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Antisemitismus als Fetisch

Antisemitische Demonstration 2014 in Dortmund


„Dass Auschwitz nicht nochmal sei, ist die erste Forderung an Erziehung, sie geht so weit vor alle anderen, dass ich weder glaube sie begründen zu müssen, noch zu sollen“ (Adorno 2015:88). Um diesen kategorischen Imperativ, der als absolute historische Notwendigkeit sich zeigt, einzuhalten, ist es unabdingbar das Phänomen des Antisemitismus umfangreich zu erfassen und zu verstehen. Von unserem Gastautor John Smith.

Es ist für dieses Erfassen nicht notwendig sich mit den Objekten, dafür aber umso wichtiger sich umfassend mit den Subjekten zu beschäftigen.Zur Begriffseingrenzung erscheint es mir einfacher zunächst festzustellen was Antisemitismus nicht ist. So ist er keine Form des Rassismus, die als bloßes Vorurteil gegen die Juden sich äußert (vgl. Grigat 2007: 310 ff.), da damit weder ausreichend geklärt wird, warum dieses Ressentiment sich so hartnäckig hält, noch warum in vor allem postmodernen antirassistischen Diskursen auf  zumindest strukturell antisemitische Argumentation zurückgegriffen wird. Des weiteren ist Antisemitismus keineswegs eine Sündenbockstrategie, mit der die Juden als das notwendig Andere dargestellt werden, damit die Machtelite von Innenpolitischen Problemen ablenken kann.

Dieses Erklärungsmuster ist schon insofern falsch, als dass genau jenes verschwörungsideologische  Moment einer mehr oder minder verborgenen Machtelite affirmiert wird, die dem Antisemitismus inhärent ist.Zudem muss noch angemerkt werden, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist und nicht nur im politisch rechten Spektrum zu finden ist.

Das Unbehagen in der Zivilisation

Antisemitismus zeigt sich viel eher als ein Ressentiment gegen die kapitalistische Moderne, das keinesfalls mit der notwendigen Kritik an kapitalistischer Vergesellschaftung verwechselt werden darf. Dieses Ressentiment zeigt sich dergestalt, dass die indirekten Herrschaftsverhältnisse, die die Sachzwänge des Kapitals darstellen personalisiert werden. Die Zurichtung und narzisstische Kränkung des Subjekts, dass sich seiner permanenten Austauschbarkeit, in kapitalistischer Konkurrenz um den Zwang zur Selbstverwertung bewusst wird, „scheint der Autoritäre nicht durchschauen zu können, denn er kann seine Hassgefühle nicht gegen die realen Zwänge wenden.“ (Radonic 2006: 88). Da sich der Hass nur gegen eine Projektion richtet, ohne real existierende Zwänge und Herrschaftsverhältnisse auch nur anzutasten, bleibt dieser zutiefst konformistisch.“Besondere Gefährlichkeit erhält diese Art der autoritären >Schiefheilung< jedoch durch ihre Tendenz zur Massenbildung, um die narzisstisch Gekränkten in der Volksgemeinschaft aufzuwerten.“ (Radonic 2006: 89).

Die Gefahr eines solchen Kollektivs liegt auch darin, „dass im Beisammensein der Massenindividuen all Hemmungen entfallen.“ (Freud 2014a: 771) Kollektiv werden dann die Triebe ausgelebt, die der Einzelne unterdrückt. (vgl. Radonic 2006: 89) „Der psychische Gewinn stellt sich also erst in der Masse ein, die Suche nach einem starken Kollektiv ist charakteristisch für den Antisemiten. Genau das ist es, was den Antisemitismus so gefährlich macht.“ (Radonic 2006: 92)Gleichzeitig ist der Antisemitsmus eine pathische Projektion verdrängter unterschwelliger Sehnsüchte, die die bürgerliche Gesellschaft nicht verwirklichen konnte. So werden den Juden Attribute wie Freiheit, Gleichheit und Emanzipation zugeschrieben. (vgl. Radonic 2006: 87)„Hinter der ewigen Vorstellung des Antisemiten, die Juden seien geldgierig und raffend, verbirgt sich unbewusst der Neid auf  jene, die frei von den Zwängen der Arbe-it zu sein und alles ‚umsonst‘ und ohne Schweiß zu bekommen scheinen.“ (Radonic 2006: 88)

Von Hochfinanz und Heuschrecken

Der Neid auf  das Raffende, der seine Wurzeln teilweise in der Psyche des beschädigten Subjektes hat, schlägt sich allerdings auch in einem ressentimenthaften, diffus gefühlsmäßigem Antikapitalismus nieder. Der Zwang zur täglichen Selbstverwertung wird dabei am offensichtlichsten als Ausbeutung durch Investoren, Banker etc. wahrgenommen.

