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Alles außer Pop – Rammsteinvideo, gähn

Man dürfe über das Rammsteinvideo nicht urteilen, ohne es gesehen zu haben, wurde gesagt und dass es die automatische Empörungsmaschinerie entlarve, wenn Leute schon Kommentare dazu abgäben, bevor sie es sich angeguckt haben. Weil, Überraschung!, die würden dort gar nicht die Nazi-Zeit verherrlichen, sondern sich sogar durch verschiedene bildliche wie textliche Anspielungen von Deutschlands gewalttätiger Vergangenheit distanzieren. Potzblitz, dachte ich da, bzw. das Gegenteil.

Denn dass die Herren plötzlich Nazis wären oder sich als solche präsentierten oder dass sie ein Propaganda-Video für Adolf H. drehen, das alles wäre doch eine absurde Vorstellung gewesen, ist aber wahrscheinlich die einzige Alternative in der Vorstellungswelt von Menschen, die “Der Untergang” für einen wichtigen Beitrag zur Bildung von Geschichtsbewusstsein halten. In dieser schematischen Denkweise braucht man zunächst ein Vorzeichen, plus oder minus, für oder gegen Nazis, und dann wird bei korrekter mathematischer Einordnung das weitere Werk danach beurteilt, wie professionell die Bilder dazu aussehen. Sind die Kostüme detailgetreu? Sind genug Statisten angeheuert worden? Stimmen die Farben? Und ganz wichtig, gibt es irgendwelche Symbole und Anspielungen, die die Kritiker selbstgefällig decodieren können?

Ich habe also das Video zu “Deutschland” angesehen, um mir ein Urteil erlauben zu dürfen und zu meiner geringen Überraschung war es genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte, denn der Automatismus liegt auf der Seite der Band. Natürlich hätte ich nicht die Details vorhersagen können, ob da Hunde vorkommen oder Raumschiffe. Aber dass es eindrucksvolle Bilder sein würden, voller Gewalt und Männlichkeit und Pathos und Überlegenheit und Coolness und dass das in durchdachten Farben und großartigen Szenenbildern und pfiffigen Einstellungen und – ganz wichtig – voller Ambivalenzen und Symbolen und ganz tollen Anspielungen zum Decodieren daher kommen würde … mein Gott, das war doch wohl klar? Kann denn allen Ernstes jemand erwartet haben, dass Rammstein eine unzweideutige Nazi-Hymne komponieren? Oder im Gegenteil, ein “Sascha” oder “Schrei nach Liebe”?

Rammstein zeigen etwas – soviel kann man ihnen mit etwas Wohlwollen zugute halten – das sehr unbedarfte Menschen vielleicht noch nicht erkannt haben: nämlich dass die Gewalt, die Macht, die Autorität, eine ästhetische Qualität haben. Dass die Überlegenheit attraktiv sein kann, Gewalt glamourös sein kann. Bloß profitieren davon Hollywood und Bernd Eichinger seit Jahrzehnten und auch bei “Inglourious Basterds” geht es eigentlich nur um die ästhetische Freude an der Gewalt, eingefasst in einen fast schon rührenden Aufwand, um deren Darstellung zu rechtfertigen.

Ein ähnlicher Aufwand wurde bei “Deutschland” getrieben. Man mag sich kaum ausmalen, wieviele Stunden Arbeit, wieviel Gehirnschmalz investiert wurde, um dieses Kunstwerk herzustellen. Das ist fast schon tragisch, weil die Essenz dieser Arbeit letztlich nur die sehr mühselige Zurschaustellung eines altbekannten und eigentlich nicht besonderes interessanten Gefühls ist. Es geht nicht um Deutschland, nicht um den Holocaust, was sich schon dadurch erklärt, dass Rammstein im nächsten Video das gleiche Gefühl von männlicher Erhabenheit mit Sicherheit in irgendeinem anderen Setting verwursten werden. Die meisten Fans werden das Video nicht trotz, sondern wegen dieser Ästhetik mögen und die Distanzierungen und Ambivalenzen werden dazu dienen, deren Genuss zu rechtfertigen. Was bleibt ist der Geschmack von Macht im Mund und das irgendwie gruselige, irgendwie aber auch geile Skandieren von “Deutschland”, ein bisschen wie im Fußballstadion, ein bisschen wie beim Nürnberger Parteitag.

