Armut essen Seele auf. Wildes Lesen dagegen täte allen Kindern gut

Welche Vorschläge tauchen zu kommunalen oder Landes-Haushaltspleiten immer zuerst auf? Genau: bei Jugend, Soziales, Kultur & Bildung kürzen!
Doch schon heute gilt, was Prof. Strohmeier vom ZEFIR (Zentrum für interdisziplinäre Sozialforschung an der Ruhr-Uni Bochum) 2009 in einem Vortrag über „Zwei Kindheiten in der Stadt“ auch für die Region zwischen Duisburg und Dortmund mit ihrem „Sozialäquator A40“ beschrieb:
Dort wo die meisten „Ausländer“ und die meisten „armen Leute“ leben, wächst in den großen Städten die Mehrheit der nachwachsenden Generation auf. Die soziale Lage der Eltern, der Migrationshintergrund und die Adresse (Wohnort, G.H.) sind wichtige Determinanten ihrer Lebenschancen.

Selig sind, die da geistlich arm sind?
Die sich im Ruhrgebiet ungleich ausbreitende Armut wird vor allem das Wachstum vieler sozial deklassierter Kinder und Jugendlicher weiter gefährden. Materielle Armut führt fast zwangsläufig zu geistiger Armut. Wenn dem geplünderten Staat nicht mehr einfällt, als das globale Finanz-Casino hemmungslos zu subventionieren und weiterhin Steuergelder zu verbrennen, dann nehmen wir auf der anderen Seite de facto billigend die Verwahrlosung von Geist, Körper und Seele junger Menschen in Kauf.

Unterlassene Hilfeleistung
Ich gehe davon aus, dass es keine dummen und leseunwilligen Kinder gibt. Dumm wird man eher gemacht und gehalten als geboren. Jiao Guorei (www.qigong-yangsheng.de), der Begründer des Qigong Yangsheng, hat es einmal so gesagt: „Um einen jungen Baum kräftig wachsen zu lassen, zieht man ihn nicht an seinen Blättern, sondern man nährt seine Wurzeln.“ Wenn aber zunehmend das Bewusstsein, die Menschen und die Mittel für Sprach- und Schreibförderung in Elternhäusern, Kindergärten und Schulen fehlen, züchten wir fahrlässig Generationen von Nicht-Lesern heran. Und die dann fehlende Sprach-, Schreib- und Nachdenk-Kompetenz ist eben kein Problem von Migrantenkindern allein, schon gar kein genetisches (wie Sarrazin pöbelte), es ist ein Problem aller Menschen, die die Auswirkungen sozialer Benachteiligung, d.h. groben Behindertwerdens, am eigenen Leib und Geist zu spüren bekommen.

Und in der Mittelschicht?
Lesen muss man vorleben & Vorlesen muss man leben. Dazu gehört auch ein geistiger Horizont bei den Eltern, der auch in der zerbröselnden Mittelschicht nicht mehr vorausgesetzt werden darf. Der französische Autor Daniel Pennac beschreibt in seinem Buch „Wie ein Roman. Von der Lust zu lesen“ die grassierende Leseunlust/Leseverdrossenheit vor allem als enttäuschte Liebe. Im besten Falle lernt ein Kind Leseglück beim Vorlesen der Eltern kennen und kann von da aus selbst Leselust entwickeln. Irgendwann aber delegieren die Eltern das Vorlesen und Miteinanderlesen an die Schule. Dort wird aus Leselust dann Lesezwang und Bildungsdruck. Texte, die unsere Phantasie anregen sollten, die ein anderes Leben vorstellbar machen, die ins Träumen bringen, werden zu ‚Stoff’, zu etwas, dem man durch Analyse und Interpretation das Lebendige nimmt (Vivisektion von Literatur – und Vivisektionen erfolgen in der Regel unter Narkose oder Lokalanästhesie). Herzensgute Lehrer sind da nur die Ausnahme von der institutionalisierten Geist-Beschneidung, zumindest ab der Mittelstufe.

