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‚Bayernbonus‘ im Fußball? – Nach der Vidal-Schwalbe im DFB-Pokal wird es sich zeigen…

Der DFB-Pokal. Foto: Robin Patzwaldt

Der DFB-Pokal. Foto: Robin Patzwaldt

Es war unzweifelhaft der große Aufreger der bisherigen Fußballwoche. Nicht die Tatsache, dass der FC Bayern München gestern seiner Favoritenrolle im DFB-Pokal-Halbfinale gegen den SV Werder Bremen vollauf gerecht wurde, letztendlich recht ungefährdet mit 2:0 gewann, aber sehr wohl die Tatsache, dass der chilenische Nationalspieler Arturo Vidal sich dabei tatsächlich einer so plumpen ‚Andy Möller-Gedächtnisschwalbe‘ bedienen musste, um den Sieg der Bayern am Ende wirklich sicherzustellen.

Und das besonders Ärgerliche daran: Im ersten Augenblick schien von den unmittelbar Beteiligten kaum jemand daran ernsthaft Anstoß zu nehmen. ‚Es war halt eine Schwalbe. ‚Clever‘ gemacht. So ist es halt manchmal im Fußball. …‘

Es dauerte erstaunlicher Weise eine ganze Weile, bis sich die Stimmung in der Öffentlichkeit etwas wandelte. Gibt es ihn etwa doch, diesen viel diskutierten Bayernbonus, über den wir auch hier im Blog gestern zufälliger weise erst noch kurz diskutiert hatten?

Arturo Vidal war gerade einmal drei Minuten auf dem Platz, als er mit dem Ball am Fuß in den Strafraum stürmte. Bremens Janek Sternberg kam herangestürmt, um Schlimmeres zu verhindern, und der Münchner ging spektakulär zu Boden. Und Schiedsrichter Tobias Stieler zögerte in dieser 70. Minute keinen Moment mit seiner Entscheidung: Elfmeter!

Die Fernsehbilder offenbarten allerdings eine extrem freche ‚Schwalbe‘. Vidal war gar nicht berührt worden. Erstaunlich gelassen reagierten anschließend allerdings hingegen fast alle Beteiligten darauf.

„Solche Sachen können passieren, da muss der Schiedsrichter etwas mehr aufpassen. Sie können ein Spiel entscheiden“, fand z.B. Bremens Stürmer Claudio Pizarro.

Auch der Bremer Geschäftsführer Sport, Thomas Eichin, blieb vergleichsweise entspannt. „Vidal wartet auf den Kontakt, aber der kam nicht. Das ist in der Geschwindigkeit schwer zu sehen“

In den sozialen Netzwerken reagierte man zunächst auch noch eher amüsiert bzw. ‚locker‘ auf den offenkundigen ‚Betrugsversuch‘.

Ältere Zeitgenossen fühlten sich hingegen sofort intensiv an die legendäre Schwalbe des damaligen BVB-Kickers Andreas Möller aus dem Jahre 1995 erinnert. Der Weltmeister von 1990 hatte vor 21 Jahren im Bundesliga-Spiel gegen den Karlsruher SC eine Attacke des heutigen Darmstadt-Trainers Dirk Schuster vorgetäuscht und anschließend vor den Kameras von einer „Schutzschwalbe“ gesprochen.

Und hier liegt nun auch genau der spannende Punkt in der Sache. Denn damals fand man den Vorgang deutschlandweit so gar nicht ‚witzig‘, war die Aufregung rund um Möller nämlich sofort groß, die Empörung so riesig, dass man Möller seitens des DFB anschließend gar für zwei Spiele sperrte, zusätzlich auch noch mit einer beträchtlichen Geldbuße belegte.

Und auch wenn ich den angeblichen vorhandenen ‚Bayern‘-Bonus der Schiedsrichter grundsätzlich für einen Mythos halte, meiner Beobachtung nach eine leichte Bevorzugung seitens der Schiedsrichter wohl eher bei allen Favoriten im Sport im Kampf gegen namenlose Underdogs zu beobachten ist, sich also keinesfalls auf den FCB beschränkt, stellt sich jetzt hier plötzlich dann doch ganz konkret die Frage, wie der DFB mit Vidal nun weiter umgehen wird.

