?Ich will es mir gar nicht vorstellen…?

Der Norden des Ruhrgebiets steht vor einem wirtschaftlichen Kollaps. Nach Ansicht von SPD und Gewerkschaften sind die Finanzkrise und die Landesregierung schuld.

Frank Baranowski und Josef Hülsdünker. Foto: Ruhrbarone

Im Norden des Ruhrgebiets, der Emscher Lippe Zone, im Kreis Recklinghausen, in Bottrop und in Gelsenkirchen ist eigentlich seit den 60er Jahren Krise. Erika Runge beschrieb schon damals in den Bottroper Protokollen den Niedergang der Stadt – oder das, was man damals dafür hielt, denn heute ist die Lage weitaus schlimmer, als man es sich vor 40 Jahren hatte vorstellen können: Allein seit 1995 nahm in der Emscher Lippe Zone die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 14,7 Prozent ab. 41.587 Jobs gibt es heute weniger als  damals – davon allerdings 38.625 im Bergbau.
Und nun auch noch Opel: Über 1000 Jobs hängen im Armenhaus des Ruhrgebiets direkt an Opel – noch einmal so viele sind es bei den Zulieferern schätzt Josef Hülsdünker vom DGB. „Der Region droht die Deindustrialisierung.“ Hülsünker und andere Gewerkschaftler zeichnete heute im IG Metall Haus in Gelsenkirchen ein düsteren Bild der Lage.

Man habe große Hoffnungen darauf gesetzt das Opel und später Nokia die verlorenen Jobs in der Montanindustrie zumindest zum Teil ersetzen würden. Hülsdünker: „Wir sehen jetzt unsere Felle davon schwimmen.“ Umso wichtiger sei es, dass die Gewerkschaften nun im Schulterschluss mit der Politik um die Zukunft der Region kämpfen würden. „Ich bin froh das heute Frank Baranowski, der Oberbürgermeister von Gelsenkirchen da ist um uns zu unterstützen.“
Auch Baranowski ist froh das sein zu dürfen. Immerhin ist Wahlkampf und das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und SPD war lange mehr als gespannt. Aus den Kreisen der IG Metall gründetet sich die WASG, heute Teil der Linkspartei. Da tut der Schulterschluss gut.
Baranowski weiß auch wer der Böse ist: Die Landesregierung. Sie vernachlässige das nördliche Ruhrgebiet, vergebe Fördermittel nur nach Wettbewerben die man fast immer verliere und habe selbst den Ausbau der FH Gelsenkirchen verhindert.

Dass die so gescholtene Landesregierung drei neue Fachhochschulen im Ruhrgebiet gründet und auch der Gesundheitscampus ins Revier kommen wird spielt da schon längst keine Rolle mehr.
Und auch der wahre Star des Vormittages, Reiner Einenkel, der Betriebsratsvorsitzende von Opel Bochum, hat seine ganz eigene Sicht auf die Wirklichkeit: Opel sei ein gesundes Unternehmen, leistungsfähig und innovativ. Einenkel hat die Hoffnung noch nicht aufgeben: „Es gibt Gespräche mit Investoren. Ob der Scheich aus Abu Dhabi dabei ist, weiß ich nicht. Den kenne ich auch nur aus der Zeitung.“ Aber Einenkel hat eine Forderung an die Bundesregierung: „Geld vom Bund darf es nur geben, wenn alle Standorte in Deutschland erhalten bleiben.“ Da ist er mit Baranowski einer Meinung. Für den ist Opel Bochum Systemrelevant für das Ruhrgebiet.

Das kann sogar stimmen: Gut 20.000 Jobs im Revier hängen an Opel – einem Automobilhersteller, besser: einer Marke von GM, das in den letzten Jahrzehnten fast die Hälfte seines  Marktanteils verloren hat. Und weitere Jobs hängen immer noch am Bergbau, mit dem bald Schluß ist. Da liegt die Frage nahe, wieso es  überhaupt soweit kommen konnte und welche Pläne man für die Zukunft hat. Die Antwort von Baranowski und Hülsdünker ist: Bildung. Das Ruhrgebiet müsse Akademiker importieren, weil es nicht genug Ingenieure ausbilden kann. Auch nicht so ganz richtig: Gut 60 Prozent aller Absolventen verlassen das Ruhrgebiet, weil sie hier keine Jobs finden. Aber natürlich ist das mit der Bildung trotzdem richtig, alleine weil den Unternehmen die Facharbeiter ausgehen – sie finden zu wenige Schulabsolventen, denen sie eine erfolgreiche Ausbildung zutrauen. Und so fordert Hülsdünker zu Recht mehr Geld für die schulische Bildung. Aber eine Vision ist das nicht. Ob sich Baranowski das nördliche Ruhrgebiet ohne Bergbau und Opel vorstellen kann, wir der Gelsenkirchener OB gefragt? „Ich will es mir nicht vorstellen“ ist sein Antwort und man glaubt es ihm. Alle schauen an diesem Vormittag im IG Metall Haus in Gelsenkirchen in ein tiefes, schwarzes Loch.

