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Armenier protestieren gegen Steiger-Award für Erdogan

Steiger-Award – immer wenn ich das Wort schreiben muss, zieht es mir den Magen etwas zusammen. Fremdschämen dafür, dass dieser peinliche Preis in der Stadt vergeben wird, in der ich wohne. Und dann noch in diesem Jahr an den türkischen Permierminister Erdogan. Die Armenier sind auch nicht begeistert – allerdings aus wesentlich wichtigeren Gründen.

Erdogan erhält den Preis, der wenigsten von unbeschreibbarer Hässlichkeit ist, für sein Engagement für das Zusammenwachsen Europas.

Azat Ordukhanyan, der Vorsitzende des Zentralsrats der Armenier in Deutschland kann das nicht nachvollziehen: „Erdogan und seine Regierung werben massiv dafür, dass Migranten in Deutschland sich nicht integrieren. Sie stehen für Intoleranz nichttürkischen und nichtmuslimischen Ethnien gegenüber und sind noch weit entfernt von einem Wertekanon, der Europa zusammenhält. Dass ausgerechnet dieser Politiker in der Kategorie ‚Europa’ ausgezeichnet werden soll, ist unerträglich.“

Ordukhanyan weist in einer Erklärung auch auf den Völkermord an den Armeniern hin: „Wir warten noch immer, seit nunmehr 97 Jahren, darauf, dass die Türkei uns zugesteht, in unserer alten Heimat um die 1,5 Millionen Opfer des Völkermords von 1915 zu trauern. Das Gegenteil ist der Fall – unverändert sind unsere Landsleute heftigen Repressalien ausgesetzt.“

Und dann wären da noch die Grenzstreitigkeiten zwischen  der Türkei und Griechenlands und die Besetzung eines Teils des Territoriums des EU-Mitglieds Zypern durch türkische Truppen. Wenn Erdogan einen Europa-Preis bekommt, will ich einen Preis von der Duden-Redaktion für meine Verdienste um die Rechtschreibung.

 

 

 

 

 

 

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10 Kommentare zu “Armenier protestieren gegen Steiger-Award für Erdogan

  • #1
    der, der auszog

    Der Steiger Award gehörte immer schon in die Kategorie: Preise die die Welt nicht braucht. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich diese Auszeichnung ja irgendwann einmal zur Vorstufe des Friedensnobelpreises, bei dem man hin und wieder auch den Eindruck hat, dass er vornehmlich Diktatoren und Topterroristen zu Teil wird. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Anwar as-Sadat, Menachem Begin und Jassir Arafat. Mit Frieden hat deren Biografie genauso viel zu tun, wie Erdogan mit Intergration in Europa. Nämlich eigentlich gar nix.

  • #2
    Yaron

    @DerAuszog: Mal davon abgesehen, dass man Begin wohl nicht unter die Kategorie „Terroristen“ zählen kann, gebe ich dir sonst völlig recht. Der Steiger-Award hat sich mit dieser Auszeichnung für Erdogan selbst abgeschossen.

  • #3
    Julian

    eine frechheit!!!
    ein völkermordsleugner und ex-sträfling, der nach jahrelanger annäherung im dezember wieder angefangen hat kurdische dörfer zu bombadieren und in dessen land laut „terre de femmes“ 1/3 der frauen zwangsverheiratet werde bekommt einen preis für „demokratischen wandel“!!!
    da liegt die vermutung nahe, dass sich schröder für den kauf von 297 leopard 2 panzern zwischen 2005 und 2009 bedankt…demagogen unter sich!!!

