Angriff auf Stephan Kramer: Ermittlung wegen „wechselseitiger Bedrohung“

Stephan Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, wurde in Berlin auf offener Straße bedroht – und sieht sich nun selbst mit einer Anzeige wegen Bedrohung konfrontiert. Der Grund: Kramer soll dem Angreifer eigenen Angaben zufolge eine Pistole, die er bei sich trug, präsentiert haben. Als „besonders gefährdete Person“  ist Kramer zum Tragen einer Waffe berechtigt. Und hat sie völlig zu recht vorgezeigt.

Wer „wesentlich mehr als die Allgemeinheit durch Angriffe auf Leib oder Leben gefährdet“ ist, darf nach Paragraf 19 des Waffengesetzes eine Schusswaffe mit sich führen. Und Kramer ist so eine Person. Wie der 44jährige berichtet, war er mit seinen Kindern auf dem Rückweg von der Synagoge, als ihn ein 30jähriger Mann auf offener Straße verbal angriff. Der Mann soll Kramer unter anderem Gewalt angedroht haben. Laut Kramer fühlte sich der Mann offensichtlich von einem Gebetsbuch, das er bei sich trug, provoziert. Daraufhin soll Kramer seine Jacke beiseite geschoben haben, um dem Angreifer seine Pistole, die „das Holster nicht verlassen“ habe, zu präsentieren. Dies diente nur der Abschreckung, so Kramer. Nun wird Kramer selbst angezeigt, die Polizei spricht von „wechselseitiger Bedrohung“.

Deutsche Zustände

Wenige Wochen nach dem Angriff auf den Rabbiner Daniel Alter und dessen Tochter in Berlin, ist dies eine Ungeheuerlichkeit. Noch kurioser wird die ganze Sache, wenn der Polizeisprecher einen antisemitischen Tathintergrund „nicht bestätigen“ will. Stephan Kramer sagt, er trage die Waffe bereits seit acht Jahren. Es ist einerseits nachvollziehbar, dass Kramer als hoher jüdischer Funktionär eine Waffe bei sich haben darf, andererseits ist dies auch ein Armutszeugnis für Deutschland. Wenn als Juden erkennbare Menschen in Deutschland offenbar nur noch mit derartigen Abschreckungsmaßnahmen körperlicher Gewalt entgehen können, sagt das viel über deutsche Zustände aus. Die Ermittlungen wegen „wechselseitiger Bedrohung“ laufen– es ist eine Farce.

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Heide
Heide
11 Jahre zuvor

Dies ist keine Farce sondern der Rechtsstaat. Wenn eine Anzeige aufgegeben ist Staatsanwaltschaft gehalten Ermittlungen aufzunehmen.

daniel
daniel
11 Jahre zuvor

Rechtsstaat. Auch wenn ein Antisemit einen Juden anzeigt, es muss erstmal ermittelt werden. Skandalös wäre eine Verurteilung des Mannes, der die Situation mit einer angemessenen und dezenten Drohung entschärft hat.

Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor

„Du, ich habe einen Essay geschrieben, gegen den Antisemitismus.“ – „So? Wie schön! Ich bevorzuge Baseballschläger?“ Woody Allen

Heide
Heide
11 Jahre zuvor

@Stefan: Ich habe mit dem Zitat, so sehr ich es emotional auch nachvollziehbar finde ein Problem. Nicht nur das ich wenig von Faustrecht und Selbstjustiz halte sondern ich bin auch nicht davon überzeugt das man Antisemitismus und Nazis mit Nazimethoden bekämpfen kann.

Stefan Laurin
Admin
11 Jahre zuvor

@Heide: Jetzt bin ich betroffen.

Heide
Heide
11 Jahre zuvor

Du wirst es überleben.

Franz
11 Jahre zuvor

@ Martin Niewendick

in Deutschland gilt immer noch die Unschuldsvermutung. Aber für Martin Niewendick ist „der Rechtsstaat manchmal eine Farce“.

Dann wäre es für Martin Niewendick vielleicht auch o.k., wenn jemand wegen eines – unerwiesenen – „verbalen Angriffs“ erschossen würde ?

Franz
11 Jahre zuvor

@ Martin Niewendick

„Kramer hat die Waffe nichtmal angefasst, wie er sagt. Wo ist da bitte die Bedrohung?“

Ich bin mal U-Bahn gefahren, und da hat jemand eine Pistole rausgeholt. Ob die echt war, weiss ich nicht, er hat nicht abgedrückt. Aber ich kann dir sagen:

Man fühlt sich bedroht, wenn man eine Pistole SIEHT.

Arnold Voss
11 Jahre zuvor

Genau Franz.Wenn Jemand in Deutschland in der Öffentlichkeit eine Waffe tragen darf, dann genau deswegen, weil sie ein Bedrohung für andere ist, egal ob sie geladen ist oder nicht. Geladen übrigens auch wenn man sie nicht sieht. Das liegt in der Natur einer Waffe.

Wenn man sie allerdings sieht, ist die Bedrohung offensichtlich. Das nennt man Abschreckung. Polizisten tragen sie genau deswegen auch ganz offen. Um andere gar nicht erst auf den Gedanken kommen zu lassen, sie mit Gewalt anzugreifen.

Ich würde deswegen die Handlung von Stephan Kramer als Abschreckungsmaßnahme interpretieren. Nach dem kürzlichen brutalen Angriff auf einen Rabbiner hatte er auch allen Grund dazu.

Es ist vielmehr so, dass er genau dafür die Waffe mit Bewilligung der staatlichen Behörden bekommen hat, was ihn natürlich nicht vor einer Anzeige wegen Bedrohung schützt und schützen darf.