Die „größte Lust des Lesers, dieses Schweigen nach dem Lesen!“
Analyse und Interpretation können als reife (freiwillige) Leistung des Lesers für ihn ungeheuren Genuss bedeuten –  als Alltag des erzwungenen und benoteten Umgangs mit Texten sind sie nichts als Abwehr-Methoden, um jeden Text auf Distanz zu halten und seine geistig-seelische Sprengkraft zu entschärfen.
Was Schule nicht zulässt?
Das wilde Lesen, das wiederholende Lesen, das individuelle Lesen, das nutzlose Lesen gegen den Leerplan, und vor allem die „größte Lust des Lesers, dieses Schweigen nach dem Lesen!“ (Daniel Pennac)

Apropos: Ruhrbarone-Hilfsaktion: Ein Link für das Lab!
Meine Beiträge Kultur-Alltagsmythen 1 (Tanze ums goldene Kalb – bete den Sponsor an) und 2 (Leseförderung ist politisch erwünscht, der lesende Citoyen das Ziel) finden sich noch unter www.2010lab.tv/blog/…

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21 Kommentare

  1. #1 | ralf schwartz sagt am 28. März 2011 um 14:34 Uhr

    ‚Geistlich‘ arm – oder doch ‚geistig‘?

  2. #2 | ate heck sagt am 28. März 2011 um 15:11 Uhr

    Wenn einer Nichtleser ist, dann hat er meist noch nicht entdeckt, dass Literatur ihn selbst spiegelt, über seine Gefühle und Befindlichkeiten schreibt und seine Wut oder Enttäuschung längst Wort werden ließ. Ich finde, die Schule könnte da viel tun, aber mit anderen Lehrplänen und viel mehr Zeit.

    Leser sind meist auch Erzähler. Sie können in Worte fassen, was sie fühlen und mit Worten kämpfen und verletzen. Sie können deshalb auf Amoklauf und Vandalismus verzichten.

  3. #3 | Gerd Herholz sagt am 28. März 2011 um 18:55 Uhr

    # 1 Ralf Schwartz
    Im Orginal: „geistlich“, siehe Matthäus 5,4.
    Aber kein Bezug zu Lothar Matthäus.

    #2 Ate Heck
    Das ist sehr schön formuliert. Darf ich das gelegentlich zitieren, mit Quelle?

    Über den zweiten Absatz könnte man streiten. Lesen, Schreiben, Denken scheint mir zwar eine notwendige und wichtige, aber leider keine hinreichende Bedingung für humanes Verhalten. Hitler war auch „Autor“, das Bildungsbürgertum war nicht immun gegen den Faschismus. Und Nachdenken kann auch zu ‚falschen‘ Ergebnissen führen. Statt mit einer Vernunft des Herzens haben wir es oft nur noch mit einer instrumentellen Vernunft zu tun, einer instrumentalisierten Vernunft.
    Es muss also etwas hinzukommen zu den ‚Kulturtechniken‘. Wie sollen wir es nennen und wie kann man es fördern: das gute Herz, die Menschenfreundlichkeit, Empathie, Mitgefühl? Die Kunst, ein gutes Leben mit mehr Güte zu führen…?

  4. #4 | ralf schwartz sagt am 28. März 2011 um 19:23 Uhr

    Interessant. Wissenslücke gefüllt. Danke.

  5. #5 | Mir sagt am 29. März 2011 um 12:31 Uhr

    Professor Strohmeier hat eine zu negative Sicht. Bildung ist kein Garant für ein erfülltes Leben.
    Es gibt Leute die lesen Jack London, und andere die machen sich auf die Spuren von Jack London. So wie die Gastarbeiter, die ins Ruhrgebiet kamen. Verantwortung für sich und andere übernahmen gleichzeitig pure Abenteuerlust erlebten, auch ohne Bildung.

