Ukraine: Was ist am Kernkraftwerk Saporischschja los?

Wärmekraftwerk mit Kühltürmen, Kesselhaus und Schornsteinen sowie Kernkraftwerk Saporischschja mit sechs Reaktorblöcken von Westen. (Quelle: Ralf1969/ CC BY-SA 3.0)

Mit Sorge schauen viele auf die Situation beim Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine. Die Situation ist unübersichtlich. Unser Gastautor Holm Gero Hümmler ordnet für uns die Situation ein, und analysiert denkbare Szenarien.

Was ist passiert?

Die Russen versuchen sich ganz offensichtlich auf dem Kraftwerksgelände und im unmittelbaren Umland zu verschanzen. Hier sieht man Drohnenaufnahmen, wie russische Panzerfahrzeuge in die Turbinenhalle von Reaktor 1 fahren. Das verstößt natürlich gegen Sicherheitsvorschriften, internationale Vereinbarungen und den gesunden Menschenverstand, aber wenn man sich das Verhalten der Besatzer an anderen Stellen ansieht, verwundert es auch nicht weiter.
Die Schützengräben auf den Bildern liegen vor allem auf einem Brachstreifen zwischen dem Kraftwerk und dem benachbarten Industriegebiet. Die Wohngebiete sind etwa 5 km weiter.

Mir sind bislang keine konkreten Belege begegnet, dass russische Artillerie aus dem Kraftwerksgelände heraus eingesetzt worden wäre, obwohl man „von Standorten in oder um das Kraftwerk“ in eher allgemein gehaltenen ukrainischen Stellungnahmen immer mal liest. Nikopol, direkt auf der anderen Seite des Dneprstausees, wurde in den vergangenen Tagen mehrfach über den See hinweg beschossen, aber nach ukrainischen Quellen vor Ort „aus Wohngebieten heraus“.

Im Juli wurde ein russischer Kommandostand auf dem Kraftwerksgelände von ukrainischen Drohnen zerstört. Die Zelte standen nahe eines der kleinen, inneren Kühlteiche (die übernehmen dort die Funktion von Kühltürmen) und einiger nicht identifizierter Verwaltungsgebäude. Der Angriff war klar begrenzt, und in der Nähe hätte nicht viel kaputtgehen können.

In den letzten Tagen gab es von beiden Seiten mehrfach Meldungen über Einschläge auf dem Werksgelände. Satellitenaufnahmen zeigen Brandspuren nur an einer eher kleinen Stelle knapp außerhalb des Werksgeländes. Die einzige konkrete Angabe eines Einschlagorts (wo aber auf Satellitenbildern kein Schaden erkennbar ist) ist das Trockenlager für alte Brennstäbe. Das ist im Wesentlichen ein betonierter Platz, auf dem Castor-Behälter stehen. Die brauchen keine Kühlung oder sonstige Bemutterung mehr – die stehen da nur rum. Außerdem wären die auch mit schwerer panzerbrechender Munition nicht kaputtzukriegen, also dort kein relevantes Risiko.

Was könnte (theoretisch) passieren?

Zerstörung des Reaktorcontainments: Die Betonglocken über den Reaktoren könnte man mit den Mitteln, die normalen Heereseinheiten zur Verfügung stehen, nicht einmal sprengen, wenn man es darauf anlegen würde. Artilleriebeschuss sollte denen gar nichts ausmachen, und selbst gezielte Angriffe mit schweren Marschflugkörpern würden sie zwar erschüttern, aber nicht aufbrechen. Da müsste man schon lasergelenkte bunkerbrechende Bomben direkt auf die Reaktoren werfen – und warum sollte irgendwer das tun?

Längerfristiges Ausbrechen der Kettenreaktion (wie in Tschernobyl 1986): In Leichtwasserreaktoren technisch nicht möglich. Im Zweifel reicht ein Knopfdruck oder ein kurzzeitiger Stromausfall, um die Reaktoren abzuschalten.

