Arye Shalicar: „Ukrainische und russische Juden in Israel sind komplett auf der ukrainischen Seite“

Arye Sharuz Shalicar in einem Cafe in Petach Tikva, Januar 2023: Foto: Peter Ansmann
Arye Sharuz Shalicar in einem Cafe in Petach Tikva, Januar 2023: Foto: Peter Ansmann

Arye Sharuz Shalicar ist immer wieder, wenn es um das Thema Israel und die Konflikte im Nahen Osten geht, Ansprechpartner für die Ruhrbarone.

Der deutsch-israelische Politologe mit persischen Wurzeln hat einen steilen Lebensweg hinter sich. Vom Mitglied in einer Migranten-Gang in Berlin zum Sprecher der israelischen Armee. Interessant und ungewöhnlich genug, dass Warner Bros. die Autobiografie („Ein nasser Hund“) von Arye Sharuz Shalicar auf die Leinwand brachte.

Am letzten Mittwoch konnte ich mich mit Arye Sharuz Shalicar unterhalten. Zwei Tage bevor ein palästinensischer Terrorist ein Massaker in Jerusalem anrichtete, bei dem sieben Besucher einer Synagoge ermordet wurden.

Am letzten Tag meines Israel-Trips sprachen wir in Petach Tikva, einer Vorstadt von Tel Aviv, über den Friedensprozess im Nahen Osten, bei dem der Regierungsmitarbeiter aktiv mitwirkt, über die neue Regierung in Israel und das islamische Regime im Iran.

Besonders interessant: Nach „Der neu-deutsche Antisemit“, „Ein nasser Hund“ und „Schalom Habibi“ arbeitet Arye Sharuz an einem neuen Projekt. Das Thema seines neuen Buches ist der Krieg in der Ukraine.

Das (angenehme) „Problem“ bei Gesprächen mit Arye Sharuz: Aufgrund seines Weges kennt er beide Seiten des Rasens. Seine aktuelle Mitwirkung bei den Verhandlungen mit Israels früheren Feindstaaten, machen ihn zu einer Quelle an vielen Informationen aus erster Hand. Aus diesem Grund haben wir das Gespräch für das Blog in drei Teile gesplittet. Am Abend unseres Treffens, der letzte Tag für meine Freundin und mich in Tel Aviv, war ursprünglich ein gemütlicher Abend auf der Diezengoff-Straße geplant. Ihre Laune, bei der Fahrt in die Vorstadt von Tel Aviv, könnte als „sehr mies“ bezeichnet werden. Das interessante Gespräch – und vielleicht auch das leckere israelische Essen an diesem Abend – drehte ihre Stimmung extrem schnell zum Positiven.

Themen waren das neue Buch von Arye Sharuz, der russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und das Leben und Überleben im Krieg.

Noch eine Info: Aktuell ist Arye Sharuz Shalicar auf Besuch in Deutschland. Heute, morgen und am Donnerstag finden Veranstaltungen in Halle, Leipzig und Altenburg statt.

Leben und Überleben in der Ukraine

Ruhrbarone: Auf Facebook hast du vor ein paar Tagen etwas zu deinem neuen Projekt, dem Tagebuch aus Kherson, geschrieben. Das Thema ist der Krieg in der Ukraine. Worum geht es genau?

Arye Sharuz: Die Situation – die mich dazu gebracht hat überhaupt darüber zu schreiben – war, als mein Schwiegervater hier am Flughafen stand. Mit einem Rucksack. Diese Situation hat mich sehr bewegt. Dass ein 73-jähriger Mann sein ganzes Leben irgendwie hinter sich lässt und in ein fremdes Land geht. 

Mit einem Rucksack auf dem Rücken. Eine Flucht. Ich bin relativ sicher, dass es heutzutage kaum noch Deutsche gibt, die sich in so einer Situation überhaupt reinversetzen können. Das klingt alles so nach damals, nach Nazi-Zeit. 

Wo Menschen halt in solche Situationen reingeraten sind.

Ruhrbarone: Ist die Situation in Deutschland während der Zeit des tausendjährigen Reiches mit der heutigen vergleichbar?

Arye Sharuz: Es ist etwas anderes, weil in Deutschland der Deutsche alles hatte. Vielleicht hatte der Jude nicht alles. Aber der Deutsche konnte normal einkaufen gehen. Der hatte sein Geld. Der konnte seiner Arbeit nachgehen. Wenn er der richtigen Partei angehörte, ging es ihm richtig gut.

