Ukraine: Was ist am Kernkraftwerk Saporischschja los?

Wärmekraftwerk mit Kühltürmen, Kesselhaus und Schornsteinen sowie Kernkraftwerk Saporischschja mit sechs Reaktorblöcken von Westen. (Quelle: Ralf1969/ CC BY-SA 3.0)

Mit Sorge schauen viele auf die Situation beim Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine. Die Situation ist unübersichtlich. Unser Gastautor Holm Gero Hümmler ordnet für uns die Situation ein, und analysiert denkbare Szenarien.

Was ist passiert?

Die Russen versuchen sich ganz offensichtlich auf dem Kraftwerksgelände und im unmittelbaren Umland zu verschanzen. Hier sieht man Drohnenaufnahmen, wie russische Panzerfahrzeuge in die Turbinenhalle von Reaktor 1 fahren. Das verstößt natürlich gegen Sicherheitsvorschriften, internationale Vereinbarungen und den gesunden Menschenverstand, aber wenn man sich das Verhalten der Besatzer an anderen Stellen ansieht, verwundert es auch nicht weiter.
Die Schützengräben auf den Bildern liegen vor allem auf einem Brachstreifen zwischen dem Kraftwerk und dem benachbarten Industriegebiet. Die Wohngebiete sind etwa 5 km weiter.

Mir sind bislang keine konkreten Belege begegnet, dass russische Artillerie aus dem Kraftwerksgelände heraus eingesetzt worden wäre, obwohl man „von Standorten in oder um das Kraftwerk“ in eher allgemein gehaltenen ukrainischen Stellungnahmen immer mal liest. Nikopol, direkt auf der anderen Seite des Dneprstausees, wurde in den vergangenen Tagen mehrfach über den See hinweg beschossen, aber nach ukrainischen Quellen vor Ort „aus Wohngebieten heraus“.

Continue Reading

Ein paar Literaturtipps zum Krieg Russlands gegen die Ukraine

In den Kämpfen um Hostomel beschädigter BMD-2 der 31. Luftangriffsbirigade der Russischen Föderation Foto: Головне управління розвідки Міністерства оборони України Lizenz: CC-BY 4.0


Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine ist ein Krieg eskaliert, der 2014 mit der Besetzung der Krim und der Gründung von Pseudo-Republiken im Donbass seinen Anfang nahm. Wir werden seitdem Zeugen des größten Krieges in Europa seit dem zweiten Weltkrieg. Und die Schlachtfelder sind oftmals dieselben wie in den 40er Jahren. Ich möchte ein paar Bücher vorstellen, von denen ich glaube, dass sie zum Verständnis des Geschehens beitragen. Mir haben sie jedenfalls geholfen, einen ersten Überblick zu bekommen:

Serhii Plokhy: Die Frontlinie
Plokhy zeichnet detailliert die Geschichte der Ukraine seit den ersten Erwähnungen bei Herodot nach. Es ist die Geschichte einer multiethnischen Nationenbildung. Ein Ansatz, der auch über die Ukraine hinaus interessant ist, weil die Idee der Nation als politischem Gebilde mit einem Staatsvolk bei näherer Betrachtung eigentlich nie mit der Wirklichkeit übereinstimmt. In dem Buch werden die jahrhundertealten Konflikte mit Russland nachgezeichnet, die Zugehörigkeit der Ukraine zur PolnischLitauischen Union und die Kämpfe um die Eigenstaatlichkeit. Außerdem hat Serhii Plokhy mit Die Frontlinie ein handwerklich exzellentes Geschichtsbuch vorgelegt, das zeigt, zu was dieses Fach in der Lage sein kann, wenn es nicht in die Hand postmoderner Erzähler von „Narrativen“ gerät: Es ist reich an Quellen, die eigene Arbeitsweise wird offengelegt und problematisiert und der Stand der Debatte über die ukrainische Geschichte beschrieben.