Zerstörung der Kühlsysteme: Da wird es kribbeliger. Auch abgeschaltete Reaktoren produzieren noch sehr lange sehr viel Wärme, und wenn alle Kühlsysteme ausfielen, hätte man eine Situation wie in Fukushima. Diese Systeme sind allerdings redundant ausgelegt. Solange einer der Reaktoren läuft, kühlen sie mit eigenem Strom, sonst mit Strom aus dem Netz, wenn das ausfällt mit Dieselaggregaten mit ca. 10 Tagen Vorrat. Danach müsste man sich darauf verlassen, dass die Russen Diesel anliefern oder durchlassen, aber solange sie selbst in der Nähe sind, haben sie beste Gründe, das ordentlich zu machen. Die Kühlteiche sind über große Strecken verteilt (z.B. links unten im Bild), einige davon 2km von den Reaktoren entfernt, und es gibt auch noch zwei Kühltürme, aber ich gehe davon aus, dass man bei der aktuellen Hitze auch einige davon braucht, und ich weiß nicht, wie redundant die Kühlleitungen zu den Teichen sind. Zur Not müsste man auch einfach ohne die Teiche direkt über den See kühlen können. Der ist ja groß. Wie auch immer, auch eine substantielle Zahl ungezielter Artillerieeinschläge auf dem Gelände sollten die Kühlsysteme wegstecken. Problematisch wird es bei einem massiven Flächenbombardement oder bei…

Sabotage: Meldungen in russischen Medien, dass ein russischer General gedroht hätte, die Anlage lieber gezielt zu zerstören als bei einem Abzug zu übergeben, hält ISW im aktuellen Lagebericht für Fälschungen. Der war offensichtlich nicht mal in der Nähe der Veranstaltung, wo er das gesagt haben soll.
Aus Kiew heißt es, die Anlage sei „vermint“ worden – das kann alles mögliche heißen. Zumindest wo man Schützengräben anlegt, wird man sicherlich auch Minen einsetzen, um diese zu sichern – die wären aber keine Gefahr für die Anlage. Dazu kommt, dass die ukrainische Propaganda schon mehrfach durch ziemlich krasse Dramatisierungen der Lage um kerntechnische Anlagen aufgefallen ist, um den Westen zum Handeln zu bewegen. Gleichzeitig nutzen russische Propagandakanäle solche Berichte, um Angst in der westeuropäischen Bevölkerung zu schüren. Ärgerlicherweise funktioniert das auch, obwohl wir selbst bei einer Kernschmelze aller sechs Reaktoren keinerlei nachweisbare gesundheitliche Folgen zu befürchten hätten. Tschernobyl hat viel mehr Radionuklide in höhere Atmosphärenschichten befördert, als das hier zu befürchten wäre (Leichtwasserreaktoren brennen nicht), und das Wetter hat ziemlich viel davon direkt in unsere Richtung geblasen – und trotzdem war die zusätzliche Lebenszeitdosis für Deutsche in einer Größenordnung, die wir bei anderen Einflussfaktoren (zum Beispiel unserem Wohnort) nicht einmal zur Kenntnis nehmen.

Nahkampf: Einen Frontalangriff auf die Anlage kann man wohl, ebenso wie auf die benachbarte Stadt, ausschließen. Das Kraftwerk und das Industriegebiet wären eine Festung vergleichbar mit Azovstal, nur dass die Russen sicherlich keine Anstrengungen unternehmen würden, ihre Truppen dort unter solchen Risiken zu versorgen. Durch den Stausee ist das Risiko, dort eingekesselt zu werden, auch besonders groß. Ich würde also erwarten, dass die Russen bei einer Gegenoffensive in der Nähe sehr wahrscheinlich frühzeitig flüchten würden. Das haben sie in solchen Situationen bislang immer getan. Ansonsten wären sie dort leicht auszuhungern.

Überlastung der Bedienmannschaften: In deren Haut möchte ich nicht stecken. Die arbeiten seit Monaten unter feindlicher Besatzung, mit Bedrohungen und Schikanen, aber sie sind unverzichtbar und unersetzbar. Die Anlagen sind aber normalerweise so ausgelegt, dass zumindest Bedienfehler einer einzelnen Person keine gravierenden Folgen haben sollten. Wie auch immer – wenn das vorbei ist, würde ich gerne dafür spenden, diesen Leuten einen ordentlichen Urlaub oder eine Kur zu bezahlen.

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2 Kommentare

  1. #1 | Werntreu Golmeran sagt am 9. August 2022 um 21:20 Uhr

    Ausnahmsweise mal ein sachlicher Beitrag hier!

  2. #2 | Vortragsvideo: Holm Hümmler über „Radioaktivität abseits der Kernenergie“ | gwup | die skeptiker sagt am 13. August 2022 um 17:18 Uhr

    […] Hümmler: Ukraine – Was ist am Kernkraftwerk Saporischschja los? Ruhrbarone am 9. August […]

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