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Quo vadis, deutsches Podcasting?

Macht sich Gedanken um die deutsche Podcasterei: Sven Rudloff (Foto: Alexander Vejnovic)

Macht sich Gedanken um die deutsche Podcasterei: Sven Rudloff (Foto: Alexander Vejnovic)

Die Ruhrbarone als Trendsetter: zunächst starteten wir unsere Serie „Podcasts ausm Pott“, liessen dann Alexander ‚Hoaxmaster‘ Waschkau erklären was überhaupt ein Podcast ist – und befragten zuletzt Podcast-Stammvater ‚Holgi‘ zur Zukunft von Journalismus und Podcasting. Nun meldet sich mit Sven Rudloff (Foto) ein weiterer Podcaster zu Wort – und erklärt, wie sich aus seiner Sicht die deutsche Podcasterszene darstellt. Rudloff betreibt den Podcast „Viva Britannia„, zu dem es mittlerweile sogar ein Buch gibt.

Der nachfolgende Text ist ein leicht verändertes Crossposting aus Rudloffs Blog.

von Sven Rudloff

In der letzten Zeit wird in verschiedenen Medien zunehmend über die Situation des Podcasting insbesondere in Deutschland diskutiert. Dabei wird Viva Britannia  immer wieder als eine Ausnahme von der deutschen Regel erwähnt – was mich natürlich sehr freut! Wer ist nicht gerne das Paradebeispiel? Gleichzeitig finde ich es etwas bedenklich für die deutsche Podcast-Szene, wenn es immer nur ein einziges Amateur-Projekt gibt, das bei der Frage nach einem kurzen Format genannt wird. Aber schön der Reihe nach.

Deutsche Podcasts – und ich spreche hier von bewusst von als Podcast produzierten Formaten und nicht zweitverwerteten Radiosendungen etablierter Rundfunkanstalten – haben traditionell vor allem mit fünf Themen bzw. Vorurteilen zu kämpfen:

  • Die Inhalte sind oft Technik- oder Netzwelt-lastig, die Macher männliche Nerds.
  • Viele Sendungen sind “Labercasts” mit vielen Beteiligten und wenig Konzept.
  • Einzelne Podcast-Folgen sind gern 2 oder 3 Stunden lang.
  • Die technischen Einstiegshürden für Produzenten sinken seit Jahren, führen aber zu einer Qualitätsinflation.
  • Die technischen Einstiegshürden für Hörer sind nach wie vor hoch, und führen in Kombination mit den ersten vier Punkten zu einem anhaltenden Nischendasein von Podcasts.

Das alles ist nachvollziehbar, wenn man sich die Historie anschaut: Deutsches Podcasting entstand und wuchs vor allem im Umfeld des Chaos Computer Clubs (CCC) und der Netzgemeinde im allgemeinen. Tim Pritlove, der als so etwas wie der Patenonkel des Podcasting in Deutschland gesehen wird, stammt aus dieser Ecke, und treibt unvermindert den technischen Fortschritt und den Austausch der deutschen Podcaster untereinander voran. Ohne ihn und seine Mitstreiter am Podlove-Projekt wäre auch Viva Britannia niemals so schnell ans Netz gegangen.

Gleichzeitig scheinen sich “neue” Formate nur langsam durchzusetzen – und damit ist nicht wirklich Revolutionäres gemeint, sondern einfach Formate, die anders sind als der 3-stündige Technik-Stammtisch- oder -Skype-Interview-Podcast der frühen Stunde.

So sorgte Tim kürzlich für etwas mehr als Verwunderung, als er bei Schall und Rauch kurzen Formaten wie ausdrücklich Viva Britannia gar die Daseinsberechtigung als Podcast absprechen wollte. Ähnlich sah man immer wieder Weltsichten aufeinanderprallen, wenn Tim bei NSFW mit dem Radio-Moderator und WRINT-Podcaster Holger “Holgi” Klein zur Zukunft des Podcasting gegenüber dem klassischen Rundfunk diskutierte. Der Wille, hier den “normalen” Hörer zu sehen, der nicht jede Woche mehrere Stunden lang Gespräche rezipieren kann und will, und damit die Beschränktheit gewisser Formate, schien hier nicht sonderlich ausgeprägt.

Breitere Öffentlichkeit bekam diese Diskussion dann kürzlich zunächst durch einen Spiegel-Online-Artikel von Ole Reißmann. Hier wurden die genannten Probleme wieder angesprochen, aber in den Kommentaren auch sehr schnell darauf hingewiesen, dass es ja durchaus kurze, nicht-technische Formate wie Viva Britannia gibt, sowie zahlreiche Podcasts von und mit Frauen. Nele Heise, die zu dem Thema Podcasts forscht, hatte nach einem Twitter-Aufruf schnell rund hundert entsprechenden Produktionen gesammelt.