  6. #6 | Marcel sagt am 29. März 2011 um 14:19 Uhr

    …aber keine Bildung ist mit Sicherheit ein Garant für ein UNerfülltest Leben 😛

  7. #7 | Gerd Herholz sagt am 29. März 2011 um 15:02 Uhr

    # 5 Mir
    Klar, kann man auch ohne Bildung Mensch werden und sein, menschlich leben und handeln. Natürlich sind viele sogenannte „einfache Menschen“ aufgrund ihrer Lebenserfahrung oft hellsichtiger und menschenfreundlicher als karrieregeile, hochgebildete Elitedarsteller. Und natürlich kann man (Herzens-)Bildung auf vielen Wegen erwerben (siehe Reisen, Universität des Lebens …).
    Was Strohmeier in seinen Forschungen vor allem erkundet, ist schlicht das komplexe Problem, unter welchen Bedingungen von Armut sich notwendigerweise die Wahrscheinlichkeit erhöht, vielleicht für Generationen ein Leben in materieller und geistiger Armut führen zu müssen.
    Ausnahmen bestätigen da oft nur die Regel.
    Ich selbst bin in Duisburg-Huckingen aufgewachsen, Werkssiedlung der Metallhütte Berzelius, die Eltern waren nicht doof, aber auch nicht sehr an der Förderung des Sohnes interessiert. Am liebsten hätten sie gehabt, dass ich eine Lehre mache und ‚Kostgeld‘ abgebe.
    Ich war es irgendwie auch selbst, der nicht lebenslang hinter Werkstoren verschwinden wollte, weil ich sah, wie es meinem Vater und meinem älteren Bruder dabei ging. Da war nicht viel Platz für Arbeiterromantik, gar Proletkult. Dann hatte ich das Glück, mit einem ‚Fräulein‘ Lettau eine sehr warmherzige Grundschullehrerin zu haben, die nach dem 5. Schuljahr meinen Eltern ins Gebet nahm und damit dafür sorgte, dass ich zum Gymnasium wechseln konnte, wo ich mich zunächst sehr fremd fühlte. Dazu kam eine sozialdemokratische Bildungspolitik, die damals noch voller Ernst & Enthusiasmus Menschen (Kindern) wie mir den Zugang zur höheren Schule eröffnete.
    Summa summarum bin ich dankbar und glücklich, dass ich als ‚Arbeiterkind‘ in die Welt von Sprache, Literatur, Musik, Philosophie, Geschichte … eintreten konnte.
    Das sieht heute für viele bildungshungrige Migrantenkinder und andere sozial Benachteiligte ganz anders aus – wie nicht zuletzt die PISA-Studie belegte.

  8. #8 | Mir sagt am 29. März 2011 um 17:48 Uhr

    Mein Vater war Sohn eines Landpächters in einer wirtschaftlich rückständigen Region. Er hat im reicheren Westen seines Landes saisonal gearbeitet, obwohl er aus dem Osten stammt und dort Familie hatte. Er hatte nur einen Grundschul-Abschluß, konnte also lesen, schreiben und rechnen.

    Damit kam er dann bis nach Deutschland, und die Familie hat er auch herholen können. Meine Mutter war gar nicht in der Schule. Kinder und Jugendjahre habe ich mit der Großfamilie in einem Getto im Ruhrgebiet verbracht. Es glaubt zwar keiner, aber ich habe nur positive Erinnerungen daran. Förderung kam weder von Lehrern, noch von den Eltern. Zum Gymnasium wurden wir nicht empfohlen. Aber ein Bruder war ein Jules Verne Narr und ein anderer las nur kommunistische Bücher. Alle Bücher waren in unserer Muttersprache. Sie redeten viel darüber. Die Bücher kamen aus der Stadtbücherei, der Ausweis wurde herumgereicht. Eine Schwester war ein Sportass, gewann oft Titel für die Schule, aber dennoch durfte sie nicht in ein Sportverein. Alle Geschwister sind heute brave Bürger, berufstätig, teilweise Eltern von Studenten. Einige waren auf der Abendschule um Abitur zu machen. Meine Mutter hat das lesen gelernt. Und mein Vater konnte bis zu seinem Tod nicht richtig deutsch sprechen. Na und? Dennoch hat er selbst bewegt gelebt, hat vernünftige Kinder und Enkel hinterlassen.