  • #4
    der, der auszog

    @Yaron
    Menachem Begin hat 1946 das King David Hotel in Jerusalem in die Luft gesprengt. Ein Attentat, das sich gegen die britische Mandatsherrschaft in Palästina richtete. 91 Menschen, meist Zivilisten, kamen dabei ums Leben. Desweiteren ließ er mehrmals britische Soldaten kidnappen und anschliessend ermorden. Begin trägt u.a. auch Mitverantwortung an einem missglückten Bombenanschlag auf Konrad Adenauer. Derüber hinaus war er an dem Massaker von Deir Yasin der Strippenzieher, bei dem mehr als 120 Zivilisten starben. Für mich sind das Kritierien Menachem Begin als Terroristen zu bezeichen. Leider mythifizieren solche Auszeichnungen Menschen, die aufgrund ihrer brutalen Vergangenheit moralisch extrem umstritten sind. Eine ähnliche Befürchtung ist auch im Zusammenhang mit Erdogan und dem Steiger Award berechtigt. Der Mann ist alles andere als ein Wegbereiter der Intergretation. Im eigenen Land leugnet er den Völkermord an den Armenienern, im Ausland lebenden Landsleute hindert er mit seinen Phrasen und Aufrufen sich vernünftig in die Gesellschaft einzugliedern. Das hat wahrlich keinen Preis verdient.

  • #5
    paule t.

    Nun, also zumindest in der Zypernfrage weiß ich nicht genau, wofür man da Erdogan die Verantwortung zuschustern sollte. Immerhin ist der letzte Versuch Richtung Wiedervereinigung, der Annan-Plan, ja auf zuperngriechischer Seite gescheitert, nicht auf türkischer.

  • #6
    Stefan Laurin Beitragsautor

    Hier noch eine Pressemitteilung der Nordstadt-SPD aus Dortmund zu dem Thema:
    Steiger-Award an Erdogan:
    Dortmunder SPD-Ratsfrau Dr. Hetmeier übt scharfe Kritik an Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder

    Aus der Dortmunder SPD wird Kritik laut an Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Am 17.3.2012 wird in Bochum der Steiger-Award an den türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan verliehen. Der frühere Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder wird die Laudatio halten. Dr. Marita Hetmeier, SPD-Ratsfrau aus Dortmund, erhebt deshalb schwere Vorwürfe gegen den Alt-Kanzler: „Der Herr Bundeskanzler a.D. scheint Gefallen daran zu finden, sich Potentaten mit zweifelhafter demokratischer Gesinnung als Lobhudler anzudienen. Herr Erdogan und „der lupenreine Demokrat“ Putin passen allerdings auch zusammen wie Pat und Patachon“, erklärte die Dortmunder Sozialdemokratin.

    „Wer mich kennt, weiß, dass mir die deutsch-türkische Freundschaft sehr am Herzen liegt. Ich habe viele Freunde mit türkischen Wurzeln und lebe gerne und gut in einem Stadtteil Dortmunds, in dem türkischstämmige Bürger inzwischen die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Doch Recep Erdogan konterkariert Integration und Verständigung. Er versucht, hier lebende Türken mit Warnungen vor zu viel „Assimilation“ gegen die deutsche Bevölkerung abzugrenzen. Er lässt in seiner Heimat kritische Journalisten einsperren und leugnet hartnäckig den Völkermord an den Armeniern. Einen solchen Mann möchte ich nicht meinen Freund nennen müssen. Als Sozialdemokratin schäme ich mich, dass Gerhard Schröder für Recep Erdogan eine Laudatio hält.“

    Die Jury des Steiger-Award müsse sich fragen lassen, ob sie mit der Auswahl Recep Erdogans ihrem selbst gesteckten Ziel, Offenheit, Menschlichkeit, Geradlinigkeit und Toleranz zu fördern, gerecht geworden sei. Recep Erdogan habe von Anfang an ein rein instrumentelles Verhältnis zur Demokratie gehabt. Bekannt sei sein Satz aus dem Jahr 1997: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“ Dr. Hetmeier: „Recep Erdogan vereinigt einen Mangel an demokratischer Gesinnung mit nationaler Überheblichkeit und religiöser Intoleranz. Für die Toleranz braucht es immer zwei Seiten. Das hat die Jury im Falle von Herrn Erdogan gründlich verkannt. Wer für alles offen ist, der ist nicht ganz dicht.“

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