Ruhrbarone: Und im Buch geht es um das Leben in diesem Krieg?

Arye Sharuz: Ich schildere im ersten Teil, das sind dann so ungefähr 20 Tagebucheinträge, das Leben und Überleben in der Ukraine nach Kriegsbeginn. In Mini-Geschichten.

Ruhrbarone: Geschrieben von deinem Schwiegervater?

Arye Sharuz: Das sind keine Short-Storys, die er mir erzählt hat. Er hat mir allgemein die ganze Zeit erzählt. Die ganzen Monate habe ich mitgehört und habe mir das so aufgebaut, wie es Sinn macht. Nach wahren Begebenheiten. Es ist keine 1:1-Autobiographie. Diese Kurzgeschichten fangen halt am 24. Februar 2022 an.

Ruhrbarone: Dem Tag, an dem Russland die Ukraine überfiel.

Zeichen der Solidarität: Britische Botschaft in Tel Aviv; Foto: Peter Ansmann

Arye Sharuz: Wo im ersten Tagebucheintrag steht, dass er seiner Tochter, also meiner Frau, sagt: „Du, es ist Krieg. Ich weiß nicht, wohin die Reise führen wird. Aber ich fange an, dir zu schreiben. Weil wir uns vielleicht nie wieder sehen.“ 

Am nächsten Tag kommt dann schon „Wir haben uns als Freiwillige zusammengetan. Wir haben den Auftrag bekommen, die Antoniwkabrücke, die Verbindung zwischen Cherson und der Krim, zu bewachen. Aber die Russen sind rübergekommen und haben 60 von uns ermordet und an der Seite liegengelassen.“

Und dann geht es weiter mit „Supermärkte werden geschlossen“, „Bäckereien werden geschlossen“. Es gibt Brotwagen, die von außerhalb kommen und für den doppelten Preis Brot verkaufen. Plötzlich funktionieren Bankautomaten nicht mehr. Man kann kein Geld ziehen. Wenn du kein Geld hast, kannst du nichts kaufen.

Dann haben die entwickelt, weil Supermärkte geschlossen sind, dass der Einkaufstrubel wieder, wie im Mittelalter, zurück auf die Märkte geht. Nicht mehr diese modernen Shopping-Malls. Man geht auf den Wochenmarkt und kriegt dort seine Eier, sein Brot, sein Gemüse. Aber wie kannst du kaufen, wenn du kein Bargeld hast?

Es gibt Geldwechsler dort. Du kommst dahin, die haben einen Automaten. Du sagst, wie viel Geld in Cash du haben willst. Sagen wir, du willst 1000 Hrywnja, das ist die ukrainische Währung. Dann sagen die, du musst auf ein Konto von einem Kollegen des Geldwechslers außerhalb von Cherson, wo die Russen nicht sind, 1000 – sagen wir Euro – überweisen. Wenn die Transaktion funktioniert hat, bekommst du die 1000 Euro in Cash – abzüglich 10% Zinsen und Arbeitsgebühr.

Ruhrbarone: Also im Prinzip wie bei Western Union?

Arye Sharuz: Sowas in der Art. Und so hat mein Schwiegervater in dieser Zeit sein Geld bekommen, um einzukaufen.

Ruhrbarone: Die Versorgungslage dürfte in einer Belagerungssituation nicht optimal sein…

Arye Sharuz: Auch bei Medikamenten, die man braucht. Mein Schwiegervater braucht Augentropfen. Die sind dort ausgegangen. Er hat mich hier in Israel gebeten diese Tröpfchen zu besorgen, sie dann jüdischen Rabbinern, die durch die Welt reisen und auch in Kriegssituationen unterwegs sind, mitzugeben. Ich bin zu diesem Rabbiner nach Jerusalem gefahren, hab ihm eine kleine Tüte mit diesen Medikamenten überreicht. Dieser Rabbiner musste auf eine Hochzeit in Frankreich und konnte die Medikamente jemanden überreichen, der in die Ukraine ging.

Diese Situation kann man sich in Deutschland kaum vorstellen.

Ruhrbarone: Dieser Krieg gegen die Ukraine, wurde ja in Russland – von Putin – als „Kampf gegen Nazis“ verkauft. Wie sieht die israelische Bevölkerung diesen Konflikt?

