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Alltagssplitter (11): Don’t go to rehab, no, no, no

Der Kanzlerkandidaten- und Stimmenimitator Peer Steinbrück inszeniert sich gern eitel-forsch als fidelen Denker, der noch sagt, was er denkt. Und zeigt dabei keinerlei Scham darüber, dass er tatsächlich denken könnte, was er sagen zu müssen vorgibt.
So schrieb ich’s mir vor vier Wochen in mein Notizbuch und fand dann genau diesen Gedanken in einer eingekastelten Leserzuschrift im SPIEGEL. So viel zur eigenen Originalität.

Tabubruch-Simulant
Heute bin ich sicher, dass Steinbrück wirklich nur so tut, als ob er sage, was er denke. Was er wirklich denkt, behält er aus taktisch-strategischen Gründen sowieso für sich. Was  will man auch erwarten von einem, dessen Bewerbungsversuche als Sparkassenpräsident einst so kläglich scheiterten.
Aber Vorsicht: Es ist ein Unterschied zwischen einem Steinbrück, der an die Macht will und einem Steinbrück, der an der Macht ist. Siehe Schröder vor und nach der Agenda 2010.

Quotenmann
Unter uns:
Einer wie Steinbrück wäre doch ohne Männer-Bonus nie so weit verkommen.

Heroische Illusion
Manche verteidigen die ‘freien Märkte’ dermaßen vehement, dass ich selbst zu glauben beginne, es gäbe sie wirklich.

Rehab
Nach vier Wochen Rehabilitation zur „Erhaltung der Arbeitskraft“ in Bad Dingsbums bin ich Mittwoch mit akuter Bronchitis, Erkältung und abklingendem schweren Durchfall entlassen worden. Drei Tage stand ich unter Quarantäne, man hatte Angst vorm Norovirus. Jetzt benötige ich dringend eine Reha zur „Wiederherstellung der Arbeitskraft“.

Progressive Hirnmuskel-Erweichung (PME)
Was die Reha mit einem zu machen versucht? Walking, Entspannungstechniken, Tinnitus Retraining Therapy, Gruppengespräche, Packungen …  Warum nicht?
Insgesamt laufen die Anstaltseffekte jedoch darauf hinaus:  Aus einem ganzen Menschen möglichst schnell einen filettierten Berufspatienten machen.
Institutionell verordnet Regression in rosa gehaltener Einzelzelle macht aus jedem realtiv schnell einen infantilen Mitläufer dieser vielen Medizinfabriken  – getarnt als schnuckeliges Kleinstädtchen.
Die krankmachende Architektur der Großkliniken wird deshalb notdürftig hinter Bäumen versteckt. In ‚unserer‘ Klinik sorgen hunderte Lämpchen und Spiegel dafür, dass selbst für erquickenden Kurschatten kein Platz mehr bleibt.

Anwendungen, Arztvorträge,
Der Chefarzt schaut den Gruppen, die er beschult, ungern in die Gesichter – nicht einmal, wenn er von sozialen Phobien spricht. Er tat mir so leid, dass ich ihn gerne mit Texten aus der Antipsychiatrie in den verdientenSchlaf gelesen hätte – so müde wirkte der Mann, so von unserem Elend erschöpft…

Interessant sind auch Sporttherapeuten. Reha-Gruppen als narzisstische Bühne drahtiger Gesundheits-Animateure, um eigene Fitness zu demonstrieren. Insgesamt ein hohes professionelles Desinteresse an den Patienten, um die es gehen sollte.
Am Schluss denke ich mir: Hauptsache, den schlechten Therapeuten geht es gut.
Dazu muss aber gesagt werden, dass es in Bad Dingsbums auch wunderbare Therapeuten gibt, doch die haben keine Chance gegen den heimlichen Lehrplan der Anstalt. Das ist hier der Ableger eines kleinen Klinikkonzerns, der in erster Linie Profit erwirtschaften will –  mit dem Verkauf standardisierter Therapiemodule. Die Patienten haben sich diesen Modulen unterzuordnen, nicht umgekehrt.

Noch eine gescheiterte Reha
Während meiner Reha lese ich davon, dass die katholische Bi-Bi-Bischofskonferenz nun doch die Untersuchung ihrer Missbrauchstraditonen gerne ‚methodisch‘ anders gestalten würde, jedenfalls soll das Kriminologische  Forschungsinstitut Niedersachsen seine wissenschaftliche Forschung nicht weiter fortsetzen dürfen,  die unabhängigen Experten wurden geschasst:
Unter den Ornaten, der Muff von tausend Taten.