    Bildung ist immer nachholbar. Falsch finde ich die Ungleichbehandlung in jungen Jahren. Wenn ein zehnjähriger junger Mensch in eine Schublade (Haupt, Real oder Gymnasium) reingesteckt wird. Richtiger wäre ein Gemeinsames lernen bis zur 7. Klasse und danach entscheidet das Kind selbst. Das Kind kann ab jetzt selbst entscheiden, ob es Abitur machen will oder eine Lehre oder Auswandern.

  9. #9 | Helmut Junge sagt am 29. März 2011 um 18:36 Uhr

    @MIR (8),
    die Zeiten, in denen Du groß geworden bist, sind leider vorbei.
    Ich kenne einige Handwerker, die in den Siebzigern, oder Achtzigern über Akademiker gelacht haben, weil sie in ihrem Beruf mehr verdient haben als die.
    Das hat sich bereits in den Neunzigern allmählich geändert.
    Wer heute ohne Ausbildung dasteht, kriegt nur selten einen guten Job.
    Ausbildung aber gibt es nur mit Schulbildung.
    Klar kann man alles nachholen.
    Das aber tun nur sehr wenige.
    Und warum tun das nur wenige? MIR, es st schwieriger, als in der Schule, wo man im Zweifel den Lehrer mal kurz fragen kann.
    Dann ist später das Leben mit Familie oft auch zu anstrengend als daß man Zeit und Lust auf`s Lernen hat. Es gibt auch Rentner, die mit einem Studium beginnen.
    Das aber sind Ausnahmen, und die werden nie was materielles daraus machen.
    Die machen das, weil sie ihr Leben lang gespürt haben, daß ihnen etwas entgangen ist. Denen hat der Beruf zum Leben gereicht, aber zum eingeschränktem Leben. Weil das nicht befriedigend war, darum machen sie das im Alter, obwohl sie eigentlich sagen könnten, daß sie alles geschaftt haben, und jetzt langsam angehen lassen könnten.
    Aber im obigen Artikel geht es ja um das Lesen.
    MIR, statistisch gesehen ist es so, daß die, die viel gelernt haben, zusätzlich auch noch mehr Zeit ins Lesen stecken, als die, die nicht viel gelernt haben.
    Da sie das freiwillig tun, muß es ihnen doch Spaß machen, denke ich. Und dieser Spaß entgeht denen, die, aus welchen Gründen auch immer, keine gute Schulbildung erhalten haben. Es handelt sich um eine Beeinträchtigung der Lebensqualität, die meist durch fremdes Verschulden in der Kindheit schon vorprogrammiert wird.

  10. #10 | Mir sagt am 29. März 2011 um 19:41 Uhr

    Eins, zwei, drei im Sauseschritt, läuft die Zeit wir laufen mit. Wilhelm Busch

  11. #11 | Patrizia sagt am 29. März 2011 um 19:59 Uhr

    @Mir
    Vielleicht darf ich da noch einen kleinen Gedanken anfügen.

    Nach der „Nikomachischen Ethik“ von Aristoteles, zugegeben die ist schon reichlich
    angestaubt, ist die „Glückseligkeit“ das höchste Gut. Wir streben sie an um ihrer
    selbst willen. Bildung, und das dadurch erworbene Wissen, ist nur eine unter vielen
    Möglichkeiten dieses höchste Gut „Glückseligkeit“ leben zu können.

    Deshalb ist die Aussage von Monsieur Herholz, „Armut essen Seele auf. Wildes
    Lesen dagegen täte allen Kindern gut“, nicht richtig, weil er offenbar, abgeleitet
    aus seiner persönlichen Lebenserfahrung ein hochgebildetes Arbeiterkind geworden
    zu sein, Bildung als das „Glückseligkeitsvehikel“ oder den „Glückseligkeitskatalysa-
    tor“ schlechthin betrachtet. Dem ist aber nicht so. Was für ihn zutrifft, muss nicht
    für andere gelten. Wieso sollte eine Melonenverkäuferin in Lugano oder Locarno,
    (mein Traumberuf 🙂 ), mit einem Kind im Arm und zwei quengelnden Kindern unter
    ihrem Verkaufsstand, nicht ein erfülltes Leben führen ? … ganz ohne Buch, ganz
    ohne Gausssches Fehlerintegral, ganz ohne Kunst, ganz ohne Theater, ganz ohne
    Börsenkurse usw., usw,. Das Leben ist eine kunterbunte Veranstaltung. Frau/Mann
    müssen sich für ein erfülltes Leben nur die für sie richtigen Farbkleckse aussuchen.
    Ein zuviel an Bildung kann da leicht zu einer Trübung der Augenlinse führen.