Tel Aviv zeigt sich solidarisch mit der Ukraine; Foto: Peter Ansmann
Tel Aviv zeigt sich solidarisch mit der Ukraine; Foto: Peter Ansmann

Arye Sharuz: Ich persönlich bin immer gegen komische Vergleiche. Man muss jede Situation für sich sehen. Die Ukraine wird seit einem Jahr bombardiert. Menschen werden dort ermordet. Das ist ein Angriffskrieg der Russen, durch Putin. Das hat zu tun mit Macht und diesem geopolitischen Machtspiel. Putin will die Ukraine als Puffer für sich behalten. Ukraine war Teil der Sowjetunion, das war die Einfluss-Sphäre der Russen. Die ukrainischen Regierungen der letzten Jahre haben sich immer pro westlich geäußert: NATO-Beitritt, EU-Beitritt, solche Geschichten. Von daher war es irgendwo absehbar, dass etwas passieren wird. Dass es so krass gekommen ist, zeigt nur, dass es Putin sehr ernst in Sachen Ukraine und seinen russischen Interessen.

Es ist ein krasser Angriffskrieg, ich kenne in Israel niemanden, der das russische Vorgehen verteidigt. Wir haben in Israel eine sehr große russischsprachige Community. Davon ist ungefähr die Hälfte aus der Ukraine – meine Frau, wie gesagt, auch. Die andere Hälfte ist aus Russland. Und dazwischen noch Communitys aus den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken.

Aber sowohl ukrainische, als auch russische Juden in Israel, sind komplett – wie ein Mann – mit dem Herzen und dem Verstand auf der ukrainischen Seite, als diejenigen die beschossen werden. Ich übrigens auch. Ich finde es hochproblematisch. Der Bezirk, wo mein Schwiegervater herkommt, wird beschossen und bombardiert. Und du fragst dich: Was haben die Menschen dort in diesem Bezirk in Cherson getan, um bombardiert zu werden? 

Ruhrbarone: Es klingt sehr persönlich.

Arye Sharuz: Ich versuche, in dem Buch keine große Politik zu machen. Ich versuche die menschliche Tragödie, anhand des Tagebuches, zu schildern. Sehr nüchtern. Es ist kein Roman. Komplett nüchtern.

Ruhrbarone: Gibt es viele ukrainische Flüchtlinge in Israel?

Arye Sharuz: Nicht so viele wie in Deutschland, weil das näher dran ist. Du kannst nach Israel nicht über Landwege kommen. Deshalb ist der Weg nach Europa viel einfacher. Wieso sollte ein Flüchtling, wenn er über Landwege nach Europa kann, warum sollte er das Flugzeug nehmen um nach Israel zu kommen?

„Putin stand am nächsten Tag vor der Tür und hat das Vakuum gefüllt.“

Ruhrbarone: Vermutlich nur die jüdische Community?

Arye Sharuz: In erster Linie. Es sind aber auch viele nicht-jüdische Menschen nach Israel gekommen, die hier Verwandte haben oder Freunde, die Hilfe angeboten haben.

Ruhrbarone: Wie steht die israelische Regierung in diesem Konflikt?

Arye Sharuz: Wir haben jetzt die neue Regierung, in den eineinhalb Jahren davor hatten wir die Bennett-Lapid-Regierung. Prinzipiell wurde sowohl von Lapid, insbesondere von Lapid, aber auch von Bennett – wenn auch zurückhaltender – das russische Vorgehen kritisiert. Und man hat sich komplett auf die ukrainische Seite gestellt. Zumindest mit Worten. Wenn wir bei Taten sind, hat Israel politisch versucht, sich nicht ins Feuer zu stellen. Aber dennoch hat Israel humanitäre, medizinische und verteidigungstechnische Hilfe geleistet. Schutztechnologien, keine großen Rakenabwehrsysteme, sondern individuelle Sachen – Westen oder so – die jetzt nicht den großen Status Quo ändern. Aber Menschenleben retten können. Israel ist ganz gut mit diesen Ad-Hoc-Feldlazaretten, die Israel schon überall auf der Welt in Krisensituationen eingesetzt hat. Das Homefront-Kommando der israelischen Armee wird dann dahin geschickt. Die bauen dann ein riesiges Zelt, ein mobiles Krankenhaus, auf. Wo dann auch eine Search-and-Rescue-Einheit der israelischen Armee dabei ist.

Straßenbild in Tel Aviv im Januar 2023; Foto: Peter Ansmann
Straßenbild in Tel Aviv im Januar 2023; Foto: Peter Ansmann

Ruhrbarone: Gibt es eine ähnliche Diskussion wie in Deutschland bei der Lieferung von Leopard-II-Panzern?

