Trainer Thomas Tuchel (rechts) in Dortmund. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
„Kein Klub wird so kritisch gesehen wie wir“, beklagt BVB-Geschäftsführer Carsten Cramer laut transfermarkt.de. Wirklich? Dass Borussia Dortmund im eigenen Umfeld besonders kritisch beäugt wird, dürfte stimmen. Dass die Verantwortlichen daraus offenbar ein besonderes Problem ableiten, ist allerdings bemerkenswert. Vielleicht sollten sie sich lieber fragen, warum das so ist.
Sie haben es schon wieder getan. Nach dem 5:1 gegen den VfB Stuttgart zum Saisonauftakt hat der FC Bayern München auch sein zweites Heimspiel der Saison 2026/27 zur öffentlichen Machtdemonstration gemacht. Union Berlin durfte am Freitagabend mit 0:7 aus der Allianz Arena nach Hause fahren.
Und natürlich war bei Sky wieder beste Laune angesagt. „Flutlichtfreitag“! Großes Fußballfest! Frank Buschmann und Florian Schmidt-Sommerfeld überschlagen sich förmlich vor Begeisterung, während die Bayern den völlig überforderten Gegner nach Belieben auseinandernehmen.
Ich weiß nicht, wie es anderen Fußballfans geht. Mich packt das nicht.
An der Geschäftsstelle des FC Bayern München. Foto: Robin Patzwaldt
Keine zwei Wochen mehr, dann rollt der Ball auch in der 1. Fußball-Bundesliga wieder. Eigentlich ein Grund zur Freude. Ich versuche mich dieser Tage tatsächlich schon ein wenig auf die neue Saison einzustimmen und irgendwo zwischen Transfers, Aufsteigern, Außenseitern und der Hoffnung auf ein bisschen Spannung so etwas wie Vorfreude zu entwickeln.
Doch dann begeht man den Fehler, sich durch die großen Sportseiten und Fußballsendungen zu klicken. Und plötzlich bekommt man den Eindruck: Die Bundesliga besteht aus genau einem Verein. Dem FC Bayern München.
Fußball verkauft sich derzeit gut. Foto: Robin Patzwaldt
Es gibt nur wenige Persönlichkeiten im deutschen Fußball, die derart polarisieren wie Uli Hoeneß. Für die einen ist er der Architekt des modernen FC Bayern München, für die anderen das Sinnbild von Arroganz, Doppelmoral und einer Selbstgefälligkeit, die den Rekordmeister seit Jahrzehnten begleitet.
Wer nicht mit den Bayern sympathisiert, findet in den Aussagen des Ehrenpräsidenten meist genügend Angriffsfläche. Doch manchmal gibt es diese seltenen Momente, in denen selbst eingefleischte Bayern-Kritiker anerkennen müssen: Diesmal hat Uli Hoeneß schlicht recht.
Deutschland im Fußballfieber. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
Je näher die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 rückt, desto größer werden die Zweifel an der Personalpolitik von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Dabei geht es längst nicht mehr nur um taktische Fragen oder die Zusammensetzung des Kaders. Vielmehr entsteht zunehmend der Eindruck, dass die deutsche Nationalmannschaft ihre Hoffnungen auf zu viele Unsicherheiten stützt.
Bereits die Diskussion um Manuel Neuer zeigt das deutlich. Der mittlerweile 40-jährige Torhüter reist mit einer Verletzungshistorie und körperlichen Fragezeichen in Richtung Nordamerika. Statt frühzeitig Klarheit auf der Torwartposition zu schaffen, scheint Nagelsmann darauf zu hoffen, dass der ehemalige Weltklassekeeper noch einmal rechtzeitig fit wird. Eine riskante Strategie für ein Turnier, bei dem Kleinigkeiten über Erfolg und Misserfolg entscheiden können.
Doch die Debatte um Neuer wird inzwischen von einer anderen Personalie überlagert: dem verletzungsbedingten WM-Aus von Lennart Karl. Und genau hier offenbart sich ein noch größeres Problem.