Das weitere Vorgehen gegen ‚Schwalbenkönig‘ Vidal könnte nun nämlich rasch und für jedermann ersichtlich belegen, dass es tatsächlich keinen ‚Bayern-Bonus‘ im Deutschen Fußball gibt.

Man wird sehen, wie der DFB-Kontrollausschuss auf die Vidal-Schwalbe reagiert, ob er sich auch noch an den ‚Fall‘ Andy Möller und sein damaliges Vorgehen erinnert… Man darf gespannt sein!

 

UPDATE (11.45 Uhr): SSNHD vermeldet soeben, dass der DFB wohl nicht gegen Vidal ermitteln wird. ‚Tatsachenenmtscheidung‘! War es das damals bei Möller nicht? Unverständlich!

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18 Kommentare zu “‚Bayernbonus‘ im Fußball? – Nach der Vidal-Schwalbe im DFB-Pokal wird es sich zeigen…

  • #1
    Klaus Lohmann

    Ich tippe einfach mal darauf, dass im es im Gegensatz zum 95er-Spiel BvB gegen Karlsruhe, welches durch den selbst damals vom berühmten "Blinden mit Krückstock" sehr leicht erkennbaren Schwalbenelfer ja zum 2:1 für die Schwatzgelben gedreht wurde, heute eine gewisse "Interessenslage" beim DFB existiert, die ein Finale BvB gegen Bayern präferiert und sich unter dem Eindruck von FIFA- und UEFA-Klüngel für nix mehr zu schade ist.

    Aber leider fällt das unumstößliche Festhalten am Tatsachenentscheid, der ja letztlich eine in Beton gegossene Vorgabe der FIFA ist, auch in diese Zeit, als die FIFA 1994 ein Wiederholungsspiel wegen des "Phantomtors" von Thomas Helmer rügte und in 1995 ein Wiederholungsspiel zwischen dem Chemnitzer FC und dem VfB Leipzig schlicht annullierte. Ergo ist der Tatsachenentscheid eigentlich erst *nach* der Möllerschwalbensaison das erste Gebot der "heiligen Schrift".

  • #2
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Wobei das ja schon eine besondere Kategorie von Schwalben ist, die man ja nur relativ selten zu sehen bekommt. Und während den Möller damals alle quasi öffentlich geächtet haben, kassierte Vidal dafür gestern nur so eine Art eher beiläufige Geringschätzung. Da hat sich offenbar auch in der grundsätzlichen Bewertung etwas geändert. Werden derart krasse Schwalben inzwischen eher als ’normal‘ akzeptiert? Ich grüble noch…

  • #3
    Klaus Lohmann

    Robin, Vidals Schwalbe mit der künstlerischen Gesamtnote 1,5 wird ja momentan runtergespielt, weil die Bayern angeblich "sowieso" gewonnen hätten, was ich mit dem imho fälschlicherweise nicht gegebenen 1:1 der Bremer nicht nachvollziehen kann. Aber gut, "Tatsachenentscheidung";-)

    Ich vermute aber auch, dass – passend zur Diskussion um die Benachteiligung von schwächeren Teams – es schon einen Unterschied gemacht hätte, wenn sich die Bremer ähnlich lautstark und vehement theatralisch über Vidals Schwalbe beschwert hätten, wie es sonst halt die Bayern tun, wenn ihnen mal was nicht in die Lederhose passt.

  • #4
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Klaus: Wie gesagt, ich glaube nicht an einen grundsätzlichen ‚Bayernbonus‘, halte eher kleine gegenüber ‚großen‘ Mannschaften im Sport für leicht benachteiligt. Aber über Rummenigges freches ‚Grinsen‘ nach dem Spiel, als er zu dem Elfmeter lapidar meinte, den hätte man ’nicht geben müssen‘, das hat mich dann doch aufgeregt.

  • #5
    Serge

    Worüber aufregen? Ein weiteres geschobenes Spiel, das zu Gunsten von Werder Bremen ausgegangen wäre, wenn der Schiedsrichter korrekt entschieden hätte? Aber was soll es: es geht ja schließlich nicht um Sport beim Profifußball, sondern um verdammt viel Geld.