Parallel veröffentlichten die Ruhrbarone ein Interview mit Holgi, bei dem es explizit um den Vergleich Podcast zu Radio ging. Hier empfahl Holgi Viva Britannia nebenbei als ein “kurzes und knackiges” Podcast-Format.

Das ganze kulminierte dann vergangenen Samstag beim Deutschlandradio Kultur in der Sendung Breitband in einem Gespräch zwischen Moderator und Podcaster Marcus “monoxyd” Richter, Nele Heise, Holgi und Marcus Engert, dem Mitgründer und Chefredakteur des Webradios detektor.fm. Im Zusammenhang mit Podcast-Empfehlungen muss ich hier noch ein weiteres Mal Holgi für die prominente Erwähnung von Viva Britannia danken.

Was nehme ich aus den ganzen Diskussionen und meinen eigenen Überlegungen als kleines Zwischenfazit mit?

  • “Podcast” bezeichnet erst einmal nur eine Verbreitungsform – über das Internet abonnierbare Audio-Dateien. Unabhängig vom Produzenten, dem Sendungsformat und dem konkreten Inhalt gibt es hier unzweifelhaft noch eine technische Hürde für den “normalen” potentiellen Hörer – es fehlt an einem einfachen Zugang zu diesem Verbreitungsweg und an ordentlichen Podcast-Verzeichnissen zum Stöbern und Entdecken.
  • Aktuelle Podcast-Formate mögen inhaltlich Nischen bedienen, aber das ist überhaupt nicht negativ zu sehen: Das ganze Internet ermöglicht Individualisierung und damit auch die Berechtigung von Nischenangeboten. Ein Thema, für das es in einer Stadt fünf Interessenten gibt, findet weltweit Tausende. Wie Marcus Engert bei Breitband richtig sagte: Manche deutsche Podcasts haben so viele Hörer wie manche Lokalzeitungen Leser.
  • Deutsche Podcasts bieten heute schon mehr als das 3-Stunden-Nerd-Stammtisch-Klischee, und der Trend geht weiter. Mehr Frauen machen Podcasts, es gibt kurze Formate, es gibt Sendungen zu vielen unterschiedlichen Themen. Ich kann Holgis Vorhersage nachvollziehen, dass mittelfristig mehr junge Journalisten in die Podcasts drängen und die Szene so weiter professionalisieren werden. Das Radio als etabliertes Medium hat schon das meiste ausprobiert, was an Formaten machbar ist, und viele nachvollziehbare Audio-Standards etabliert. Hier wird noch mehr zusammenwachsen.
  • Die GEMA und die Rechtsunsicherheit in vielen Produktionsbereichen ist ebenfalls eine Hürde für deutsche Podcasts, aber ich möchte das Argument nicht überstrapaziert sehen. Ja, Musik-lastige Podcasts sind wegen der hiesigen Regelungen nicht machbar; die Realitätsferne der GEMA ist auch in diesem Bereich blanker Hohn. Dennoch ist vieles möglich, wenn auch nicht so viel wie bei den immer wieder gelobten amerikanischen Formaten, die aber ehrlicherweise auch eher aus dem traditionellen Rundfunk stammen und selten Amateurproduktionen sind.

Trotz aller bisherigen Fortschritte: Ich wünsche mir noch mehr Vielfalt in den Formaten und Inhalten deutscher Podcasts, und auch noch mehr Professionalisierung. Ich selbst will auch bei meinen Projekten nicht still stehen, so weit ich das als Amateur realisieren kann. Aber es freut mich, wenn mein kleines Projekt bereits jetzt hinsichtlich Format und Inhalt genug Freunde findet, dass es immer wieder als Referenz herangezogen wird. Vielen Dank dafür – und empfehlt Viva Britannia gerne auch weiterhin weiter!