Den Rest werden deswegen die Gerichte klären.

Erdgeruch
Erdgeruch
11 Jahre zuvor

Ich würde zuerst recherchieren und dann schreiben, bevor ich Ferndiagnosen anstelle.

Tortist
Tortist
11 Jahre zuvor

Also der Artikel beantwortet die wesentlichen Fragen zur Einordnung des der Ermittlungen zu Herrn Alter nicht. Hat sein Angreifer oder die Polizei aus eigenen Antrieb Hern Alter angezeigt ?
Es ist im Rechtsstaat durchaus so des jeder ein echtes oder vermeintliches Vergehen einfach mal anzeigen darf.
Die Staatsanwaltschaft wird das einfach einstellen. Eine Farce wird daraus erst wenn sie tatsächlich Anklage gegen Herrn Alter erheben sollte.

Die Aufregung des Autor kann ich nur in einem Punkt teilen. Nämlich das ein Rabbiner eine Waffe zu seiner Sicherheit braucht. Das ist sehr traurig !

Tortist
Tortist
11 Jahre zuvor

Sorry, ich meinte natürlich Herrn Kramer…

Puck
Puck
11 Jahre zuvor

@Heide #5
So ungern ich einer emotional durchaus betroffenen aber von schweren BEdenken geplagten Expertin im Kampf gegen den Antisemitismus widerspreche:

Mit rechtschaffener „Betroffenheit“ ist Antisemitismus bisher auch nicht beseitigt worden. Noch nicht mal mit logischem Argumentieren ist dieser Pest bisher jemand bei gekommen – Versuche gabs genug. Zahlreich sind die Traktate, die gängige Vorurteile Stück für Stück widerlegen, die unsäglichen Protokolle von Zion sind gefühlte 150 Mal als Fälschung entlarvt worden, ganz zu schweigen von peniblen Statistiken, die beweisen, daß die Juden gar nicht das ganze Geld haben.
Damit kommt man also leider nicht weiter.
Mit Ironie aber schon.
Da hat man wenigstens die Lacher auf seiner Seite, und das ist in der gegenwärtigen Situation anscheinend schon allerhand.
Leider habe ich den Verdacht, daß Sie mit der Ironie noch größere Probleme haben als mit Selbstjustiz und Faustrecht.

Puck
Puck
11 Jahre zuvor

So ganz allgemein kann ich des Eindrucks nicht erwehren, daß es nicht wenige Zeitgenossen in D in helle Aufregung versetzt, wenn Juden keine Lust mehr haben, die Rolle des duldsamen Opfers zu spielen, das am Ende zwar den Kürzeren zieht, dafür aber ganz doll lieb bedauert – und im schlimmsten Fall wortreich betrauert wird.

Achim
Achim
11 Jahre zuvor

Liebe Polizei.

Pfui! Pfui! Pfui!

Helmut Junge
Helmut Junge
11 Jahre zuvor

1. Eigentlich ist jede verbale Notwehr, die darauf hinausläuft, dass der Angegriffene sagt, dass er sich wehren wird z.B. „ich kann Karate“, auch eine Bedrohung des Angreifers.
Ist doch klar, oder?

2. Solange die Polizei aber denjenigen, der Kramer angegriffen hat, nicht findet, kann es eigentlich auch keine Anzeige wegen „gegenseitiger Bedrohung“ geben.

3. Wenn die Staatsanwaltschaft die Anzeige der Polizei zum Anlaß nehmen sollte,
Kramer einen Gerichtstermin anzuhängen, wird es allerdings zum weltweiten Skandal. Aber das ist wohl kaum zu erwarten.

Demokrit
Demokrit
11 Jahre zuvor

5 @Heide
Womit, mit Wattepads? Gewaltlosigkeit gilt NUR unter Zivilisierten!

KingGhidorah
KingGhidorah
11 Jahre zuvor

Zum Fall Kramer allgemein:

Jeder kann so ziemlich alles und jeden anzeigen, ich erinnere mich da mit Schrecken an meine damalige Nachbarin, die war so paranoide das sie eine Schwangere deswegen anzeigte weil diese ja über den Balkon zu ihr hoch geklettert ist und drei Pfannen geklaut hat… die Polizei musst den nachgehen, wenn auch nur für nicht einmal eine Stunde. Aber wie es zeigt, ein jeder Mist kann angezeigt werden.

Aber, das traurige ist, ich kann mir Vorstellen das die Behörden den ganzen auch weiter gehen werden und zu dabei zu etwas ala Verantwortungslosigkeit, übertriebene Drohung und ähnlichen zu Ungunsten Krames kommen.

Zu „Baseballschläger gegen Antisemiten“

Ui schön, ich glaub dann wird auch mindesten dreiviertel der Autoren und der Leserschaft hier vermöbelt werden.
Den wir lernen, selbst an den Angriff an Kramer ist vor allem eins Schuld:
„…die aktuelle politische Debatte über religiös begründete Beschneidungen ein Grund ist, warum antisemitische Vorfälle in Deutschland zurzeit zunehmen“

Ihr seit auch alle solche Antisemiten, die die Juden am liebsten aus Deutschland rausekeln wollen… hoffe das die ersten Schlägertrupps zu euch geschickt werden.

Mal ehrlich, in einen solchen Fall, können sie noch soviel „Antisemit“ schreien… und wenn wirklich mit Gewalt gedroht wird, würde ich mir ebenfalls eine Pistole im Mantel wünsche.
Denn den Schädel lasse ich mir nicht einschlagen, egal wie gut und ehrend der Zweck angeblich ist.

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