    Der Eingangssatz müsste dann richtigerweise, „Armut lassen Seele leiden – wildes
    Lesen dagegen täte vielen! Kindern gut“, lauten (oder so ähnlich).

  12. #12 | Gerd Herholz sagt am 29. März 2011 um 20:08 Uhr

    # 8 Mir

    Ein berührendes Plädoyer fürs Lesen, Ihr Satz:

    „Aber ein Bruder war ein Jules Verne Narr und ein anderer las nur kommunistische Bücher. Alle Bücher waren in unserer Muttersprache. Sie redeten viel darüber. Die Bücher kamen aus der Stadtbücherei, der Ausweis wurde herumgereicht.“

    Auch für mich war die damals brandneue Stadtbücherei-Filiale in Duisburg-Huckingen ein kleines Tor zur Welt (zu Hause gab es keine Bücher, ich verschlang deshalb zunächst die Perry-Rhodan-Hefte meines älteren Bruders, und auch das schadet nicht, wenn man frühzeitig darüber hinaus wächst). Dass heute Stadtbüchereien (Zweigstellen, Bücherbusse …) schließen müssen, höre ich mit Erschrecken.
    Ansonsten natürlich richtig: Es gibt keine Musterbiografien und Patentrezepte für Leseförderung, die eigentlich immer situativ und am Einzelkind orientiert handeln sollte. „Das Verb ‚lesen‘ verträgt keinen Imperativ“, so ungefähr sagt’s Daniel Pennac. (Sein Buch „Schulkummer empfehle ich auch sehr!) Und niemand sollte zum Lesen gezwungen werden, man muss auch gar nicht lesen, wenn man lieber anderes tut.
    Aber zumindest das steht auch fest: Eine stinkreiche, demokratische Gesellschaft sollte verdammt noch mal den Anstand haben, für jedes Kind die Räume, Zeit und Persönlichkeiten bereitzustellen, in denen und durch die das Kind dem Lesen, der Literatur begegnen kann. Was es dann daraus macht, ist seine Sache.
    Aber ich bin sicher, dass das Lesen so oder so, offen oder versteckt, über kurz oder lang ein Kind beeinflussen wird, sein geistiges Wachstum fördert.
    Das Ergebnis könnte etwas sein, das ich so formulieren möchte und das den bekannten Spruch „Jedem Kind ein Insturment“ radikal variiert:
    Jedes Kind kein Instrument.
    Für wen auch immer.

  13. #13 | pistacchio sagt am 29. März 2011 um 20:49 Uhr

    @ Patrizia

    „Wieso sollte eine Melonenverkäuferin in Lugano oder Locarno, (mein Traumberuf), mit einem Kind im Arm und zwei quengelnden Kindern unter ihrem Verkaufsstand, nicht ein erfülltes Leben führen ?“

    Du würdest nicht nur dich glücklich machen, wenn du dir diesen Traum erfülltest … ich kauf dir auch eine Melone ab, und für deine Kindern gibt’s ein gelato.

