
Hand aufs Herz, liebe Nicht-Juden: Wie gut kennen Sie sich mit jüdischen Festen, Kultur oder Traditionen aus? Haben Sie schon einmal etwas von Latkes, Makkabi, Sukkot, Chuzpe, Taglit, Bamba, Alija, Jewrovision oder dem Mitzvah-Tag gehört? Wenn nicht, ist dies auch überhaupt nicht schlimm, es zeigt nur auf, wie wenig wir manchmal voneinander wissen, obwohl wir Nachbarn sind, dieselbe Sprache sprechen, denselben Pass haben und seit ungefähr 1700 Jahren eine gemeinsame Geschichte teilen. Von unserer Gastautorin Ruth Edut.
Das Land NRW möchte an diesen Wissenslücken aktiv etwas ändern, indem es die Schüler beim diesjährigen Shalom-Wettbewerb dazu aufruft, sich mit der Vielfalt jüdischer Feste auseinanderzusetzen. Diese Idee ist lobenswert, da sie versucht, jüdisches Leben auch dort sichtbar zu machen, wo seine Nicht-Präsenz häufig als erste Prämisse vorausgesetzt wird.
Dass dies selbst den Verantwortlichen des Wettbewerbs passiert ist, zeigt sich daran, dass ausgerechnet als erster Preis ein Preisgeld von 12.000 € für eine Fahrt in eine Gedenkstätte im In- oder Ausland ausgelobt wurde. Dies bringt Schülern, die an diesem Wettbewerb teilnehmen, sehr viel über die deutsche Erinnerungskultur und die Akteure, die hier verantwortlich arbeiten dürfen, bei, aber wenig über Jüdinnen und Juden, die heute in Deutschland leben.
Man stelle sich vor, dass beispielsweise eine jüdische Schule den Wettbewerb gewinnt. Erwartet man ernsthaft, dass sich diese Kinder darüber freuen, ihre ermordeten Verwandten auf einem der größten Massenfriedhöfe der Weltgeschichte besuchen zu dürfen? Denn eine solche unselige Verquickung leistet genau den Vorurteilen wieder Vorschub, die ohnehin schon genuin in der hiesigen Bevölkerung existieren, nämlich, dass Jüdinnen und Juden in Deutschland vor allem als tote Juden existieren, und führt einen Wettbewerb, der jüdisches Leben in den Fokus stellen soll, ad absurdum. Eine Einladung zu den
Maccabia wäre als Hauptpreis deutlich angebrachter gewesen.
Wenn Ihnen nun die Begriffe Auschwitz, Ghetto, Judenstern, Pogrom, Deportationen, Antisemitismus, Stolperstein oder Konzentrationslager vertrauter erscheinen, möglicherweise sogar vom familiären Mittagstisch, dann liegt das auch an der deutschen Erinnerungskultur, die den Holocaust erinnert, aber jüdisches Leben als Leerstelle ausgespart lässt.
Genau aus diesem Grund ist ein solcher Wettbewerb, der jüdische Feste in den Fokus rückt, eine große Chance, denn er ist eine Einladung, jüdisches Leben, welches auch heute noch Schutz braucht, kennenzulernen. Stattdessen bekommt die Gewinnergruppe eine Reise in die Abgründe der Menschheitsgeschichte geschenkt. Genau dieser Reflex zeigt aber sehr deutlich, wie groß die Schieflage unter anderem in der Bildungspolitik ist und wie sehr wir endlich neue Ansätze brauchen.