    Nebenbei:Der Profisport würden mich nicht weiter stören, müsste ich ihn nicht via Zwangsgebühren für ARD & ZDF bezahlen.

  • #6
    Klaus Lohmann

    Robin, mit dem "klein < groß" bin ich ja d’accord, weil das wohl das eigentliche, konkrete Ergebnis besagter Studie ist. Gestern waren halt zufällig die Bayern beteiligt, aber grundsätzlich würden auch Dortmunder oder Neverkusener lautstarker protestieren.

  • #7
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Klaus: So etwas habe ich auch schon zuvor ohne diese Studie beobachtet gehabt. Ist natürlich auch nicht nur ein ‚Bundesligaproblem‘, das gibt es auch in anderen Sportarten und Ländern. Egal mit welcher Liga ich mich in den vergangenen Jahren intensiver beschäftigt habe, dieses Phänomen gab es scheinbar überall zu beobachten. Und auch als BVB-Fan wird man ja häufiger damit konfrontiert, dass auch der BVB sehr oft bevorzugt würde. Ist halt inzwischen auch ein ‚Großer‘. Frag z.B. mal in Ingolstadt nach. Deren Gastspiel in Dortmund ist ja noch gar nicht so lange her. Und da war es ein BVB-Bonus gegenüber dem ‚kleinen Aufsteiger‘, der vielfach diskutiert wurde. Und so ganz von der Hand zu weisen war der ja auch nicht damals…

  • #8
    Walter Stach

    Es geht nicht nur um die Fehlentscheidung in Sachen Vidal, sondern darum, daß der Schiedsrichter bei allen harten Zweikämpfen gestern "im Zweifelsfalle" zu Gunsten des FCB entschieden hat.

    Gruinsätzliches:
    Für mich gibt es nicht nur allgemein einen Schiedsrichter-Bonus für die sog. Spitzenmannschaften, sondern über die Jahre gesehen schon einen ganz besonderen Bonus für die Bayern. Und diesen Bonus genießen sie bekanntlich auch in den Medien.

    Was wäre heute wohl in den Medien los, wenn sich z.B. ein BVBer eine solche Schwalbe geleistet hätte? Sammer u.Co. hätte daraus mit Unterstützung der Medien einen sportlichen Skandal gemacht.
    Es ist doch ein nicht zu leugnender Fakt, daß sich alle Fußball-Fans außerhalb der Bayern-Anhängerschaft gestern und heute gefragt haben, ob der Schiedsrichter bei einer vergleichbarn Situation im Bayern-Strafraum genauso entschieden hätte. So gefragt wird ja nicht grund- bzw. anlaßlos.

    Vidal gehört ja ohnehin -egal wo er spielt- zu denen, die bewußt und gezielt den Gegenspieler unfair attackieren, oftmals brutal und das meistens um, um Konter- Angriffe zu unterbinden. Und da er dabei in Alonso einen ähnlich attackieren Partner hat -meistens nicht mit ganz so groben Fouls wie Vidal- haben die Bayern mit diesen Beiden äußerst aggressive Mittelfeldspiler, denen die Konkurrenz in der Bundesliga nichts Vergleichbares entgegen zu setzen hat. Und die Foulspieler der Beiden werden nach meinem Empfinden oftmals durch die Schiedsrichter nicht adäquat geahndet.

    Nun werden der FCB, vor allem die beiden Genannten, gegen Athletiko Madrid auf einen Gegner treffen, der mindestens für eine gleiche Zweikampfhärte berühmt/berüchtigt ist.

    Egal, auf wen die Bayern im deutschen Pokalendspiel treffen werden, da haben sie weder brutale Zweikampfhärte zu fürchten noch müssen sie sich Sorgen machen, daß Ihnen Schiedsrichter und Medien nicht wohlgesonnen sein könnten.

    Auch deshalb werde ich Madrid die Daumen drücken, wenn es gegen den FCB geht.

  • #9
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Manuel Neuer findet es, wie ich gerade höre, nicht in Ordnung, dass da um Arturo Vidal aktuell eine Debatte geführt wird! Hallo? Geht es noch?

