung schwächelt, profitieren vor allem die politischen Ränder. Enttäuschte Hoffnungen sind bekanntlich ein exzellenter Nährboden für Populismus. Wer große Versprechen macht und dann im Klein-Klein der Realität versinkt, stärkt nicht die politische Mitte, sondern jene Kräfte, die von Frust und Wut leben.
Friedrich Merz trat an, Deutschland aus Unsicherheit und Führungsschwäche zu führen. Ein Jahr später wirkt das Land jedoch verunsicherter denn je. Die Ampel mag Geschichte sein, doch die erhoffte Wende bleibt aus. Statt eines politischen Befreiungsschlags erleben wir womöglich nur die Fortsetzung der Krise mit anderem Personal.
Deutschland wollte Stabilität. Bekommen hat es bislang vor allem Ernüchterung. Und das ist vielleicht die bitterste Pointe dieses gesamten politischen Experiments.