Nun rächt sich dass man in den 60er und 70er Jahren Investoren die kalte Schulter gezeigt hat, dass man zu lange am Bergbau festhielt und auch keine Hochschule wollte, als man stolz darauf war, ehrlich zu arbeiten und sich nicht in Büchereien rumzulümmeln. Nein, weder Hülsdünker noch Baranowski haben diese Fehler gemacht, aber sie müssen jetzt die Suppe auslöffeln, die ihnen ihre Vorgänger eingebrockt haben  – und zigtausenden Arbeitnehmern im nördlichen Ruhrgebiet.
Klar, es gibt Hoffnungsschimmer: „New Park wird etwas bringen“, glaubt Hülsdünker an den Segen eines großen neuen Gewerbegebietes in Datteln. Über 10.000 Jobs kann es bringen, glaubt das RWI. Aber ist Waltrop nicht dagegen? Hat es das Projekt nicht blockiert? „Ja, wir wissen dass wir Probleme in der Nachbarschaft haben an denen wir arbeiten.“

Und dann ist da doch noch eine Vision. Reiner Einenkel hat sie: „Opel in Bochum muss den Zuschlag  bekommen, den Ampera zu bauen. Wir können dann eine technologische Struktur um das Werk errichten und gemeinsam mit den Hochschulen so nachhaltig etwas für den Standort tun.“ Der Ampera ist angeblich technisch weit vorne. 2011 soll, nach Einenkel wird, er in Produktion gehen.  Der Ampera ist aber kein Opel, sondern nur eine Version des Chevrolte Volt. Es ist ein GM Auto. Visionen die Mut machen klingen anders. Wenigstens hat auch vor dem IG Metall Haus in Gelsenkirchen der Frühling begonnen.

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11 Kommentare

  1. #1 | Frank Baranowski sagt am 6. April 2009 um 16:37 Uhr

    Sollte ich in dem Pressegespräch wirklich nur in Gut und Böse unterteilt haben? Hatte ich nicht auch die Bundespolitik im Auge und gefordert, dass Fördermittel nicht nach Himmelsrichtung verteilt werden dürfen, sondern nach Bedürftigkeit? Hatte ich nicht bemängelt, dass bei Unternehmensansiedlungen die Förderkonditionen im Osten eine fast übermachtige Konkurrenz sind? Mag ja sein, dass in der Vergangenheit auch in den Städten Fehler gemacht wurden. Aber so wirklich weiter hilft uns diese Erkenntnis zur Zeit auch nicht.

  2. #2 | Stefan Laurin sagt am 6. April 2009 um 16:52 Uhr

    @ Frank Baranowski: Ein wenig Kirchtürmelnd war es schon: Drei FHs plus der Gesundheistcampus sind so schlechte Maßnahmen der Landesregierung für das Ruhrgebiet nicht – auch wenn GE leer ausging. Und sich die Fehler der Vergangenheit vor Augen zur führen kann helfen sie heute nicht zu wiederholen – und zeigt nebenbei auch: Wir sind keine Opfer, sondern an unserer Misere auch selbst mit Schuld (Ich mag die Opferhaltung des Ruhrgebiets nicht). Was ich vermisst habe (Nicht nur heute) sind Ideen für die Zukunft – und Forderungen die helfen sie umzusetzen. Zum Beispiel: Keine regionale Investitionsförderung mehr, weil sie den Wettbwerb verzerrt (Zum Beispiel mit dem Osten) Oder: Wir brauchen ein exzellentes Ruhr Institute of Technologies – gerne in Gelsenkirchen. Oder: Fraunhoferinstitute (Bayern hat sie im Dutzend). So etwas. Wir spielen aber immer auf halten (Opel, Bergbau) und nicht genug nach vorne. Das klappt nicht – wir sehen es doch bei Schalke 🙂

  3. #3 | Dennis sagt am 6. April 2009 um 17:53 Uhr

    Dat alles ham die Barone überhört. Schließlich mussten die sich auf dat TOP-Foddo konzentrieren 🙂

  4. #4 | Stefan Laurin sagt am 6. April 2009 um 18:22 Uhr

    @Dennis: Dat stand auch allet nich im Zentrum der Diskussion. Und das Foto soll an ein altes SDS-Plakat (Alle reden vom Wetter…) erinnern. Naja, soll 🙂

  5. #5 | Dirk E. Haas sagt am 7. April 2009 um 10:13 Uhr

    Wo schon von neuen Großinvestments im nördlichen Ruhrgebiet (NewPark o.ä.) die Rede ist: Was ist eigentlich aus dem chinesischen Außenhandelszentrum in Marl (Global World Trade Center o.s.ä.) geworden?