Man kann Rammstein vorwerfen, den Holocaust kommerziell auszunutzen. Aber selbst wenn man ihnen unterstellt, dass es ihnen ausschließlich um ihre künstlerische Botschaft geht, so bleibt leider auch nicht viel mehr. Dann nutzen sie den Holocaust aus, um dieses langweilige, ausgenudelte, zusammenhanglose Bild von Männlichkeit und Macht weiterzumalen, das, jaja, irgendwo auch ambivalent ist, gähn.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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9 Kommentare zu “Alles außer Pop – Rammsteinvideo, gähn

  • #1
    Deutschland

    über die Musik von Rammstein redet keiner mehr …

    "Deutschland" hört sich genauso an, wie 1000 andere Rammstein-Lieder auch, da muss man das Video aufbrezeln ….

  • #2
    Robin Patzwaldt

    Ist nichts Neues. Die haben schon immer davon gelebt, dass sie provoziert haben. Mich wundert eher, dass das offensichtlich noch immer so gut wirkt… Ich persönlich finde diese durchschaubare Masche eher langweilig.

  • #3
    Nina

    Veto. Gewalt, Macht und Autorität sind nicht ästhetisch, wohl aber ihre Inszenierung. Das ist ein Unterschied.
    Wenn man Rammstein vorwirft, sie schlagen Profit aus dem Holocaust, dann muss man dies auch Adorno vorwerfen. Das wäre aber so falsch wie es richtig ist.

  • #4
    MCO

    Ach Rammstein. Glamrock. Wie man Geschäfte und Fame macht braucht man ihnen nicht zu erzählen. Provokant; aber doch immer vermieden, unverdaulich für den Mainstream zu sein. Ein bisschen mehr Gewalt, Gefahr und Selbstzerstörung bitte. Diese Inszenierung hat man schon seit geraumer Zeit und aus reichlich Quellen gemolken. Da brauchte es noch den Designer von AggroBerlin um der ganzen Mischung den finalen chemocandy Beigeschmack einzuhauchen, der die Kiddies wieder vom Sofa holen soll. Schland. Alles ist Kunst. und: It´s better to burn out than to fade away.

  • #5
  • #6
    Klaus Lohmann

    Musikalisch ist das Ding nun wirklich absolut schwach, eine Art "Best-of-three-Rammstein-Hit-Riffs" der letzten 45 Jahre. Extrabreit hätte dazu "Ein Bratakkord und das Sauerland liegt Dir zu Füßen" gesungen… ach ja, Extrabreit, war da nich mal was mit "Flieger, grüß mir die Sonne" und "Third-Reich-Ästhetik" vor allem von Kai? Oder noch weiter zurück mit den Schnitzel-Nachbarn und ihrer EAV??? Ach, und die Tubes waren nie nich auf videomäßiger SadoMaso-Tour mit massivem Sexismus-Touch…

    Bitte runter von den Palmen und Rammstein als zeitgenössisches Musikkabarett, halt ohne nettes "Mia san mia"-Gequatsche in Talkshows, begreifen.

  • #7
  • #8
    Thorsten Stumm

    Und dann ist die Nummer auch noch musikalisch von Anne Clark geklaut….

  • #9
    Jürgen

    Habe das Stück gestern zufällig im Radio gehört, steckt da nicht auch etwas von den Skeptikern drin? Ansonsten, laut, krachig, belanglos.
    Ansonsten bleibe ich bei meiner Ansicht von 1995, eine schwache Mischung aus Ministry und Laibach. Rammstein ist überbewertet. Andererseits kommt diese Musik bei vielen Leuten sehr gut an (Freiwild und die Böhsen Onkelz hören zu meiner Verwunderung ja auch sehr viele Menschen, immer noch).

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