Continue Reading

Ukraine: „Was gerade gefragt ist, sind Artilleristen und Panzerspezialisten“

Günter


Ich habe Günter (Kampfname) an einem geheimen Ort in Lwiw getroffen. Der Mitte 40-jährige kämpft seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf der Seite der ukrainischen Armee gegen die russische Invasion. Was bringt einen Schweizer dazu, sein Leben und seine Gesundheit in einem anderen europäischen Land aufs Spiel zu setzen? Von unserem Gastautor Christian Gruber (Lwiw) 

Hallo Günter, wie lange bist du bereits in der Ukraine. Was ist deine Aufgabe hier vor Ort?

Also der Aufenthalt in der Ukraine hat in der ersten Kriegswoche begonnen. Das war zwei Tage nach der Kriegserklärung durch den russischen Staat. Ich bin dann, als klar war, dass der russische Staat direkt Kyiv angreifen wird, mit dem Auto von der Schweiz in die Ukraine gefahren. Dabei hat mir ein bereits bestehendes Netzwerk geholfen. Seitdem ist einiges an Zeit

Continue Reading

Den Unterzeichnern der offenen Briefe geht es nicht um Frieden

Siedlung Borodianka (Oblast Kiew, Ukraine) nach russischem Beschuss. Foto: Staatlicher Notdienst der Ukraine Lizenz: CC-BY 4.0

 

Eine Debatte über die Frage, ob es richtig ist, die Ukraine mit schweren Waffen zu unterstützen, könnte wichtig sein, wenn die Gegner dieser Politik nicht nur über ihre eigenen Befindlichkeiten reden würden.

Ich finde es gut, dass die Bundesrepublik die Ukraine mit schweren Waffen unterstützt, und bin der Meinung, dass dies schon vor Wochen hätte passieren müssen. Putin ist ein Imperialist, der mindestens alle ehemaligen Staaten der Sowjetunion bedroht und seine Propagandisten träumen von einem gemeinsamen Eurasien von Wladiwostok bis Lissabon. Die Ukraine verteidigt nicht nur ihre, sondern auch unsere Freiheit. Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, ihr zu helfen. Einen Aggressor stoppt man nicht, indem man ihm nachgibt. Die Ukraine hat diesen Krieg so wenig gewollt wie der Westen. Aber wenn man in einen Krieg gezwungen wird, sollte man versuchen, ihn zu gewinnen. Dafür braucht es Waffen.

Continue Reading

Ist die NATO zu dumm für rote Linien – oder einfach zu feige?

Photo by Mika Baumeister on Unsplash

Seit fast drei Wochen hält die Ukraine mutig und selbstbewußt dem russischen Angriffskrieg stand. Und die NATO schaut zu. Spätestens seit Putins Gewinke mit dem Fakt, dass Russland Atomwaffen besitzt und die auch einsetzen kann, hat man dort eine finale Rechtfertigung, den Ukrainern einfach beim Sterben zusehen zu können, und das alles ganz tragisch finden zu können, aber eben nicht die westlichen Werte mit den eigenen Soldaten verteidigen zu müssen.

Der nun wirklich nicht für seine sichere Verortung in westlichen Werten bekannte polnische Vizepremier Jaroslaw Kaczynski sieht dies nun, zumindest ein stückweit, anders, und bringt eine NATO-Mission in der Ukraine ins Gespräch, und benennt dabei auch offen, dass diese bewaffnet sein müsste.

Continue Reading

Flucht aus Kiew nach Duisburg: „Schließt den Luftraum über der Ukraine!“

Per Anhalter: Viktoria (hinten links) und Anna flüchteten über Cottbus aus Kyjiw nach Duisburg
Per Anhalter: Viktoria (hinten links) und Anna flüchteten über Cottbus aus Kyjiw nach Duisburg

Anna und ihre Lebenspartnerin Viktoria sind vorletzte Woche aus Kyjiw, das damals bereits von heftigen Terrorangriffen der russischen Armee betroffen war, geflohen.

