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BDS stumm geschaltet: Der stille Beschluss von Bochum

Bochum hat sich gegen die BDS-Kampagne gestellt. Im Juni soll trotzdem die Gruppe Dead can Dance in einer Halle der Stadt auftreten, die den BDS aktiv unterstützt. Unser Gastautor Thomas Wessel ist Pfarrer der Christuskirche Bochum
Der Rat der Stadt Bochum hat  –  ohne Aufhebens darum zu machen  –  der BDS-Kampagne alle Türen gewiesen: „Nein zu Antisemitismus“ ist der Ratsbeschluss betitelt, getragen wird er von allen Mitgliedern aller Fraktionen mit Ausnahme der beiden NDP-Nazis: „Der Rat der Stadt Bochum verurteilt jegliche Form von antisemitischem und antiisraelischem Denken und Handeln, insbesondere auch das Wirken der Boycott-, Divestment- und Sanctions-Bewegung (BDS-Kampagne)“ und „fordert die Verwaltung und die stadtnahen Gesellschaften auf, alles im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten zu unternehmen, um der BDS-Bewegung ebenso wie allen Gruppierungen, die eine grundsätzlich antiisraelische und damit antisemitische Haltung haben, keine Einrichtungen und Räumlichkeiten für ihre Veranstaltungen und sonstigen Zwecke bereitzustellen“. Zu den stadtnahen Einrichtungen zählen in Bochum ua die Jahrhunderthalle, zentraler Spielort der bis 2020 von Stefanie Carp kuratierten Ruhrtriennale, sowie der RuhrCongress: Hier will am 18. und 19. Juni die britisch-australische Band Dead Can Dance auftreten, deren Kopf, Brendan Perry, sich mit einiger Vehemenz an der BDS-Hetze beteiligt.

Bochum, heißt es in dem schnörkellos formulierten Ratsbeschluss, „ist eine weltoffene, vielfältige, tolerante und internationale Stadt, die von unterschiedlichen Herkünften und dem guten Zusammenleben aller ihrer Menschen profitiert. In ihr ist kein Platz für menschenverachtendes Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit und damit auch nicht für Antisemitismus.“ Den jüdischen Bürger/innen der Stadt spricht der Rat  –  dass eine solche Adresse vonnöten ist, erschüttert  –  seine Solidarität aus, seine „uneingeschränkte“.

Brendan Perry wiederum, der musikalische Kopf des Duos Dead Can Dance, ventiliert seit einigen Jahren den Sound der BDS-Kampagne („Apartheid“) und agitiert öffentlich gegen Künstler wie Thom Yorke von Radiohead, die Konzerte in Israel spielen. Im Juni 2017 ließ Perry auf seiner FB-Seite erklären, Israel betreibe „69 years of settler colonialsm“, mithin seit 1948, dem Jahr, in dem der UN-Teilungsplan in Kraft treten sollte: Diesem UN-Beschluss zufolge hätten bis spätestens zum 1. Oktober 1948 „ein unabhängiger arabischer Staat und ein unabhängiger jüdischer Staat entstehen“ können. Statt einen arabischen Staat zu gründen, überzogen die arabischen Staaten das im Mai 1948 gegründete Israel mit Krieg, einem  –  so der damalige Generalsekretär der Arabischen Liga, Abdel Azzam  –  „Vernichtungskrieg“. Das ist gemeint, wenn Brendan Perry von „69 Jahren Siedler-Kolonialismus“ spricht: dass der Staat Israel gegründet wurde und dass er sich gegen seine Vernichtung wehrt. Brendans Haltung zu Israel lässt sich mit den Worten des Bochumer Rates als „eine grundsätzlich antiisraelische und damit antisemitische“ bezeichnen.