Besonders Banken werden durch ihre schwer durchschaubare Rolle in der Sphäre der Finanzzirkulation als Ursache und Hauptübel dieses Systems wahrgenommen. Aus dieser Konsequenz heraus erscheint dem ressentimenthaften Antikapitalisten die Zirkulationssphäre und ihre Ak-teure als Urheber seiner eigenen Beschädigung im Kapitalismus.

Das marxsche Kapital jedoch lehrt uns, dass das System kapitalistischer Warenproduktion und Verwertung wesentlich komplexer Gestaltet ist und die Sphären von Warenproduktion und Finanzzirkulation einander bedingen und beeinflussen. In früheren Gesellschaftsformen waren die Herrschaftsverhältnisse klar personalisiert, sprich der Bauer hatte seinen Lehnsherren, dem er Tribut zahlen musste usw. Kapitalismus jedoch ist ein indirektes Herrschaftsverhältnis, das heißt der Mensch wird durch sogenannte Sachzwänge beherrschen. Er muss seine Waren zum Markt tragen um sich verwerten und überleben zu können, bzw seine Arbeitskraft verkaufen, wenn er sonst keine anderen Waren besitzt.

Da der Mensch dazu neigt sich an Bekanntem zu orientieren, empfindet das arbeitende Subjekt diese Form des Zwangs als Ausbeutung durch die besitzende Klasse. Da das Finanzsystem schwer zu durchschauen ist, wir allgemein dazu geneigt dieses als etwas bedrohendes wahrzunehmen und es oft auch mit Heuschrecken oder ähnlichem, die über die produzierende ‚Realwirtschaft‘ herfallen. Wenn die Akteure dann noch personalisiert werden ist diese Form der regressiven Kritik schon strukturell, wenn aber jüdische Akteure wie zum Beispiel die Familie Rothschild als Verursacher der Misere ausgemacht werden, offen antisemitisch.Zusammenhang von regressivem Antikapitalismus und AntisemitismusIm Zuge der christlichen mittelalterlichen Judenverfolgungen, war den Juden der Zugang zu Zünften und Handwerk verwehrt, daher beschränkte sich ihre ökonomische Rolle auf  Waren- und Geldhandel, damit auch zu der im Christentum besonders verachteten Praxis des Geldverleihs und des Wuchers. (vgl Claussen: 8)  „Das ökonomische Vorurteil im modernen Antisemitismus hat seine materielle Basis in der verschlei-erten vorkapitalistischen Ökonomie.“(ebd) Im Zuge der Entwicklung des Kapitalismus erfasst die Ökono-mie als ein rationales, über Sachen und sachliche Verhältnisse (Eigentum und Tausch) alle menschlichen Lebensbereiche, gleichzeitig lebt die in den Menschen die Vorstellung von direkten Machtverhältnissen fort.(vgl Claussen: 11)

Dies führt dann dazu, dass die schiere Allgegenwärtigkeit der Ökonomie mit den Juden identifiziert wird.Abgrenzung zum Rassismus  Dem Rassisten gilt das Objekt seines Hasses als minderwertig, ohnmächtig, ja naiv und naturhaft, wohingegen dem Antisemiten die Juden als Allmächtig und weltbeherrschend erscheinen. (vgl Grigat 2006: 314) Während der Rassist gemein hin kein Problem mit beispielsweise Schwarzen hat, so lange sie nur in Afrika bleiben, will der Antisemit die Juden am liebsten zumindest unbewusst vom Antlitz der Erde tilgen. (vgl. Adorno & Horkheimer 2013: 177)

Im Zuge der Allgegenwärtigkeit des antisemitischen Fetisches ist es wichtig, diesen weiterhin offen zu benennen und ihn als Ausdruck eines notwendig falschen Bewusstseins zu entlarven, da sich der Antisemitismus nicht wird aus der Welt schaffen lassen, solange seine ökonomische Grundlage fort existiert. Gänzlich aus der Welt geschafft wird er erst sein, wenn Staat und Kapital überwunden sind und eine freie Gesellschaft der freien Individuen geschaffen werden kann.