  • #10
    Langsamdenker

    Der Manu hat doch heute seinen Rentenvertrag in München unterschrieben. Da wollte er halt direkt was "zurückgeben". Ansonsten muss man das aber mal sagen dürfen. 😉

  • #11
    rotfront

    Natürlich ist das nicht in Ordnung da eine Debatte zu führen.

    Oder führen wir demnächst auch eine Debatte über Marco Reus? Der schwalbt erwießenermaßen auch gerne mal und dann sogar absichtlich, nicht wie Vidal als Reaktion auf eine Blutgrätsche.

    Mal schön die Füße stilllhalten, ansonsten nennt euch endlich in BVB-Barone um. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

  • #12
    rotfront

    "Es geht nicht nur um die Fehlentscheidung in Sachen Vidal, sondern darum, daß der Schiedsrichter bei allen harten Zweikämpfen gestern "im Zweifelsfalle" zu Gunsten des FCB entschieden hat."

    Da sieht man mal eure gestörte Wahrnehmung. Macht der Schiedsrichter seinen Job. kommen nur 9 Bremer aus der Kabine zur 2. HZ zurück.

    Wahnsinn. Was geht in euren Köpfen vor?

  • #13
    thomas weigle

    Die Diskussion um Schwalben ist zumindest so alt wie die BL: "Wir haben elfmeterreife Situationen im Training geübt…..Meine Spieler haben Anweisung, sich bei jeder Kleinigkeit im Strafraum des Gegners fallen zu lassen, zu jammern- ja, wenn es sein muss, um Hilfe zu rufen," zitiert das Sportmagazin vom 5.12.63 voller Empörung den Club-Trainer Csaknady, jenen Trainer, der der erste "Feuerwehrmann" in der BL wurde, zwei Monate nach Saisonbeginn!!!!
    Ich glaube jedenfalls, dass diese "vorbildliche" Einstellung nicht nur in Nürnberg zu Hause war, sondern bis heute weit verbreitet ist, was immer uns auch die Akteure weiß machen wollen.

  • #14
    Klaus Lohmann

    @12 rotfront: "…als Reaktion auf eine Blutgrätsche"

    Was geht nur in Ihrem Kopf vor? Dieses dumme Gequatsche, welches damals schon Andy Möller als Begründung für seine "Jahrhundertschwalbe" jegliche Sympathie kostete, ist jedenfalls keine "Debatte" mehr wert, richtig.

  • #15
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Thomas: Ein Argument mehr für den Videobeweis. Vidals Aktion wäre damit sofort enttarnt worden.

  • #16
    thomas weigle

    @Robin, auch der Videobeweis wird nicht in allen Fällen wirklich helfen, denn so manche Aktion ist ja schlicht und ergreifend Auslegungssache, bspw im Falle des Elfers im WM-Finale 74.

  • #17
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    Natürlich nicht in allen Fällen, Thomas! Aber ein Fall wie dieser wäre in Sekunden leicht und fair vom Tisch gewesen.

  • #18
    Klaus Lohmann

    @Robin: Leider nicht. Die heilige Tatsachenentscheidung wieder mal, dieses Mal zurecht heilig.

    Guck Dir einfach dieses PDF an:
    http://de.fifa.com/mm/document/afdeveloping/refereeing/law_12_fouls_misconduct_de_47381.pdf
    oder hier als DFB-Variante:
    http://www.ubbo-voss-sr-lehrarbeit.de/fussballregeln/fussballregeln-verbotenes-spiel-unsportliches-betragen.html

    Das ist die alles entscheidende FIFA-Ansicht für Fouls und da steht auf Folie 4 für Foul-wertige Aktionen:
    – einen Gegner treten *oder es versuchen*
    – einem Gegner das Bein stellen *oder es
    versucht*

    In wirklich strenger Auslegung dieser Regel hätte Schiri Stieler also Sternberg auch mit Videobeweis widerlegen müssen, dass der natürlich keinerlei Absicht hegte, Vidal irgendwie von den Füßen zu holen. Und das ist schlicht unmöglich, also bleibt es bei der Tatsachenentscheidung. Bildet die Schiris gut aus und Keiner braucht sich ’nen Kopp machen.

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