Und nun? Der Ratsbeschluss aus Bochum ist  –  wie die entsprechenden Beschlüsse des Bundestages, des Landtages NRW, der Rates der Stadt Dortmund uam  –  ein politisch eindeutiges Signal und gewinnt als solches seine Wirkung. Ob und wie sich der Beschluss („wir fordern die Verwaltung und die stadtnahen Gesellschaften auf …“) in die Tat umsetzen lässt, ist eine juristische Frage, aber auch hier gilt das Primat der Politik: Wer die Tür weisen will, kann es tun. Der „Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten“, den der Bochumer Ratsbeschluss eigens erwähnt, ist schon heute weit gesteckt.

Ein anderer Weg ist der, den wir gewählt haben: Für die Kulturarbeit der Christuskirche haben wir Förderer gewonnen, die eng mit israelischen Unternehmen und auch mit Ministerien des Staates Israel zusammenarbeiten. Über diese Kooperation hatten wir auch Lisa Gerrard, Perrys Partnerin bei Dead Can Dance, sowie deren Management informiert. Im Oktober letzten Jahres gastierte Gerrard dennoch bei uns, wohlwissend, dass sie damit die BDS-Kampagne unterläuft. Die meisten von denen, die BDS unterstützen, scheuen finanzielle Risiken (sonst würden sie nicht nur das kleine Israel, sondern die große USA boykottieren), sie spekulieren auf Glaubwürdigkeit, die ist auf diesem Wege dahin.

Der stille Beschluss von Bochum zeigt: Es ist möglich, sich gegen Antisemitismus zu wehren, die Mehrheiten dafür sind da. Es gibt sie in der Politik, es gibt sie  –  da wird man noch Fürbitten halten müssen  –  auch in den Kirchen. Nach und nach wird die Bibliothek der verbrannten Bücher  –  Micha Ullmans Denkmal auf dem Bebelplatz in Berlin, eine leere Bücherwand, im Boden versunken   –  jetzt angefüllt mit demokratischen Beschlüssen, die sich dem Antisemitismus heute entgegen stellen. Fatal wäre, wenn diese Beschlüsse selber zum Denkmal gerieten und ihre Bedeutung durch das Regal gewönnen, in dem sie verstaubten.

Links:

Bochum
https://www.bochum.de/C125708500379A31/vwContentByKey/W2BB5JES781BOCMDE?open&searchresult=yes&x=Antisemitismus

Dortmund
https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/nachrichtenportal/alle_nachrichten/nachricht.jsp?nid=572861

Landtag NRW
https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-3577.pdf

Bundestag
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/101/1910191.pdf

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11 Kommentare zu “BDS stumm geschaltet: Der stille Beschluss von Bochum

  • #1
    Nina

    Ganz ehrlich? Lasst die Musik da raus. Als Fan von Dead Can Dance, als auch von den Solokünstlern Lisa Gerrard und Brendan Perry, finde ich es absolut falsch, die Musiker zu moralisieren. In dem Text steckt ja auch indirekt die Aufforderung an die Stadt, das Konzert abzublasen, oder? Damit ist niemandem gedient, es spielt nur wieder Rechten und anderen Idioten in die Hände, die dann zurecht sagen-warum nehmt ihr uns unsere Musik, warum zieht ihr die Band in den Dreck etc. Außerdem würde man Perry in seinem Weltbild nur bestätigen, wenn man ihm bspw. Auftritte verwehrt. Das wäre für mich fast das Gleiche in Grün und viele Fans würden es genau so sehen.
    Es gibt so einige Bands und Musiker, die außerhalb ihrer Musik krudes Zeug verantworten. Wo fängt das an und wo hört das auf?
    Engangement in Ehren… aber Vorsicht vor Hysterie. Und hier droht Hysterie.
    Kunst und Musik müssen frei bleiben.

  • #2
    Stefan Laurin

    @Nina: Die Stadt sollte Antisemiten keine Räume überlassen. BTW: Dead can Dance ist wichtigtuerisches Geschwurbel – schon aus ästhetischen Gründen sollte man die Band meiden!