  14. #14 | Gerd Herholz sagt am 30. März 2011 um 12:22 Uhr

    # 11, Patrizia

    Ja, so ein Idyll in der italienischen Schweiz, das wär’s.
    Und erst die Verwandten auf der anderen Seite des Lagos. Der arbeitslose Cousin geht abends zu den Versammlungen der Neofaschisten, weil er’s in der Mietskaserne im Hinterland nicht mehr aushält. Seine älteste Tochter hat man zuletzt auf einer Berlusconi-Party gesehen.
    Aber Locarno liegt ja auf Schweizer Seite, da kann einem nix passieren, als Frau schon gar nicht. Und wenn du abends vom Markt kommst, mit den Restmelonen und Göhren (alleinerziehend, weil der Alte mit einer scharfen Touristin abgehauen ist), isses kalt in der Bude. Aber, ahhh, da liegt noch ein vergilbtes Buch von Heinrich von Kleist rum, darin auch die Erzählung „Das Bettelweib von Locarno“. Du willst und kannst es wieder nicht lesen, gehst auf den Balkon, entfachst mit ein paar Blättern ausm Kleist den Grill und brätst euch die Würstchen aus dem Billigmarkt (weiß man nich, was drin ist; müsste man mal nachlesen). Wenn die Kinder endlich eingeschlafen sind, grübelst du darüber nach, warum alles so ist wie es ist. Und findest wieder keine Antwort. Woher auch? In deinem

    „erfüllten Leben (…)? … ganz ohne Buch, ganz ohne Gausssches Fehlerintegral, ganz ohne Kunst, ganz ohne Theater, ganz ohne Börsenkurse usw., usw,. Das Leben ist eine kunterbunte Veranstaltung. Frau/Mann müssen sich für ein erfülltes Leben nur die für sie richtigen Farbkleckse aussuchen. Ein zuviel an Bildung kann da leicht zu einer Trübung der Augenlinse führen.“

    O.k., bin ich zu fies?
    Obwohl ich deine Sehnsucht nach einem erfüllten Leben ohne all das verquast ‚Verkopfte‘ einer selbsternannten Bildungs-und Geld-Elite sogar verstehen kann, aber man sollte nie Ressentiment gegen Bildung überhaupt daraus machen. Vielleicht läge die Lebens-Kunst darin, ein entwickeltes geistiges Leben inklusive Lesen usw. überhaupt nicht als Gegensatz zu einem erfüllten Leben zu sehen.
    Man kommt so schnell in Vereinfachungen und falsche Alternativen wie:
    hie Intellektuelle – da edle Wilde,
    hie Buch – da Leben,
    hie Kunst – da Melone
    hie verkopft, da sinnlich

    Alles Quatsch. Sich als ganzer Mensch und Mensch ganz zu entwickeln – das erfordert das Gute für Körper, Geist und Seele (wobei Seele bei mir nichts Religiöses meint…). Bei mir gehört Lesehunger zu einem umfassenden Lebenshunger. Und: „Denken ist ein großes Vergnügen“ (Brecht).
    Ich bleib dabei.

    Grüße von einer (nicht nur) Leseratte als Glückskeks, die keinerlei „Glückskatalysatoren schlechthin“ kennt.

  15. #15 | Gerd Herholz sagt am 31. März 2011 um 09:15 Uhr

    # 5 Mir
    Deine Alternative/Empfehlung ist keine:
    „Es gibt Leute die lesen Jack London, und andere die machen sich auf die Spuren von Jack London.“
    Das Problem ist jetzt nur – bei dieser Scheinalternative -, dass Jack London zwar eine harte Kindheit hatte, die Schule abbrach …, aber doch von früh an ein begeisterter Vielleser war. Vielleicht hat ihn das Lesen sogar dazu verführt, sein Abenteurerleben in Angriff zu nehmen. Lesen weckt halt die Phantasie und die Reiselust.
    Außerdem hat London später noch vieles an formaler Bildung nachgeholt, die ‚Universität des Lebens‘ schien ihm nicht alles zu sein.

    Dies und mehr kann man schnell bei Wikipedia unter ‚Jack London‘ nachlesen:

    „Bereits als Kind las er Romane, vor allem aus öffentlichen Bibliotheken. Einer seiner ersten Einflüsse war die englische Schriftstellerin Ouida. Seine große Förderin wurde die später in San Francisco berühmte amerikanische Schriftstellerin Ina Coolbrith, die zu jener Zeit als Bibliothekarin an der Stadtbibliothek von Oakland angestellt war; sie beriet den lese- und bildungshungrigen jungen London bei der Wahl seiner Lektüre, nahm seine Bemühungen um Bildung ernst und ermutigte ihn in seinem Selbststudium. In einem Brief aus dem Jahr 1901 bezeichnet er Coolbrith als die wichtigste geistige Bezugsperson in dieser Zeit seines Lebens und nennt sie seine „Göttin“.[8] Nach einiger Zeit auf See, unter anderem als Robbenjäger auf einer Reise nach Japan und als obdachloser Hobo, holte London seinen Highschool-Abschluss nach. 1896/97 studierte er an der Universität von Berkeley, nachdem er die als anspruchsvoll geltende Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Er brach das Studium aber nach nur einem Studienabschnitt ab und erlangte nie einen Hochschulabschluss.“

