11

Ruhr Nachrichten-Lokalchef Philipp Ostrop: “Mehr beta für den Journalismus!”

Philipp Ostrop

Die Ruhr-Nachrichten binden seit wenigen Tagen Blogs und Twitter in ihre Dortmunder Online-Berichterstattung ein. Wir sprachen mit dem Ruhr-Nachrichten Lokalchef Philipp Ostrop über die Gründe der Öffnung und die weiteren Pläne des Verlags im Internet.

Ruhrbarone: Vielen Dank, Kollege Ostrop. Jetzt schicken Sie uns auch noch Leser. Sollten Sie als Lokalchef nicht alles tun, um Leser auf den Ruhr Nachrichten zu halten anstatt sie weiter zu reichen?

Philipp Ostrop: “Ach, die Leser schicken wir doch gerne rüber. Könnten wir uns vielleicht im Gegenzug eure Anzeigenerlöse teilen? Im Ernst: Jeder Internet-Nutzer weiß doch, dass es mehr als ein Angebot gibt. Und wir geben uns zwar alle Mühe, aber können nicht alle Inhalte, die irgendjemanden auf der Welt interessieren, auf unserer eigenen Webseite haben. Also verlinken wir lieber auf Interessantes. Wenn wir jemanden wegschicken, kommt er sicherlich wieder, wenn wir ihm einen guten interessanten Link angeboten haben. Die Vernetzung ist ja schließlich das Wesen des Internets. Und überhaupt: Journalisten werden zukünftig sowieso mehr aggregieren und kuratieren müssen – dann können wir auch heute schon mal damit anfangen und etwas ausprobieren.”

War es schwierig, diese Idee im Verlag durchzusetzen? Dieses neue Denken steht ja schon im Widerspruch zu den klassischen Verlagsstrategien. Die Zeiten, wo sich die Medien im Ruhrgebiet noch nicht einmal erwähnten sind ja noch nicht so lange her.

Ostrop: “Vorweg: Es ist für uns immer noch ein Experiment. Rund um die BVB-Meisterfeier haben wir bereits zweimal mit Storify die Web-Reaktionen abgebildet. Das Ergebnis fanden wir ganz spannend. Und deshalb wollen wir nun jeden Tag das eine oder andere interessante Dortmunder Fundstück aggregieren. Dahinter steht keine große Strategie-Entscheidung, es ist eher ein Beta-Test. Wir im Journalismus müssen viel mehr mit Formen und Formaten experimentieren. Ja, mehr beta für den Journalismus! Was uns angeht: Wenn wir feststellen, dass diese kleine Rubrik aus irgendeinem Grund keinen Sinn mehr macht, niemanden interessiert, uns schadet oder durch eine bessere Idee abgelöst wird, dann hören wir damit auf. Aber was natürlich stimmt: In der gedruckten Zeitung tun sich die Verlage schwer, ihre Konkurrenz zu erwähnen.”

Wo ist die Grenze der Verlinkung? Sind auch Links zur Konkurrenz denkbar oder ist so etwas noch ein Tabu?

Ostrop: “Klar ist das grundsätzlich denkbar. Außerdem: In der digitalen Welt sind ja auch die Ruhrbarone, der Pottblogger oder ein Fotograf mit seinem tollen lokalen Flickr-Album unsere Konkurrenten. Wir buhlen ja alle um die Aufmerksamkeit unserer Leser, Nutzer und Facebook-Freunde. Diese Aufmerksamkeit ist endlich. Da kann man die Konkurrenz doch lieber umarmen!”

Die Ruhr Nachrichten sind die erste Zeitung in Deutschland, die so konsequent Jeff Jarvis Forderung nach der Öffnung der Medien umsetzt. Wo sind die Chancen und wo die Risiken?

Ostrop: “Sind wir das?… aber danke für das Kompliment. Zur Erinnerung: Die Fundstücke sind eine klitzekleine lokale Rubrik, mehr nicht. Ich persönlich glaube aber, dass Jarvis in vielem Recht hat – mal abgesehen von der komischen Debatte um Privatsphäre, wo er ständig die deutsche Reaktion auf Google Street View mit der deutschen Sauna-Tradition vergleicht.Die Chancen liegen im Medienwandel. Die Risiken leider auch. Wir können nur versuchen, die Möglichkeiten des Wandels so gut es geht auszuprobieren, kennenzulernen und den Wandel damit auch voranzutreiben. Damit wir zukünftig weiterhin guten oder besseren Content haben.”

Kann bald auch bei den Ruhr Nachrichten kommentiert werden?

“Ja, die Kommentarfunktion wird kommen. Wir diskutieren das Thema natürlich auch schon eine Weile, aber wir müssen zunächst die Struktur für ein ordentliches Community-Management aufbauen. Das dauert noch ein bisschen, und andere Entwicklungen waren in der Vergangenheit wichtiger. Rückblickend ist es eigentlich ganz gut, dass wir abgewartet haben. Wenn man sieht, welcher Kommentarwahnsinn anderswo in Deutschland abgeht…”

Sie haben ja mit Ostroplog auch ein privates Blog. Sind Erfahrungen, die Sie dort gesammelt haben, in dieses Projekt eingeflossen?

Ostrop: “Klar, die Erfahrungen fließen ständig in meinen Job ein. Übrigens ist Jeff Jarvis an allem schuld: Anfang 2009 haben ich sein Buch “What would Google do?” gelesen und mir ein Blog eingerichtet. Weil ich wissen wollte, wie diese komischen Schen funktionieren. RSS-Feeds, Trackbacks, Social Bookmarks und so. Seitdem weiß ich: Im Social Web ist es wie beim Fahrradfahren. Man muss es tun, um zu verstehen wie es funktioniert und zu merken, wie es sich anfühlt.”

Noch ist es ja eine Rubrik. Wird es dabei erst einmal bleiben oder wird das Konzept auch auf andere Rubriken übertragen?

Ostrop: “Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Wir haben unsere süße kleine Rubrik jetzt seit genau zwei Tagen. Mal gucken, was aus dem Baby wird. Aber wir kümmern uns rührend.”

 

 

 

 

 

RuhrBarone-Logo

11 Kommentare zu „Ruhr Nachrichten-Lokalchef Philipp Ostrop: “Mehr beta für den Journalismus!”

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>