Eingefahrene Gleise
In der Reha lerne ich viele Persönlichkeiten und ihre spannende Biografien kennen.
Ein Eisenbahner erzählt, dass jeder Lokführer – statistisch gesehen – einmal im Berufsleben einen Selbstmörder oder Gleisgänger überfährt.
An dem mir zugewiesenen Speisesaal-Tisch (keine freie Platzwahl!) sitzt auch Frau X. Wenn sie länger als eine Minute nichts zu sich und ihren Krankheiten sagen kann, fragt sie die anderen zu deren Krankheiten aus, um sofort wieder bei sich selbst anzukommen. Das geht dann vier Wochen so.
Wo sind die Lokführer, wen man sie einmal braucht?

Löwin und Schaf
In der zweiten Woche hat ‚man‘ eine ältere Dame an unseren Tisch gesetzt, Mitglied einer regionalen Brüdergemeinde. Sie kommt spät zum Essen, betet schnell, isst noch schneller und verschwindet wieder.  Nach ein paar Tagen taut sie auf und beteiligt sich ein wenig an den Gesprächen.  Noch ein paar Tage später versucht sie,  auch mich zu missionieren. Ob ich die Bibel gelesen hätte? (In großen Teilen.) Wie ich mich vor dem ewigwährenden Gott verantworten wolle? (Gar nicht. Ich denke über die Geschmacklosigkeit des Diät-Käses nach.)
Ich sage ihr, dass ich gerne mit ihr diskutiere, wenn sie als Grundbedingung des Gesprächs  akzeptierte, dass ich davon ausgehe, dass Gott eine Erfindung der Menschen sei, die Bibel ein Stück Literatur und dass man humane Werte und humanes Handeln auch ohne Religion begründen könne.
Die aus der Nähe von Nowosibirsk in den 80er-Jahren eingewanderte Gläubige erschrickt nur kurz und meint dann, das kenne sie schon. Und ich antworte sehr freundlich: Das geht mir mit dem, was Sie sagen aber auch so.
Trotzdem schaffen wir es,  zu einem freundlichen Grundton zurückzufinden. Ich laufe wohl unter „verlorenes Schaf“ und ich befürchte, sie schließt mich nachts in ihre Gebete ein. Dazu, mir ab und an einen ihrer leckeren Desserts zu schenken, kann ich sie aber nicht rumkriegen. Dabei hätte ich ihr für eine Quarkspeise mit frischen Birnenstückchen  jederzeit meine Seele verkauft.

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3 Kommentare zu “Alltagssplitter (11): Don’t go to rehab, no, no, no

  • #1
    Zockerjoe

    Wer eine Reha „Zur Erhaltung der Arbeitskraft“ braucht, kommt wahrscheinlich schon auf dem Weg zum Klo aus der Puste. Da stärkt ein bisschen ablästern über „drahtige Gesundheitsamateure“ doch gleich das angeknackste Selbstbewusstsein.

    Würde der Autor einfach aus eigenen Antrieb ab und zu durch den Wald laufen, blieben ihm Reha und drahtige Fitnessgurus erspart.

  • #2
    Helmut Junge

    @Zockerjoe, gerade diejenigen, die aus eigenem Antrieb durch den Wald laufen, sind gefährdet. Denn da sind viele bei, die dann auch noch ergeizig sind, schneller werden wollen, oder andere Maßstäbe für sich setzen, die kurzfristig zu Unfällen, langfristig zu Verschleißproblemen führen. Fast alle meine Freunde sind begeisterte Sportler und waren schon in der Reha. Die Rehakliniken sind voll mit solchen begeisterten Sportlern. Aber „ab und zu“ durch den Wald laufen, falls es dabei bleibt, ist sicher gut. Die Wälder sind hier ja nicht so groß. Ist schnell erledigt.

  • #3
    udo

    „Ein Eisenbahner erzählt, dass jeder Lokführer – statistisch gesehen – einmal im Berufsleben einen Selbstmörder oder Gleisgänger überfährt.“

    Was soll bei einer Selbsttötung „Mord“ sein?

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