  • #3
    Nina

    @Stefan: Hier ist ein Graben zwischen uns, den wir nie überwinden werden. 😀
    Hysterische Versuche, Auftritte von Dead Can Dance zu verhindern, entprechen fast dem Duktus der BDS. Und es spielt Rechten zu und schadet auch neutralen Fans, die einfach nur die Musik genießen wollen ohne belehrt zu werden.

  • #4
    Stefan Laurin

    @Nina: Hysterisch ist da gar nichts. Und natürlich gilt: Stay Punk: https://www.youtube.com/watch?v=l9Vte3jicU0

  • #5
    Nina

    @Stefan: Natürlich sind (indirekte) Aufforderungen von Auftrittsverboten hysterisch.
    Hier kommt ein Antidot, nimm das:

    https://www.youtube.com/watch?v=VPd-MSr19qI

    https://www.youtube.com/watch?v=QJhVM930YXY

    https://www.youtube.com/watch?v=1KdXjFDKVZA

  • #6
    Gerd

    "@Stefan: Natürlich sind (indirekte) Aufforderungen von Auftrittsverboten hysterisch."

    Das ist lediglich das, was BDS befürwortet. Nur das sich dieser Boykott gegen die Boykotteure richtet.

  • #7
    Thomas Wessel

    Der Rat hat „Nein zu Antisemitismus“ gesagt, jetzt ist nicht mehr möglich zu behaupten, man spiele damit nur den Rechten in die Hände. Das Nein ist konkret, oder es ist keines.

    Bei Dead Can Dance jetzt ist klar, das Kind ist im Brunnen und Perry im Congress. Nur: Zwischen Beschweigen und Rauswerfen gibt es auch noch andere Optionen, die deutlich machen würden, dass der Ratsbeschluss Sinn hat.

  • #8
    Manfred

    @ Nina

    Antisemiten wie BDS & Anhänger keinen Finger breit nachgeben. Ächten und bekämpfen – mehr steht denen nicht zu..

    Nebenbei: Mit deiner Argumentation der Freiheit der Kunst, wäre ein bekannter Postkartenmaler aus dem letzten Jahrhundert voll und ganz zufrieden gewesen.

  • #9
    thomas weigle

    Gute Sache das in Bochum, und wer da meint, dass jede Musik von denen zu trennen ist, die sie performen, und daher überall zu spielen ist, hat einiges, v.a. aus dem letzten Jahrhundert, nicht begriffen. Alles andere ist dummes Zeug und nutzt nur denen, die sich weltweit an der Delegitimierung der einzigen Demokratie im Nahen Osten beteiligen. Deren Abschaffung das Ziel dieser Herrschaften ist. Was diese Zerstörung des Staates Israel für seine jüdischen Bewohner und die Juden in aller Welt bedeuten würde ist klar: sie wären wieder weltweit dem Vernichtungswillen der Antisemiten aller Herren Länder ausgeliefert.

  • #10
    Arnold Voss

    Wer eine Organisation unterstützt, die zum Boykott anderer Künstler aufruft, und das tut BDS, darf sich nicht wundern, wenn er selbst boykotiert wird. Hysterie ist was anderes.

  • #11
    thomas weigle

    Die Machterschleichung der Nazis war noch im Gange, da wurden bereits am Abend erste Theater,-Oper-und Filmaufführungen gestört bzw. abgesetzt, die dem pöbelnden und gewaltbereitem Nazimob nicht genehm waren. Gespielt wurde von nun an nur noch, was den neuen Herren gefiel. Die Gleichschaltung hatte begonnen und sie verlief an diesem ersten Abend der 1000 Jahre auch schon teilweise blutig.
    Es gibt also keinen Grund Künstler, die in dieser unseligen antisemitischen Tradition stehen, nicht zu boykottieren. Wir wissen heute, der Antisemitismus hat viele Gesichter und Masken. Und alle sind hässlich, sehr hässlich. Egal, wie harmlos und meinungsfreiheitlich sie daher kommen.

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