Seit dem vierten März 2022 sind Anna und Viktoria in Duisburg. Über Matthias-André Richter, der bei den Demonstrationen in Düsseldorf gegen den putinschen Angriffskrieg als Redner auf dem Podium stand und bis zum Kriegsausbruch einen Wohnsitz in Kyjiw hatte, und die Jüdische Gemeinde in Düsseldorf konnten die beiden Kriegsflüchtlinge bei ihrer Ankunft eine Wohnung in Duisburg beziehen: Durch Sachspenden und freiwillige Helfer fanden Anna und Viktoria nach ihrer Flucht eine bezugsfertige Wohnung vor.

Die Ruhrbarone hatten Fragen an Anna, die fließend Deutsch spricht und sich jetzt bereits in Düsseldorf und Duisburg um andere Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine kümmert: Zur Lage in Kyjiw, zur Flucht und ihrer aktuellen Situation in Deutschland.

Continue Reading

„Hoffentlich ist Kiew morgen früh noch nicht gefallen.“

Ein echter Held.

Seit Beginn des niederträchtigen und widerwärtigen Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine vor über einer Woche ist einer meiner letzten Gedanken vor dem Einschlafen: „Hoffentlich ist Kiew morgen früh noch nicht gefallen.“ Dann schlafe ich. Ein Luxus, den die Menschen in Kiew und in großen Teilen der Ukraine nicht haben. Sie können nachts nicht einfach schlafen: Luftalarm, einschlagende Bomben und Kampfhandlungen halten sie wach; in überfüllten U-Bahn-Schächten lässt sich nur schwerlich ein Auge zu bekommen. Aber ich schlafe.

Und am nächsten Morgen ist Kiew nicht gefallen. Und ich freue mich, und dann denke ich „Noch nicht“, und ich frage mich zunehmend, wie lange Kiew noch dem russischen Ansturm tapfer standhalten wird. Russland greift längst nicht mehr nur militärische Ziele an. Der Frust über das Scheitern der Offensive ist dem Aggressor anzumerken. Eine Belagerung zeichnet sich ab, verdammenswerte Angriffe auf die Zivilbevölkerung sollen die Ukrainer mürbe machen. Davon ist derzeit noch wenig zu spüren: jeden Tag fiebert man gewissermaßen den Ansprachen von Selenskyi entgegen, einem echten tapferen und aufrechten Helden.

Continue Reading

„Drehen Sie endlich dem Kriegsverbrecher Putin den Geldhahn zu“

#StandWithUkraine - MdL Stefan Engstfeld (Bündnis90/Grüne): "Drehen Sie endlich dem Kriegsverbrecher Putin den Gashahn zu!"; Foto: Peter Ansmann
#StandWithUkraine – MdL Stefan Engstfeld (Bündnis90/Grüne): „Drehen Sie endlich dem Kriegsverbrecher Putin den Gashahn zu!“; Foto: Peter Ansmann

6000 Menschen, statt der angemeldeten 100  Demonstrationsteilnehmer, zeigten gestern in Düsseldorf ihre Solidarität mit der Ukraine.

Die Demonstranten hatten klare Forderungen: Ausschluss von Russland vom SWIFT-Abkommen, härtere Sanktionen gegen den Aggressor Russland, Waffenlieferungen für die Ukraine.

Continue Reading

#standwithukraine: Demonstrationen in Düsseldorf, Duisburg und Köln

Heute um 17.00 Uhr findet am Schadowplatz in Düsseldorf eine Solidaritätsdemo für die Ukraine statt. Die Veranstaltung wird von der Gemeinde der Ukrainisch-Katholischen Kirche und vom Verein Ridne Slowo e.V. in Düsseldorf organisiert.

Eine weitere Demonstration (am gleichen Ort) findet am Samstag, den 26. Februar 2022 von 14.00 bis 16.00 Uhr statt.

Blau-Gelbes-Kreuz e.V veranstaltet heute ab 14.00 Uhr eine Kundgebung am Hauptbahnhof in Köln (U-Bahnhof Dom).

#standwithukraine

Update 15:00 Uhr, 24.02.2022:

Solidaritätskundgebung für die Ukraine in Duisburg!