  16. #16 | Mir sagt am 31. März 2011 um 10:27 Uhr

    Jack London, Jules Verne, Karl May und andere Abenteurer sind die Helden meines Bruder. Die Hobo-Geschichten, Zeitreisen-Geschichten, Freundschafts-Geschichten hat er uns jüngeren erzählt, vorgelesen oder geschwärmt. Ich hatte nie das Bedürfnis diese Autoren selbst zu lesen, weil ich die Bilder im Kopf habe.
    Ich habe eher die Simenoninitis.

    Im übrigen es gibt eine Alternative: Film, Musik, Kunst. Auch diese Formen können das eigene Leben unterhalten oder auch den Sinn des Daseins andeuten. Das sind Hilfen für Intellektuelle, um das Leben zu verstehen. Es geht aber auch anders, auch meine Nachbarin kann mir ihre Geschichte erzählen oder Fernando Pampillon Miguez
    Lesen Sie mal seine Geschichte.

  17. #17 | Patrizia sagt am 2. Juni 2011 um 23:08 Uhr

    @Gerhard Herholz
    Ihre falsche Interpretation meines Beitrages, – ganz zu schweigen von den wenig zutreffenden Vorstellungen, welche Sie offenbar über unseren Ticino und seine Bevölkerung haben -, führt zu Ihrer negativen Auslegung meiner positiven Einschätzung eines möglichen „erfüllten Lebens“ jenseits von Bildung und Büchern, – eine von vielen möglichen Quellen des Wissens -, und gipfelt in der Frage, ich zitiere, „O.k., bin ich zu fies ?“ …

    Erwarten Sie jetzt einen positiven Gegenentwurf Ihres konstruierten, negativen Abziehbildes ? … nicht wirklich oder ? …

    Einigen wir uns auf Hermann Hesse 🙂 … der für uns beide hübsche Zitate zurechtgezimmert hat über „das Tessin“ und über „Bücher“ …

    „Hier ist die Sonne intensiver und wärmer, die Berge sind röter, hier wachsen Kastanien, Trauben, Mandeln und Feigen. Die Menschen sind gut, wohlerzogen und freundlich…“. 🙂

    „Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Böden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken.“

    Ich habe keine Ressentiments gegen Bildung oder gegen(Geld-)Eliten, – ob selbsternannt oder nicht ist Nebensache, weil diese Einschätzung sehr viel mit individuellen Ansichten zu tun hat -, oder gegen „Verkopfte“, sondern mich stört nur „die Übermacht“, welche der Bildung in unserer modernen Kommunikations-gesellschaft eingeräumt wird. Eine Gesellschaft die Bildung zum kategorischen Imperativ erklärt, entmündigt ihre BürgerInnen und nimmt ihnen die Fähigkeit Alternativen, jenseits gängiger Vorstellungen, für ihr persönliches Lebensglück zu entwickeln. Wieso sollten sich Jugendliche auf einer weiterführenden Schule herumtreiben, wenn jede Stunde für sie dort eine Qual ist ? … scheitern sie, bleiben meist nur die rassistischen Steiner-Schulen … oder wieso sollten sich junge Menschen auf einer Uni herumquälen, z.B. in einer ökonomischen Fakultät, – die erfreuen sich besonderer Beliebtheit -, wenn sie an einfachsten mathematischen Aufgabenstellungen scheitern ?

    Zugegeben ich liebe auch meine wunderbare Bücherwelt, – Harry Potter ist spannender als Jack London, Milton Friedman relevanter als Marx und Hermann Hesse faszinierender als Brecht -, aber was für mich von Bedeutung ist und meinen Vorstellungen von Lebensglück entspricht, „Bildung“ eingeschlossen, – was immer das ist -, muss kein allgemein gültiger Massstab sein. Das grosse Glück lässt sich sicher auch jenseits von Büchern, Bildungseinrichtungen, Matura und Dissertation entdecken.