Arye Sharuz: Warum Israel nicht „lauter einsteigt“ und die ukrainische Seite – auch wenn es moralisch richtig wäre – mit Angriffswaffen unterstützt oder mit riesigen Iron-Dome-Batterien hat mehrere Gründe. Zum einen, wenn wir kurz mal vergleichen: Deutschland, Amerika, das sind NATO-Mitglieder. Andere Länder sind Mitglieder der Europäischen Union, sind zentrale Spieler in der UN. Sind in diesem Security-Council der UN. In all diesen Gremien ist Israel nicht beteiligt. Israel ist in erster Linie Solospieler. Und wenn du ein Solospieler bist, kannst du dich nicht in diesen Riesenkrieg einmischen. Dazu kommt: Wir sind im Krieg. Täglicher Krieg. Während wir hier sitzen, reden und lachen ist Israel in Krieg. Gegen den Iran, Revolutionsgarden, Syrien, Libanesen, Hisbollah, Namas, islamischer Dschihad. Der Militärgeheimdienst, die Luftwaffe, und so weiter: Die schieben Nachtschichten. Arbeiten an Feiertagen. Zum hohen Jom Kippur.

Ruhrbarone: Wo du den Iran erwähnst. Die Iraner liefern Drohnen an die Russen. Wir wird das aufgenommen?

Arye Sharuz: Wundert niemanden. Die Russen stehen hinter den Iranern. Weil die Amerikaner, stehen auf der anderen Seite. Und jeder, der auf der anderen Seite steht, tut sich dann zusammen.

„Israel braucht diese Iron Domes erstmal selber.“

Ruhrbarone: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Arye Sharuz:  So ungefähr. Das ist ein bisschen so, weil Israel und die Golfstaaten sich näher gekommen sind. Die Unterwanderung durch die Schiiten, die Unterwanderung durch die Revolutionsgarden, durch die Mullahs. Israel, in diesem Dauerkonflikt hier: Wenn Israel, angenommen, auch Waffen wollen würde. Man sagt ja immer: Iron Dome!

Israel braucht diese Iron Domes erstmal selber. Wir haben hier neun Iron-Dome-Batterien. Die decken nicht mal Israel ab. Es ist absurd zu denken, dass Israel diese Systeme, die es braucht, die jederzeit in Einsatz sein können. Auch heute Abend noch. Dass man denkt, die Israelis würde die irgendwohin schicken, um hilflos dazustehen, ist absurd.

Arye Sharuz Shalicar im Gespräch mit den Ruhrbaronen, Januar 2023: Foto: Peter Ansmann

Ruhrbarone: Die Russen setzten in diesem Krieg auch wenig auf Katjuschas.

Arye Sharuz: Sich vorzustellen, dass diese Iron-Dome-Batterien die Langstreckenraketen der Russen beeinträchtigen können ist auch Schwachsinn. Die Iron Dome ist für Kurzstreckenraketen gedacht. Auch das ist wieder so Unwissen. Hauptsache irgendwie Iron Dome in den Ring schmeißen, „was soll das, wieso wird nicht geliefert.“ Die Russen schießen nicht mit Katjuschas. Es ist komplizierter.

Ruhrbarone: In wieweit?

Arye Sharuz: Jetzt kommt hinzu, dass die Russen seit 2013 die Schirmherrschaft über Syrien übernommen haben. Seit Obama, die roten Linien der Amerikaner, nicht in die Tat umgesetzt hat. Das war, als Assads Leute diese Giftgas-Angriffe gestartet haben. Das war für die Westen ein No Go. Da wurde gequatscht. Aber wenn nichts passiert, dann sind all diese Worte, leere Worte. 

Und wer hat mitbekommen, dass der Westen nur labert und nichts macht? Putin! Putin stand am nächsten Tag vor der Tür und hat das Vakuum gefüllt. Weil der Mann nicht dumm ist und verstanden hat: Der Westen bringt nichts in Syrien. Er kommt jetzt mit den Russen und übernimmt das Lager. Hat es übernommen. Die Russen haben die komplette Schirmherrschaft über Syrien übernommen. Und unter dieser Schirmherrschaft gibt es verschiedene Spieler: Die Syrier, die Iraner, die Libanesen. Die schiitische Ache. Die haben zusammengearbeitet und haben in den letzten zehn Jahren ihre Infrastruktur in Syrien aufgebaut.

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