  6. #6 | Stefan Laurin sagt am 7. April 2009 um 10:23 Uhr

    @Dirk: Die Stadt hat in der vergangenen Woche verkündet, dass die Chinesen das Grundstück nun kaufen wollen – allerdings hat der Vermittler der Investoren – ein Gastronom – die Steuerfahndung am Hals. Aus dem Rathaus gibt es auch Stimmen die sagen dass das ganze flopt. Also: Sehr unterschiedliche Signale.

  7. #7 | Dirk E. Haas sagt am 7. April 2009 um 11:08 Uhr

    Na, wie man hier sieht ?
    https://www.reuters.com/finance/stocks/overview?symbol=3900.HK

    ? hat Greentown, der Investor, in den letzten 12 Monaten auch ein klein wenig Kapital eingebüßt; insofern dürften die mutmaßlichen Steuervergehen des ?Vermittlers? das kleinere Problem sein.

  8. #8 | Arnold Voß sagt am 7. April 2009 um 22:42 Uhr

    Das Opel die Hälfte seines Marktanteils verloren hat lag nicht am Standort sondern am Management respektive an der Modellpolitik. Eigentlich eignet sich eine immer noch hochproduktiver Stahlregion mit großem und teilweise sehr innovativem mittelständischen Ingenieursknowhow und genügend qualifizierten Facharbeitskräften auch in Zukunft hervorragend für die Automobilproduktion. Erst recht wenn diese sich dem Klimawandel stellt (z.B.durch Elektroantrieb) und deswegen auch auf enge räumliche und technische Kooperation mit Energiespezialisten angewiesen ist.

  9. #9 | Jens König sagt am 9. April 2009 um 00:09 Uhr

    „Für den ist Opel Bochum Systemrelevant für das Ruhrgebiet.“
    Schlagworte.
    Systemrelevant ist im Zusammenhang mit Banken und der Gesellschaft gefallen, und wenn man es sich genau anschaut, dann auch nur im Zusammenhang mit den Industrienationen als Ganzes.

    Die Einschränkung „für das Ruhrgebiet“ macht aber den Zusammenhang zunichte, wir dürfen nicht mehr von Systemrelevant im momentan – nämlich bei Unternehmensrettung – angewandten Sinne verwenden. Damit ist Systemrelevanz hier kein Argument mehr.

    Abgesehen davon, dass es sowieso nicht stimmt. Banken sind nicht systemrelevant. Jedenfalls nicht die, die gerade gerettet werden. Wenn der Staat die Verfügungstellung von Kapital als systemrelevant ansieht, soll er Kapital zur Verfügung stellen, aber eben nicht, kaputte Banken vor der Pleite bewahren.
    Aber ich schweife ab. Zum Thema: ?Ich will es mir nicht vorstellen? ist feinste Vogel-Strauss-Politik. Da wundert mich doch gar nix mehr hier.

    “ Umso wichtiger sei es, dass die Gewerkschaften nun im Schulterschluss mit der Politik um die Zukunft der Region kämpfen würden“ Boah, die kämpfen schon seit Jahr und Tag, Und was hat’s gebracht? Die Kämpfer in Brot und Arbeit gehalten.

  10. #10 | Hülsdünker sagt am 10. April 2009 um 19:29 Uhr

    Hallo Jungs! Alles besser zu wissen in sicherer Distanz zur Problem bezogenen Eigenleistung hilft auch nicht wirklich. Kommt mal vorbei, damit ich mit euch eure Vorschläge zur Revitalisierung der Region diskutieren kann. Wir in den Gewerkschaften können jede Art von Unterstützung gut gebrauchen. Diese sollte aber perspektivisch gute Ausbildung, gute Arbeit und ein gutes Leben für die Einwohner der „Zone“ zum Dreh- und Angelpunkt haben. Am 1. Mai könnt ihr mich in Gelsenkirchen oder Nachmittags in Recklinghausen treffen. Freue mich auf euch.

  11. #11 | Stefan Laurin sagt am 10. April 2009 um 20:20 Uhr

    @Hülsdünker: Jederzeit gerne – ich ruf Sie nach Ostern an.

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