    @Mir
    Soso dein Bruder hat nur kommunistische Literatur gelesen. Haben es deine Eltern mit dem armen Kerl einmal bei einem guten Arzt versucht ?

  18. #18 | Ate Heck sagt am 3. Juni 2011 um 05:50 Uhr

    Meiner Ansicht nach sind Bildung und Leselust nicht zwingend deckungsgleich, genausowenig wie jeder begeisterte Fernsehkonsument auch ein Cineast ist.

    Der Unterschied zwischen Fernsehkonsum und Lesen ist einerseits der, dass beim Lesen von Gesangbuchliedern, von Marx oder von Rosamunde Pilcher eine Reihe komplexer Vorgänge im Gehirn ablaufen muss, damit man statt schwarzer Flecken auf weißem Grund einen Inhalt erkennen und erfassen kann. Andererseits, und hier kommt das Einzigartige des Lesens zum Tragen, erfasst man nicht nur, was ein Autor mal niederschrieb, sondern man füllt ein Buch immer mit eigenen Bildern und Vorstellungen. Ob Kleist oder Simmel, wenn ich lese, ist es auch mein Werk. Und das macht Lesen zum kreativen Akt oder das macht Lesen für jeden fühlenden Menschen zu einer (vorstrukturierten) Leinwand für seinen eigenen Film;-)

    Natürlich kann man auch ohne Lesen glücklich sein und weise.

    Ich bin mit Lesen aber ein bisschen glücklicher und vielleicht auch weiser geworden, als ich es sonst wäre. Denn Bücher, so sagte einmal die Werbung ganz richtig, sind Erfahrungen, die man kaufen kann. (Oder ausleihen, wenn man Leihbibliotheken nutzt).

  19. #19 | mir sagt am 3. Juni 2011 um 18:40 Uhr

    @ ate heck
    Bücher
    Alle Bücher dieser Welt
    Bringen dir kein Glück,
    Doch sie weisen dich geheim
    In dich selbst zurück.

    von Hermann Hesse
    Rest des Gedichts unter
    https://www.hhesse.de/gedichte.php?load=buecher

    @ Patrizia
    Es war mein Vater der tolerant und gerecht tat, als ich mein Partner (aus einem anderen Kulturkreis) vorstellte, nicht mein ach so belesener Bruder. Der brauchte mehr Zeit dafür. Nur so als Beispiel für Weisheit und Bildung.

  20. #20 | Patrizia sagt am 4. Juni 2011 um 09:29 Uhr

    @Mir
    Was wäre unser Ticino ohne Hermann Hesse und was wäre Hermann Hesse ohne unseren Ticino. Ein absolutes Muss – das Museo Hermann Hesse in Montagnola.

    https://www.lugano-tourism.ch/de/149/hermann-hesse-museum.aspx?idActivity=36&idMod=546

    Nur Paulo Coelho gelingt es auf ähnlich schöne Weise Dinge zu umschreiben und Sehnsüchte zu wecken … Hesse-Zitat: „Das Amt des Dichters ist nicht das Zeigen der Wege, sondern vor allem das Wecken der Sehnsucht.“ … z.B. in seinem Buch „Der Alchimist“. „Erst die Möglichkeit einen Traum zu verwirklichen macht unser Leben lebenswert“ … und … „Denn alle Menschen haben immer genaue Vorstellungen davon, wie wir unser Leben am besten zu leben haben. Doch nie wissen sie selber, wie sie ihr eigenes Leben am besten anpacken sollen.“

    Den „zwanghaft Gebildeten“ fehlt der Respekt vor der Schönheit des Einfachen, und ihnen fehlt die Bewunderung für die Liebe zur Freiheit. Stattdessen proleten sie an ihrer angelernten Richtschnur entlang, ständig bemüht, ihre jüngeren Mitmenschen nach ihrem verbogenen Ebenbild zu formen. Das ist die andere Seite der Medaille Buch.

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