Sebastian Kehl (links), Niko Kovac (Mitte) und Lars Ricken (rechts) bei der Trainervorstellung in Dortmund im Februar 2025. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
Tja, was fangen wir nun mit der aktuellen Situation von Borussia Dortmund an? Nach dem gestrigen Ausscheiden in der UEFA Champions League gegen Atalanta Bergamo ist die Saison 2025/26 für den BVB – da muss man sich nichts vormachen – im Grunde schon gelaufen. Und das im Februar. Für einen Klub mit den eigenen Ansprüchen ist das ein ernüchternder Befund.
Das vorzeitige Aus im DFB-Pokal und nun auch in der Königsklasse hinterlässt einmal mehr das Gefühl einer verpassten Chance. Wieder wurden zentrale Saisonziele verfehlt: kein Pokalfinale in Berlin, nicht einmal das angestrebte Achtelfinale in Europa. Die Fans kennen dieses Drehbuch inzwischen leider zu gut. Die Frage ist nicht mehr, ob etwas schiefgelaufen ist, sondern warum es immer wieder passiert.
An der Geschäftsstelle des FC Bayern München. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt
Wer – wie ich – ernsthaft geglaubt hatte, dieses Bundesliga-Wochenende könnte beim Top-Spiel des Tabellendritten gegen den Spitzenreiter wieder einmal so etwas wie Spannung bereithalten, wurde am Samstagabend unsanft aus seinen Träumen gerissen. RB Leipzig gegen den FC Bayern München. Topspiel. Spitzenduell. Prestigeduell. So zumindest das Marketing.
Auf dem Platz entpuppte sich das Ganze dann als das, was es inzwischen viel zu oft ist: eine Demonstration bayerischer Überlegenheit und ein weiterer Beweis dafür, dass die Bundesliga ihr größtes Problem längst nicht mehr verstecken kann. 5:1 für die Gäste. Und das nach einer 1:0-Führung der Hausherren zur Pause. Einfach unglaublich!
Es war am Ende ein klarer Sieg auf dem Papier: 3:0 gewann der FC Bayern München am Samstagnachmittag bei Borussia Mönchengladbach, spielte abgeklärt, effektiv, fast schon routiniert. Doch so souverän das Ergebnis aussieht – auf den Rängen, in den sozialen Medien und in den Talkrunden danach ging es nicht um die Tore, sondern um das alte, leidige Thema: Wird der Rekordmeister in der Bundesliga bevorzugt? Gibt es bei den Schiedsrichtern einen Bayern-Bonus?
Als der FC Bayern München im Sommer 2024 Vincent Kompany als neuen Cheftrainer präsentierte, war die Skepsis groß. Zu unerfahren, zu unerprobt auf höchstem Niveau, zu riskant für einen Klub, der sich traditionell nur mit Titeln zufriedengibt.
Während in München noch über seine Verpflichtung diskutiert wurde, wurde anderswo gelacht – vor allem auch in Dortmund. Dort schien man sich sicher: Der FC Bayern habe nach einer chaotischen Trainersuche die Notlösung gewählt, während Borussia Dortmund mit Nuri Sahin den „Wunschtrainer mit Stallgeruch“ gefunden zu haben glaubte.
An der Geschäftsstelle des FC Bayern München. Foto: Robin Patzwaldt
Der FC Bayern München dominiert seit Jahren – um nicht zu sagen: seit Jahrzehnten – das nationale Fußballgeschehen. Diese Überlegenheit hat im Laufe der Zeit offenbar zu einer überraschenden Selbsteinschätzung, um nicht zu sagen: Überheblichkeit geführt.
So kommen die Münchener in diesen Tagen offenbar nur noch sehr schwer damit klar, wenn sie einmal nicht alles bekommen, was sie wollen. Das gilt bei Titeln – aber offenkundig inzwischen auch bei Spielern.
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