Literatur

Adorno, T. W. & M. Horkheimer, 2013: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main: Fischer Adorno, T. W., 2015: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt am Main: SuhrkampClaussen, D.: Vom Judenhass zum Antisemitismus (http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr111s.htm)Freud, S., 2014a: Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 759-828 in: S.Freud: Gesammelte Werke, Köln: Anaconda Freud S., 2014b: Das Unbehagen in der Kultur, S. 873-942 in: S.Freud: Gesammelte Werke, Köln: Anaconda Grigat, S., 2006: Befreite Gesellschaft und Israel, S. 115 – 130 in: S. Grigat (Hrsg.), Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg: ca iraGrigat, S., 2007: Fetisch und Freiheit, Freiburg: ca iraMarkl, F., 2006: Beschädigtes Leben und Judenhass, S. 131-154 in: S. Grigat (Hrsg.), Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg: ca iraMarx, K., 2009: Das Kapital, Köln: Anaconda  Postone, M., 1979: Nationalsozialismus und Antisemitismus (http://www.krisis.org/1979/nationalsozialismus-und-antisemitismus/)Radonic, L., 2006: Psychopathologie der Normalität, S.79-98 in: S. Grigat (Hrsg.), Feindaufklärung und Reeducation, Freiburg: ca ira

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3 Kommentare zu “Antisemitismus als Fetisch

  • #1
    dulce bellum inexpertis

    Nun der Autor sollte nicht soviel mit Platitüden und Textverweisen um sich werfen. Denn mehr als Bla-Bla kommt dabei nicht heraus. Weiterhin sollte man mal lernen korrekt zu zitieren und korrekte Quellenangaben zu machen.

    Aber wie hat es schon Popper gesagt "Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wird leider traditionell von vielen Soziologen, Philosophen usw. als ihre legitime Aufgabe angesehen. So haben sie es gelernt, und so lehren sie es. Da kann man gar nichts machen. Nicht einmal Faust konnte daran etwas ändern. Sogar die Ohren sind schon verbildet: Sie können nur mehr die ganz großen Worte hören. "

  • #2
    Arnold Voss

    Der Kapitalismus ist nicht nur eine anonyme Struktur sondern er hat auch konkrete und persönlich identifizierbare Subjekte, die ihn in ihrem ureigensten Interesse vorantreiben und gestalten. Das Ressentiment gegen ihn hat deswegen nicht automatisch mit Antisemitismus zu tun. Es wird erst dann dazu, wenn es z. B. unmittelbar die kosmopolitische jüdische Kultur mit dem globalen Bankenwesen gleichsetzt oder die im Kapitalismus sehr wohl vorhandene Geldgier Einzelner mit ihm selbst verwechselt und sie als zentrale persönliche und kollektive Eigenschaft "dem Juden" zuschreibt.

  • #3
    Helmut Junge

    Antisemitismus, Judenverfolgungen hat es schon vor dem Beginn des Kapitalismus, während der Antike, dem Mittelalter und auch im Kapitalismus mit jeweils speziell geeignet wirkenden Begründungen gegeben. Ursprünglich waren es religiös begründete Vorwürfe. Und die wirken noch immer in den Köpfen vieler Zeitgenossen, ob die noch einer Religon folgen, oder für sich selber ablehnen.
    Ich habe dazu eine gute Zusammenfassung im Netz gefunden.
    http://www.bpb.de/politik/extremismus/antisemitismus/37951/von-der-antike-bis-zur-neuzeit?p=all

    Als der Kapitalismus neu und erfolgreich begann, gab es seinetwegen keine Klagen gegen Juden, aber als er zu kriseln begann, wurden Sündenböcke gesucht, und die fand man dann im Judentum. Das traditionelle Feindbild wurde vom Gottesmörder in Geldhai umgewandelt.
    Das fand ähnlichen Beifall, wie wenn die Polizei nach schweren Attentaten, sofort viele Festnahmen meldet. Vielen naiven Menschen gefällt das schnelle Reagieren und die Vorstellung, daß die Täter gefaßt wurden. Diese Reaktion ist eine der gefährlichsten Eigenarten menschlichen Denkens.

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