P.S.: Ja, neben Viva Britannia produziere ich mit dem Psychotalk auch einen dieser legendären 3-Stunden-Labercasts, bei dem drei Herren mittleren Alters live im Netz miteinander stammtischartige Gespräche führen, die dann hinterher so gut wie ungeschnitten als Podcast verewigt werden.  Nur geht es dabei nicht um Technik-Themen, sondern um Psychologie, und das macht den Psychotalk meines Wissens derzeit im deutschen Netz auch recht einzigartig. Aber die Grenzen dieses Formats sind uns wohl bewusst. Wir schaffen es ja selbst kaum, den langen Formaten befreundeter Podcaster zu folgen. Deshalb gibt es vom Psychotalk auch nur alle sechs bis acht Wochen einmal eine Sendung. Und wenn wir merken sollten, dass das Projekt außer uns selbst kaum noch jemanden interessiert,  werden wir es begraben. Podcasting braucht den Mut zum Experiment, das Bewusstsein zur Nische – und die Einsicht, wenn das alles doch nicht reicht.

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6 Kommentare zu “Quo vadis, deutsches Podcasting?

  • #1
  • #2
    Thorsten Stumm

    Tja, Motto: Ich bin toll und sogar noch so nett mir über andere Gedanken zu machen, eine Art Angelina Jolie des Podcast…

  • #3
    Sven Rudloff

    Da es sich hier um einen Crosspost von meiner Podcast-Homepage handelt, ist das nicht weiter verwunderlich. Die Erwähnungen durch Dritte waren mein Aufhänger für den Text. Er wurde nicht als unabhängige Analyse geschrieben.

  • #4
    Nachtflug

    Vielleicht will ich auch gar nicht, dass Podcasts aus dieser „Nische“ herauskommen? Vielleicht ist das Format bzw. die Ausgestaltung dessen auch gar nicht dafür gedacht?

    Was passiert, wenn ein Podcast „Mainstream“ wird war zuletzt bei „NSFW“ sehr deutlich merkbar: Die Kommentare waren zunehmend ungenießbar (früher sehr konstruktiv und kurzweilig!), der Chat entweder mau besucht oder voller Trolle, die Kommentare zu Tims Audiofoo abgaben: „Tim sollte sich lieber einen Windows-PC kaufen, dann hätte er die Probleme nicht!“ – ich hielt das für trollerei, war aber wohl ernst gemeint.

    Will sagen: Wenn ich Mainstream konsumieren möchte, mach ich das Radio oder TV-Gerät an. Wenn ich Podcasts konsumieren möchte, den Catcher meiner Wahl. An dem Anspruch, den Podcasts an den Hörer haben, längere Zeit mehr oder weniger Aufmerksam zuzuhören, sei es nur 3 Stunden Unterhaltung zu folgen oder mit Informationen vollgepackte Interviewformate zu einem Thema, wird sich über kurz und lang nichts ändern und das ist genau die „Hürde“, die sie nicht aus der Nische kommen lässt!

    Ich bin selbst total infiziert von dem „Medium“ und was sich damit machen lässt bzw. welche Welten sich damit öffnen – Podcasts haben in den letzten Jahren maßgeblich meine Sicht auf Deutschland und die Welt geprägt – positiv so wie negativ. Dazu sei angemerkt, dass mein Bildungsstand dem von den Machern der Podcasts, die soweit ich das überblicken kann größtenteils mindestens Abiturienten etc. sind, bei Weitem unterschreitet 😉

    Dennoch liefen (fast) alle meine Versuche, mein näheres Umfeld für das Medium zu begeistern ins Leere. Gründe waren der Aufwand zum anhören, dann Themen mit „Insiderinfos“ oder Referenzen auf Netzthemen, andere Podacsts etc., der Zeitaufwand dafür (man kann kaum was nebenbei machen, ohne den Faden zu verlieren) oder der kognitive Aufwand, einem (komplexen) Thema zu folgen (lean forward medium).

    Macht einmal den „Selbsttest“: Nehmt euren Lieblingspodcast und hört ihn zusammen mit Freunden oder Bekannten an, die sowas überhaupt nicht kennen – versucht dabei, das Thema aus deren Sichtweise zu verstehen, ohne Vor- oder Insiderwissen/Referenzen! Ihr werdet sehr schnell feststellen, dass es fast eine in sich geschlossene Welt ist, in der ihr euch da bewegt!

    Ob das gut oder schlecht ist, überlasse ich jedem selbst – ich fühle mich jedenfalls sehr wohl darin und möchte auch nichts daran geändert haben. Denn: Wem das herunterladen und hörbarmachen eines Podcasts schon zu viel Aufwand ist, der möchte sich auch nicht mit den dort behandelten komplexen Themen auseinandersetzen!

    Sorry für das Geschwafel 😀

  • #5
    skFFM

    Also spätestens nach der dritten Nennung vom „Viva Britannia“-Podcast sollte die Ausnahmestellung dieses Podcasts jeder begriffen haben.

  • #6

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